HV-Bericht Brokat AG
Am 21.6.2001 fand im Haus der Wirtschaft in Stuttgart die Hauptversammlung der Brokat AG statt. Für GSC Research berichtet Matthias Wahler. Der Aufsichtsratsvorsitzende eröffnete die Versammlung um 10:05 Uhr und übergab nach den einleitenden Formalitäten das Wort an den Vorstandssprecher Stefan Röver.
Bericht des Vorstands
Die Technologiebranche ist in letzter Zeit sehr stark unter Druck geraten, nachdem die Wachstumsprognosen bis vor nicht allzu langer Zeit noch sehr optimistisch gewesen seien, begann Herr Röver. Diese positiven Einschatzungen hätten auch die Brokat zu hohen Investitionen veranlasst.
Drei Ziele habe man hierbei vor Augen gehabt: Das Vorantreiben des Wachstums durch den Ausbau der Kundenbeziehungen und die regionale Ausweitung, die weltweite Etablierung der Marke "Brokat" und die Verstärkung des Bereichs "Mobile Business". Diese Ziele habe man auch alle erreicht, allerdings hätten die hohen Investitionen zu einer "nicht ganz einfachen Finanzsituation" geführt. Man habe aber durchaus auch Erfolge erzielt, auf die er zunächst eingehen wolle.
Das Jahr 2000 stand ganz im Zeichen von Akquisitionen. Der Umsatz ist um 148 Prozent gestiegen, organisch immerhin noch um 100 Prozent. Brokat ist global expandiert, vor allem in den enorm wichtigen Markt USA, als Kunden konnte man MLP, IBM oder auch Cable & Wireless gewinnen. Gerade im Mobile-Business-Markt ist man erfolgreich positioniert und Herr Röver zeigte sich froh, diese Investitionen rechtzeitig getätigt zu haben.
Konkret wurden in den USA in diesem Bereich die Firmen Blaze Software und GemStone Systems übernommen, als Kunden hat man hier beispielsweise T-Motion und Vodafone und außerdem eine strategische Partnerschaft mit Siemens. Brokat sei im Bereich Mobile-Business klar Marktführer und es gebe viele Interessenten für diese Technologie.
Sehr wichtig für Brokat ist es, der Marke „Brokat“ international Glaubwürdigkeit zu verleihen. Denn nur so könne man Kunden wie Vodafone auch halten. Zu diesem Zweck habe man inzwischen 11 Road Shows mit zusammen 1.500 Teilnehmern veranstaltet, was man sicher als Erfolg werten könne.
Strategie in den USA sei das anorganische Wachstum durch Akquisitionen gewesen, dies sei dem Markteintritt als "Outsider" in jedem Fall vorzuziehen. Die genannten Akquisitionen seien zum besten Zeitpunkt durchgeführt worden, als der eigene Aktienkurs noch hoch und die Kurse der beiden übernommenen Firmen bereits viel tiefer waren, da die Nasdaq bereits zurückgekommen war. Nur so seien diese Übernahmen überhaupt möglich gewesen. Der Anteil der USA am Gesamtumsatz der Brokat-Gruppe betrage inzwischen 38 Prozent.
Die Vereinheitlichung des Auftritts der Brokat-Gruppe sei dann unbedingt notwendig gewesen, es müssten sich schließlich weltweit alle damit identifizieren können. Der Name und das Logo seien also verändert worden (Der Name lautet nun Brokat Technologies, das Logo ist eine "Pusteblume"). Damit seien die Firmen Blaze und GemStone erfolgreich integriert.
Für den weiteren Erfolg sei eine gute Basis gelegt. Man verfüge über innovative Technologien (Software für E-Finance, Patent für die digitale Signatur), ein weltweit präsentes Unternehmen und habe die Vorreiterrolle im mobilen Geschäft inne. Insgesamt hätten die Maßnahmen aber leider zu "finanziellen Herausforderungen" geführt, die es nun zu bewältigen gelte. Hätte man das Unternehmen aber nicht ausgebaut, hätte man hierzu nicht einmal die Chance erhalten, betonte Herr Röver. Die finanzielle Situation erläuterte nun Finanzvorstand Michael Janßen.
2000 sei ein sehr schwieriges Börsenjahr für viele Unternehmen gewesen, begann er. Er könne auch durchaus verstehen, dass die Aktionäre über die Kursentwicklung der Brokat-Aktie enttäuscht seien. Das Management sei aber überzeugt, dass die derzeitige Bewertung das Potential des Unternehmens nicht widerspiegle.
Die Umsatzziele seien im letzten Jahr erreicht worden, auch im 4. Quartal des letzten Jahres sei man noch stark gewachsen. Es gebe insgesamt vier Umsatzsegmente. Erstens die Handelsware. Diese sei lediglich ein Service am Kunden und bringe sehr wenig Marge, sie solle deshalb schnell abgebaut werden. Der Anteil am Gesamtumsatz betrage auch nur noch knapp 3 Prozent. Das zweite Segment ist der Customer Support, also die Dienstleistung für den Kunden bzw. Wartung und Service. Hier ist die Marge mit 66 Prozent recht hoch, der Anteil am Umsatz beträgt 13 Prozent und soll noch weiter wachsen.
Drittens gibt es den Professional Service. Dieser beinhaltet beispielsweise die Systemintegration eines Produktes für den Kunden. Der Anteil dieses Segments ist auf 39 Prozent am Gesamtumsatz auch stark gestiegen, soll aber aufgrund der geringen Marge von 5,3 Prozent ebenfalls reduziert werden. Viertes und letztes Segment sind schließlich die Lizenzen. Die Bruttomarge beträgt hier hohe 100 Prozent. Dieser Bereich soll vorrangig ausgebaut werden. Der Auslandsanteil am Umsatz beträgt insgesamt 64 Prozent, 10 Prozent werden davon in Asien erwirtschaftet.
