Experten: Maßnahmen können nur erster Schritt sein - Dax-Aufschwung aber nur bei tief greifenden Reformen
von Daniel Eckert
Berlin - Für viele gestandene Sozialdemokraten dürften die in der Agenda 2010 vorgeschlagenen Schritte zum Umbau des Sozialstaats wie ein Schreckensszenario anmuten. Von einer Kürzung des Arbeitslosengeldes, einer Privatisierung des Krankengeldes, einer Lockerung des Kündigungsschutzes und ähnlichen Grausamkeiten ist die Rede. Entsprechend verbissen ist der Widerstand, der auch Gerhard Schröders Agenda 2010 aus den eigenen Reihen entgegengebracht wird. Anfang der Woche musste der Kanzler sogar mit seinem Rücktritt drohen, um die Reformen gegen den Protest der Parteilinken und Gewerkschaften durchzudrücken.
Die deutsche Volkswirtschaft und damit auch der Aktienmarkt hat eine Reformoffensive derweil bitter nötig. "Es muss etwas geschehen, um den Standort Deutschland vor dem Abstieg zu bewahren", sagt Gerhard Schwarz, Leiter Portfolio-Strategie bei der Hypo-Vereinsbank.
Der starke Kursrückschlag zum Wochenbeginn gemahnte viele Anleger daran, dass von einem stabilen Aufschwung nicht die Rede sein kann. Noch immer notieren viele Dax-Werte drei Viertel unter ihrem Höchststand. Und auch im Vergleich mit anderen Börsen sieht die Bilanz mager aus. Während der Dow Jones nur gut zehn Prozent unter seinem Stand vom Mai 2002 notiert, hat der Dax im Jahresvergleich fast 40 Prozent verloren. Damit steht er auch deutlich schlechter da als die anderen europäischen Indizes: Der französische CAC 40 büßte rund 30, der FTSE 100 nur etwas mehr als 20 Prozent ein.
Die Hoffnungen der Anleger richten sich jetzt darauf, dass die Agenda 2010 Verkrustungen auf dem Arbeitsmarkt aufbricht, die Lohnnebenkosten verringert und der deutschen Ökonomie ihre Dynamik zurückgibt. Wunder sollten Investoren von dem Reformprogramm indes nicht erwarten.
"Kurzfristig können die Neuerungen sogar einen gegenteiligen Effekt haben", betont Dirk Schumacher von der Investmentbank Goldman Sachs. Durch die vereinfachte Möglichkeit zur Kündigung könne zum Beispiel die Arbeitslosigkeit hochschnellen. Das werde vorübergehend einen weiteren Nachfrageausfall und eine stärkere Belastung der Staatskassen mit sich bringen. Im Aufschwung würden Unternehmen dann aber umso schneller wieder einstellen. Übereinstimmend warnen alle Experten vor einer weiteren Gefahr im Zusammenhang mit der Reformdiskussion: "In Deutschland darf nicht jeden Tag eine neue Steuer-Sau durchs Dorf getrieben werden", sagt Robert Halver, Stratege bei der Bank Vontobel, "das ist tödlich für das Vertrauen der Konsumenten und Investoren."
Auch in anderer Hinsicht sind sich die Strategen einig. Sollte die Agenda 2010 in den Parteigremien oder im Bundestag scheitern, wäre dies ein Menetekel für die Zukunft des Landes. Doch selbst wenn Schröder sein Projekt ohne Abstriche durch die Gremien drücken kann, bedeutet dies noch keinen Durchbruch beim Reformprozess. "Die Agenda ist allenfalls ein erster Schritt in die richtige Richtung", betont Schwarz.
"Einen autonomen Aufschwung wird es am deutschen Aktienmarkt nur dann geben, wenn sich die Politik zu groß angelegten Reformen durchringen kann", so Halver. Bis dahin wird der deutsche Aktienmarkt wohl am Tropf der anderen Weltbörsen hängen und meist ein wenig schlechter abschneiden als diese. Weiterhin skeptisch äußern sich vor allem angelsächsische Marktbeobachter. Sarasin-Stratege Roger Nightingale glaubt nicht, dass Deutschland schon reif ist für wirkungsvolle Reformen. Erst müsse die stärkste Volkswirtschaft Europas durch ein Purgatorium von 15 Prozent Arbeitslosigkeit und drei Prozent Deflation gehen. Der einzige Markt, in dem bis dahin richtig Geld zu verdienen sein dürfte, ist der Rentenmarkt. Denn nach Nightingales Einschätzung sinkt der Leitzins auf null Prozent.
