DIE ZEIT
Dossier 45/2001
Selbstkritik ist die Ausnahme
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In arabischen Blättern dominieren Schadenfreude und Antiamerikanismus
von Jörg Lau
Die Lektüre der internationalen arabischen Zeitungen in diesen Wochen ist eine niederschmetternde Übung. Im Kommentar der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitschrift Cairo Times schreibt Hisham Kassem: "In der arabischen Presse ist eine Masse von Leitartikeln über Demütigung und Niederlage des amerikanischen Riesen erschienen. Die Amerikaner wurden als arrogante Rassisten dargestellt, die Araber und Muslime hassen und nun lediglich bekommen haben, was sie verdienen." Kassem rügt die heimische Presse für ihre parteiliche Zurückhaltung bei der Darstellung der New Yorker Verwüstungen. Durch ein lebendigeres Bild von dem "wahnsinnigen Verlust", der die New Yorker getroffen habe, hätte man den Lesern einen besseren Dienst erwiesen. Kassem klagt die arabischen Medien des Weiteren an, nicht über "die Konsequenzen des Terrorangriffs für unseren Teil der Welt aufzuklären: Die ökonomischen Folgen dieser ruchlosen Attacke werden uns härter treffen als Amerika." Sein Kommentar schließt düster: "Niemals war unsere Zivilisation stärker bedroht als heute. Hoffentlich vollenden die Medien nicht, was die Terroristen begonnen haben."
Selbstkritik, wie Kassem sie betreibt, ist eine rare Ausnahme. In den Blättern zwischen Casablanca und Teheran bietet sich ein insgesamt deprimierendes Panorama. Eine schwer erträgliche Mischung aus Selbstmitleid und klammheimlicher Freude dominiert die Leitartikel auch der moderateren Organe. Melhem Karam ergeht sich in der renommierten, 1928 gegründeten Revue du Liban auf der Suche nach Gründen für den Terror in einer Aufzählung amerikanischer Sünden - vom Platzenlassen des Kyoto-Protokolls über die Unterstützung Israels bis zum altbekannten Kulturimperialismus: "Amerika möchte, dass das ganze Universum nach seiner Fasson lebt."
Die in London redigierte Monatszeitschrift Palestine Times konzediert zwar, es gebe "absolut keine Rechtfertigung" für die Anschläge in Amerika - aber rechtfertigt sie dann: "Böses führt zu Bösem, und Terror führt zu Terror, und der Tod von Unschuldigen in einem Teil der Welt führt, unvermeidlich, zum Tod Unschuldiger in anderen Teilen der Welt."
George Bushs Wort vom "Kreuzzug" wird überall dankbar zum Anlass für das Schwelgen in der Opferrolle genommen. Immer wieder ist die Rede von dem "versteckten Hass gegen den Islam", der sich nun endlich ganz offen in einer "feindlichen Kampagne" westlicher Medien gegen die arabische Welt äußere - so sieht es jedenfalls Omar Hasan in der Jordan Times. Sagen aber die westlichen Führer einmal etwas Nettes über den Islam, ist es auch wieder nicht recht. Ahmed Mustafa, Redakteur der in Dubai erscheinenden Tageszeitung Gulf News, spricht Männern wie Bush und Blair schlichtweg das Recht ab, sich über den Islam zu äußern und etwa zwischen Extremisten und friedlichen Muslimen zu unterscheiden. Dergleichen sei "nicht akzeptabel, wenn es von europäischen Fremden kommt. Dies ist ausschließlich der Job muslimischer Ulemas oder Gelehrter."
Die seltenen Kommentare, die sich des Ausdrucks von Genugtuung über die Nöte der Amerikaner enthalten, kann man an einer Hand abzählen. Selbstkritisches fällt der Zensur zum Opfer. Eine Story der Kairoer Wochenzeitung Middle East Times über die spontanen Freudenkundgebungen in Ägypten durfte nicht in Druck gehen. Wer sie auf der Website der Zeitschrift nachliest, kann leicht den Grund dafür erraten. "Die Reaktion der Leute war weit entfernt von der offiziellen Position der ägyptischen Regierung", hatte Amil Khan geschrieben.
