Viele Banken sind im Boom hohe Risiken eingegangen. Jetzt treten sie auf die Kreditbremse und schaden der Konjunktur
Alarmzeichen gab es schon länger: Das deutsche "Finanzsystem befindet sich in höchster Fragilität", warnte der damalige Vorstandssprecher und heutige Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Rolf Breuer, bereits im November. Im März meldete sich Bundesbankpräsident Ernst Welteke ungewohnt deutlich zu Wort: "Deutschlands Banken und Sparkassen" stünden vor einer "schwierigen Situation". Das Jahr 2002 könne für die Branche ein "kritisches Jahr" werden.
Nur drei Monate später steckt die Branche tatsächlich tief in der Bredouille: Die dramatischen Kursverluste an den Aktienmärkten, spektakuläre Pleiten von Großkreditnehmern wie Leo Kirch, Herlitz, Fairchild-Dornier oder den unzähligen Unternehmen aus der Telekommunikations- und IT-Branche treiben immer mehr Kreditinstitute in die roten Zahlen oder nahe daran. Dazu kommen die Nachwehen des ostdeutschen Immobiliencrashs. Um satte 110 Prozent musste die Deutsche Bank ihre Rückstellungen allein im ersten Quartal 2002 hochschrauben, bei der Commerzbank waren es noch 67 Prozent.
So viele Bankpleiten gab es nie
Schon 2001 hatte die Risikovorsorge für wackelige Kredite und Wertpapierrisiken neue Rekordmarken erreicht: Die HypoVereinsbank verbuchte 2,1 Milliarden Euro, die Dresdner Bank 1,9 Milliarden Euro und die Deutsche Bank immerhin noch eine Milliarde Euro. Bemerkenswert dabei: Bereits zwischen 1994 und 2000 wurde im Schnitt mehr als 40 Prozent dessen, was im Bankgeschäft verdient worden ist, durch faule Kredite aufgefressen.
Während die Großbanken dies noch wegstecken, ist bei anderen Instituten inzwischen das Ende der Fahnenstange erreicht. Innerhalb von sechs Wochen wurden seit Anfang Mai drei Banken dichtgemacht, darunter eine der ältesten deutschen Privatbanken, die Frankfurter Gontard&Metallbank. Drei weitere Institute haben in den vergangenen Monaten nur mithilfe von außen überlebt: die SchmidtBank, die Stuttgarter Volksbank und - mit einer Bilanzsumme von 200 Milliarden Euro die Nummer zehn unter den deutschen Banken - die Bankgesellschaft Berlin. So viele Pleiten und Beinahepleiten von Geldhäusern in so kurzer Zeit hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben. Zwischen 1948 und 1974 wurde nicht einmal eine einzige Bankeninsolvenz registriert.
Zwar besteht, darin sind sich alle Experten einig, keine Gefahr für die Stabilität des deutschen Finanzsystems insgesamt. Doch die Krise der Bankenbranche kann die Erholung der Wirtschaft nachhaltig bremsen. Der Grund: Viele Bankhäuser müssen, um nicht weiter ins Schlingern zu geraten, kräftig auf die Kreditbremse treten. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen klagen denn auch über wachsende Schwierigkeiten, sich bei Banken für ihre Geschäfte Geld zu leihen. Ohne Kredite aber können selbst florierende Betriebe in Liquiditätsschwierigkeiten geraten und Pleite gehen. Auch Neuinvestitionen sind für sie ohne Kredite in der Regel nicht zu finanzieren, denn für kleine und mittlere Firmen sind Bankkredite oft die einzige Finanzierungsquelle.
Dass diese langsam versiegt, lässt sich an der jüngsten Statistik der Bundesbank ablesen: Im März ist die Kreditvergabe an Privatpersonen und Unternehmen zum ersten Mal seit 30 Jahren - seitdem die Bundesbank diese Daten überhaupt erfasst - real zurückgegangen.
Zu lange haben die meisten deutschen Geldhäuser an ihrer riskanten Geschäftsstrategie der Wiedervereinigungs- und Internet-Euphorie festgehalten. Bei zahlreichen Bankern ganz wie bei jungen IT-Unternehmen galt die Devise: Wachstum um jeden Preis.
Vor möglichen Kreditrisiken wurden deshalb gern die Augen verschlossen - zum Beispiel bei Leo Kirch. Dass die Geldgeber des Medienmoguls dessen Bonität ordnungsgemäß geprüft haben, bezweifelt inzwischen offenbar sogar die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin): Bei acht der größten Kreditgeber - darunter die Deutsche Bank, die HypoVereinsbank und die Bayerische Landesbank - hat sie eine Sonderprüfung veranlasst. Denn laut Kreditwesengesetz (KWG) müssen Kreditinstitute die wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens während der gesamten Dauer eines Kreditverhältnisses kontinuierlich beobachten und analysieren. Erst wenn die Prüfung ein klares Bild von der wirtschaftlichen Lage ergibt, dürfen sie Kredite neu gewähren oder verlängern - sonst machen sich die verantwortlichen Bankvorstände strafbar. Allein schon das Gezänk über Sicherheiten unter den Kirch-Geldgebern vermittelt jedoch den Eindruck, dass sich die beteiligten Institute nicht wirklich an diese Vorgaben gehalten haben.
Schließlich galt die Medienbranche - genauso wie Telekommunikation und IT - als Zukunftsmarkt mit märchenhaften Wachstumsraten. Und 4,7 Milliarden Euro Kredit waren bei Unternehmen wie Mobilcom kein Problem. "Die Konzentration auf risikoreiche Wachstumsmärkte wie Telekommunikations- und Unterhaltungsbranche birgt beachtliche Gefahren in sich", warnte zwar der Prüfungsverband Deutscher Banken im Herbst vergangenen Jahres - offenbar zu spät.
