Kanzler-Reise mit großem Nutzen


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Kanzler-Reise mit großem Nutzen

 
09.02.02 22:09
Konstruktiver Meinungsaustausch und zielstrebige Kooperation von Politik und Wirtschaft sind wichtige Elemente für den Erfolg deutscher Unternehmen in der globalisierten Welt

Kanzler-Reise mit großem Nutzen 571300

Von Heinrich von Pierer

Die Aufgeschlossenheit der Bundesregierung wie auch vieler Ministerpräsidenten für eine solche Zusammenarbeit habe ich während meiner bald zehn Jahre dauernden Zeit als Vorstandsvorsitzender von Siemens und als Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (APA) stets empfunden. Und gerade vergangene Woche am Rande des World Economic Forums (WEF) in New York hat ein ausführliches Gespräch zwischen Bundeskanzler Schröder und führenden Vertretern der Wirtschaft dies erneut bestätigt.

Wenn der Bundeskanzler heute, begleitet von einer Wirtschaftsdelegation, nach Lateinamerika reist, dürfte das wiederum für die deutsche Wirtschaft und die vielen exportabhängigen Arbeitsplätze in unserem Land von großem Nutzen sein. Immerhin fällt die Reise in eine Zeit intensiver Diskussionen über innen- und wirtschaftspolitische Fragen der Zukunftsgestaltung in der Region.

Für Lateinamerika insgesamt geht es um grundsätzliche Weichenstellungen zur Zukunft des Mercosur - mit mehr als 220 Millionen Verbrauchern immerhin das drittgrößte Wirtschaftsbündnis der Welt. Schließt es sich der Zielsetzung der USA an, den NAFTA-Raum auf den ganzen amerikanischen Kontinent auszudehnen, oder setzt es eher auf eine eigenständigere Entwicklung mit einer vertieften Zusammenarbeit zwischen Mercosur und Europäischer Union als wichtigem Bestandteil. Die Verhandlungen dauern an. Die Entscheidung, die für die zukünftige wirtschaftliche Zusammenarbeit große Bedeutung hat, ist noch völlig offen.

Deutsche Unternehmen haben in Lateinamerika einen guten Ruf, sind geschätzt und vor Ort präsent. Nicht nur in den Metropolen Brasiliens, Argentiniens und Mexikos begegnet man auf Schritt und Tritt den Firmenschildern deutscher Unternehmen. Wir verdanken diesen Status nicht zuletzt unserer Einstellung, auch in schwierigen Zeiten standzuhalten. Einen Bogen um Problemlagen und kritische Phasen zu machen, war noch nie unsere Maxime. Mit diesen Stärken kann Deutschland einen wichtigen Beitrag zur Zukunft Lateinamerikas leisten.

Negativ wirkt hierbei jedoch, dass Deutschland in den letzten Jahren bei den Direktinvestitionen in der Region leider nur noch eine untergeordnete Rolle spielte. Hier haben sich vor allem unsere EU-Partner Spanien, Frankreich und Italien wesentlich stärker engagiert.

Wirtschaftliche Zusammenarbeit heißt eben nicht nur klassischer Export. Die Devise in der globalisierten Wirtschaft lautet mehr und mehr "Wertschöpfung vor Ort", oder Neudeutsch "local content". Eine Reihe deutscher Unternehmen, vor allem aus der Automobil- und Stahlindustrie, der Chemie und der Elektrotechnik nutzen die Chancen vor Ort seit langem. Sie sind dort mit Forschung, Entwicklung und Produktion etabliert und erfolgreich. Aber sie leiden natürlich auch immer wieder unter krisenhaften Erschütterungen.

Natürlich erfordert lokales Engagement unternehmerischen Mut, gerade für den Mittelstand. Eine solide Finanzkraft sowie profunde Kenntnisse über Standortfaktoren, Markt- und Investitionsbedingungen sind unverzichtbare Voraussetzungen für den Sprung nach Lateinamerika. Ein guter Weg dahin kann auch eine "Huckepack-Strategie" sein. Das heißt, dass kleine und mittlere Unternehmen sich als Lieferanten einem großen deutschen Partner anschließen, etwa in der Automobilindustrie, um so die ersten Wurzeln im Land zu schlagen.

