Hans Bernecker: Boden nicht zu definieren


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jack303:

Hans Bernecker: Boden nicht zu definieren

 
17.06.02 10:24
Boden nicht zu definieren  


Mails/Nachrichten vom 17.06.2002, Bernecker & Cie.

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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
am letzten Montag kündigte ich Ihnen eine spannende Woche an. Es wurde eine. Wie geht es weiter? Wir befinden uns im Stadium des Ausverkaufes. Der Boden ist nicht exakt zu definieren. Die Rolle, die dabei die Hedge Funds spielen, habe ich beschrieben. Inzwischen beschäftigen sich mehrere Publikationen damit, aber erstaunlich unkritisch. Jedenfalls: Die Neuen Märkte werden das September-Tief weitgehend testen oder gar geringfügig unterschreiten, die alten Märkte dagegen nicht. Indes:

Nichts ist gefährlicher als ein Vertrauensschwund. Hier in Sachen Manager und Optionen bzw. Wirtschaftsprüfer und demnächst wohl auch die Rating-Agenturen. Natürlich ist so etwas nicht dauerhaft, aber ganz schwer im Ergebnis zu ermessen. Das zeigten schon die letzten Tage: Die Stimmung und die Kommentare klingen deutlich schlechter als die Realitäten aussehen.

Die ökonomischen Fakten bleiben gut. Das gesunkene Verbrauchervertrauen auf 90,8 Zähler hat einen Grund in den vielfältigen Berichten über mögliche Terroranschläge. Das galt im letzten November ebenso. Die rückläufigen Einzelhandelsumsätze betreffen dagegen vor allem die auslaufenden Rabattprogramme für die Autos. Eliminiert man diese Zahlen und die Benzinpreise, errechnet sich ein minimaler Rückgang um 0,2 %. Dagegen steht: Die Arbeitslosenquote sinkt auf 5,8 %, die Stundenlöhne steigen um 2,6 % (gegenüber Vorjahr), die Produktion wächst langsam, aber stetig, und die Relation Lager zum Verkauf ist so niedrig wie nie (Zitat der HSBC). Die Kapazitätsauslastung legte um 1,1 Punkte zu, womit das Bild rund ist: Es gibt keinen Boom, aber eine vorsichtige und dauerhafte Erholung. Natürlich immer unter der Voraussetzung einer „friedlichen Umwelt“.

Die Übertreibungen haben begonnen. Die Abstufung von einigen Telekom-Adressen in den USA zeigt es. Am Donnerstag/Freitag war SPRINT dran, nachdem die Gesellschaft ihre Erwartungen reduzierte. In Zahlen: SPRINT kostet als Nr. 3 im US-Markt nur noch 9,6 Mrd $ für 17 Mrd $ Umsatz. Bei AT&T sind es übrigens 25 Mrd $ für 52 Mrd $. Das sind negative Übertreibungen, die ich noch nicht für Käufe empfehle, aber als Richtlinie für Sie.

Die Short-Positionen zeigen einige bemerkenswerte Änderungen. Deutlich erhöht wurden sie bei MERCK, MCDONALD’S, HONEYWELL, AT&T, SBC COMMUNICATION, INTERNAT. PAPER, aber deutlich reduziert inzwischen bei DUPONT, IBM, CITIGROUP, MMM und INTEL. Weniger, aber erkennbar reduziert bei HEWLETT PACKARD, GENERAL ELECTRIC, COCA-COLA, MICROSOFT, DISNEY und CATERPILLAR. Das wird nun sehr genau zu beobachten sein.

FORD ist der neue Lichtblick. Sie lesen es heute in den deutschen Zeitungen. Meine Empfehlung für FORD ist damit hinreichend unterstrichen und sogar vom Chef persönlich in einem Interview in der heutigen FAZ begründet. Lesenswert. Womit weiterhin klar ist:

Die Zweiteiligkeit des Marktes bleibt ein Phänomen für die kommenden Monate und nicht nur Wochen. Wie sich das darstellt, lesen Sie in der nächsten AB auf Seite 1. Das Ergebnis:

Die Qualitätsaktien bleiben auf Kurs. Natürlich verlieren Sie an einem dramatischen Tag auch einen halben oder einen Dollar, aber bedeutsam ist das nicht.

