
Berlin (Reuters) - Der CDU-Führung entgleitet die Debatte über die Kanzlerkandidatur der Union zunehmend. Sowohl über den Zeitpunkt der Kandidatenkür als auch über die in Frage kommenden Anwärter wurde am Samstag weiter gestritten. Dabei wurde erneut auch der frühere CDU-Vorsitzende Wolfgang Schäuble als möglicher Kandidat gehandelt. Die Spitze seines baden-württembergischen CDU-Landesverbands ist nach einem Zeitungsbericht mehrheitlich gegen die jetzige Parteichefin Angela Merkel als Kandidatin. Merkel übte Kritik am Landesverband und wiederholte ihre bislang verhallten Aufrufe zu mehr Disziplin in der Kandidatenfrage.
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Rupert Scholz sagte dem Nachrichtenmagazin "Focus", Schäuble habe die Qualitäten eines Kanzlerkandidaten. Nach Einstellung des Berliner Ermittlungsverfahrens gegen ihn sei Schäuble rehabilitiert und könne die Union ihn wieder voll einsetzen. Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte ermittelt, weil Schäuble und die frühere CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister nicht miteinander zu vereinbarende Angaben über die Umstände der Übergabe einer 100.000-Mark-Spende des Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber gemacht hatten. Da es der Ermittlungsbehörde nicht gelang, zu einer Klärung zu kommen, stellte sie das Verfahren ein.
Die "Stuttgarter Zeitung" (Samstagausgabe) zitierte Stimmen aus dem Präsidium des baden-württembergischen CDU-Landesverbands, Schäuble und auch CSU-Chef Edmund Stoiber könnten "mit der Autorität beider Parteien ins Rennen gehen". Im Präsidium herrsche die Meinung vor, Merkel solle nicht als Kandidatin antreten, hieß es in dem Bericht. Das Präsidium habe Ministerpräsident Erwin Teufel gebeten, Merkel davon zu überzeugen, die Entscheidung über die Kandidatur vorzuziehen.
Vom Landesverband war zunächst keine Stellungnahme zu dem Bericht zu erhalten. Merkel kritisierte den Landesverband auf einem Parteitag des mitgliederstärksten CDU-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen in Hagen. Seine Führung habe gegen den Beschluss der Parteispitze in Berlin zum Zeitplan der Kandidatenkür votiert. Sie habe gewusst, dass die baden-württembergische CDU-Führung zeitgleich mit dem Präsidium in Berlin getagt habe, "und das hat mich bedrückt", sagte Merkel weiter. Darüber hinaus sei es auch schädlich, dass immer wieder "kleine Hiebe aus Bayern" kämen.
Merkel forderte erneut ein Ende der Kandidatendebatte und beschwor die Einigkeit der Partei, die sich in Hinblick auf ihre Wahlchancen an einem Scheideweg befinde. Auch der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Friedrich Merz, forderte in Hagen ein Ende der Debatte. Die Delegierten begrüßten die Vorsitzende bei ihrer Ankunft in Hagen mit anhaltendem Beifall.
Sie hatte zuvor bereits auf einem Parteitag der CDU von Mecklenburg-Vorpommern in Sparow ein Ende der Personaldebatte gefordert und bekräftigt, dass eine Entscheidung erst Anfang nächsten Jahres fallen solle. Unterstützung erhielt Merkel vom neu gewählten Vorsitzenden ihres Landesverbands, Fraktionschef Eckhardt Rehberg. Was von einigen in der CDU in Form einer Kampagne gegen Merkel betrieben werde, sei auch menschlich völlig inakzeptabel. "Wenn die CDU Harakiri betreiben will, dann muss sie so weiter machen", warnte Rehberg.
Schäuble lehnte es in der "Bild am Sonntag" ab, in die Debatte einzugreifen: "Warum sollte ich mich zu einer Debatte äußern, die ich für falsch halte? Besser ist es, dass man zu dieser Debatte überhaupt nichts sagt. Ich habe nichts dazu beigetragen - ich werde es auch weiterhin nicht tun." Er betonte, er sei über die Diskussion nicht glücklich. "Ich will auch nicht, dass sie fortgesetzt wird. Es war nie meine Art, die eigene Karriere zu planen - heute noch viel weniger."
Der baden-württembergische CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang von Stetten verlangte in der "Bild"-Zeitung, die Entscheidung über die Kandidatur so schnell wie möglich zu treffen, am besten noch in diesem Jahr. Der Generalsekretär der baden-württembergischen CDU, Volker Kauder, sagte dem "Focus" zum CDU-Bundesparteitag Anfang Dezember, je nach Stimmungslage der Delegierten "könnte es schwierig sein, sie bis zum Januar zu vertrösten - zumal ein klares Wort durchaus ein Signal zum Aufbruch sein könnte".