In der GuV zeigt sich nun das Problem des starken Wachstums, denn dieses hat auch die Kosten in die Höhe getrieben. Der Jahresfehlbetrag beläuft sich auf 125,9 Mio. Euro (Vj. 39,3), das Ergebnis je Aktie beträgt minus 4,26 Euro (Vj. minus 1,52 Euro). Vor allem der Material- und der Personalaufwand sind stark gestiegen. Das EGT nach HGB hat sich dramatisch auf minus 68,3 Mio. Euro (Vj. minus 5,1 Mio. Euro) verschlechtert. Außerdem ist ein außerordentlicher Aufwand von 82,4 Mio. Euro durch die Verschmelzung mit der ME Technologie angefallen, was einen Jahresfehlbetrag nach HGB von 150,7 Mio. Euro ergibt.
Im Folgenden zeigte Herr Janßen pflichtgemäß den Verlust der Hälfte des Grundkapitals an. Als Grund nannte er bilanzielle Neubewertungen, die durch die weltweite Abschwächung der Konjunktur und speziell durch die verzögerten und zögerlichen Investitionen in der Softwarebranche notwendig geworden seien.
Das Eigenkapital der Brokat AG hat sich im Jahr 2000 wie folgt entwickelt: Zuflüssen aus den Barkapitalerhöhungen und den Aktienakquisitionen in Höhe von 137,5 bzw. 114,7 Mio. Euro standen Abflüsse aus dem operativen Ergebnis (minus 76,8 Mio. Euro), der Abschreibung auf Finanzanlagen (minus 80,3 Mio. Euro) und dem bereits erwähnten Verschmelzungsverlust (minus 82,4 Mio. Euro) gegenüber. Die Firmenwertabschreibungen betrugen 49 Mio. DM, 2001 wird nochmals mit Aufwendungen von 138 Mio. DM gerechnet.
Das Eigenkapital beträgt 72,5 Mio. Euro nach 103,1 Mio. Euro im Vorjahr. Die flüssigen Mittel am Jahresende betrugen 135 Mio. Euro zum Jahresende. Diese hätten auch eine ausreichende Liquidität zumindest für 2001 bedeutet. Man sah sich aber nach der CEBIT gezwungen, die Umsatzerwartungen für das laufende Jahr nach unten zu korrigieren, da es eindeutige Anzeichen für eine konjunkturelle Schwäche gab. So wird wohl die Gewinnschwelle später als zunächst geplant erreicht werden.
Als Maßnahmen für die Verbesserung der Situation plant man nun zum einen die Sicherung möglicher Kapitalerhöhungen durch die Schaffung eines genehmigten Kapitals (TOP 8 und 9) und die Ausgabe einer Wandelschuldverschreibung (TOP 10). Außerdem will man die Kosten senken. Der Cash-Burn betrug im 1. Quartal 33 Mio. Euro nach 36 Mio. Euro im Quartal zuvor. Davor hatte sie allerdings nur um die 9 Mio. Euro betragen. Durch diesen deutlichen Anstieg sei es durchaus möglich, dass man im 4. Quartal neue Liquidität brauche, stellte Herr Janßen fest.
Oberste Priorität habe also nun die Sicherung der Liquidität, die Senkung der operativen Kosten und ein qualitatives Wachstum und Profitabilität. Dem Management sei bewusst, dass man sich in einer schwierigen Lage befinde und man werde die Aktionäre umfassend informieren.
Hierauf übernahm nochmals Herr Röver das Wort. Er bemerkte, der aktuelle Aktienkurs spiegle die schwierige Finanzsituation wider, nicht die Assets der Gesellschaft. Man sei schließlich ein internationaler Softwareanbieter mit hervorragender Kundenbasis und habe einen weltweiten Standard im Mobile Payment gesetzt.
Man wolle nun die Schlüsselmärkte in drei Geschäftsbereiche aufteilen: Mobile-Business-Software, E-Finance-Software und Software für regelbasierte Personalisierung. Man werde so bessere Steuerungsmöglichkeiten und mehr Transparenz erlangen. In all diesen Geschäftsbereichen verfüge man über eine gute Positionierung und vor allem im Mobile-Business sehe man aufgrund der Technologieführerschaft der Brokat und des großen Wachstums des Marktes erhebliches Potential.
Allgemeine Diskussion
Viele Redner ergriffen das Wort auf der Versammlung. Unter ihnen waren Herr Rudolf Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), Dr. Winfried Holtermüller von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und auch Herr Matthias Gäbler, der wie gewohnt ausdrucksstark und emotional seine Argumente vertrat und nach einigen Beleidigungen fast aus dem Saal gewiesen worden wäre.
Weiterhin sprachen noch mehrere Kleinaktionäre, manche wiederholt. Die Diskussion nahm mehr als fünf Stunden in Anspruch, eine Zusammenfassung ist also unumgänglich. Den größten Teil der Aussprache nahm die Kritik der Sprecher ein, so reichten die Äußerungen von sachlicher Kritik an den mangelhaften Ausführungen des Vorstands (Herr Neumann) bis zu offenen Wutausbrüchen über die Unfähigkeit und die Verschleierungstaktik des Managements (Herr Gäbler).