Aussichtslose Charmeoffensive
Nach Einschätzung der Yemen Times hat sich diese Kluft in der Zwischenzeit durch das Bombardement Afghanistans noch weiter geöffnet: "Die riesige Protestdemonstration in Amran brachte die Unzufriedenheit vieler Jemeniten mit den Ereignissen in Afghanistan zum Ausdruck. Interessanterweise versteht die Öffentlichkeit die Angriffe als Attacken auf den Islam - genau das, was die USA nicht wollen."
Diese Tonlage findet man recht häufig, wenn von der Aussichtslosigkeit der amerikanischen "Charmeoffensive" gegenüber dem Islam die Rede ist. Ashraf Khalil stellt in der Cairo Times ungerührt fest, dass Amerika kaum eine Chance haben wird, die arabische öffentliche Meinung von der Lauterkeit seiner Motive zu überzeugen. Man mag zwar durch Betätigung des "diplomatischen Muskels" und durch Bestechung die Unterstützung der regionalen Regierungen gewinnen, aber am Ende werden die Leute sich nicht davon abbringen lassen, dass hier eben doch ein Krieg gegen den Islam geführt werde - "mit den arabischen Regierungen auf der falschen Seite".
Wie ernst die Befürchtungen über ein zunehmendes Auseinanderklaffen der populären und der offiziellen Sicht des Krieges in der arabischen Öffentlichkeit zu nehmen sind, zeigt ein Blick in die aktuelle Ausgabe der marokkanischen Wochenzeitschrift Maroc-Hebdo International, in der Driss Kettani interviewt wird, der Autor eines Fatwa gegen Amerika und seine arabischen Alliierten im Kampf gegen den Terror. Dieser Fatwa, veröffentlicht am 18. September, war von zahlreichen marokkanischen Ulemas - islamischen Rechtsgelehrten - unterzeichnet worden. Die marokkanische Regierung ihrerseits hat gegen das Fatwa protestiert und versucht, Kettani die Berechtigung zum Erstellen eines Fatwa abzusprechen. Im Gespräch mit den Journalisten schlägt er zurück. Die Teilnahme muslimischer Geistlicher am ökumenischen Gottesdienst zu Ehren der New Yorker Opfer in der Kirche Saint Pierre nennt er "eine große Sünde". Das Projekt des Dialogs der monotheistischen Religionen sei ohnehin "eine zionistische Idee". "Unsere Religion in ihrer Universalität ist gekommen, um die religiösen Gesetze zu ersetzen, die zu einer bestimmten Zeit für begrenzte Gemeinschaften galten." Und was schließlich die Terroranschläge betreffe: "Eine Sache ist sicher: Was sich in Washington und New York am 11. September abgespielt hat, ist das Resultat der teuflischen Politik der Vereinigten Staaten und ihrer Alliierten. Es ist das Resultat der Massaker an Palästinensern." Es ist nicht irgendein Dorfprediger, der hier die Propaganda Osama bin Ladens verbreitet, sondern ein angesehener Theologe aus einer großen Ulema-Dynastie Marokkos.
Nur einige verstreute Helden des klaren Menschenverstandes, meist in den vom islamistischen Terror geplagten Ländern des Maghreb, scheuen sich nicht, solchen Hasspredigten deutlich entgegenzutreten - so Taieb Zahar, Chefredakteur des tunesischen Magazins Réalités. Zahar weist in seinem Leitartikel dieser Woche darauf hin, dass bin Laden die ihm angeblich so teure palästinensische Sache erst vor wenigen Tagen für sich entdeckt habe. Ohne das Demokratiedefizit in den meisten arabischen und islamischen Ländern, so Zahar, könnte die Manipulation der öffentlichen Meinung in der arabischen Welt durch die Terroristen und ihre Trittbrettfahrer nicht derart erfolgreich sein: "Auf die Gefahr hin, einige Leser zu schockieren, dürfen wir die Tatsache nicht verschweigen, dass das politische, soziale und kulturelle Projekt bin Ladens ein rückwärtsgewandtes und obskurantistisches ist, das nichts mit dem Islam zu tun hat und - anders, als es manchem scheinen mag - nichts mit Gerechtigkeit und Freiheit."
