Pressespiegel vom 13.01.2004
1. Aufmacher und Überblick
Die meisten Zeitungen titeln mit innenpolitischen Themen: LE MONDE mit
optimistischen Erwartungen der Arbeitgeber, LE FIGARO mit OECD-Zahlen
zu Steueraufkommen und Wettbewerbsfähigkeit, LES ECHOS mit den ersten
Reformen der Krankenversicherung und LE PARISIEN mit der
Kriminalitätsrate. LA CROIX hebt den Beitrag von Johannes-Paul II zur Laizismus-Debatte
(Neujahrsempfang diplomatischer Corps) hervor. L'HUMANITE macht mit der
"schwarzen Liste der Air-Bush" auf.
Innenpolitik: Raffarins Neujahrsempfang für die Presse veranlasst die
Korrespondenten zu Reflexionen und Spekulationen über seine Rolle und
Stellung in der Regierung. LIBERATION veröffentlicht eine Umfrage mit
steigenden Popularitätswerten für Chirac und Raffarin.
Regionalwahlen: Bayrou tritt mit eigener Liste in der Gironde gegen
Juppé an. Weitere Themen: Laizismus-Debatte (breit in LA CROIX),
Kriminalitätsrate und Widerstände im Senat gegen das Psychotherapeutengesetz.
Europa: LE MONDE stellt in einem Bericht über das Bertelsmann-Forum in
Berlin Unterschiede in deutschen und französischen Postionen zur
Zukunft der Verfassung heraus und beschäftigt sich mit dem Forschungsetat der
EU.
Zu Deutschland: LE FIGARO mit einem Bericht zur Einigung der
Bundesregierung über Gentechnik-Gesetz.
In der internationalen Berichterstattung wird das Veto des iranischen
Wächterrates gegen die Kandidatur von 2000 fortschrittlichen Iranern für
die Parlamentswahlen am 20. Feb. als herber Rückschlag für die
Reformbemühungen dargestellt. Bush auf dem OAS-Gipfel in Monterrey, Syriens
Weigerung, israelische Einladung anzunehmen, Beziehungen zwischen Libyen
und EU ("beginnende Normalisierung") sowie Reise von de Villepin in die
Golfregion sind weitere Themen. Die Häufung von Anti-Bush-Pamphleten
auf dem amerikanischen Sachbuchmarkt bietet LE MONDE Anlass zu einer
Serie von Artikeln über "zweifelnde Amerikaner". LIBERATION zeichnet ein
kritisches Porträt von Demokraten-Kandidat Howard Dean. Meinungsbeiträge
in LES ECHOS zum niedrigen Dollarkurs. LE FIGARO mit einem Vorabbericht
über OECD-Zahlen zu Steuerlasten und Wettbewerbsfähigkeit, in dem eine
weitere Marginalisierung Frankreichs durch zu hohe Steuern für
Unternehmen und Privathaushalte befürchtet wird.
Im einzelnen
2.Innenpolitik
2.1. Popularitätswerte Chirac und Raffarin
Umfrage LIBERATION ("Frühlingserwachen für die Regierung"): Nach
monatelang sinkenden Popularitätswerten beginnen Chriac und Raffarin das Jahr
2004 mit größerer Unterstützung. Chirac könne eine um acht Punkte auf
53 Prozent und Raffarin um sechs Punkte auf 39 Prozent gestiegene
Zustimmung verzeichnen. Dieser Popularitätsgewinn habe laut Meinungsforscher
Miquet-Marty folgende Ursachen: Vor allem sozial eher benachteiligte
Menschen und Le Pen Wähler sympathisierten immer mehr mit dem Kurs der
Regierung. Chirac werde für die Rückkehr auf die innenpolitische Bühne
gedankt. 65 Prozent hielten das Laizismusgesetz für den richtigen Weg; 78
Prozent bei den Le Pen-Wählern. Auch die Bekämpfung der Fehlverhalten
im Straßenverkehr und des Rauchens finde bei Le Pen-Wählern große
Zustimmung.
2.2. Rolle und Stellung Raffarins
Raffarins Rede beim Neujahrsempfang der Presse und v.a. seine Äußerung,
"gleichzeitig die Nummer Zwei der Exekutive und die Nummer Eins der
Mehrheit" zu sein, löst ein breites Echo von wohlmeinender Zustimmung bis
zu polemischem Widerspruch aus: LE FIGARO stimmt -erwartungsgemäß- den
Lobgesang auf Premierminister Raffarin an und bescheinigt ihm -mit
Blick auf die Ambitionen von Sarkozy und Juppé- die Autorität der "Nummer
Eins der Regierung und der Mehrheit". Bedenken, ihm sei durch die
Rückkehr Chiracs auf die innenpolitische Bühne der Atem abgeschnitten,
widerlegt die Zeitung mit den Beispielen Reform EDF/GDF,
Steuersenkungsprogramm und Reform der Krankenversicherung. Raffarin verdiene es, nachdem
Ende 2003 der politische Wille oft untergegangen sei, begrüßt zu werden.
LIBERATION spricht ihm genau diese Autorität ab, sieht ihn im Abseits.
Er sei ein Opfer der "Präsidentialisierung des Systems", welche die
französische Besonderheit der Doppelspitze in der Regierung vollends als
unzeitgemäß erscheinen lasse. So könne Raffarin auf mildernde Umstände
plädieren und von der Sympathie der Umfragen profitieren. Wolle er das
Wahlvolk aber überzeugen, dass er noch zu etwas nütze sei, dürften gute
Ergebnisse seiner Regierung nicht auf Innenminister Nicolas Sarkozy
zurückfallen. LES ECHOS urteilt eher positiv, sieht jedoch für die Zukunft
Raffarin in der Pflicht, politischer zu werden und höhere Risiken
einzugehen, um in Wahlzeiten Sarkozy und Juppé in Schach zu halten.