Hauptpunkt der Fragen war die mangelnde Kostenkontrolle der Gesellschaft. Es erschien allen Rednern nicht nachvollziehbar, dass erst jetzt reagiert wird, nachdem die Situation inzwischen bereits existenzbedrohende Formen angenommen hat und in einigen Monaten das Geld ausgeht. Anzeichen für die Krise hätte es doch schon länger geben müssen. So stünden die Aufwandsquoten seit jeher in keinem Verhältnis zum Umsatz, während dieser sich verachtfachte, hätten sich die Verluste verdreißigfacht. Und auch das Kostensenkungsprogramm sei nur eine Reaktion, das viel zu spät aus inzwischen "unausweichlichen Zwängen" entstanden sei (Neumann).
Auch Dr. Holtermüller bemängelte, dass man keinerlei Alternativstrategien gehabt habe und nun nach den aktuellen Zahlen schlagartig viele Millionen Euro einsparen müsse. Bei der aktuellen Cash-Burn-Rate von 15 Mio. Euro im Monat gehe das Geld nun aber sehr bald aus und es mache sich wohl eine gewisse Panik breit. Auch die Image-Kampagne für das neue Logo könne er nicht nachvollziehen, diese habe schließlich viel Geld gekostet und sei völlig unnötig gewesen.
Und erwähnen müsse er auch noch den „schrecklichen“ High-Yield-Bond, der im letzten Jahr mit einem Volumen von 125 Mio. Euro und einem Kupon von 11,5 Prozent aufgelegt worden sei. Allein diese Rückzahlungsverpflichtung in 2010 übertreffe die gesamte aktuelle Marktkapitalisierung der Brokat.
Interessieren würden ihn die Kosten dieser Anleihe und auch die für das Listing an der Nasdaq. Aufgrund dieser uferlosen Kosten sei zumindest ein massiver Gehaltsverzicht des Managements angebracht. Frau Fritzinger fragte später zu diesem Punkt ergänzend, ob der Vorstand davon ausgehe, zumindest die Zinsen Ende des Jahres zahlen zu können.
Hier hakte auch Herr Gäbler nach und fragte, wieso denn die Vorstandsbezüge im letzten Jahr sogar gestiegen seien. Außerdem interessiere ihn, wie viele Aktien Vorstand und Aufsichtsrat seit der letzten HV verkauft hätten. Weiter kritisierte er die Zahlung von Rechtsberatungskosten von 532.000 DM an die Kanzlei der Frau von Herrn Röver und verlangte eine Aufgliederung der erheblichen sonstigen betrieblichen Aufwendungen von 92 Mio. DM.
Auch Kleinaktionär Niedermaier hatte einige Fragen zu den Kosten. So interessierten ihn die Aufwendungen für die CEBIT und wie es denn sein könne, dass Herr Röver über eine eigene Fluggesellschaft verfüge und Brokat von dieser Leistungen beziehe. Das hinterlasse doch zumindest einen schalen Beigeschmack. Weiter fragte er, ob denn die Entscheidung, ins Silicon Valley zu gehen, im Nachhinein richtig gewesen sei, die meisten wanderten dort schließlich inzwischen ab.
Herr Röver wies den Vorwurf zurück, die Vorstände hätten sich von ihren Aktien getrennt. Keiner der Gründer habe mehr als „wenige tausend“, maximal aber 3.000 Aktien verkauft, alle seien dem Unternehmen treu verbunden. Verkauft worden sei nur von den ausgeschiedenen Vorständen und die neuen Vorstände hätten lediglich Aktienoptionen erhalten, was das Bild entsprechend verfälsche.
Die gezahlten Rechtsberatungskosten seien großteils im Zusammenhang mit dem Börsengang angefallen und ihre Höhe habe sich „völlig im Rahmen der üblichen Verträge“ bewegt. Außerdem sei seine Frau nicht mehr für diese Kanzlei tätig. Die Gesellschaft „Tango Flugvertrieb“ gehöre ihm, bestätigte Röver. Die Leistungen wurden Brokat aber immer zum Selbstkostenpreis angeboten, dies sei also für das Unternehmen sogar billiger gewesen.
Die sonstigen betrieblichen Aufwendungen bestehen aus vielen einzelnen Posten, die größten sind Werbung und Reisekosten. Bei der CEBIT hat der Stand, der von Mannesmann kurzfristig übernommen wurde und wiederverwendbar ist, 5 Mio. DM gekostet, außerdem fiel 1 Mio. DM an Miete an. Der Stand wird über sieben Jahre abgeschrieben. Diese Kosten entsprachen interessanterweise genau den Schätzungen von Herrn Niedermeier.
Die Image-Kampagne in den USA sei nötig gewesen, um in den USA ein einheitliches Auftreten zu erreichen. Die Kosten hierfür beliefen sich auf 3 Mio. DM, diese seien für die „Kontinuität der Umsätze“ aber notwendig gewesen. Weiterhin sei Silicon Valley ein wichtiger Schritt für Brokat gewesen, alle wesentlichen Firmen seien dort vertreten. Für Kontaktaufnahmen sei dies unumgänglich. Eine Abwanderung von dort sei ihm zumindest nicht aufgefallen.
Die Vorstandsbezüge bewegen sich weit unter den marktüblichen Konditionen und wurden seit der Gründung nicht erhöht. Nur den neuen Vorständen Maestrini und Kruppa wurden etwas höhere Gehälter angeboten, doch auch diese wurden nicht erhöht. Außerdem gab er bekannt, dass die Gründer bis zum Erreichen eines positiven Ergebnisses der Gesellschaft auf ihr Gehalt verzichten werden, was einen Zwischenapplaus auslöste.