"Die Ausleihungen orientieren sich an den Wertberichtigungen. Je höher die Risikovorsorge, desto geringer die Bereitschaft, Kredit zu vergeben", erklärt der Frankfurter Professor für Bankwirtschaft, Mark Wahrenburg, den für die Volkswirtschaft so fatalen Mechanismus. Denn jede Wertberichtung knabbert am Eigenkapital einer Bank; die Möglichkeit, Kredite zu vergeben, schrumpft - es sei denn, sie besorgt sich neues Eigenkapital oder verfügt über stille Reserven.
Die aber müssen selbst die großen Geschäftsbanken kräftig anzapfen, um überhaupt noch Gewinne auszuweisen. Wie groß die Polster der deutschen Banken generell noch sind, weiß so genau eigentlich keiner. "Bankbilanzen sind so schwer zu lesen wie die Bibel - alles ist auslegungsfähig", sagt der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Schwäbisch Hall, Günther Krist.
Glaubt man den Banken, haben nicht die hohen Risiken, die sie angehäuft haben, Schuld an der Kreditklemme, in die immer mehr kleine und mittlere Unternehmen geraten, sondern die Mittelständler selbst. Vor allem die großen Geschäftsbanken klagen darüber, dass das Kreditrisiko in diesem Bereich kaum zu kalkulieren sei, da es keine verlässlichen Informationen über die Unternehmen gebe. Denn Mittelständler ließen sich nur ungern in ihre Bücher schauen.
Das allerdings bestreitet Michael Bretz, Leiter der Wirtschafts-und Konjunkturforschung bei der Creditreform. Bretz: "Wenn eine Bank sagt, wir wissen nicht, mit wem wir es zu tun haben, ist das albern." Denn laut KWG muss jede Bank sich bei Wirtschaftsauskunfteien wie der Creditreform über die Bonität eines potenziellen Kreditkunden informieren. Bei der Creditreform sind diese in sieben so genannte Risikoklassen eingeteilt - von sehr gut bis ganz schlecht. Und mit der Einstufung, so Bretz, "liegen wir in der Regel richtig".
Dass man als Privatbank im Geschäft mit mittelständischen Unternehmen durchaus gutes Geld verdienen kann, zeigt denn auch die jüngste Bilanz der Fürstlich Castell'schen Bank. Eine ihrer beiden Ertragssäulen ist, wie die Bank ausdrücklich betont, das Geschäft mit kleinen und mittleren Unternehmen in der Region. Von der Eigenkapitalverzinsung können die Aktionäre der Deutschen Bank derzeit nur träumen: 17,4 Prozent nach Steuern. Immerhin zehn Jahre in Folge hat die älteste Bank Bayerns so ihren Gewinn gesteigert.
Bonität spielte keine Rolle
"Das Firmengeschäft ist bei uns nach wie vor das überwiegende Geschäft", betont auch Adolf Oppermann, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Heilbronn. Die ist mit einer Bilanzsumme von 1,3 Milliarden Euro eine der größten Volksbanken. Mit dieser Politik hat sein Haus im vergangenen Jahr immerhin eine Eigenkapitalrendite von stattlichen 12 Prozent erzielt. Und das in Zeiten, in denen auch viele Genossenschaftsbanken als Wackelkandidaten gelten. Viele Banken, glaubt Oppermann, hätten auch bei kleinen und mittleren Unternehmen oft Kredite zu viel zu günstigen Konditionen vergeben - aus purer Angst, das Geschäft sonst der Konkurrenz zu überlassen. Dass Banken die Bonität von mittelständischen Unternehmen nicht kennen, bestreitet der Praktiker ebenso wie Michael Bretz von der Creditreform. Oppermann: "Man hatte das Rating, aber hat es nicht benutzt."
Das allerdings können Banken in der Tat künftig nicht mehr. Denn bald treten neue, international verbindliche Regeln für die Kreditvergabe, Basel II genannt, in Kraft. Danach müssen Banken ihre Kredite mit umso mehr Eigenkapital absichern, je schlechter die Risikoeinstufung eines Kreditnehmers, im Fachjargon Rating genannt, ist. Das heißt: Je riskanter ein Kredit, umso teurer wird er für eine Bank. Geld kann sie damit nur noch verdienen, wenn sie die Kreditzinsen entsprechend erhöht. Bislang spielt die Bonität für die Absicherung mit Eigenkapital hingegen keine Rolle. Egal, wie gut oder schlecht der Schuldner eingeschätzt wird, die Bank muss die Kreditsumme immer mit acht Prozent Eigenkapital absichern - ein Nachteil für gute Schuldner.
Banker, die ihre Bilanzsummen nicht um jeden Preis nach oben gepuscht haben, haben mit dieser Neuregelung denn auch kein Problem. Im Gegenteil: Finanziell gesunden Unternehmen mit guter Bonität können sie künftig Geld zu niedrigeren Zinsen leihen.
Dass Kreditnehmer, die nicht so gut dastehen, generell höhere Zinsen zahlen müssen als solche mit untadligem Ruf, ist bei konservativen Bankleuten schon seit eh und je so. Basel II ist für sie also kein Grund, ihre Kreditpolitik zu ändern. Und auch kein Anlass, ihren Kunden den Kredithahn ganz abzudrehen: Denn nur auf das Prinzip Hoffnung hin hat von ihnen ohnehin noch nie jemand Geld bekommen - auch vor Basel II nicht.
Die Zeit