KHD ist ein alter deutscher Industriename. Die Wurzeln reichen bis 1856 nach Köln zurück. Der Name Humboldt knüpft bewusst an Alexander von Humboldt an; KHD stellt sich selbst heute als Unternehmen mit fast 170 Jahren Industrie- und Zementtechnikgeschichte dar. (KHD Humboldt Wedag) Historisch gehören zu diesem Strang unter anderem Humboldt, Deutz, Klöckner, Wedag und später Humboldt Wedag. Die alte industrielle Bedeutung lag nicht in Finanztechnik oder Börsenfantasie, sondern im klassischen deutschen Maschinen- und Anlagenbau: Bergbau-, Zement- und Ofentechnik. Eine externe industriehistorische Quelle beschreibt den Weg von Humboldt über Klöckner-Humboldt-Deutz bis zur Bündelung der Zementaktivitäten mit Wedag in den 1970er Jahren. (cementkilns.co.uk)
Heute ist KHD kein großer breit diversifizierter Industriekonzern mehr, sondern ein fokussierter Anbieter für die Zementindustrie. Das Unternehmen liefert Engineering, Prozesstechnologie, Projektmanagement, Ausrüstung, Inbetriebnahme, Modernisierung, Ersatzteile, Optimierung, Wartung, Schulung und digitale Services. Die Fertigung wird überwiegend ausgelagert; eigene Fertigung findet selektiv unter anderem in Faridabad in Indien statt. Inhaltlich teilt KHD das Geschäft grob in Neuanlagen/Capex und Plant Services. Technologisch geht es vor allem um Mahlsysteme, Pyroprozesse, Kalzinierung, Automatisierung, alternative Brennstoffe, Effizienzsteigerung und zunehmend CO2-Reduktion. Dazu gehören Produkte wie PYROROTOR, Flash Calciner, Clay Calcination und digitale Systeme wie KHD ProMax.
Die Aktionärsstruktur ist der zentrale Punkt bei dieser Aktie. KHD ist faktisch kein breit gestreuter deutscher Industrie-Nebenwert, sondern ein kontrollierter Wert. Laut Geschäftsbericht hält AVIC International Engineering Holdings Pte. Ltd. direkt 69,02 %. Oberste Muttergesellschaft ist die Aviation Industry Corporation of China, die der Volksrepublik China gehört. Zusätzlich wird Max Glory Industries Ltd. mit 20,00 % genannt, eine indirekte Tochtergesellschaft des chinesischen Konzerns CATIC; der Streubesitz liegt damit nur bei rund 10,98 %. Das erklärt den engen Handel, die geringe Börsenaufmerksamkeit und den strukturellen Bewertungsabschlag. Wer KHD kauft, kauft keinen frei steuerbaren Übernahmekandidaten, sondern eine Minderheitsposition neben einem chinesischen Staatskonzern.
Operativ war 2025 gemischt. Der Auftragseingang stieg deutlich von 175,4 Mio. Euro auf 257,6 Mio. Euro. Das ist positiv. Gleichzeitig sank der Umsatz von 218,1 Mio. Euro auf 177,9 Mio. Euro. Das bereinigte EBIT fiel von 10,4 Mio. Euro auf 6,7 Mio. Euro, das berichtete EBIT lag bei 4,7 Mio. Euro, das Ergebnis vor Steuern bei 11,4 Mio. Euro und der Konzerngewinn bei 6,9 Mio. Euro. Das Ergebnis je Aktie lag bei 0,14 Euro nach 0,21 Euro im Vorjahr. Das ist nicht schlecht, aber auch kein Beleg für eine starke operative Ertragsmaschine. Die EBIT-Marge bleibt niedrig, und ein wesentlicher Teil des Vorsteuergewinns kam aus dem Finanzergebnis.