Verglichen mit diesem Horrorszenario mögen sich Schröders Reformpläne sogar in den Ohren von SPD-Linken und Gewerkschaftlern gar nicht mehr so schrecklich anhören.
von Daniel Eckert
Berlin - Für viele gestandene Sozialdemokraten dürften die in der Agenda 2010 vorgeschlagenen Schritte zum Umbau des Sozialstaats wie ein Schreckensszenario anmuten. Von einer Kürzung des Arbeitslosengeldes, einer Privatisierung des Krankengeldes, einer Lockerung des Kündigungsschutzes und ähnlichen Grausamkeiten ist die Rede. Entsprechend verbissen ist der Widerstand, der auch Gerhard Schröders Agenda 2010 aus den eigenen Reihen entgegengebracht wird. Anfang der Woche musste der Kanzler sogar mit seinem Rücktritt drohen, um die Reformen gegen den Protest der Parteilinken und Gewerkschaften durchzudrücken.
Die deutsche Volkswirtschaft und damit auch der Aktienmarkt hat eine Reformoffensive derweil bitter nötig. "Es muss etwas geschehen, um den Standort Deutschland vor dem Abstieg zu bewahren", sagt Gerhard Schwarz, Leiter Portfolio-Strategie bei der Hypo-Vereinsbank.
Der starke Kursrückschlag zum Wochenbeginn gemahnte viele Anleger daran, dass von einem stabilen Aufschwung nicht die Rede sein kann. Noch immer notieren viele Dax-Werte drei Viertel unter ihrem Höchststand. Und auch im Vergleich mit anderen Börsen sieht die Bilanz mager aus. Während der Dow Jones nur gut zehn Prozent unter seinem Stand vom Mai 2002 notiert, hat der Dax im Jahresvergleich fast 40 Prozent verloren. Damit steht er auch deutlich schlechter da als die anderen europäischen Indizes: Der französische CAC 40 büßte rund 30, der FTSE 100 nur etwas mehr als 20 Prozent ein.
Die Hoffnungen der Anleger richten sich jetzt darauf, dass die Agenda 2010 Verkrustungen auf dem Arbeitsmarkt aufbricht, die Lohnnebenkosten verringert und der deutschen Ökonomie ihre Dynamik zurückgibt. Wunder sollten Investoren von dem Reformprogramm indes nicht erwarten.
"Kurzfristig können die Neuerungen sogar einen gegenteiligen Effekt haben", betont Dirk Schumacher von der Investmentbank Goldman Sachs. Durch die vereinfachte Möglichkeit zur Kündigung könne zum Beispiel die Arbeitslosigkeit hochschnellen. Das werde vorübergehend einen weiteren Nachfrageausfall und eine stärkere Belastung der Staatskassen mit sich bringen. Im Aufschwung würden Unternehmen dann aber umso schneller wieder einstellen. Übereinstimmend warnen alle Experten vor einer weiteren Gefahr im Zusammenhang mit der Reformdiskussion: "In Deutschland darf nicht jeden Tag eine neue Steuer-Sau durchs Dorf getrieben werden", sagt Robert Halver, Stratege bei der Bank Vontobel, "das ist tödlich für das Vertrauen der Konsumenten und Investoren."
Auch in anderer Hinsicht sind sich die Strategen einig. Sollte die Agenda 2010 in den Parteigremien oder im Bundestag scheitern, wäre dies ein Menetekel für die Zukunft des Landes. Doch selbst wenn Schröder sein Projekt ohne Abstriche durch die Gremien drücken kann, bedeutet dies noch keinen Durchbruch beim Reformprozess. "Die Agenda ist allenfalls ein erster Schritt in die richtige Richtung", betont Schwarz.
"Einen autonomen Aufschwung wird es am deutschen Aktienmarkt nur dann geben, wenn sich die Politik zu groß angelegten Reformen durchringen kann", so Halver. Bis dahin wird der deutsche Aktienmarkt wohl am Tropf der anderen Weltbörsen hängen und meist ein wenig schlechter abschneiden als diese. Weiterhin skeptisch äußern sich vor allem angelsächsische Marktbeobachter. Sarasin-Stratege Roger Nightingale glaubt nicht, dass Deutschland schon reif ist für wirkungsvolle Reformen. Erst müsse die stärkste Volkswirtschaft Europas durch ein Purgatorium von 15 Prozent Arbeitslosigkeit und drei Prozent Deflation gehen. Der einzige Markt, in dem bis dahin richtig Geld zu verdienen sein dürfte, ist der Rentenmarkt. Denn nach Nightingales Einschätzung sinkt der Leitzins auf null Prozent.
Verglichen mit diesem Horrorszenario mögen sich Schröders Reformpläne sogar in den Ohren von SPD-Linken und Gewerkschaftlern gar nicht mehr so schrecklich anhören.