BERLIN, 5. Oktober. Eines der Ziele bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus ist es, seine Finanzquellen auszutrocknen. Über die Lockerung des Bankgeheimnisses wird gesprochen, Konten werden gesperrt. Übersehen wird oft ein Überweisungssystem, das lange vor dem internationalen Banksystem geschaffen wurde und sich bis in die Gegenwart in vielen Staaten großer Beliebtheit erfreut. Was Chinesen seit Jahrtausenden als "fei chien" ("fliegendes Geld") und von Indien bis in die arabische Welt und Ostafrika als "Hawala" ("Vertrauen") bekannt ist, scheint für westliche Sicherheitsbehörden ein unüberwindliches Hindernis zu sein. Dieser archaische Finanztransfer ist einer der wichtigsten Wege, dessen sich neben Gastarbeitern, Waffenhändlern und Geldwäschern auch Terrorgruppen zur Verschleierung ihrer Netzwerke über die ganze Welt bedienen.
Eine Hawala-Überweisung erfolgt mit minimalem Papieraufwand. Und sie wird nirgendwo elektronisch gespeichert. Im Hawala-System werden Geldströme per Handschlag über private Treuhänder nur mit einem Kodewort um die Welt geleitet. Wer so aus Berlin Geld nach Islamabad überweisen will, der hat die Auswahl unter mindestens zehn einschlägig bekannten - illegalen - "Geschäften" in Kreuzberg, die offiziell als Juweliere, Trödler oder Imbißstände firmieren. Das Geld wird dort abgegeben und verschwindet in einem Tresor. Der Kunde erhält allenfalls einen Zettel mit einer Buchstaben- oder Ziffernfolge. Die wird nun vom Berliner Händler an einen Hawala-Partner in Islamabad (meist unter Einschaltung eines Zwischenhändlers in London) per Fax, Telefon oder E-Mail übermittelt. Wer danach anonym in Islamabad in dem betreffenden "Geschäft" die kryptischen Zeichen kennt, erhält ohne viel Aufhebens den Geldbetrag. Dabei profitieren alle Beteiligten: Der Kunde spart hohe Auslandsüberweisungsgebühren, der Berliner teilt seine Provision nicht mit dem Finanzamt, sein Partner in Islamabad verdient am Wechselkurs.
Hawala funktioniert unabhängig von Banköffnungszeiten und erreicht auch jene Orte, in denen es Bankschalter nicht gibt. Eine solche Überweisung von Berlin nach Islamabad kostet den Einzahler in diesen Tagen bis zum Betrag von tausend Dollar gerade einmal zwanzig Mark, und selbst für hunderttausend Dollar werden nur 1500 Mark berechnet. Dafür kann der anonyme Empfänger schon nach wenigen Minuten in Islamabad über den Betrag verfügen.
Das System bot einst Händlern entlang der Seidenstraße Schutz vor Räubern. Für die Terror-Bekämpfer von heute stellt es ein Netz dar, das schier unüberwindlich scheint. Hawala ist heute in vielen Staaten der Welt, so auch in Pakistan, illegal. Doch weil das älteste Überweisungssystem der Welt kaum zu kontrollieren ist, scheint man es auch nicht ausrotten zu können. Londoner Hawala-Hintermänner preisen ihre Geschäfte weiterhin selbst im Internet an. So wirbt ein Abdulkadir, 13 Stockwell Road, London SW9, für seinen diskreten "Hawala-Money-Transfer" mit dem Spruch: "The
#1 Money Transfer Service to Etiopia".
Hawala beruht auf etwas, das älter ist als jedes Geld: das Wort eines Mannes. Und so vertrauen in Deutschland lebende Paschtunen, die ihren in Afghanistan oder Pakistan lebenden Verwandten Geld zukommen lassen möchten, ausschließlich paschtunischen Hawala-Stuben, während etwa indische Sikhs beim Geld nur dem Wort eines Sikhs vertrauen.
Pakistanische Behörden schätzen, daß allein in ihrem Land jährlich zwischen zwei und fünf Milliarden Mark mit Hilfe von Hawala an den Steuerbehörden vorbeigeschleust werden. Wahrscheinlich aber ist der Betrag in jenem Land, das auch die Al Qaida des Usama Bin Ladin für ihre Finanztransfers nutzt, wesentlich höher. Denn der pakistanische Finanzminister Shaukat Aziz mußte unlängst eingestehen, daß von sechs Milliarden Dollar, die jährlich in das Land überwiesen werden, nur 1,6 Milliarden Dollar auf dem offiziellen Weg über eine Bank kommen.
