Indien will China überholen
GABRIELE VENZKY, 04.01.06, 23:24h
Die erschreckende Armut und eine katastrophale Infrastruktur gefährden Indiens ehrgeizige Ziele.
Delhi - An Selbstbewusstsein mangelt es den Indern nicht mehr, seit ihr Land im vergangenen Jahr mit Wachstumsraten von bis zu zehn Prozent im Quartal sogar China in den Schatten stellt. Berauscht von den Statistiken klopfen sich die Politiker kräftig auf die Schultern und die junge Generation, die sich kaum noch an die Mangeljahre der sozialistischen Zeit erinnern kann, ist entschlossen, China zu überholen.
Die Tatsache, dass China gerade erst seine Wirtschaftsdaten revidiert hat und demnach bereits die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ist, vor Frankreich und Großbritannien und nur noch hinter den USA, Japan und Deutschland, ist erst recht ein Ansporn. Zwar liegt Indien mit einer Wirtschaftsleistung von 626 Milliarden Euro noch weit hinter China mit 1,65 Billionen Euro zurück, und auch das statistische Pro-Kopf-Einkommen ist in China mit rund 1000 Euro doppelt so hoch wie das indische. Trotzdem sieht sich Indien bereits als Supermacht, denn: „China wird alt, bevor es reich werden kann, wir dagegen haben ein unerschöpfliches Reservoir von jungen Leuten, und wir werden davon profitieren“, prophezeit Handels- und Industrieminister Kamal Nath. „In Europa wird immer noch um die 35-Stunden-Woche gekämpft. Unsere Menschen kämpfen dagegen um den 35-Stunden-Tag“, sagt der Minister. Eines scheint sicher: Die Zeiten, in denen der Westen auf der Welt den Ton angab, gehen jetzt schnell zu Ende.
China und erst recht Europa altern rapide. Dagegen sind siebzig Prozent der indischen Bevölkerung keine 35 Jahre alt, und die Hälfte, immerhin etwa 560 Millionen, sind sogar unter 25. Sicherlich, zu viele von ihnen sind immer noch Analphabeten, aber das Heer der hochmotivierten, dynamischen, flexiblen und gebildeten jungen Leute ist eben auch Hunderte Millionen stark. Der wirtschaftliche Vorsprung, den der Westen lange durch Know-how, Innovation und hohe Qualifikation hatte, wird rapide schmelzen, weil in Asien immer mehr und immer besser qualifizierte Kräfte mit noch sehr geringen Ansprüchen auf den Markt drängen.
Das beste Beispiel dafür ist der Technologie-Sektor mit seinen phänomenalen Wachstumsraten. Experten sagen, in diesem Sektor liege Indien mindestens zehn bis fünfzehn Jahre vor China. In den nächsten fünf Jahren wollen Firmen wie Microsoft, Cisco oder Vodaphone jeweils ein bis zwei Milliarden Dollar in Indien investieren. China, so heißt es, sei zwar die Fabrik der Welt, Indien dagegen könne Technologiezentrum der Erde werden.
Aber es gilt auch, jetzt einen Fuß in die Tür zu bekommen, denn in dem bislang von modernen Gütern nicht gerade verwöhnten Indien tut sich ein gigantischer Markt auf, vom Handy über den Computer bis hin zum Auto. Um so erstaunlicher ist es, dass der Strom der Auslandsinvestitionen immer noch die alten, eingefahrenen Wege geht, nämlich nach China, obwohl Indien potenziell lukrativer ist. 64 Milliarden Dollar flossen 2005 nach Peking, aber nur fünf nach Indien.
In Delhi hat man sehr wohl erkannt, dass es gerade diese Investitionen aus dem Ausland sind, die hinter dem chinesischen Wirtschaftswunder stehen. 15 Milliarden Dollar hat sich deshalb Indiens Premierminister Manmohan Singh als Ziel schon für 2008 gesetzt, 50 für das Jahr 2010. China, dessen Aufschwung zehn Jahre vor Indiens Boom begann, hat die enormen Geldströme, die ins Land flossen, zusammen mit seiner ungewöhnlich hohen Sparquote genutzt, um eine eindrucksvolle Infrastruktur aufzubauen und das Schwergewicht auf die industrielle Produktion zu legen.
Indien entwickelte sich bisher wenig zielgerichtet. Dass die Informationstechnologie dabei ist, die Nummer eins in der Welt zu werden, geschah eher zufällig und war nur möglich, weil die katastrophale Infrastruktur und die bürokratischen Hemmnisse einen Sektor, der seine Produkte durch den Äther verschickt, kaum behindern können. Verdreckte Flughäfen, die selbst in Indiens Industriemetropole Bombay wie nach einem Bombenangriff aussehen, Schlaglochpisten, auf denen die Autos im Fünf-Kilometer-Tempo rollen, oder regelmäßige stundenlange Stromausfälle lassen Indien nicht gerade als Land der tausend Möglichkeiten erscheinen. Die verheerende Infrastruktur verschreckt potenzielle Investoren.
Dazu kommen zwei weitere Bereiche, die Indiens Ziel in Frage stellen. Zum einen der Konflikt mit Pakistan wegen Kaschmir, der beide Länder Unsummen kostet. Und es gibt eine erschreckende Armut in den Dörfern, in denen immer noch 60 Prozent der Bevölkerung leben. 260 Millionen Arme in Indien gehen jeden Tag hungrig schlafen, 121 Millionen Kinder besuchen keine Schule, sondern arbeiten wie die Sklaven, und Indien hat eine der höchsten Säuglings- und Müttersterblichkeitsraten der Welt. Im Index der menschlichen Entwicklung, in dem die Vereinten Nationen all das messen, was Lebensqualität ausmacht, ist Indien von dem bereits erbärmlichen Platz 124 weiter auf Platz 127 zurückgefallen.
(KStA)
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