Die Technologieaktien sind die oft beschriebene Schwachstelle. Was Sie aber in dieser desolaten Situation dennoch für jede einzelne Aktie für sich selbst herausholen können, versuche ich anhand einiger Beispiele zu erläutern. Ich empfehle Ihnen sehr, dies nachzuvollziehen. Immerhin: Der NASDAQ 100 TRACKING STOCK konnte als einziger Tech-Index sein Niveau oberhalb von 27 $ halten. Das ist sehr indikativ.

Zu meinen zwei einzigen Problemkindern der Technikszene (nicht Hightech!): LUCENT und XEROX. Die Zurücknahme der LUCENT-Prognose bedeutet Umsatz in diesem Jahr um 14 Mrd $ mit voraussichtlich 50.000 Beschäftigten, aber Pat Rossa bleibt bei ihrer Aussage einer schwarzen Null im nächsten Jahr. Das halte ich für vertretbar. Börsenwert 9,4 Mrd $, womit ich leben kann. Die XEROX-Abstufung durch Moody’s auf BB+ paßt in dieses Bild. Hier geht es nicht um die Finanzierung des laufenden Geschäftes, sondern um die Refinanzierung des Leasinggeschäftes. XEROX bleibt deshalb unverändert bei seiner bisherigen Ertragseinschätzung mit 60 Cents je Aktie in 2003. Ich habe nicht die Absicht, diese beiden Positionen aufzugeben.

Fazit für Sie: Beschäftigen Sie sich jetzt damit, in einer erneut schwachen Börse über eine Limitstaffel nach unten zu jeweils höheren Beträgen die Verbilligung der Positionen zu suchen, die Sie schon im Portfolio haben. Damit es klar ist: Diese Zukäufe machen nur Sinn, wenn Sie damit anschließend in einer nicht unbedeutenden technischen Erholung auch wirklich den Exit suchen. In keinem Falle geht es bei diesen Titeln schon um langfristige Investments. Wer diesen Unterschied nicht versteht, wird es schwer haben, die nächsten Monate vernünftig zu überstehen.

Frankfurt müßte heute eigentlich mit einem freundlichen Grundton anfangen. Das wird aber erst sichtbar werden, wenn die Future-Preise für die amerikanischen Indizes greifen. Denn auf der Daily-Basis ist der Dreh entweder heute oder morgen möglich. Es besteht also keine überhastete Eile. Die Orientierung kommt allein aus New York. Indes:

Das Tagesvolumen im DAX erreichte in der letzten Woche zweimal mehr als 80 Mio Stück. Das ergab Beträge um 3,1 - 3,3 Mrd E. allein für Xetra. Der VDAX stieg auf über 30 und signalisiert damit die bekannte Crashgefahr. In der Regel liegen die Spitzen für den VDAX knapp über 40. Im Extremfall waren es 46 im September letzten Jahres. Sie können also am VDAX, der die Volatilität mißt, sehen, wie weit der Absturz gediehen ist und mithin in die Gegenposition gehen. Ab 36/38 im VDAX würde ich jedenfalls zu handeln beginnen. Das ist im Moment die sicherste Möglichkeit, das Tief auszuloten. Es funktioniert besser als die reine Charttechnik. Auch dafür gab ich Ihnen in der letzten AB die Rechnung für DT. TELEKOM. Im Prinzip gilt sie für alle anderen. Ergo:

Wird es in dieser Woche nochmals deutlich schwächer oder dramatisch schwach, beginnen Sie mit dieser Taktik, wie beschrieben und in der nächsten AB noch konkreter dargestellt. Wichtig bis dahin: Interessieren Sie sich jetzt nicht für einzelne Firmennachrichten. Es geht ums Ganze.

Spannender Verlauf des Dollars gegen Euro. Ich halte mich sehr bedeckt, wenn ich auf die Markttechnik schaue. Ich machte schon darauf aufmerksam: Die Schwäche des Dollars ist seit Anfang März identisch mit der Schwäche der New Yorker Börse. Es zeichnet sich im Momentum ein Auslaufen dieser Dollarschwäche an, die allerdings in den nächsten Tagen noch zu verfolgen sein wird.

Fazit für Sie: Schwächephase wie diese sind stets die Voraussetzung für eine deutliche Gegenbewegung. Wie weit diese reicht, wird sich noch zeigen. Jedenfalls bleibt es ganz falsch, in einer solchen Situation den Markt zu verlassen. Das Gegenteil ist richtig.

Herzlichst Ihr

Hans A. Bernecker
 




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