Die Kosten für das Nasdaq-Listing und die Anleihe hätten zusammen 6,7 Mio. Euro betragen. Weitere Angaben über die Zukunft der Anleihe und zur nahenden Zinszahlung machte er nicht. Es sei einfach nicht seriös, Prognosen zu machen. Er werde auch keine Angaben zu den Zahlen über den 31.3. hinaus machen, erst Anfang August werde über das 2. Quartal berichtet.
Im Hinblick auf die dringende Suche nach einem strategischen Partner vermutete Herr Neumann, Siemens warte vielleicht erst den Erfolg der Restrukturierung ab, um dann ihren 3-prozentigen Anteil an Brokat weiter auszubauen und als Großaktionär einzusteigen. Dr. Holtermüller ergänzte, es gebe schließlich auch keine andere Möglichkeit für Brokat, an Geld zu kommen, eine Kapitalerhöhung sei beim derzeitigen Aktienkursdesaster undenkbar. Herr Gäbler dagegen war sich sicher, Siemens werde sich wohl vorerst nicht an Brokat beteiligen und sich dann lieber in einigen Monaten aus der Konkursmasse bedienen.
Erwartungsgemäß gab es zu diesem Punkt keine Stellungnahme des Vorstands, Herr Röver bekräftigte aber nochmals, man sei auf der Suche nach einem strategischen Partner und führe aktuell mehrere Gespräche.
Auch zur Technologie der Brokat AG gab es noch einige Fragen, so wurde die Zukunftstauglichkeit der Internetplattform „Twister“ angezweifelt. Auch die schlechte Stimmung bei den Discount-Brokern, die schließlich zu den Hauptkunden der Brokat gehören, sah man als großes Problem. Diese seien derzeit an neuer Technologie nicht interessiert.
Auf Unverständnis stieß auch, dass im Bericht des Vorstands die neue UMTS-Technologie mit keinem Wort erwähnt war. Die Antwort von Herrn Röver, natürlich gebe es mit UMTS ein erhebliches Anwendungspotenzial für Brokat, er habe nur verhindern wollen, dass seine Aussagen falsch gedeutet würden, konnte hier die Gemüter natürlich nicht beruhigen.
Herr Neumann schloss seinen Beitrag mit der Bemerkung, die Vorstände seien wohl dem „Wachstumswahn“ und der Selbstüberschätzung erlegen. Solange aber bei Brokat kein positiver Cash Flow erwirtschaftet werde, blieben sie den Beweis für ihre Eignung als Unternehmer noch schuldig. Diesem Standpunkt schlossen sich die anderen Redner mit ähnlichen Äußerungen im Prinzip an.
Nach weiteren Unmutsäußerungen, Fragen und Zwischenrufen und einer Essenspause für die inzwischen geschwächten Anwesenden kam man gegen Abend endlich zur Abstimmung.
Abstimmungen
Die Präsenz auf der Hauptversammlung betrug mit 12.252.858 Aktien 32,89 Prozent. Auf der Tagesordnung standen neben der Anzeige über den Verlust des halben Grundkapitals und den Entlastungen die Änderung des Firmennamens in „Brokat Technologies Aktiengesellschaft“, die Ermächtigung zum Erwerb eigener Aktien, die Schaffung eines genehmigten Kapitals und die Ermächtigung zur Ausgabe einer Wandelschuldverschreibung.
Es gab bereits während der Diskussion Empörung über die Tatsache, dass es drei verschiedene Stimmformulare gab, teilweise ohne die Anzahl der Stimmen als Eindruck. Dr. Holtermüller fragte, wie er denn nun wissen könne, wie viele Stimmen er überhaupt habe, er habe schließlich "pfundweise" die Karten von Aktionären bekommen, die aufgrund der fortgeschrittenen Zeit bereits gegangen seien. Und auch die Vollmachtserklärungen der Aktionäre habe er noch nicht erhalten, so wisse er nicht einmal, welche Weisungen er erhalten habe.
Herr Strascheg erklärte, diese Formulare seien "nicht verfügbar", so dass Herr Gäbler die Absetzung der Hauptversammlung beantragte. Eine Abstimmung sei unter diesen Umständen nicht möglich, ihm sei es technisch gar nicht möglich, korrekt abzustimmen, erklärte auch Dr. Holtermüller. Der Antrag auf Absetzung der Versammlung fand aber bei weitem keine Mehrheit.
Alle Tagesordnungspunkte wurden mit vielen Gegenstimmen angenommen, vor allem bei der Entlastung des Vorstands summierten sich die Neinstimmen auf etwa 1.000.000. Aber auch bei den anderen Punkten gab es meist mehrere hunderttausend Gegenstimmen. Gegen die Entlastung des Vorstands und des Aufsichtsrats legten mehrere Aktionäre Widerspruch ein. Die Versammlung endete nach über 10 Stunden Dauer um 20:30 Uhr.
Fazit
Der Verzicht der Gründungsaktionäre im Vorstand auf ihr Gehalt bis zum Erreichen eines positiven Ergebnis ist ein bemerkenswerter Schritt. Der Vorstand bemühte sich auch, die Fragen zum letzten Jahr in allen Einzelheiten zu klären und die Missstände aufzudecken, er ließ sich aber zu keinen Äußerungen über das weitere Jahr 2001 hinreißen.
Leider werden aber alle geplanten Aktionen Brokat auch nicht mehr retten, das Geld geht im 4. Quartal des Jahres aus, und eine Rettung der Gesellschaft im letzten Moment ist kaum noch zu erwarten, da Investoren oder Partner wohl nicht zu finden sein dürften. Und die Gewinnzone ist weit entfernt. Von einem Engagement kann man nur abraten.