Die Bilanz ist dagegen auffällig solide. Zum Jahresende 2025 wies KHD eine Eigenkapitalquote von rund 42 % aus. Das Eigenkapital lag bei gut 105 Mio. Euro bis 107 Mio. Euro, je nachdem ob man auf die zusammengefasste Kennzahl oder die Konzernbilanzposition blickt. KHD meldete außerdem liquide Mittel und konzerninterne Darlehen von rund 149 Mio. Euro. Auf den ersten Blick sieht die Aktie deshalb günstig aus: Bei rund 93 Mio. Euro Börsenwert liegt der Börsenwert unter dem bilanziellen Eigenkapital. Der Buchwert je Aktie liegt grob um 2,10 bis 2,16 Euro, der Kurs Anfang Juli 2026 also darunter. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis des 2025er EPS von 0,14 Euro liegt ungefähr bei 13. (onvista.de)
Aber die „Cash plus Darlehen“-Position ist nicht einfach frei ausschüttbarer Bargeldbestand. Darin stecken auch konzerninterne Darlehen an AVIC Kairong. KHD selbst stuft Ausfallrisiken daraus zwar wegen Monitoring und Konzernunterstützung als niedrig ein, aber für Minderheitsaktionäre ist das trotzdem ein Governance- und Bewertungsabschlag.
Dividendenfantasie gibt es aktuell praktisch nicht. Für 2025 wurde auf Ebene der KHD Humboldt Wedag International AG ein Jahresfehlbetrag und ein Bilanzverlust ausgewiesen; deshalb gab es für die Hauptversammlung 2026 keinen Beschluss zur Gewinnverwendung. Onvista weist für die Aktie ebenfalls eine Dividende von 0,00 Euro und eine Dividendenrendite von 0,00 % aus. (onvista.de) Für einkommensorientierte Anleger wie mich ist KHD damit unattraktiv. Die Investmentthese ist für meine Begriffe allenfalls Substanz, Turnaround, Technologie-Optionalität und eventuell spätere operative Normalisierung.
Zu offiziellen Kurszielen: Ich finde keine belastbaren aktuellen Analystenschätzungen oder Konsenskursziele. Finanzen.net weist für KHD keine Schätzungen und keine Analystenempfehlungen aus (finanzen.net); ich selbst werde hier jetzt auch keine abgeben.
Für 2026 ist das Management vorsichtig. KHD erwartet einen Auftragseingang rund 10 % unter dem starken Jahr 2025, aber einen Auftragsbestand zum Jahresende mehr als 10 % über 2025. Der Umsatz soll 2026 um mehr als 25 % über 2025 liegen. Trotzdem erwartet KHD nur ein leicht positives EBIT unter dem 2025er Wert von 4,7 Mio. Euro und ein Ergebnis vor Steuern im unteren einstelligen Millionenbereich. Das ist der Kern der Aktie: Umsatzwachstum ja, aber Profitabilität bleibt das Problem.
Positiv ist, dass es 2026 mehrere relevante Aufträge und Technologie-Meldungen gab. Im Juni 2026 meldete KHD einen Auftrag von Alamo Cement, einer Buzzi-Tochter, für eine neue Zementmahlanlage in den USA mit einem Volumen von mehr als 40 Mio. Euro. (KHD Humboldt Wedag) Im März 2026 kamen mehrere Meldungen zu PYROROTOR- und Modernisierungsprojekten in der Türkei, China und Ägypten. (KHD Humboldt Wedag) Das zeigt: KHD ist technologisch nicht tot, sondern in relevanten Modernisierungsthemen präsent.
Die strategische Chance liegt klar in der Dekarbonisierung der Zementindustrie. Zement ist unverzichtbar, aber extrem CO2-intensiv. Über 5 bis 15 Jahre werden die großen Themen alternative Brennstoffe, geringerer Klinkeranteil, Kalzinierung von Ton, Effizienzsteigerung, Oxyfuel, CCUS und digitale Prozessoptimierung sein. KHD nennt diese Felder selbst als Marktchancen. Das passt gut zu einem Spezialisten wie KHD. Wenn die Branche wirklich stärker investiert, kann KHD davon profitieren.
Allerdings bleibt die Zementindustrie zyklisch und investitionsabhängig. Zudem ist der Wettbewerb hart, besonders bei großen Neuanlagen und Projektverzögerungen, Beschaffungsrisiken, Währungen und Margendruck können die Ergebnisse schnell belasten. KHD selbst nennt Markt-, Wettbewerbs-, Beschaffungs- und Projektabwicklungsrisiken. Die Aktie ist illiquide und der Streubesitz extrem klein. Hinzu kommt ein struktureller Minderheitsaktionärszuschlag durch AVIC.
Ich selbst bin hier nicht drin und habe auch keinen Einstieg vor. Mich interessieren vor allem deutsche Unternehmen nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch mit Blick auf ihre Historie. Dabei war KHD Humboldt Wedag im Zuge meiner Recherchen mit auf den Schirm geraten.
Allen, die hier investiert sind, wünsche ich viel Erfolg.