Haaren: Da ist ein springender Punkt im roten Faden. Der
Dollar als Beweisstück der Weltverschwörung.
Leben nachher weitergehen kann. Doch manchmal bleibt der Punkt stehen,
wird zum Dreh- und Angelpunkt, und man wird ihn nicht mehr los. «Solche
geblieben sei» (Musil), schlicht und einfach «Kooks», Spinner. Es sind
Spielarten zeigt. In der kookischen Königsdisziplin, der Enttarnung der
Weltverschwörung, ist dem Möglichkeitssinn erst recht alles erlaubt. Waren es
geplagt, die nach der Macht über den blauen Planeten greift. Im Namen der
Uno schicken sie fremde Truppen, bevorzugt handverlesene grausame
Gurkhas, in schwarzen Helikoptern in «God's Own Country». Für den, der
Augen hat zu sehen, gibt es dafür Beweise sonder Zahl. Man braucht ja nur
einen Dollar in die Hand zu nehmen. Auch er ist ein Punkt, auf den sich die
weltumspannende Konspiration bringen lässt, einer unter vielen, der sich mit
anderen Punkten zu einer ungeheuerlichen Wahrheit verdichtet und trotzdem
wie ein winziges Fraktal das grosse Gespinst im Kleinen selbstähnlich
widerspiegelt.
Von vorne besehen, ist der Dollar harmlos. Es ist die Rückseite, die ihn zum
Beweisstück der Weltverschwörung macht. Die beiden Hälften des «grossen
Siegels», die dort prangen, haben es in sich.
Man nehme ein Blatt Papier und male einen Kreis darauf, empfiehlt die
Web-Site von «Cutting Edge», einem Radioprogramm, dazu da, die
Gottesfürchtigen «zu warnen und zu informieren». In den Kreis zeichne man
ein Hexagramm, einen sechseckigen Stern. Unter Fundamentalisten nennt man
eine solche Anordnung «demons trap», Dämonenfalle. Und dann vergleiche
man mit der Dollarnote. Das Siegel auf ihrer Rückseite enthält in einem Kreis
eine unfertige Pyramide, die von einem strahlenumkränzten allsehenden Auge
gekrönt wird. Um den Fuss der Pyramide wölbt sich der Schriftzug NOVUS
ORDO SECLORUM.
Man braucht nur die richtigen Punkte innerhalb dieses Kreises zu einem
Dreieck zu verbinden, und voilà, schon kombinieren sich die Linien zusammen
mit der Pyramide zu einem Teufelszeichen, dem Hexagramm vom Papierblatt.
Übersetzt «Cutting Edge» die Inschrift «Novus Ordo Seclorum», dann kommt
auch noch «New World Order» heraus. New World Order! Das ist nicht die
neue Weltordnung, die George Bush vorschwebte, als er noch Präsident war.
New World Order, das sind in Fachkreisen die Gurkhas in den schwarzen
Hubschraubern.
Das Verhängnis ist für den Wissenden in den Stufen der ominösen Pyramide
bereits angekündigt, denn diese besteht aus exakt dreizehn Ziegelreihen. 13!
Auf einer dreizehnstufigen Hierarchie bauten bekanntlich die Illuminaten ihren
Orden auf. Jene Illuminaten, deren Gründer, Dr. Adam Weishaupt, einer
Seitenlinie der Verschwörungstheorie zufolge, das Siegel des Ordens dem
Freimaurer Thomas Jefferson zuspielte. Jefferson legte es dem amerikanischen
Kongress vor, der es offiziell als nationales Symbol inaugurierte. Der von den
Illuminaten ebenfalls kontrollierte Franklin D. Roosevelt liess das Siegel dann
1935 auf den Dollar drucken. Zu dieser Zeit hatte die Wachsamkeit der
aufrechten Amerikaner so weit nachgelassen, dass die «New World Order»
vor aller Augen auf die Tagesordnung respektive auf die Rückseite der
Dollarnote gesetzt werden konnte. Da steht sie nun und wird immer noch von
viel zu wenigen bemerkt, obwohl «dort doch offenbar das ganze Unglück der
Welt anhebt, die ihren Erlöser nicht erkennt» (Musil).
Verschwörungstheoretiker lesen aus den dreizehn Stufen der Pyramide gleich
auch noch das ganze Organigramm der Neuen Weltordnung: Stufe zwei zum
Beispiel symbolisiert die 33 einflussreichsten Freimaurer, Stufe drei die 500
einflussreichsten Leute und Institutionen der Welt. Die Jahreszahl
MDCCLXXVI, die in die erste Stufe der Pyramide eingraviert ist, erinnert in
dieser Lesart nicht an den 4. Juli 1776, den Geburtstag der Vereinigten
Staaten von Amerika, sondern an den 1. Mai 1776, jenen Tag, an dem sich
exklusiver konspirationstheoretischer Einsichten zufolge die satanischen
Illuminaten zu erkennen gaben. Falls nicht noch satanischere Mächte im Spiel
waren, wie eine andere Fraktion der Verschwörungstheorie postuliert:
Während Thomas Jefferson zu Hause an den Siegeln bastelte, sei ihm plötzlich
ein «Wesen» erschienen, gehüllt in Schwarz. Es hatte das Siegel fix und fertig
in der Tasche, überreichte es Jefferson und löste sich danach in Schall und
Rauch auf, was hier absolut wörtlich zu nehmen ist.
