03.02.2003 - 08:19 Uhr
Nur noch Irmtraud traut dem Markt
- von Bernd Niquet -
Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht oder vielleicht ihnen auch? Am liebsten möchte man gegenwärtig speien, seine sieben Sachen packen und einfach weglaufen – nichts mehr lesen, nichts mehr sehen und vor allem nichts mehr hören. Doch wohin in diesem unwirtlichen Land, in dieser schauerlich kalten Jahreszeit?
Bei mir fängt das immer bereits am Morgen an, wenn ich die "Welt" aus dem Briefkasten ziehe und – einer alten Gewohnheit entsprechend – von hinten anfange zu lese. Das hat den Vorteil, dass mich Saddam Hussein erst vergleichsweise spät erwischt, dafür beginnt jeder Morgen mit den Berliner Promi-News, was in der Tat fast noch schlimmer ist. Wenn ich dann sehe, wie sich wieder einer der fetten Promi-Greise ein neues Mädel gegriffen hat, dass gerade erst dem Kinderporno-Alter entschlüpft ist, und die Zeitung mir mitteilt, was für ein verliebtes Paar das sei, dann denke ich bereits, der Gipfel wäre schon erreicht. Doch dann noch das Bild dazu: Süße Mädels, doch den Greisen hängen die faltigen Lefzen bis in die Kniekehlen – also meistens aus dem Bild heraus. Was sind wir doch für ein kultiviertes Land. Doch wie bei jeder ausgeprägten Baisse ist der erste Rutsch meistens erst ein leichtes Vorgeplänkel.
Dass der Dax dann gleich von der Eröffnung an sinkt, daran habe ich mich hingegen bereits gewöhnt. Und dass Saddam Hussein daran Schuld ist, auch. Wahrscheinlich wird es bald Ärzte geben, die berichten, dass einige Leute Saddam Hussein selbst für ihre angeschwollene Prostata verantwortlich machen. Ein Glück nur, dass wir keine Präsenzbörse mehr haben. Wie würde das ansonsten stinken bei so vielen Hosenscheißern auf einem Haufen? Glücklicherweise sind die Kursanzeigen im Netz jedoch ohne Ton, so dass ich sie wenigstens ohne weiteren Kommentar mit mir selbst ausmachen kann.
In der letzten Woche habe ich allerdings zwei Mal den Fehler gemacht, mir eine Börsensendung im Fernsehen anzuschauen – auf n-tv natürlich, wo sonst. Woanders gibt es doch nur Soaps. Und was ich dabei gesehen habe, darüber kann ich fast nicht reden. Ich will es daher mit dem Schreiben versuchen.
Die "Dresdner-Sonntagsbörse" mit Heiko Thieme und einer irgendeiner Irmtraud aus einer Berliner Pleitebank, die sich gegenseitig anscheinend zu übertreffen suchten. Wird gegenwärtig etwa wieder ein Kasperlepreis verliehen? Irmtraud sah aus, als sei ein Pfingstochse im Keller mit der Kiste für Christbaumschmuck kollidiert – und redete auch so. "Ich, Zweifel haben an meiner Meinung? Niemals!" Während Heiko Thieme nicht nur optimistisch, sondern sogar euphorisch war, setzte Irmtraud noch einen drauf, was dann wiederum Heiko Thieme ... doch wie will man sich eigentlich noch steigern, wenn man bereits jetzt der schlechteste Fondsmanager der Welt ist?
Und wie das in der Berliner Pleitebank abgeht, das kann ich mir auch gut vorstellen: "Sag mal Irmi ...?" und Irmi antwortet natürlich "Kaufen!!!". Zweistellig sollte der Dax in den ersten beiden Tagen der letzten Woche steigen. Ob es tatsächlich zweistellig wurde, weiß ich nicht. Leider ging es jedoch in die falsche Richtung. Macht doch aber gar nichts Irmi, ist doch nur das Vorzeichen! Hauptsache, du traust dem Markt noch, Irmtraud. Einer muss ja schließlich das Licht ausmachen. Vielleicht können wir das ja bald live im Fernsehen mitverfolgen.
Ein großer Ausknipser ist natürlich auch Gottfried Heller, den man in einem "Bulle- und-Bär-Special" Felix Zulauf gegenübergestellt hatte, was einen Bericht ergab, der in etwa so tief war wie eine Regenpfütze. Und zum Schluss hieß es dann, dass beide Fondsmanager in der Vergangenheit ja gezeigt hätten, dass sie ihr Handwerk verstünden. Was Zulaufs Fonds gebracht hat, weiß ich nicht, doch würde ein Schumacher die Sohlen so ankleben wie Heller seinen Fiduka-Universal-Fonds gemanagt hat, dann lägen wir alle bereits irgendwo auf der Schnauze. 36 Prozent Verlust für einen gemischten Fonds im letzten Jahr, das ist schon was.
Dass diese Leute nach solchen Leistungen nicht den Schwanz einziehen und sich zurückhalten, bleibt mir unerfindlich. Aber nein, da stehen sie schon wieder – oder immer noch? – und erzählen schon wieder – oder immer noch? – die ganze gleiche Scheiße wie in allen Jahren vorher. Wer hierbei Gleichmut zeigt und nicht zornig wird, den bewundere ich. Der Preis für Gleichmut ist allerdings hoch, denn Gleichmut kann hier eigentlich nur Resignation bedeuten. Es deutet also vieles darauf hin, dass die große Mehrheit sich bereits von der Börse abgewendet hat. Ansonsten müssten jetzt mindestens die Fäuste fliegen.