Dossier 45/2001
Selbstkritik ist die Ausnahme
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In arabischen Blättern dominieren Schadenfreude und Antiamerikanismus
von Jörg Lau
Die Lektüre der internationalen arabischen Zeitungen in diesen Wochen ist eine niederschmetternde Übung. Im Kommentar der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitschrift Cairo Times schreibt Hisham Kassem: "In der arabischen Presse ist eine Masse von Leitartikeln über Demütigung und Niederlage des amerikanischen Riesen erschienen. Die Amerikaner wurden als arrogante Rassisten dargestellt, die Araber und Muslime hassen und nun lediglich bekommen haben, was sie verdienen." Kassem rügt die heimische Presse für ihre parteiliche Zurückhaltung bei der Darstellung der New Yorker Verwüstungen. Durch ein lebendigeres Bild von dem "wahnsinnigen Verlust", der die New Yorker getroffen habe, hätte man den Lesern einen besseren Dienst erwiesen. Kassem klagt die arabischen Medien des Weiteren an, nicht über "die Konsequenzen des Terrorangriffs für unseren Teil der Welt aufzuklären: Die ökonomischen Folgen dieser ruchlosen Attacke werden uns härter treffen als Amerika." Sein Kommentar schließt düster: "Niemals war unsere Zivilisation stärker bedroht als heute. Hoffentlich vollenden die Medien nicht, was die Terroristen begonnen haben."
Selbstkritik, wie Kassem sie betreibt, ist eine rare Ausnahme. In den Blättern zwischen Casablanca und Teheran bietet sich ein insgesamt deprimierendes Panorama. Eine schwer erträgliche Mischung aus Selbstmitleid und klammheimlicher Freude dominiert die Leitartikel auch der moderateren Organe. Melhem Karam ergeht sich in der renommierten, 1928 gegründeten Revue du Liban auf der Suche nach Gründen für den Terror in einer Aufzählung amerikanischer Sünden - vom Platzenlassen des Kyoto-Protokolls über die Unterstützung Israels bis zum altbekannten Kulturimperialismus: "Amerika möchte, dass das ganze Universum nach seiner Fasson lebt."
Die in London redigierte Monatszeitschrift Palestine Times konzediert zwar, es gebe "absolut keine Rechtfertigung" für die Anschläge in Amerika - aber rechtfertigt sie dann: "Böses führt zu Bösem, und Terror führt zu Terror, und der Tod von Unschuldigen in einem Teil der Welt führt, unvermeidlich, zum Tod Unschuldiger in anderen Teilen der Welt."
George Bushs Wort vom "Kreuzzug" wird überall dankbar zum Anlass für das Schwelgen in der Opferrolle genommen. Immer wieder ist die Rede von dem "versteckten Hass gegen den Islam", der sich nun endlich ganz offen in einer "feindlichen Kampagne" westlicher Medien gegen die arabische Welt äußere - so sieht es jedenfalls Omar Hasan in der Jordan Times. Sagen aber die westlichen Führer einmal etwas Nettes über den Islam, ist es auch wieder nicht recht. Ahmed Mustafa, Redakteur der in Dubai erscheinenden Tageszeitung Gulf News, spricht Männern wie Bush und Blair schlichtweg das Recht ab, sich über den Islam zu äußern und etwa zwischen Extremisten und friedlichen Muslimen zu unterscheiden. Dergleichen sei "nicht akzeptabel, wenn es von europäischen Fremden kommt. Dies ist ausschließlich der Job muslimischer Ulemas oder Gelehrter."
Die seltenen Kommentare, die sich des Ausdrucks von Genugtuung über die Nöte der Amerikaner enthalten, kann man an einer Hand abzählen. Selbstkritisches fällt der Zensur zum Opfer. Eine Story der Kairoer Wochenzeitung Middle East Times über die spontanen Freudenkundgebungen in Ägypten durfte nicht in Druck gehen. Wer sie auf der Website der Zeitschrift nachliest, kann leicht den Grund dafür erraten. "Die Reaktion der Leute war weit entfernt von der offiziellen Position der ägyptischen Regierung", hatte Amil Khan geschrieben.
