Macht uns neue Vorschriften!


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Macht uns neue Vorschriften!

 
28.02.02 08:27
Ein globaler Kapitalmarkt braucht weltweit gültige Bilanzregeln

Wenn mächtige Diktatoren stolpern, sind die Spötter schnell zur Stelle. Doch dem US-Kapitalmarkt schallt kein Hohngelächter entgegen, obwohl er in der größten Krise seit den zwanziger Jahren steckt. Nur leise macht sich Genugtuung breit. Seit dem Enron-Skandal ist die moralische Überlegenheit der amerikanischen Bilanzierungsregeln dahin. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Europäer. Jetzt haben sie die Chance, demnächst die Normen am internationalen Kapitalmarkt mitzubestimmen.

Frits Bolkestein verdient Lob. Der EU-Kommissar für den Binnenmarkt kritisierte jüngst unverhohlen die Vorschriften der Vereinigten Staaten, die wegen ihrer Komplexität und Undurchschaubarkeit die Bilanztricks bei Enron erst ermöglicht hätten. Seine Forderung: Die amerikanische Börsenaufsicht SEC soll ihre Bilanzierungsregeln aufgeben und stattdessen die von den Europäern favorisierten internationalen Vorschriften akzeptieren, die unter dem Kürzel IAS (International Accounting Standards) bekannt sind.

Geschickt hat Bolkestein die aktuelle Diskussion über die US-Regeln genutzt und die Richtung für einen langen Marsch vorgegeben. Auch die Amerikaner müssen eines Tages weltweit gültige Regeln akzeptieren. Dabei kommt der Europäischen Union jetzt eine wichtige Rolle zu. Mit dem Euro im Rücken, muss sie sich zum Fürsprecher eines weltweit einheitlichen Kapitalmarktes machen. Nicht gegen die Amerikaner, sondern mit ihnen - und allen anderen.

Bislang handeln die Amerikaner aus der Position des Stärkeren und nach dem Motto: Wer zu uns kommt, muss unsere Gesetze befolgen. Basta! Das in den USA verwaltete Vermögen sowie die Marktkapitalisierung der dortigen Unternehmen ist so hoch, dass sich die übrigen G-7-Staaten zusammenschließen müssten, um ein ähnliches Gewicht auf die Waage zu bringen. Da bleibt den weltweit agierenden Firmen nichts anderes übrig, als notgedrungen die Regeln der Amerikaner zu akzeptieren. Nur so können sie in der Weltliga mitspielen - sei es, um an das Geld amerikanischer Investoren zu gelangen, sei es, um sich mit den Konkurrenten aus den USA bei Ergebnis und Börsenbewertung messen zu lassen.

So regiert die amerikanische Börsenaufsicht SEC bis in die Hauptquartiere der europäischen Unternehmen hinein. Wer an der New Yorker Börse notiert ist, muss die Rechnungslegung nach den amerikanischen Bilanzvorschriften vornehmen und sich auch zu Hause an diese Regeln halten. Die Gesetze in Deutschland, England oder Japan finden vor den strengen Augen der SEC keinerlei Anerkennung. In Europa dagegen werden die US-Abschlüsse voll anerkannt. Und es gibt auch keine Institution, die ausländischen Unternehmen vorschreibt, was sie daheim in der Öffentlichkeit sagen dürfen und was nicht.

Normen sind ein Machtmittel. Immer wieder pocht die SEC auf den Anlegerschutz und erhebt allein ihre Vorstellungen zum Maß aller Dinge. Rund 300 große europäische Konzerne - darunter DaimlerChrysler, die Deutsche Bank und der Softwareproduzent SAP - haben sich den Amerikanern bereits unterworfen. Nebenbei nutzt das auch den großen Investmentbanken und Wirtschaftsprüfern der USA. Dank ihrer intimen Kenntnisse der heimischen Vorschriften avancierten sie überall auf der Welt zu begehrten Beratern.

Doch die Machtverhältnisse beginnen sich zu verschieben. Durch die gemeinsame Währung hat Europa zumindest das Potenzial, es den USA an Größe und Bedeutung eines Tages gleichzutun. Das stärkt die Verhandlungsposition, zumal die EU sich anschickt, bis 2005 die noch sehr unterschiedlichen nationalen Kapitalmarktgesetze innerhalb ihrer Grenzen zu vereinheitlichen. Es ist wohl dieser Prozess, der Bolkestein motiviert, langfristig für internationale Regeln einzutreten. Nur wenn die Investoren Vertrauen in diese Standards haben und sie auch verstehen, können Märkte effektiver werden. Das nützt zunächst den Unternehmen, die billiger an Geld herankommen. Langfristig sichert es Wachstum und schafft Arbeitsplätze.

Die Europäische Union hat ganz bewusst darauf verzichtet, eigene Bilanzregeln zu erlassen. Sie schreibt allen europäischen, börsennotierten Firmen ab 2005 lediglich vor, gemäß IAS zu bilanzieren. Diese Richtlinien werden von einem Komitee in London festgelegt, in dem 19 Experten der weltweit wichtigsten Wirtschaftsnationen vertreten sind. Ursprünglich sollte IAS die europäische Bilanzwelt mit der amerikanischen vereinen. Ein Kompromiss zwischen dem europäischen Gläubigerschutz und dem amerikanischen Fokus auf den Aktionär sollte her - im Rahmen der IAS. Deren Vorschriften werden nicht in Washington erlassen, kein amerikanisches Gericht oder Gesetz kann sie einfach ändern.

Die IAS-Regeln sind bestimmten Prinzipien verpflichtet - allen voran der Bilanzwahrheit und -klarheit. Unternehmen und Wirtschaftsprüfer müssen diese Prinzipien dem Geiste nach berücksichtigen. Die US-Regeln dagegen füllen mehrere Regalmeter, da sie für jeden Einzelfall gesonderte Vorschriften bieten. Wirtschaftsprüfer und Investmentbanker finden darin immer eine Vorschrift, mit der heutige Schulden versteckt oder künftige Erträge schon heute gebucht werden können, ohne gegen die Form zu verstoßen.

Diese undurchsichtige Bilanzierung steht zu Recht am Pranger. Dass die Tricksereien bei Enron durch die Bilanzierung nach IAS hätten verhindert werden können, darf so lange behauptet werden, bis es auch einen IAS-Skandal gibt. Wichtiger ist, dass die US-Regulierer nicht mehr guten Gewissens ihre Vorschriften als die besseren verkaufen können. Viel wäre gewonnen, wenn auch die amerikanische Börsenaufsicht nun IAS bei ausländischen Unternehmen ohne Einschränkungen zulassen würde. Es wäre der Anfang vom Ende ihrer Dominanz auf den internationalen Kapitalmärkten.

Nicht nur Konzerne aus Europa werden ihre Bücher demnächst international führen. Auch viele aufstrebende Volkswirtschaften planen die Einführung von IAS, allen voran China. Dass die Vereinigten Staaten ihre Bilanzvorschriften zugunsten einer globalen Lösung aufgeben werden, ist immer noch unwahrscheinlich. Doch sie sollten aufpassen, dass sie am Ende nicht ganz allein dastehen. Das Phänomen ist schon bekannt: Während die ganze Welt das metrische Maß verwendet, messen die Amerikaner zum Beispiel noch immer in Unzen, Füßen und Meilen. Diese Skurrilität erhöht nicht nur die Kosten des ökonomischen Austauschs, sondern lässt das Ausland auch spotten. Eines Tages könnte die Welt auch über die Bilanzierungsvorschriften der USA so ihre Witze machen.

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