ganz interessant und lesenswert
Jürgen Geißinger
Mit hoher Drehzahl
von Martin Buchenau und Carsten Herz
Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger arbeitet an dem Coup seines Lebens: der Übernahme von Conti. Es ist die logische Folge seines Werdegangs, hat Conti doch einst seinen alten Arbeitgeber geschluckt.
Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger
STUTTGART. Das Licht in Jürgen Geißingers Büro im sechsten Stock des Firmengebäudes der Schaeffler-Gruppe in der Herzogenauracher Industriestraße geht meist noch vor sieben Uhr morgens an und brennt oft bis zehn Uhr nachts. Der 49-jährige Manager mit den schmalen Lippen und den stahlblauen Augen arbeitete schon immer hart, sehr hart - gegen sich selbst und gegen andere.
Seit Monaten bastelt er an dem Coup seines Lebens: der Übernahme des dreimal größeren Autozulieferers Continental. Zur Verschleierung benutzt er den Decknamen "Emma" für Conti und "Paul" für Schaeffler.
Vor etwa drei Wochen sind seine Pläne bekannt geworden. Was einschlug wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wirkt bei näherer Betrachtung seines Werdegangs fast wie eine logische Konsequenz. Weil Conti einst das Unternehmen übernahm, bei dem Geißinger arbeitete, kündigte dieser seinen Job und wechselte zu Schaeffler. Aus dem behutsam wachsenden Familienunternehmen machte er in zehn Jahren einen aggressiven, global agierenden Konzern. Und jetzt will er die Kontrolle über Conti - den Konzern, der seinen ehemaligen Arbeitgeber schluckte.
Schaeffler-Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler stand zwar als "listige Witwe" in den vergangenen Wochen im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Den Angriff auf Conti hat aber zweifellos Geißinger ausgeheckt. Er trägt seine Handschrift. "Gute Ideen haben viele Väter", antwortet Geißinger in der Telefonkonferrenz auf die Frage nach dem Ideengeber.
Die Beziehung zu ihrem Top-Manager bezeichnete die Firmen-Patriarchin Schaeffler einmal als "engen persönlichen Draht" und "professionelle Symbiose". Sie lässt ihm freie Hand. Er dankte es bislang mit Loyalität und imposanten Zahlen: Der Wälzlager- und Kupplungshersteller setzte zuletzt knapp neun Milliarden Euro um und beschäftigt heute 66 000 Mitarbeiter, 12 000 mehr noch als noch vor fünf Jahren.
Geißingers aktueller Coup verdient höchsten Respekt: Nicht einmal den Einstieg von Porsche bei VW brauchte er als Blaupause. Denn Geißinger hat bereits 2001 mit der Übernahme des größeren und börsennotierten Konkurrenten FAG Kugelfischer als erster in Deutschland gezeigt, wie ein Familienunternehmen mit einer unfreundlichen Übernahme einen börsennotierten Konzern schlucken kann - vier Jahre vor Porsches Griff nach VW.
Geisinger war für Schaeffler ein Glücksgriff. Nur fünf Minuten hat Maria-Elisabeth Schaeffler angeblich gebraucht, um bei der ersten Begegnung auf der Hannover Messe 1998 zu erkennen, dass er "der Richtige" ist für die Spitzenposition in ihrem Unternehmen. 1996 war ihr 24 Jahre älterer Mann Georg Schaeffler gestorben. Niemand traute ihr die Führung des voll auf den Patriarchen zugeschnittenen Unternehmens damals zu, aber sie hielt den Laden zwei Jahre zusammen. Ihr Sohn wollte nicht ins operative Geschäft und lebt als Anwalt in den USA.
Geißinger hingegen hatte sich beim US-Autozulieferer ITT einen Namen gemacht. Der promovierte Maschinenbauer folgte dem heutigen Aufsichtsratschef von Continental Hubertus von Grünberg seinerzeit auf den Chefsessel des Autozulieferers Teves. Teves wurde später von Conti übernommen. Für Geißinger Anlass den Job zu quittieren. Dass er sich dafür zehn Jahre später einmal böse revanchieren würde, konnte er damals noch nicht wissen.
Das Angebot für den Chefposten von Schaeffler im November 1998 kam ihm jedenfalls gerade recht. Von Konzernen hatte Geißinger genug, nicht aber von deren Managementmethoden. Der Schwabe führt, wie er gerne betont, INA wie einen Weltkonzern - mit US-Bilanzierungsrichtlinien und Quartalsberichterstattung. Die Zahlen und vor allem der Gewinn sind allerdings nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern nur für Maria-Elisabeth Schaeffler.
Es war Geißinger, der die verkrusteten Strukturen bei Schaeffler aufbrach. Er war es, der nur ein Jahr nach Amtsantritt den Franzosen 50 Prozent des Kupplungsherstellers Luk abknöpfte und den weltgrößten Kupplungshersteller in den Konzern integrierte. Und er war es, der 2001 FAG Kugelfischer überrumpelte - mit Techniken, die in dem Familienunternehmen nicht üblich waren.
Wenn Geißinger das Visier hochklappt, ist die Schlacht für den Gegenüber fast schon verloren. "Schnelle Auffassungsgabe, Durchsetzungsstark - entschieden in der Verfolgung seiner Ziele." So beschreibt ihn einer, der ihn aus nächster Nähe kennt. Geißinger gilt als Freund der klaren Worte. Den Mitarbeitern hat er die 40-Stunden-Woche abgetrotzt. "Er geht über Menschen hinweg", hat einmal FAG-Betriebsratschef Norbert Lehnhard beklagt.
Wenn Conti-Chef Manfred Wennemer derzeit an Geißinger denkt, dann dürfte sein Adrenalin hochschießen - auch wenn er in Interviews den Angreifer nicht mit Namen nennt, sondern nur von der Schaeffler-Gruppe spricht. Männer wie Geißinger empfinden diese Art der Missachtung als Auszeichnung.
Jedenfalls ist Geißinger gelassen genug, sich mitten in der Übernahmeschlacht ein paar Stunden auf dem Golfplatz zu entspannen. Seine Familie sieht er ohnehin nur am Wochenende. Sie lebt in Stuttgart. Geißinger liebt Technik und Motoren. Seinen Rekord für die Strecke von Herzogenaurach nach Stuttgart hält er unter Verschluss, er dürfte seinen Führerschein gefährden. Für Conti Wennemer-Chef ist Geißingers Tempo jedenfalls zu hoch, so dass er sich nur noch mit juristischen Mitteln gegen den Angriff zu helfen weiß.
www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/mit-hoher-…
guten Rutsch und ein tolles 2009 für alle!
hollewutz