Bernd Niquet: Der Unsinn mit den Todeslisten
Bernd Niquet: Der Unsinn mit den „Todeslisten“
- Platow –
oder die Logik eines Einjährigen -
Die schockierende Nachricht gleich
zum Anfang: Wenn sie in den nächsten Wochen und
Monaten nichts zu essen und zu trinken bekommen, werden
demnächst unter anderem folgende Politiker versterben: Gerhard Schröder, Hans
Eichel, Friedrich Merz, Angela Merkel ...
Und warum sollte es
der Wirtschaft da besser ergehen? Ich sage nur: Gigabell,
Cybernet, FortuneCity, Musicmusicmusic .... Und: Brokat, Intershop, Aventis, Bayer,
BASF, DaimlerChrysler ....
Aber Moment doch, bringe ich hier nicht
etwas durcheinander? Warum sollten denn die einen, wenn die
anderen ...? Oder etwa doch nicht?
Wenn kleine Kinder anfangen,
die Welt um sich zu erschließen und zu begreifen,
dann geht es zunächst einmal um ganz einfache Dinge.
Der Ball ist immer der selbe Ball, egal von
welcher Seite er gerollt kommt. Und stößt man ihn
an, dann rollt er so lange, bis er ausgerollt
ist. Es sei denn der Untergrund ist geneigt, dann
rollt er noch ein Stückchen weiter.
Ja, so ist sie,
die Welt der Einjährigen. Und genau in diese Welt
hat sich mit großer Akribie der Platow-Brief in seiner
gestrigen Ausgabe hineinversetzt. Dann noch ein reißerischer Name, wie
beispielsweise „Todesliste“ – und schon wird man einige neue
Abonnenten gewonnen haben, die nun nicht mehr RTL 2
schauen, sondern Platow lesen.
Kompliment, kann man dazu nur sagen.
Jedes Wirtschaftsunternehmen, welches stark wächst, kommt früher oder später
an den Punkt der Illiquidität, wenn ihm keine neue
Liquidität von außen zugeführt wird. Alle Unternehmen, die bereits
seit längerem am Neuen Markt notieren, haben diese erste
Finanzierungsrunde nach dem Börsengang bereits hinter sich – und
viele weitere noch vor sich. Aber auch wer nicht
am Neuen Markt notiert und ein dynamisches Wachstum aufweist,
befindet sich in keiner anderen Lage.
Etwas völlig anderes ist
natürlich die Frage, ob die Anleger bereit sind, noch
einmal etwas zu geben. Seriöse Listen mit gefährdeten Unternehmen
sollten daher nicht auf die Liquidität abstellen, sondern auf
die Fähigkeit, in Zukunft Gewinne zu erzielen. Das ist
das wirklich entscheidende Kriterium. Alles andere hingegen ist Unsinn
aus der Welt der Einjährigen.
Dennoch wird der Platow-Brief mit
seiner Liste wohl voll ins Schwarze treffen. Und zwar
aus zwei Gründen: Erstens, weil in dieser Liste sowieso
nicht die Unternehmen mit Liquiditätsengpässen, sondern vielmehr diejenigen mit
zweifelhaften Geschäftsmodellen stehen. Man hat also zwar „Liquidität“ draufgeschrieben,
meint letztlich jedoch gar nicht die Liquidität.
Und zweitens, weil
eine derartige Liste sich natürlich schon im Wege der
selbsterfüllenden Prophezeiung bewahrheiten wird. Ist nämlich erst einmal ein
Unternehmen derart am Pranger wie diejenigen der „Todesliste“, dann
wird es tatsächlich fast unmöglich, noch einmal Cash zu
bekommen.
Es ist hier also nicht anders als in der
sonstigen Regenbogenpresse auch: Erst werden die Protagonisten in den
Himmel gelobt – und anschließend gnadenlos abgeschossen. Und an
beidem lässt sich sicherlich trefflich verdienen.
Bernd Niquet, Dienstag,
11. Juli 2000
b.niquet@wallstreet-online.de