Kontaktadresse
Brokat AG
Industriestraße 3
70565 Stuttgart
Tel.: 0711 / 78844 - 0
Fax: 0711 / 78844 - 777
Email: info@brokat.com
Internet: www.brokat.com
Investor Relations
Tel.: 0711 / 78844 - 496
Fax: 0711 / 78844 - 790
Email: investor@brokat.com
Am 21.6.2001 fand im Haus der Wirtschaft in Stuttgart die Hauptversammlung der Brokat AG statt. Für GSC Research berichtet Matthias Wahler. Der Aufsichtsratsvorsitzende eröffnete die Versammlung um 10:05 Uhr und übergab nach den einleitenden Formalitäten das Wort an den Vorstandssprecher Stefan Röver.
Bericht des Vorstands
Die Technologiebranche ist in letzter Zeit sehr stark unter Druck geraten, nachdem die Wachstumsprognosen bis vor nicht allzu langer Zeit noch sehr optimistisch gewesen seien, begann Herr Röver. Diese positiven Einschatzungen hätten auch die Brokat zu hohen Investitionen veranlasst.
Drei Ziele habe man hierbei vor Augen gehabt: Das Vorantreiben des Wachstums durch den Ausbau der Kundenbeziehungen und die regionale Ausweitung, die weltweite Etablierung der Marke "Brokat" und die Verstärkung des Bereichs "Mobile Business". Diese Ziele habe man auch alle erreicht, allerdings hätten die hohen Investitionen zu einer "nicht ganz einfachen Finanzsituation" geführt. Man habe aber durchaus auch Erfolge erzielt, auf die er zunächst eingehen wolle.
Das Jahr 2000 stand ganz im Zeichen von Akquisitionen. Der Umsatz ist um 148 Prozent gestiegen, organisch immerhin noch um 100 Prozent. Brokat ist global expandiert, vor allem in den enorm wichtigen Markt USA, als Kunden konnte man MLP, IBM oder auch Cable & Wireless gewinnen. Gerade im Mobile-Business-Markt ist man erfolgreich positioniert und Herr Röver zeigte sich froh, diese Investitionen rechtzeitig getätigt zu haben.
Konkret wurden in den USA in diesem Bereich die Firmen Blaze Software und GemStone Systems übernommen, als Kunden hat man hier beispielsweise T-Motion und Vodafone und außerdem eine strategische Partnerschaft mit Siemens. Brokat sei im Bereich Mobile-Business klar Marktführer und es gebe viele Interessenten für diese Technologie.
Sehr wichtig für Brokat ist es, der Marke „Brokat“ international Glaubwürdigkeit zu verleihen. Denn nur so könne man Kunden wie Vodafone auch halten. Zu diesem Zweck habe man inzwischen 11 Road Shows mit zusammen 1.500 Teilnehmern veranstaltet, was man sicher als Erfolg werten könne.
Strategie in den USA sei das anorganische Wachstum durch Akquisitionen gewesen, dies sei dem Markteintritt als "Outsider" in jedem Fall vorzuziehen. Die genannten Akquisitionen seien zum besten Zeitpunkt durchgeführt worden, als der eigene Aktienkurs noch hoch und die Kurse der beiden übernommenen Firmen bereits viel tiefer waren, da die Nasdaq bereits zurückgekommen war. Nur so seien diese Übernahmen überhaupt möglich gewesen. Der Anteil der USA am Gesamtumsatz der Brokat-Gruppe betrage inzwischen 38 Prozent.
Die Vereinheitlichung des Auftritts der Brokat-Gruppe sei dann unbedingt notwendig gewesen, es müssten sich schließlich weltweit alle damit identifizieren können. Der Name und das Logo seien also verändert worden (Der Name lautet nun Brokat Technologies, das Logo ist eine "Pusteblume"). Damit seien die Firmen Blaze und GemStone erfolgreich integriert.
Für den weiteren Erfolg sei eine gute Basis gelegt. Man verfüge über innovative Technologien (Software für E-Finance, Patent für die digitale Signatur), ein weltweit präsentes Unternehmen und habe die Vorreiterrolle im mobilen Geschäft inne. Insgesamt hätten die Maßnahmen aber leider zu "finanziellen Herausforderungen" geführt, die es nun zu bewältigen gelte. Hätte man das Unternehmen aber nicht ausgebaut, hätte man hierzu nicht einmal die Chance erhalten, betonte Herr Röver. Die finanzielle Situation erläuterte nun Finanzvorstand Michael Janßen.
2000 sei ein sehr schwieriges Börsenjahr für viele Unternehmen gewesen, begann er. Er könne auch durchaus verstehen, dass die Aktionäre über die Kursentwicklung der Brokat-Aktie enttäuscht seien. Das Management sei aber überzeugt, dass die derzeitige Bewertung das Potential des Unternehmens nicht widerspiegle.
Die Umsatzziele seien im letzten Jahr erreicht worden, auch im 4. Quartal des letzten Jahres sei man noch stark gewachsen. Es gebe insgesamt vier Umsatzsegmente. Erstens die Handelsware. Diese sei lediglich ein Service am Kunden und bringe sehr wenig Marge, sie solle deshalb schnell abgebaut werden. Der Anteil am Gesamtumsatz betrage auch nur noch knapp 3 Prozent. Das zweite Segment ist der Customer Support, also die Dienstleistung für den Kunden bzw. Wartung und Service. Hier ist die Marge mit 66 Prozent recht hoch, der Anteil am Umsatz beträgt 13 Prozent und soll noch weiter wachsen.