Bernd Niquet, im Januar 2003
E-Mail: berndniquet@t-online.de
Nur noch Irmtraud traut dem Markt
- von Bernd Niquet -
Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht oder vielleicht ihnen auch? Am liebsten möchte man gegenwärtig speien, seine sieben Sachen packen und einfach weglaufen – nichts mehr lesen, nichts mehr sehen und vor allem nichts mehr hören. Doch wohin in diesem unwirtlichen Land, in dieser schauerlich kalten Jahreszeit?
Bei mir fängt das immer bereits am Morgen an, wenn ich die "Welt" aus dem Briefkasten ziehe und – einer alten Gewohnheit entsprechend – von hinten anfange zu lese. Das hat den Vorteil, dass mich Saddam Hussein erst vergleichsweise spät erwischt, dafür beginnt jeder Morgen mit den Berliner Promi-News, was in der Tat fast noch schlimmer ist. Wenn ich dann sehe, wie sich wieder einer der fetten Promi-Greise ein neues Mädel gegriffen hat, dass gerade erst dem Kinderporno-Alter entschlüpft ist, und die Zeitung mir mitteilt, was für ein verliebtes Paar das sei, dann denke ich bereits, der Gipfel wäre schon erreicht. Doch dann noch das Bild dazu: Süße Mädels, doch den Greisen hängen die faltigen Lefzen bis in die Kniekehlen – also meistens aus dem Bild heraus. Was sind wir doch für ein kultiviertes Land. Doch wie bei jeder ausgeprägten Baisse ist der erste Rutsch meistens erst ein leichtes Vorgeplänkel.
Dass der Dax dann gleich von der Eröffnung an sinkt, daran habe ich mich hingegen bereits gewöhnt. Und dass Saddam Hussein daran Schuld ist, auch. Wahrscheinlich wird es bald Ärzte geben, die berichten, dass einige Leute Saddam Hussein selbst für ihre angeschwollene Prostata verantwortlich machen. Ein Glück nur, dass wir keine Präsenzbörse mehr haben. Wie würde das ansonsten stinken bei so vielen Hosenscheißern auf einem Haufen? Glücklicherweise sind die Kursanzeigen im Netz jedoch ohne Ton, so dass ich sie wenigstens ohne weiteren Kommentar mit mir selbst ausmachen kann.
In der letzten Woche habe ich allerdings zwei Mal den Fehler gemacht, mir eine Börsensendung im Fernsehen anzuschauen – auf n-tv natürlich, wo sonst. Woanders gibt es doch nur Soaps. Und was ich dabei gesehen habe, darüber kann ich fast nicht reden. Ich will es daher mit dem Schreiben versuchen.
Die "Dresdner-Sonntagsbörse" mit Heiko Thieme und einer irgendeiner Irmtraud aus einer Berliner Pleitebank, die sich gegenseitig anscheinend zu übertreffen suchten. Wird gegenwärtig etwa wieder ein Kasperlepreis verliehen? Irmtraud sah aus, als sei ein Pfingstochse im Keller mit der Kiste für Christbaumschmuck kollidiert – und redete auch so. "Ich, Zweifel haben an meiner Meinung? Niemals!" Während Heiko Thieme nicht nur optimistisch, sondern sogar euphorisch war, setzte Irmtraud noch einen drauf, was dann wiederum Heiko Thieme ... doch wie will man sich eigentlich noch steigern, wenn man bereits jetzt der schlechteste Fondsmanager der Welt ist?
Und wie das in der Berliner Pleitebank abgeht, das kann ich mir auch gut vorstellen: "Sag mal Irmi ...?" und Irmi antwortet natürlich "Kaufen!!!". Zweistellig sollte der Dax in den ersten beiden Tagen der letzten Woche steigen. Ob es tatsächlich zweistellig wurde, weiß ich nicht. Leider ging es jedoch in die falsche Richtung. Macht doch aber gar nichts Irmi, ist doch nur das Vorzeichen! Hauptsache, du traust dem Markt noch, Irmtraud. Einer muss ja schließlich das Licht ausmachen. Vielleicht können wir das ja bald live im Fernsehen mitverfolgen.
Ein großer Ausknipser ist natürlich auch Gottfried Heller, den man in einem "Bulle- und-Bär-Special" Felix Zulauf gegenübergestellt hatte, was einen Bericht ergab, der in etwa so tief war wie eine Regenpfütze. Und zum Schluss hieß es dann, dass beide Fondsmanager in der Vergangenheit ja gezeigt hätten, dass sie ihr Handwerk verstünden. Was Zulaufs Fonds gebracht hat, weiß ich nicht, doch würde ein Schumacher die Sohlen so ankleben wie Heller seinen Fiduka-Universal-Fonds gemanagt hat, dann lägen wir alle bereits irgendwo auf der Schnauze. 36 Prozent Verlust für einen gemischten Fonds im letzten Jahr, das ist schon was.
Dass diese Leute nach solchen Leistungen nicht den Schwanz einziehen und sich zurückhalten, bleibt mir unerfindlich. Aber nein, da stehen sie schon wieder – oder immer noch? – und erzählen schon wieder – oder immer noch? – die ganze gleiche Scheiße wie in allen Jahren vorher. Wer hierbei Gleichmut zeigt und nicht zornig wird, den bewundere ich. Der Preis für Gleichmut ist allerdings hoch, denn Gleichmut kann hier eigentlich nur Resignation bedeuten. Es deutet also vieles darauf hin, dass die große Mehrheit sich bereits von der Börse abgewendet hat. Ansonsten müssten jetzt mindestens die Fäuste fliegen.
Bernd Niquet, im Januar 2003
E-Mail: berndniquet@t-online.de
