Die Formulierung „75 % kommen von den Abnehmspritzen“ ist falsch.
Der entscheidende Unterschied ist:
75 % Semaglutid etwa 75 % Abnehmgeschäft.
Semaglutid ist der Wirkstoff hinter mehreren Novo-Produkten:
Ozempic - Diabetes
Rybelsus - Diabetes
Wegovy - Adipositas
Und genau Ozempic ist inzwischen ein gigantischer Teil von Novos traditionellem Diabetesgeschäft.
Schauen wir auf die tatsächlichen 2025er Zahlen von Novo:
Geschäft 2025
Umsatz:
Diabetes Care gesamt
207,1 Mrd. DKK
davon GLP-1-Diabetes 152,2 Mrd. DKK
davon Ozempic 127,1 Mrd. DKK
davon Rybelsus 22,1 Mrd. DKK
Insulin 53,1 Mrd. DKK
Obesity Care 82,3 Mrd. DKK
Rare Disease 19,6 Mrd. DKK
Novo gesamt 309,1 Mrd. DKK
Novo Nordisk + 1
Das heißt:
Das eigentliche Abnehmgeschäft machte 2025 nur rund 27 % des Konzernumsatzes aus.
82,3 / 309,1 = 26,6 %.
Wo kommen dann die ~75 % her?
Wenn wir Semaglutid zusammenzählen:
Ozempic 127,1 Mrd.
Rybelsus 22,1 Mrd.
Wegovy/Obesity-Semaglutid etwa 82 Mrd.
landen wir grob bei 231 Mrd. DKK.
231 / 309 etwa 75 %.
Novo selbst schreibt inzwischen sogar ausdrücklich, dass Semaglutid die „vast majority“ – also die große Mehrheit - des Konzernumsatzes ausmacht.
Jahresbericht Novo Nordisk
Und das ist die Sorge von Morgan Stanley und dem Markt.
Nicht:
„Novo hängt zu 75 % an Abnehmspritzen.“
Sondern:
„Novo hängt zu ungefähr 75 % an EINEM Wirkstoff.“
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Und das Verrückte daran: Dein „altes Novo“ existiert tatsächlich noch
Novo war jahrzehntelang der Diabetes-Riese, den du im Kopf hast.
Aber innerhalb dieses Diabetesgeschäfts hat sich die Zusammensetzung komplett verändert.
Früher war Novo extrem insulinlastig.
2025:
Insulin: 53 Mrd. DKK
gegen
Ozempic allein: 127 Mrd. DKK
Ozempic ist also inzwischen mehr als doppelt so groß wie Novos gesamtes Insulingeschäft.
Und Ozempic ist eben Semaglutid.
Das Unternehmen hat sein Diabetesgeschäft somit nicht verloren. Im Gegenteil: Diabetes Care machte 2025 immer noch 67 % des gesamten Konzernumsatzes aus.
Nur hat sich innerhalb dieses Geschäfts der Schwerpunkt massiv von Insulin Richtung GLP-1/Semaglutid verschoben.
Deshalb verstehe ich jetzt auch besser, warum der Markt so nervös ist.
Das Patentproblem betrifft eben nicht nur Wegovy.
Wenn Semaglutid Anfang der 2030er seine Exklusivität verliert, betrifft das gleichzeitig
Ozempic + Wegovy + Rybelsus.
Also Diabetes und Adipositas.
Und genau deshalb wurde Novo beim Capital Markets Day so hart gefragt:
„Okay, was ersetzt diese 75 % Umsatz irgendwann?“
Reuters beschreibt genau diese Sorge:
Der Markt will wissen, wie Novo den Semaglutid-Patentablauf Anfang der 2030er auffangen will.
Reuters
Ein Patentablauf bedeutet nicht:
2032-zack-75 % Umsatz weg.
So funktioniert Pharma nicht.
Erstens laufen Schutzrechte je nach Produkt und Land unterschiedlich aus. Zweitens versucht Novo schon jetzt, Patienten auf neue Formulierungen, höhere Dosierungen und Nachfolgeprodukte zu bringen. Drittens sollen CagriSema, Cagrilintide, Zenagamtide und weitere orale Wirkstoffe die nächste Generation bilden. Novo will bis 2030 mehr als fünf neue Blockbuster starten.
Und viertens ist die bestehende Diabetes-Franchise nicht plötzlich wertlos.
Novo hatte 2025 immer noch rund 30 % weltweiten Diabetes-Marktanteil nach Umsatz und bei GLP - 1 - Diabetes rund 46 %.
Was ich weniger schlimm finde:
„Die Abnehmspritzen-Blase platzt und Novo hat danach nichts mehr.“
Das stimmt so schlicht nicht. Das klassische Diabetesgeschäft ist weiterhin riesig.
Was ich tatsächlich ernst nehme:
„Novo ist extrem abhängig von Semaglutid.“
Das stimmt.
Und genau deshalb ist die Pipeline so verdammt wichtig.
Wenn Novo bis 2030 erfolgreich Patienten von Ozempic/Wegovy auf CagriSema, Zenagamtide und andere Nachfolger migriert, sieht der heutige Kurs um ~35 € möglicherweise ziemlich pessimistisch aus.
Wenn dagegen Lilly technologisch weiter davonzieht und Novo keinen überzeugenden Semaglutid-Nachfolger etabliert, dann bekommt der Patentablauf Anfang der 2030er richtig Gewicht.
Das ist für mich inzwischen die zentrale Langfristfrage bei Novo - wesentlich mehr als die Frage, ob Wegovy nächstes Quartal 5 % mehr oder weniger verkauft.
Und damit verstehe ich auch besser, warum Morgan Stanley auf den 75 % herumreitet: nicht 75 % Abnehmgeschäft, sondern ~75 % Abhängigkeit von einem Molekül. Das ist eine deutlich sinnvollere Kritik.