Drittens gibt es den Professional Service. Dieser beinhaltet beispielsweise die Systemintegration eines Produktes für den Kunden. Der Anteil dieses Segments ist auf 39 Prozent am Gesamtumsatz auch stark gestiegen, soll aber aufgrund der geringen Marge von 5,3 Prozent ebenfalls reduziert werden. Viertes und letztes Segment sind schließlich die Lizenzen. Die Bruttomarge beträgt hier hohe 100 Prozent. Dieser Bereich soll vorrangig ausgebaut werden. Der Auslandsanteil am Umsatz beträgt insgesamt 64 Prozent, 10 Prozent werden davon in Asien erwirtschaftet.
In der GuV zeigt sich nun das Problem des starken Wachstums, denn dieses hat auch die Kosten in die Höhe getrieben. Der Jahresfehlbetrag beläuft sich auf 125,9 Mio. Euro (Vj. 39,3), das Ergebnis je Aktie beträgt minus 4,26 Euro (Vj. minus 1,52 Euro). Vor allem der Material- und der Personalaufwand sind stark gestiegen. Das EGT nach HGB hat sich dramatisch auf minus 68,3 Mio. Euro (Vj. minus 5,1 Mio. Euro) verschlechtert. Außerdem ist ein außerordentlicher Aufwand von 82,4 Mio. Euro durch die Verschmelzung mit der ME Technologie angefallen, was einen Jahresfehlbetrag nach HGB von 150,7 Mio. Euro ergibt.
Im Folgenden zeigte Herr Janßen pflichtgemäß den Verlust der Hälfte des Grundkapitals an. Als Grund nannte er bilanzielle Neubewertungen, die durch die weltweite Abschwächung der Konjunktur und speziell durch die verzögerten und zögerlichen Investitionen in der Softwarebranche notwendig geworden seien.
Das Eigenkapital der Brokat AG hat sich im Jahr 2000 wie folgt entwickelt: Zuflüssen aus den Barkapitalerhöhungen und den Aktienakquisitionen in Höhe von 137,5 bzw. 114,7 Mio. Euro standen Abflüsse aus dem operativen Ergebnis (minus 76,8 Mio. Euro), der Abschreibung auf Finanzanlagen (minus 80,3 Mio. Euro) und dem bereits erwähnten Verschmelzungsverlust (minus 82,4 Mio. Euro) gegenüber. Die Firmenwertabschreibungen betrugen 49 Mio. DM, 2001 wird nochmals mit Aufwendungen von 138 Mio. DM gerechnet.
Das Eigenkapital beträgt 72,5 Mio. Euro nach 103,1 Mio. Euro im Vorjahr. Die flüssigen Mittel am Jahresende betrugen 135 Mio. Euro zum Jahresende. Diese hätten auch eine ausreichende Liquidität zumindest für 2001 bedeutet. Man sah sich aber nach der CEBIT gezwungen, die Umsatzerwartungen für das laufende Jahr nach unten zu korrigieren, da es eindeutige Anzeichen für eine konjunkturelle Schwäche gab. So wird wohl die Gewinnschwelle später als zunächst geplant erreicht werden.
Als Maßnahmen für die Verbesserung der Situation plant man nun zum einen die Sicherung möglicher Kapitalerhöhungen durch die Schaffung eines genehmigten Kapitals (TOP 8 und 9) und die Ausgabe einer Wandelschuldverschreibung (TOP 10). Außerdem will man die Kosten senken. Der Cash-Burn betrug im 1. Quartal 33 Mio. Euro nach 36 Mio. Euro im Quartal zuvor. Davor hatte sie allerdings nur um die 9 Mio. Euro betragen. Durch diesen deutlichen Anstieg sei es durchaus möglich, dass man im 4. Quartal neue Liquidität brauche, stellte Herr Janßen fest.
Oberste Priorität habe also nun die Sicherung der Liquidität, die Senkung der operativen Kosten und ein qualitatives Wachstum und Profitabilität. Dem Management sei bewusst, dass man sich in einer schwierigen Lage befinde und man werde die Aktionäre umfassend informieren.
Hierauf übernahm nochmals Herr Röver das Wort. Er bemerkte, der aktuelle Aktienkurs spiegle die schwierige Finanzsituation wider, nicht die Assets der Gesellschaft. Man sei schließlich ein internationaler Softwareanbieter mit hervorragender Kundenbasis und habe einen weltweiten Standard im Mobile Payment gesetzt.
Man wolle nun die Schlüsselmärkte in drei Geschäftsbereiche aufteilen: Mobile-Business-Software, E-Finance-Software und Software für regelbasierte Personalisierung. Man werde so bessere Steuerungsmöglichkeiten und mehr Transparenz erlangen. In all diesen Geschäftsbereichen verfüge man über eine gute Positionierung und vor allem im Mobile-Business sehe man aufgrund der Technologieführerschaft der Brokat und des großen Wachstums des Marktes erhebliches Potential.
Allgemeine Diskussion
Viele Redner ergriffen das Wort auf der Versammlung. Unter ihnen waren Herr Rudolf Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), Dr. Winfried Holtermüller von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und auch Herr Matthias Gäbler, der wie gewohnt ausdrucksstark und emotional seine Argumente vertrat und nach einigen Beleidigungen fast aus dem Saal gewiesen worden wäre.
Weiterhin sprachen noch mehrere Kleinaktionäre, manche wiederholt. Die Diskussion nahm mehr als fünf Stunden in Anspruch, eine Zusammenfassung ist also unumgänglich. Den größten Teil der Aussprache nahm die Kritik der Sprecher ein, so reichten die Äußerungen von sachlicher Kritik an den mangelhaften Ausführungen des Vorstands (Herr Neumann) bis zu offenen Wutausbrüchen über die Unfähigkeit und die Verschleierungstaktik des Managements (Herr Gäbler).