Siemens als multinationales Unternehmen geht beide möglichen Wege. Wir sind sowohl Exporteur nach klassischem deutschen Muster als auch gleichzeitig integraler Bestandteil der lokalen Wirtschaft. Wir sind in allen Ländern Lateinamerikas ein Good Corporate Citizen, und das mit langer Tradition. In Mexiko seit mehr als 100 Jahren, in Brasilien seit 1905, in Argentinien öffnete ein erstes Siemens-Büro 1908.

Wir beschäftigen in Lateinamerika derzeit rund 23.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir erzielen dort einen Umsatz von mehr als vier Milliarden Euro und betreiben beachtliche Wertschöpfung vor Ort.

Doch wirtschaftlicher Erfolg funktioniert niemals losgelöst vom politischen und gesellschaftlichen Umfeld. Die Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft ist daher gerade im Ausland unverzichtbar.

Die Reise des Kanzlers ist daher weit mehr als ein normaler Besuch eines deutschen Regierungschefs bei befreundeten lateinamerikanischen Staaten. Sie ist ein wichtiges Signal für eine erfolgreiche Zukunft der deutschen Wirtschaft in dieser Region.

Heinrich von Pierer ist Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, München.
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"Brasilien und Mexiko sind im Kern gesund"

 
10.02.02 22:08
Interview: DIHK-Präsident Braun sieht Chancen für deutsche Firmen, wenn Zölle fallen

Bundeskanzler Gerhard Schröder reist ab heute zum ersten Mal in seiner Amtszeit durch Lateinamerika. Er besucht Mexiko, Brasilien und Argentinien. Ludwig-Georg Braun, Vorsitzender der Lateinamerika-Initiative der deutschen Wirtschaft und Präsident des DIHK, analysierte im Gespräch mit Hildegard Stausberg das deutschen Wirtschaftsengagement in diesen Ländern. Braun begleitet den Kanzler auf der Reise.

DIE WELT: Welche Hoffnungen haben Sie in den Besuch von Bundeskanzler Schröder?

Ludwig-Georg Braun: Ich hoffe unter anderem, dass der Bundeskanzler in Deutschland mehr Aufmerksamkeit für die Region und in der Region mehr Aufmerksamkeit für Deutschland weckt. Auch kann ein solcher Besuch ein Schlaglicht auf die Probleme werfen, mit denen deutsche Unternehmen in Lateinamerika zu kämpfen haben, und zu deren Lösung beitragen.

DIE WELT: Wieso sollten sich deutsche Unternehmen überhaupt in Lateinamerika engagieren?

Braun: Mexiko und Brasilien bestechen durch die Größe des Marktes. 100 Millionen Verbraucher in Mexiko und 170 Millionen in Brasilien, diese Größenordnungen kann die deutsche Wirtschaft nicht ignorieren. Zusammengenommen hat der aus Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay gebildete Mercosur so viel Wirtschaftskraft wie China. Brasilien hat einiges an positiven Strukturanpassungen hinter sich gebracht und ist damit wettbewerbsfähiger geworden. Mexiko hat sich darüber hinaus durch kluge freihändlerische Politik zu einer interessanten Drehscheibe entwickelt. Mit den USA und Kanada ist es über die Freihandelszone Nafta verbunden, mit vielen anderen Ländern über bilaterale Freihandelsabkommen.

DIE WELT: Wird die Argentinienkrise nicht doch noch den Nachbarn Brasilien erreichen?

Braun: Das glaube ich nicht; der Fall wäre dann schon eingetreten. Die Argentinienkrise hat vielmehr gezeigt, dass Brasilien und Mexiko im Kern gesund und stabil sind. Noch vor einigen Jahren wären diese Länder mitgezogen worden. Diesen Effekt sehen wir jetzt nicht mehr. Für Argentinien gilt im Übrigen, dass es noch immer die drittgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas ist, in der es auf mittlere Sicht auch wieder aufwärts gehen wird. Voraussetzung dafür ist natürlich ein schlüssiges Programm der Übergangsregierung und Unterstützung von außen.