Der Großteil der Gelder stammt von pakistanischen Gastarbeitern, doch auch jene Terrorgruppen, die über Stützpunkte in Afghanistan verfügen, nutzen das System. Selbst die pakistanische Zentralbank soll in der Vergangenheit mit Hawala-Stuben zusammengearbeitet haben: Als sie im Mai und Juni zur Stützung der eigenen Währung Dollar benötigte, sollen die Devisen, so heißt es in Islamabad, bei Hawala-Händlern gekauft worden sein.
Und der pakistanische Militärgeheimdienst verschleierte nach Angaben europäischer Sicherheitskreise mit Hawala seine Zuwendungen an in Kaschmir kämpfende islamistische Terrorgruppen. Ebenso soll sich auch die CIA schon mehrfach des Systems bedient haben. Spätestens seit dem ersten Anschlag auf das World Trade Center und den darauffolgenden Strafprozessen wußten amerikanische Nachrichtendienste durch die Aussagen der Täter, daß islamistische Terrorgruppen die Vorzüge von Hawala zu schätzen wissen.
In allen muslimischen Staaten arbeiten islamische Banken mit dem Hawala-System zusammen. So werden angeblich Jahr für Jahr zweihundert Milliarden Dollar in der ganzen Welt transferiert. Die islamischen Banken aber gewähren Fahndern, die verdächtige Geldströme nun aufdecken sollen, kaum Einblick in ihr Finanzgebahren. Der Leiter eines Bankhauses in Bahrein sagt dazu: "Ein Druckmittel gibt es nicht. Wenn islamische Fonds verdächtigt würden, dann werden auch westliche Wirtschaften getroffen. Aus diesen wirtschaftlichen Erwägungen heraus wird das aber nicht passieren."
Indische Behörden haben darüber berichtet, daß Anhänger der terroristischen Gruppe Babbar Khalsa International, die gewaltsam einen unabhängigen Staat "Khalistan" auf dem Gebiet des indischen Bundesstaates Punjab errichten wollen, für Finanztransfers aus Deutschland in der Vergangenheit das Hawala-System genutzt haben. Nach diesen Angaben schickte der Sikh Manjit Singh Bagi 1995 2,7 Millionen Rupien aus Deutschland an die Babbar Khalsa International. In einem anderen Fall sollen 30 000 Mark (sieben Millionen Rupien) überwiesen worden sein. Bekannt wurde der Fall nur, weil einer der Militanten, ein Mann namens Gurwinder Singh, in Indien mit 24 Kilogramm Heroin aufgegriffen wurde und bei den Verhören auspackte. Im Mai dieses Jahres berichteten indische Zeitungen über zwei in Deutschland lebende Inder, Piara Singh und einen Mann namens Babaji, die mit Hawala Geld an Terrorgruppen überwiesen haben sollen.
Auch islamische Vereine und Wohltätigkeitsorganisationen in Deutschland, deren Verbindungen zu Islamisten bekannt sind, arbeiten mit Hawala. Wohl deshalb heißt es im nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzbericht 1999, es gebe Hinweise darauf, daß einige in Deutschland registrierte ausländische Vereine auch in die finanzielle Infrastruktur von Terrorgruppen eingebunden seien, "wobei sich naturgemäß der Nachweis, ob die Gelder nur für soziale Zwecke oder auch für terroristische Aktivitäten verwendet werden, von hier aus nicht führen läßt".
Seit 1998 hat die Bundesregierung die Gesetze gegen das sogenannte "underground banking" verschärft. Innerhalb von zwei Jahren wurden vom Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen mehr als tausend Fälle von "Hawala-Banking" aufgedeckt. Ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums sagt: "Das Problem ist uns hinlänglich bekannt." Doch solange es selbst innerhalb der Europäischen Union unterschiedliche Regelungen gibt, werden die Hintermänner immer wieder neue Schlupflöcher finden.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2001, Nr. 232 / Seite 3
ist doch wirklich ein Witz,wie will man da mit dem Bundesaufsichtsamt gegen sowas vorgehen!Eichel will durch die Hintertür die Steuersünder fangen.
Der Präsident der Deutschen Steuerberatungsverbandes Jürgen Pinne dazu:"Eichel nutzt die Gelegenheit,um unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung die Jagd auf Steuersünder auszudehnen"
Die Staatsanwalt leitet immer-unabhängig von den Ermittlungen wegen wegen Geldwäsche eine Kopie der Anzeige an die Steuerbehörden weiter.Was Wunder,dass Fahndern bisher durch das Geldwäschegesetz bislang nur Steuersünder ins Netz gingen!Die SPD will gar schwere Steuerhinterziehung zum Verbrechen deklarieren.Dann müssen Banken ihre Kunden beim Verdacht auf Steuerhinterziehung anzeigen. Eurams v.7.10.Seite 4