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Liquidität treibt Aktienkurse an

 
19.05.01 20:48
Liquidität treibt Aktienkurse an

Von Ulrich Reitz und Frank Stocker

Frankfurt - Endlich, die Klettertour geht weiter. Nicht nur in Deutschland, auch in den USA. Das sind für Aktien die wichtigsten Ergebnisse der Finanzprognose, die diesmal bis Ende November reicht. Die Angst, dass die schwächelnde Konjunktur den Optimisten einen Strich durch die Rechnung machen könnte, scheint gering.
Die Phantasie, die Analysten für Dax und Dow hegen, hat einen Grund: Die Experten rechnen mit weiteren Zinsschritten - sowohl durch die US-Notenbank Fed als auch durch die Europäische Zentralbank (EZB). Alan Greenspan hat bereits durchblicken lassen, dass die Zinssenkung der vergangenen Woche nicht die letzte in diesem Jahr war. "Es dürfte noch einmal um 50 Basispunkte auf dann 3,5 Prozent nach unten gehen", prophezeit daher auch Karl Justus von BNP Paribas. Und dieser Tendenz könne sich dann auch Wim Duisenberg nicht entziehen.

Aktienstrategen reiben sich schon die Hände. "Ich bin für den Dow sehr optimistisch", sagt Kai Franke, Aktienexperte der BHF-Bank. 12 400 Punkte, so glaubt er, werde das US-Börsenbarometer bis Ende November erreichen. "Durch die Zinssenkungen kommt viel Liquidität in den Markt." Das treibe die Kurse. Eine Aufwärtsbewegung sei selbst dann wahrscheinlich, wenn die Konjunktur weiter ins Stocken gerät. "Das Geld muss irgendwo hin, und Festgeldkonten sind bei den niedrigen Zinssätzen nicht attraktiv", sagt Franke.

Doch reicht das aus, um für einen dauerhaften Aufschwung an den Börsen zu sorgen? Eberhardt Unger von der SEB äußert Bedenken. "Mit der Zinssenkungsphantasie ist es bald zu Ende." Dann würden wieder die Unternehmenszahlen stärker ins Blickfeld geraten. Und hier verweist er auf eine Untersuchung von "Wall Street Journal", wonach die Gewinne der US-Unternehmen um 42 Prozent gesunken sind.

Doch diese Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2001. Die meisten Experten blicken aber schon viel weiter nach vorne. Sie rechnen nicht mit einer lang anhaltenden Rezession in den USA. Zwar werde die konjunkturelle Durststrecke noch einige Wochen dauern. "Im zweiten Halbjahr kommt es jedoch zu ersten Belebungseffekten durch die Geldpolitik", sagt Gernot Müller von der WestLB. Dann würden auch die Gewinnerwartungen für 2002 bei den Anlegern ins Blickfeld geraten. Und die nennt Müller "rosig". Er sieht daher vor allem im Herbst deutliches Potenzial für die Aktienmärkte.

Die grundsätzlich positive Tendenz in den USA strahlt auch auf den deutschen Aktienmarkt ab. Bis Ende Juni wird sich der Dax zwar noch seitwärts bewegen, danach rechnen die Experten aber mit einer deutlichen Erholung. Für Ende November erwarten sie im Durchschnitt einen Stand von 6720 Punkten - das sind immerhin fast zehn Prozent mehr als im Moment.

BHF-Analyst Franke sieht für die positive Entwicklung in Europa zwei Gründe: die Leitzinssenkungen der EZB sorgten auch in Euroland für weitere Liquidität. Zudem laufe der Dow seinem historischen Höchststand vom vergangenen Jahr (11.750 Punkte) entgegen. "Wird der Rekord gebrochen, kehrt bei vielen Anlegern das Vertrauen in die Märkte zurück", sagt Franke. Hinzu komme, dass die konjunkturelle Delle in Europa weniger stark ausgeprägt ist als in den USA.

Trotz der guten Aussichten für Europa sehen die Experten, die sich an der Finanzprognose von WELT am SONNTAG und dem Münchener Forschungsinstitut Südprojekt beteiligen, für den Euro wenig Potenzial. Im Durchschnitt erwarten sie für die europäische Währung im Verhältnis zum Dollar einen Wert von knapp 90 Cent (Ende Juni) und von gut 92 Cent (Ende November). Die erhoffte Parität lässt laut der Prognose weiter auf sich warten.

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