DIE WELT: Im letzten Jahr haben die Präsidenten der amerikanischen Staaten beschlossen, eine von Alaska bis Feuerland reichende Freihandelszone zu gründen. Was bedeutet dies für Deutschlands Chancen dort?

Braun: Das hängt ganz davon ab, inwieweit wir es schaffen, selbst mit den wichtigen Märkten zu freierem Handel zu kommen. Wenn die "Free Trade Area of the Americas" früher zu Stande kommt als unser Freihandelsabkommen mit den Ländern des Mercosur, könnten wir empfindliche Einbußen haben. Dies gilt natürlich besonders für die mittelständischen Unternehmen, die zu klein für Investitionen hinter den Zollmauern des Mercosur sind. Sie sind auf die Importbedingungen in den Zielmärkten angewiesen. Wenn der amerikanische Konkurrent auf einmal ohne Zoll anbieten kann, ist man schnell aus dem Rennen. Deswegen ist es wichtig, dass zügig mit den Ländern verhandelt wird.

DIE WELT: Wie sehen Sie die Chancen, dass der Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen der EU und dem Mercosur bis 2006 gelingt. Steht hier nicht wieder die europäische Agrarpolitik der Liberalisierung im Wege?

Braun: Hierzu muss man mehrere Fakten nennen, um einschätzen zu können, wie wichtig das Agrarthema für die Mercosur-Länder ist: Während sich die deutschen Exporte Richtung Mercosur in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt haben, haben die Mercosur-Lieferungen an uns - sie bestehen zu 45 Prozent aus Agrargütern - stagniert. Gegenüber der Europäischen Union schiebt der Mercosur ein riesiges Handelsdefizit vor sich her. Die Verhandlungsposition dieser Länder ist ganz einfach: Wenn wir Europäer nicht Zugeständnisse beim Export wichtiger brasilianischer und argentinischer Produkte - also vor allem Agrargüter - machen, wird sich unser Marktzugang für Maschinen auch nicht verbessern.
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Mexiko buhlt um deutsche Investoren

 
11.02.02 00:13
Mexikos Präsident Vicente Fox will das im Juli 2000 mit der EU geschlossene Handelsabkommen "stärker nutzen", um die Abhängigkeit seines Landes von den USA zumindest etwas zu senken.

Kanzler-Reise mit großem Nutzen 572166  
Präsident Vicente Fox
 
Mexiko biete europäischen Investoren niedrige Arbeitskosten und Zugang zu den Märkten Nord- und Südamerikas, sagte Fox vor dem am Montag beginnenden Staatsbesuch von Bundeskanzler Gerhard Schröder in Mexiko in einem Gespräch mit deutschen Journalisten.

"Wir können in zehn Jahren (mit Europa) auf ähnlich spektakuläre Dimensionen von Handel und Investition kommen wie bei der Nordamerikanischen Freihandelszone (Nafta)", so Fox. Mexiko sei der "beste Investitionsstandort der Welt", wirbt der Exmanager. Als neuntgrößte Volkswirtschaft sei sein Land schon sehr "nahe dran an den G7".

Schröder, der am Sontagabend in Mexiko eintraf, wird von mehr als 20 Unternehmensvertretern begleitet. Derzeit sind bereits etwa 700 deutsche Firmen in Mexiko vertreten, darunter Großkonzerne wie VW, Bayer, BASF und Siemens. Schätzungen zufolge tragen sie rund fünf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Energie und Petrochemie im Blickpunkt

Fox würde unter anderem für strategische Sektoren wie Energie und Petrochemie gerne deutsche Investoren gewinnen. In beiden Sektoren ist die private und ausländische Beteiligung bisher noch durch die Verfassung beschränkt. Zwar liegt im Parlament eine Initiative für eine Teil-Entstaatlichung, ihre Chancen sind aber ungewiss. Doch auch jetzt gebe es "attraktive Beteiligungsmöglichkeiten", etwa beim Erdgas oder in 26 neuen privat finanzierten Stromwerken, sagt Fox.