Alles in allem verrät also der Dollar dem Sehenden, dass am 1. Mai 1776 eine
neue Weltordnung postuliert wurde, deren Kreator Satan persönlich,
wenigstens aber eine Freimaurergilde war, was in einschlägigen Kreisen als
vernachlässigbarer Unterschied gilt. Diese neue Weltordnung wird nun unter
der Leitung unsichtbarer Hintermänner, zu denen neben Freimaurern
mutmasslich auch Rosenkreuzer und Illuminaten zählen, mit Gurkhas in
schwarzen Hubschraubern . . .
Soweit die Fakten oder was die Gilde der Verschwörungstheoretiker dafür
hält, denn im «Parlor of Paranoia» geht es nur beschränkt um Argumente.
Vielmehr versichern Gleichgesinnte dem Gleichgesinnten, «dass er ein neuer
Kopernikus sei, wonach sie sich als unverstandene Newtons vorstellen»
(Musil). Und weil das im Internet so leicht und flott von der Hand geht, ist es
für Kooks zum Paradies auf Erden geworden. Man beweist sich dort zum
Beispiel mühelos, dass die Mondlandung eigentlich nie stattgefunden habe, die
Ufos aber längst gelandet seien und die verschwundenen Ober-Nazis in
unterirdischen Städten in der Antarktis wohnten. Zumindest jener Teil der
Nazis, der 1942 nicht auf den Mond emigrierte. Ja, auf den Mond. Dort, wo
angeblich Astronauten waren. Die doch, wie Zyniker messerscharf folgern,
eigentlich die verschwundenen Nazis hätten treffen müssen, wenn sie wirklich
oben gewesen wären.
Das alles ist Ausdruck einer radikalen Politik- und Staatsverdrossenheit, die
keiner offiziellen Verlautbarung mehr zugänglich ist. Und schon gar nicht
dieser: Der Dollar ist Geld und sonst nichts.
Keine Loge, sondern ein Kollegium, bestehend aus Thomas Jefferson,
Benjamin Franklin und John Adams, hatte im Jahr 1776 den Auftrag erhalten,
ein nationales Siegel zu entwerfen. Ihnen zur Seite stand als Berater der
Künstler Pierre Du Simitiere, der die Mühen der Entwurfsarbeit grösstenteils
auf sich nahm. Sein allsehendes Auge, das «Auge der Vorsehung», das heute
als Freimaurersymbol von sich reden macht, war im 17. und 18. Jahrhundert
ein oft bemühter Bestandteil zeitgenössischer Ikonographie, also nichts
Besonderes. Placiert innerhalb eines Dreiecks, galt es als Repräsentation
Gottes. Die Übereinstimmung zwischen dem allsehenden Auge auf dem Dollar
und ähnlichen Symbolen der Freimaurerei besagt nur, dass beides aus ein und
demselben Kunstkanon stammt, der sich bis in biblische Zeiten
zurückverfolgen lässt.
Die Entwürfe für das grosse Siegel wurden mehrmals revidiert, der
Schaffensprozess zog sich über mehrere Jahre hin. Die dreizehnstufige
Pyramide geht auf Francis Hopkinson zurück, der auch die amerikanische
Flagge für die ursprünglich dreizehn Staaten der USA entworfen hatte. Die
Pyramide sollte für «Stärke und Dauer» stehen und zählte nie zu den
Symbolen der Freimaurerei, wie die «Masons» auf ihren Seiten im Internet
beteuern - das sei genuin amerikanisches Design.
Dem Kongress gefiel es, obwohl Benjamin Franklin statt eines Adlers lieber
einen Truthahn auf der Vorderseite des Siegels gesehen hätte. 1782 wurde
der endgültige Entwurf vom Kongress abgesegnet. Er stellt die USA als
revolutionären Gegenentwurf zu den autokratischen, machtgestützten Regimen
der damaligen Zeit dar. An ihre Stelle sollte ein System treten, das auf
Vernunft, Gewaltenteilung und Selbstbestimmung basiert - ein «New Order of
the Ages», wie die Übersetzung von «Novus Ordo Seclorum» richtig lautet.
Auch Roosevelt sah seinen «New Deal» als revolutionären Neuanfang in der
Tradition der Gründerväter. Das grosse Siegel, das er auf die Dollarnote
drucken liess, sollte darauf verweisen wie auf den Beginn eines neuen
Zeitalters.Soweit die Illuminaten-Weltverschwörungstheorie....
Gruß Dr. Broemme