Wem ökonomische Daten nicht passen, der hat verschiedene Möglichkeiten. Entweder er ergreift mühselig wirtschaftspolitische Maßnahmen, um die Zahlen zu verbessern. Oder er manipuliert die Zahlen einfach – und verhindert unangenehme Prognosen, die die selbst geschaffene Ruhe stören. Es ist bezeichnend, dass deutsche Entscheidungsträger angesichts der zunehmenden Arbeitslosigkeit zur zweiten Methode greifen.
Die Zahl der Stellensucher wird in den Wintermonaten über vier Millionen steigen. Statt möglichst vielen eine Beschäftigung zu vermitteln, verschickt die Bundesanstalt für Arbeit Briefe an ältere Arbeitslose. Wer nicht mehr an sich glaubt, soll dies der Nürnberger Anstalt schriftlich bestätigen. Zur Belohnung darf er länger Urlaub machen, und Präsident Jagoda kann weniger Arbeitslose vermelden. Was soll das?
Es ist zweitrangig, dass diese Manipulationen auf einem Gesetz der Regierung Kohl basieren und die rot-grüne Koalition jede Mittäterschaft abstreitet. Die Arbeitslosenstatistik hat nur eine Funktion: Ein klares Bild von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu zeichnen. Wer 58 Jahre alt ist und arbeiten kann, darf in dieser Aufstellung nicht fehlen, egal ob er sich selbst für vermittelbar hält.
Der Jugendwahn, der viele Unternehmen und nun offenbar auch die Arbeitsverwaltung befallen hat, verschleudert die Erfahrung älterer Menschen. Abgesehen davon ist dieser Missstand durch die Überalterung der Industriegesellschaften unfinanzierbar geworden. Mit 58 in Ruhestand, das geht nicht mehr, jedenfalls nicht für jene, die eine Rente erwarten. Eine generationengerechte Statistik müsste alle Erwerbsfähigen bis 65 ausweisen. Dann würde endlich sichtbar, wie grotesk das Missverhältnis zwischen Arbeitspotenzial und angebotenen Stellen geworden ist. Vielleicht würde dann begonnen, die vielen Hindernisse für neue Jobs zu beseitigen - vom ausufernden Arbeitsrecht über erdrückende Lohnnebenkosten bis zu inaktiv machenden Sozialleistungen.
Man könnte annehmen, dass dies für die Arbeitnehmerpartei SPD ein vordringliches Thema ist, wenn sie an diesem Montag zu ihrem Parteitag zusammenkommt. Doch ihren Generalsekretär Müntefering beschäftigt ganz anderes. Die Regierung verfehlt ihr Arbeitslosenziel, und was folgert Müntefering? Eine neue Politik? Nein. Er möchte künftig auf Prognosen verzichten, die die SPD verfehlen könnte. Solange eine solche Einstellung regiert, wird sich für die Arbeitslosen außer der Statistik nichts ändern.
Quelle:Südeutsche Zeitung