Hauptpunkt der Fragen war die mangelnde Kostenkontrolle der Gesellschaft. Es erschien allen Rednern nicht nachvollziehbar, dass erst jetzt reagiert wird, nachdem die Situation inzwischen bereits existenzbedrohende Formen angenommen hat und in einigen Monaten das Geld ausgeht. Anzeichen für die Krise hätte es doch schon länger geben müssen. So stünden die Aufwandsquoten seit jeher in keinem Verhältnis zum Umsatz, während dieser sich verachtfachte, hätten sich die Verluste verdreißigfacht. Und auch das Kostensenkungsprogramm sei nur eine Reaktion, das viel zu spät aus inzwischen "unausweichlichen Zwängen" entstanden sei (Neumann).
Auch Dr. Holtermüller bemängelte, dass man keinerlei Alternativstrategien gehabt habe und nun nach den aktuellen Zahlen schlagartig viele Millionen Euro einsparen müsse. Bei der aktuellen Cash-Burn-Rate von 15 Mio. Euro im Monat gehe das Geld nun aber sehr bald aus und es mache sich wohl eine gewisse Panik breit. Auch die Image-Kampagne für das neue Logo könne er nicht nachvollziehen, diese habe schließlich viel Geld gekostet und sei völlig unnötig gewesen.
Und erwähnen müsse er auch noch den „schrecklichen“ High-Yield-Bond, der im letzten Jahr mit einem Volumen von 125 Mio. Euro und einem Kupon von 11,5 Prozent aufgelegt worden sei. Allein diese Rückzahlungsverpflichtung in 2010 übertreffe die gesamte aktuelle Marktkapitalisierung der Brokat.
Interessieren würden ihn die Kosten dieser Anleihe und auch die für das Listing an der Nasdaq. Aufgrund dieser uferlosen Kosten sei zumindest ein massiver Gehaltsverzicht des Managements angebracht. Frau Fritzinger fragte später zu diesem Punkt ergänzend, ob der Vorstand davon ausgehe, zumindest die Zinsen Ende des Jahres zahlen zu können.
Hier hakte auch Herr Gäbler nach und fragte, wieso denn die Vorstandsbezüge im letzten Jahr sogar gestiegen seien. Außerdem interessiere ihn, wie viele Aktien Vorstand und Aufsichtsrat seit der letzten HV verkauft hätten. Weiter kritisierte er die Zahlung von Rechtsberatungskosten von 532.000 DM an die Kanzlei der Frau von Herrn Röver und verlangte eine Aufgliederung der erheblichen sonstigen betrieblichen Aufwendungen von 92 Mio. DM.
Auch Kleinaktionär Niedermaier hatte einige Fragen zu den Kosten. So interessierten ihn die Aufwendungen für die CEBIT und wie es denn sein könne, dass Herr Röver über eine eigene Fluggesellschaft verfüge und Brokat von dieser Leistungen beziehe. Das hinterlasse doch zumindest einen schalen Beigeschmack. Weiter fragte er, ob denn die Entscheidung, ins Silicon Valley zu gehen, im Nachhinein richtig gewesen sei, die meisten wanderten dort schließlich inzwischen ab.
Herr Röver wies den Vorwurf zurück, die Vorstände hätten sich von ihren Aktien getrennt. Keiner der Gründer habe mehr als „wenige tausend“, maximal aber 3.000 Aktien verkauft, alle seien dem Unternehmen treu verbunden. Verkauft worden sei nur von den ausgeschiedenen Vorständen und die neuen Vorstände hätten lediglich Aktienoptionen erhalten, was das Bild entsprechend verfälsche.
Die gezahlten Rechtsberatungskosten seien großteils im Zusammenhang mit dem Börsengang angefallen und ihre Höhe habe sich „völlig im Rahmen der üblichen Verträge“ bewegt. Außerdem sei seine Frau nicht mehr für diese Kanzlei tätig. Die Gesellschaft „Tango Flugvertrieb“ gehöre ihm, bestätigte Röver. Die Leistungen wurden Brokat aber immer zum Selbstkostenpreis angeboten, dies sei also für das Unternehmen sogar billiger gewesen.
Die sonstigen betrieblichen Aufwendungen bestehen aus vielen einzelnen Posten, die größten sind Werbung und Reisekosten. Bei der CEBIT hat der Stand, der von Mannesmann kurzfristig übernommen wurde und wiederverwendbar ist, 5 Mio. DM gekostet, außerdem fiel 1 Mio. DM an Miete an. Der Stand wird über sieben Jahre abgeschrieben. Diese Kosten entsprachen interessanterweise genau den Schätzungen von Herrn Niedermeier.
Die Image-Kampagne in den USA sei nötig gewesen, um in den USA ein einheitliches Auftreten zu erreichen. Die Kosten hierfür beliefen sich auf 3 Mio. DM, diese seien für die „Kontinuität der Umsätze“ aber notwendig gewesen. Weiterhin sei Silicon Valley ein wichtiger Schritt für Brokat gewesen, alle wesentlichen Firmen seien dort vertreten. Für Kontaktaufnahmen sei dies unumgänglich. Eine Abwanderung von dort sei ihm zumindest nicht aufgefallen.
Die Vorstandsbezüge bewegen sich weit unter den marktüblichen Konditionen und wurden seit der Gründung nicht erhöht. Nur den neuen Vorständen Maestrini und Kruppa wurden etwas höhere Gehälter angeboten, doch auch diese wurden nicht erhöht. Außerdem gab er bekannt, dass die Gründer bis zum Erreichen eines positiven Ergebnisses der Gesellschaft auf ihr Gehalt verzichten werden, was einen Zwischenapplaus auslöste.