Aussichtslose Charmeoffensive
Nach Einschätzung der Yemen Times hat sich diese Kluft in der Zwischenzeit durch das Bombardement Afghanistans noch weiter geöffnet: "Die riesige Protestdemonstration in Amran brachte die Unzufriedenheit vieler Jemeniten mit den Ereignissen in Afghanistan zum Ausdruck. Interessanterweise versteht die Öffentlichkeit die Angriffe als Attacken auf den Islam - genau das, was die USA nicht wollen."
Diese Tonlage findet man recht häufig, wenn von der Aussichtslosigkeit der amerikanischen "Charmeoffensive" gegenüber dem Islam die Rede ist. Ashraf Khalil stellt in der Cairo Times ungerührt fest, dass Amerika kaum eine Chance haben wird, die arabische öffentliche Meinung von der Lauterkeit seiner Motive zu überzeugen. Man mag zwar durch Betätigung des "diplomatischen Muskels" und durch Bestechung die Unterstützung der regionalen Regierungen gewinnen, aber am Ende werden die Leute sich nicht davon abbringen lassen, dass hier eben doch ein Krieg gegen den Islam geführt werde - "mit den arabischen Regierungen auf der falschen Seite".
Wie ernst die Befürchtungen über ein zunehmendes Auseinanderklaffen der populären und der offiziellen Sicht des Krieges in der arabischen Öffentlichkeit zu nehmen sind, zeigt ein Blick in die aktuelle Ausgabe der marokkanischen Wochenzeitschrift Maroc-Hebdo International, in der Driss Kettani interviewt wird, der Autor eines Fatwa gegen Amerika und seine arabischen Alliierten im Kampf gegen den Terror. Dieser Fatwa, veröffentlicht am 18. September, war von zahlreichen marokkanischen Ulemas - islamischen Rechtsgelehrten - unterzeichnet worden. Die marokkanische Regierung ihrerseits hat gegen das Fatwa protestiert und versucht, Kettani die Berechtigung zum Erstellen eines Fatwa abzusprechen. Im Gespräch mit den Journalisten schlägt er zurück. Die Teilnahme muslimischer Geistlicher am ökumenischen Gottesdienst zu Ehren der New Yorker Opfer in der Kirche Saint Pierre nennt er "eine große Sünde". Das Projekt des Dialogs der monotheistischen Religionen sei ohnehin "eine zionistische Idee". "Unsere Religion in ihrer Universalität ist gekommen, um die religiösen Gesetze zu ersetzen, die zu einer bestimmten Zeit für begrenzte Gemeinschaften galten." Und was schließlich die Terroranschläge betreffe: "Eine Sache ist sicher: Was sich in Washington und New York am 11. September abgespielt hat, ist das Resultat der teuflischen Politik der Vereinigten Staaten und ihrer Alliierten. Es ist das Resultat der Massaker an Palästinensern." Es ist nicht irgendein Dorfprediger, der hier die Propaganda Osama bin Ladens verbreitet, sondern ein angesehener Theologe aus einer großen Ulema-Dynastie Marokkos.
Nur einige verstreute Helden des klaren Menschenverstandes, meist in den vom islamistischen Terror geplagten Ländern des Maghreb, scheuen sich nicht, solchen Hasspredigten deutlich entgegenzutreten - so Taieb Zahar, Chefredakteur des tunesischen Magazins Réalités. Zahar weist in seinem Leitartikel dieser Woche darauf hin, dass bin Laden die ihm angeblich so teure palästinensische Sache erst vor wenigen Tagen für sich entdeckt habe. Ohne das Demokratiedefizit in den meisten arabischen und islamischen Ländern, so Zahar, könnte die Manipulation der öffentlichen Meinung in der arabischen Welt durch die Terroristen und ihre Trittbrettfahrer nicht derart erfolgreich sein: "Auf die Gefahr hin, einige Leser zu schockieren, dürfen wir die Tatsache nicht verschweigen, dass das politische, soziale und kulturelle Projekt bin Ladens ein rückwärtsgewandtes und obskurantistisches ist, das nichts mit dem Islam zu tun hat und - anders, als es manchem scheinen mag - nichts mit Gerechtigkeit und Freiheit."