Auf den ersten Blick hat Mexiko das Krisenjahr 2001 gut überstanden. Die Inflation sank auf 4,4 Prozent, das Etatdefizit liegt nur noch leicht über der Sollmarke von 0,65 Prozent. Ein Devisenpolster von mehr als 40 Mrd. $ lässt argentinische Verhältnisse in weite Ferne rücken. "Es gibt keinerlei Ähnlichkeit", betont Fox. Selbst die Auslandsverschuldung sei mit 85 Mrd. $ "kein Problem mehr".

Andere Wirtschaftsdaten sind aber weniger positiv. So ist Mexikos Wirtschaft - vor allem wegen der Rezession in den Vereinigten Staaten - im vergangenen Jahr um 0,2 Prozent geschrumpft. Fast 400.000 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Auch sein Ziel, mehr Menschen aus der Armut zu holen, hat Fox nicht erreicht. Hier gebe es "keine Veränderung", gesteht der mexikanische Präsident ein. Für dieses Jahr ist ein Wachstum von 1,7 Prozent prognostiziert. Fox hofft, durch "aggressive" Jobprogramme Arbeitsplätze schaffen zu können.

Exporte in die USA verdreifacht

Knapp 90 Prozent der mexikanischen Exporte gehen in die USA, rund drei Viertel aller Produkte werden aus dem großen Nachbarland im Norden bezogen. Vor allem seit der Gründung der Nafta 1994 haben sich die mexikanischen Ausfuhren in die USA nahezu verdreifacht.

Seit Juli 2000 gilt ein ähnlicher Freihandelsvertrag mit der Europäischen Union. Bislang wickelt Mexiko aber weit weniger als ein Zehntel seines Handels mit Europa ab - ein knappes Drittel davon mit Deutschland: Mit einem Handelsvolumen um die 6,5 Mrd. Euro ist Deutschland hinter Kanada und Japan einer der wichtigsten Wirtschaftspartner des Landes. Allerdings importiert Mexiko dreimal so viel, wie es in Deutschland verkauft.

Allerdings hat Fox ein Problem: Die ehemalige Staatspartei - die Partei der institutionalisierten Revolution (PRI) - hat zwar im Jahr 2000 Präsidentensessel und absolute Mehrheit verloren. Noch aber hat sie mehr Abgeordnete im Parlament als die konservative Partei der Nationalen Aktion (PAN), der auch Präsident Fox angehört. "Wir sind eine Regierung ohne Mehrheit im Kongress, unser einziger Weg ist der Konsens und Dialog", sagt Fox.

Steuerreform umgeschrieben

Dafür müsste Fox einen hohen Preis bezahlen. Seine beiden ehrgeizigsten Projekte - ein Gesetz über die Selbstbestimmung der Ureinwohner und eine Steuerreform - wurden vom Kongress radikal umgeschrieben. Fox gibt sich als souveräner Verlierer: "So ist Demokratie: Der Präsident schlägt vor, die Legislative entscheidet."

Bei der Steuerreform stimmten die Abgeordneten gegen die von Fox geforderte Steuer auf Medikamente und Grundnahrungsmittel. Stattdessen führten sie eine Reihe verwirrender Regeln ein, darunter eine Luxussteuer auf Handys und Restaurantbesuche. Dass sich das Steueraufkommen mit den Neuerungen von knapp elf auf gut 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht, wertet Fox aber dennoch als "positiv".

Verglichen mit anderen Ländern gehe es Mexiko "ausgesprochen gut", meint Fox. Wie zum Beweis dieser Einschätzung hat vor wenigen Tagen als letzte der drei großen internationalen Rating-Agenturen auch Standard & Poor’s Mexiko den begehrten "investment grade" verliehen. Dies sei ein weiterer Beleg dafür, dass "die internationalen Kapitalmärkte volles Vertrauen in Mexiko haben", sagt Präsident Fox.

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