Goldene Monate und Medaillen (H. Thieme i.d. FAZ)


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Goldene Monate und Medaillen (H. Thieme i.d. FAZ)

 
26.02.02 11:16
25.02.2002

Die Olympischen Winterspiele haben Börsianer in den vergangenen zwei Wochen kaltgelassen. Von der Medaillenstimmung von Salt Lake City war auf dem New Yorker Börsenparkett nichts zu spüren. Das Gegenteil war eher der Fall. Die wegen des Präsidentschaftstages verkürzte Börsenwoche war keine Siegesfeier, sondern glich einer enttäuschenden Trostrunde. Der Freiverkehrsmarkt führte die Verlustliste mit einem Wochenminus von 4,5 Prozent an. Seit Monatsbeginn haben die hier vehandelten rund 4000 Werte sogar fast 11 Prozent eingebüßt und damit das Negativimage des Februars als zweitschwächster Monat im Jahr mehr als bestätigt. Allerdings gilt dieses unrühmliche Etikett in erster Linie für den Standard & Poor's-500-Index, während der Freiverkehrsmarkt seit seiner Gründung vor 31 Jahren im Februar im Durchschnitt bisher sogar rund ein Prozent zulegte. Wer an die Wiederholung von Geschichte glaubt, der sei gewarnt: Oktober und September sind beim Nasdaq-Index die beiden Monate mit negativen Ergebnissen, während es beim Standard & Poor's-500-Index, der im viertägigen Wochenverlauf knapp 1,5 Prozent einbüßte, der Februar und der September sind.

Eine löbliche Ausnahme war der aus dreißig Werten bestehende Dow-Jones-Index, auch wenn es hier wie fast immer Gewinner und Verlierer gab. Nach erheblichen Tagesschwankungen von jeweils über 100 Punkten wurde am Schluß ein Indexplus von 65 Punkten erzielt. Die 10 000-Punkte-Marke wurde zwar mehrfach gestreift, konnte aber nicht genommen werden. Am Wochenschluß standen 9968 Zähler. Zu den Wochensiegern gehören Unternehmen, die zur traditionellen Volkswirtschaft zählen, wie der Chemiekonzern DuPont, der Automobilhersteller General Motors oder der Mineralölriese Exxon-Mobil und der Aluminiumproduzent Alcoa. Die Hoffnung auf eine baldige Wirtschaftserholung, die von den Frühindikatoren seit vier Monaten angedeutet wird, findet hier ihren Niederschlag. Die Verliererliste liest sich dagegen wie ein Who Is Who im Technologie- und Finanzsektor. Das Schlußlicht bildet der führende Halbleiterhersteller Intel mit einem Wochenverlust von mehr als 11 Prozent. Den vorletzten Platz nimmt IBM ein. Fragen über Bilanzierungsmethoden drückten den Börsenkurs des größten Computerherstellers um fast neun Prozent. Seit Jahresbeginn ist der Aktienpreis sogar rund 20 Prozent gefallen und hat damit drei Viertel des Kursgewinnes seit den Tiefständen vom 11. September wieder eingebüßt. Auch Hewlett-Packard (HP) war einem starken Verkaufsdruck ausgesetzt. Die geplante Fusion mit Compaq Computer wird unter Anlegern immer noch mit Skepsis betrachtet. Selbst die mit Überzeugung vorgetragenen Argumente von HP-Chefin Carly Fiorina, der mächtigsten Geschäftsfrau Amerikas, brachten mit einem Minus von 7,5 Prozent eher Buhrufe ein. Mit Citigroup und JP Morgan folgten zwei prominente Finanztitel auf der Verlustliste mit Kurseinbußen von jeweils fast 7 Prozent. "Enronitis" ist hier, in Anlehnung an den Bilanzskandal des Energieriesen Enron, das neue Schlagwort. Die sich lawinenartig ausbreitende Vertrauenskrise erfaßt immer mehr Unternehmen. Obwohl der Untersuchungsausschuß im Kongreß eine Wochenpause eingelegt hatte und das Konkursthema des ehemals größten Energiehändlers durch den olympischen Medaillenrausch von den Fernsehschirmen verdrängt wurde, brodelte die Gerüchteküche weiter.

Der Mut, den Börsianer kurz nach den Terroranschlägen im September vergangenen Jahres bewiesen, ist inzwischen durch Angst und Nervosität fast vollkommen verdrängt. Aber ähnlich wie vor fünf Monaten das Kaufen an der Börse in relativ kurzer Zeit königlich belohnt wurde, könnte sich auch diesmal Mut anstatt Angst auszahlen. Immerhin gelten März und April als zwei überdurchschnittlich gute Börsenmonate. Der Februar wäre demnach ein guter Zeitpunkt für einen Einstieg.

Wer lieber auf Daten vertraut: Das wichtigste Ereignis in dieser Woche wird neben etlichen Wirtschaftsstatistiken sicherlich der halbjährliche Lagebericht von Alan Greenspan am Mittwoch vor dem Senatsausschuß sein. Hier geht es um die Einschätzung der amerikanischen Wirtschaft und die Zinspolitik der Notenbank. Inspirierende Worte des fast 76jährigen Chefs der amerikanischen Notenbank könnten das gerade erloschene olympische Feuer auf dem Börsenparkett wieder entfachen. Auf Medaillen können nur diejenigen hoffen, die das Kaufrisiko nicht scheuen. Zuschauer gewinnen nie. Sie verlieren aber auch nichts.

IHR HEIKO THIEME
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