Die Kosten für das Nasdaq-Listing und die Anleihe hätten zusammen 6,7 Mio. Euro betragen. Weitere Angaben über die Zukunft der Anleihe und zur nahenden Zinszahlung machte er nicht. Es sei einfach nicht seriös, Prognosen zu machen. Er werde auch keine Angaben zu den Zahlen über den 31.3. hinaus machen, erst Anfang August werde über das 2. Quartal berichtet.
Im Hinblick auf die dringende Suche nach einem strategischen Partner vermutete Herr Neumann, Siemens warte vielleicht erst den Erfolg der Restrukturierung ab, um dann ihren 3-prozentigen Anteil an Brokat weiter auszubauen und als Großaktionär einzusteigen. Dr. Holtermüller ergänzte, es gebe schließlich auch keine andere Möglichkeit für Brokat, an Geld zu kommen, eine Kapitalerhöhung sei beim derzeitigen Aktienkursdesaster undenkbar. Herr Gäbler dagegen war sich sicher, Siemens werde sich wohl vorerst nicht an Brokat beteiligen und sich dann lieber in einigen Monaten aus der Konkursmasse bedienen.
Erwartungsgemäß gab es zu diesem Punkt keine Stellungnahme des Vorstands, Herr Röver bekräftigte aber nochmals, man sei auf der Suche nach einem strategischen Partner und führe aktuell mehrere Gespräche.
Auch zur Technologie der Brokat AG gab es noch einige Fragen, so wurde die Zukunftstauglichkeit der Internetplattform „Twister“ angezweifelt. Auch die schlechte Stimmung bei den Discount-Brokern, die schließlich zu den Hauptkunden der Brokat gehören, sah man als großes Problem. Diese seien derzeit an neuer Technologie nicht interessiert.
Auf Unverständnis stieß auch, dass im Bericht des Vorstands die neue UMTS-Technologie mit keinem Wort erwähnt war. Die Antwort von Herrn Röver, natürlich gebe es mit UMTS ein erhebliches Anwendungspotenzial für Brokat, er habe nur verhindern wollen, dass seine Aussagen falsch gedeutet würden, konnte hier die Gemüter natürlich nicht beruhigen.
Herr Neumann schloss seinen Beitrag mit der Bemerkung, die Vorstände seien wohl dem „Wachstumswahn“ und der Selbstüberschätzung erlegen. Solange aber bei Brokat kein positiver Cash Flow erwirtschaftet werde, blieben sie den Beweis für ihre Eignung als Unternehmer noch schuldig. Diesem Standpunkt schlossen sich die anderen Redner mit ähnlichen Äußerungen im Prinzip an.
Nach weiteren Unmutsäußerungen, Fragen und Zwischenrufen und einer Essenspause für die inzwischen geschwächten Anwesenden kam man gegen Abend endlich zur Abstimmung.
Abstimmungen
Die Präsenz auf der Hauptversammlung betrug mit 12.252.858 Aktien 32,89 Prozent. Auf der Tagesordnung standen neben der Anzeige über den Verlust des halben Grundkapitals und den Entlastungen die Änderung des Firmennamens in „Brokat Technologies Aktiengesellschaft“, die Ermächtigung zum Erwerb eigener Aktien, die Schaffung eines genehmigten Kapitals und die Ermächtigung zur Ausgabe einer Wandelschuldverschreibung.
Es gab bereits während der Diskussion Empörung über die Tatsache, dass es drei verschiedene Stimmformulare gab, teilweise ohne die Anzahl der Stimmen als Eindruck. Dr. Holtermüller fragte, wie er denn nun wissen könne, wie viele Stimmen er überhaupt habe, er habe schließlich "pfundweise" die Karten von Aktionären bekommen, die aufgrund der fortgeschrittenen Zeit bereits gegangen seien. Und auch die Vollmachtserklärungen der Aktionäre habe er noch nicht erhalten, so wisse er nicht einmal, welche Weisungen er erhalten habe.
Herr Strascheg erklärte, diese Formulare seien "nicht verfügbar", so dass Herr Gäbler die Absetzung der Hauptversammlung beantragte. Eine Abstimmung sei unter diesen Umständen nicht möglich, ihm sei es technisch gar nicht möglich, korrekt abzustimmen, erklärte auch Dr. Holtermüller. Der Antrag auf Absetzung der Versammlung fand aber bei weitem keine Mehrheit.
Alle Tagesordnungspunkte wurden mit vielen Gegenstimmen angenommen, vor allem bei der Entlastung des Vorstands summierten sich die Neinstimmen auf etwa 1.000.000. Aber auch bei den anderen Punkten gab es meist mehrere hunderttausend Gegenstimmen. Gegen die Entlastung des Vorstands und des Aufsichtsrats legten mehrere Aktionäre Widerspruch ein. Die Versammlung endete nach über 10 Stunden Dauer um 20:30 Uhr.
Fazit
Der Verzicht der Gründungsaktionäre im Vorstand auf ihr Gehalt bis zum Erreichen eines positiven Ergebnis ist ein bemerkenswerter Schritt. Der Vorstand bemühte sich auch, die Fragen zum letzten Jahr in allen Einzelheiten zu klären und die Missstände aufzudecken, er ließ sich aber zu keinen Äußerungen über das weitere Jahr 2001 hinreißen.
Leider werden aber alle geplanten Aktionen Brokat auch nicht mehr retten, das Geld geht im 4. Quartal des Jahres aus, und eine Rettung der Gesellschaft im letzten Moment ist kaum noch zu erwarten, da Investoren oder Partner wohl nicht zu finden sein dürften. Und die Gewinnzone ist weit entfernt. Von einem Engagement kann man nur abraten.
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