2.3. Regionalwahlen
LIBERATION schreibt: Die Entscheidung von UDF-Chef Bayrou, in der
Gironde mit eigener Liste anzutreten, zeuge einerseits von seinem schlechten
Benehmen Juppé, Bürgermeister von Bordeaux, gegenüber (vgl. LE FIGARO:
"Bayrou attackiert UMP auf dem Boden Juppés"), sei andererseits aber
auch eine Herausforderung für Bayrou selbst, der sich werde messen müssen
mit dem PS-Fraktionschef des Regionalparlamentes, Alain Rousset. So
politisch riskant die Entscheidung sei, so sei sie auch ein Signal der
Ermutigung an die Wankelmütigen in den eigenen Reihen, seiner
Autonomiestrategie zu folgen. Raffarin wolle mit seinen Appellen an Geschlossenheit
v.a.verhindern, dass die Regionalwahlen zu einem Referendum für oder
gegen die Regierungspolitik ausarten. Laut o.g.Umfrage seien diese
Befürchtungen nicht berechtigt: 71 Prozent der Befragten gaben an, sich nach
regionalen Kriterien entscheiden zu wollen. Lediglich für 25 Prozent
sei die nationale Politik ausschlaggebend.
2.4. Optimistische Konjunkturprognosen der Arbeitgeber
Laut einer Umfrage von LE MONDE bei 26 der 40 kapitalstärksten
französischen Unternehmen beginnt 2004 unter besseren Vorzeichen als 2003; es
werde mit Erwerbssteigerungen von bis zu 20 Prozent gerechnet.
Überraschende Ergebnisse seien ferner, dass 1. die Großunternehmer weniger von
den USA als vielmehr von Asien oder Europa angezogen seien und 2. der
erwartete Aufschwung keine neuen Arbeitsplätze mit sich bringen werde, ja
sogar Arbeitsplatzabbau möglich sei. Im Leitartikel wird vor Illusionen
gewarnt: Arbeitsplätze werden nicht von Großunternehmen, sondern in
kleineren und mittleren Betrieben geschaffen. Ein weiterer Aspekt ist die
Parallele mit Deutschland: Die Tatsache, dass es in Deutschland -beim
wichtigsten Partner Frankreichs- wieder bergauf gehe, sei die beste
Voraussetzung für den französischen Aufschwung. Wie berechtigt der
Optimismus allerdings sei, hänge vom Dollarkurs ab.
3. Europa
3.1. Verfassung
In seinem Bericht über das Berliner Bertelsmannforum zur Zukunft
Europas erwähnt Vernet/LE MONDE ein dort "diskret" verteiltes Papier von
Bundeskanzler Schröder, in dem Deutschland Ende 2004 als Datum fixiere, bis
zu dem die Verfassung angenommen sein sollte, ansonsten werde das
Europa der zwei Geschwindigkeiten beginnen, das Deutschland -wie ergänzend
aus der Rede von Bundesaußenminister Fischer festgehalten wird- ablehne.
Der Bundesaußenminister habe bewußt vermieden, von einem "harten Kern"
oder gar von einer "Pioniergruppe" zu sprechen. Damit seien
Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich offensichtlich. Paris plädiere
für Entscheidungen der 25, wenn sie denn möglich seien, und für
Entscheidungen innerhalb von Pioniergruppen, wenn eine Einigung der 25 nicht
zustande komme. Vernet urteilt abschließend: Für jeden sei klar, dass die
Alternative zwischen einem erweiterten "verwässerten" Europa und der
Schaffung einer echten Avantgarde liege. Doch wolle niemand die
Verantwortung für eine neue Teilung übernehmen, zumindest nicht, bevor das
Unmögliche nicht in die Tat umgesetzt sein werde.
3.2. EU-Forschungsbudget
LE MONDE berichtet über ein Gespräch mit EU-Forschungskommissar
Busquin. Danach die Kommission plane, die Mitgliedsstaaten Ende Januar zur
Verdoppelung des gemeinsamen Forschungsetats aufzufordern. So sollten im
nächsten Jahrzehnt die Kredite von 5 Mrd auf 10 Mrd steigen, womit 10
Prozent des öffentlichen Forschungsetats in der EU abgedeckt wären.
Europa habe Mühe, einen gemeinsamen Raum zu schaffen; die Forschung leide
unter Zersplitterung und sei kaum sichtbar. Die Europäer könnten sich
nicht organisieren, keine "kritische Masse" schaffen (Beispiele: Gen- und
Nuklearforschung). Darüber dürften auch Erfolge wie Galileo nicht
hinweg täuschen. Mit Blick auf die französische Situation kommentiert LES
ECHOS: Der Mangel an Geldern sei nicht das einzige Übel. Es komme auch
auf eine bessere Verteilung der Gelder an, von denen bislang 60 Prozent
für drei Bereiche -Luftfahrt, Nuklearprogramm, Raumfahrt- reserviert
seien. In Zukunft müßten die Bereiche Informations- und Biotechnologie
privilegiert werden. Die Unternehmen sollten mehr in die Forschung
investieren und die Politik durch Steuerreformen Wissenschaftskarrieren
fördern sowie den Technologietransfer zwischen privatem und öffentlichem
Sektor erleichtern.
4. Zu Deutschland
4.1. Gentechnik-Gesetz
LE FIGARO berichtet ausführlich über die Nouvelle des
Gentechnik-Gesetzes von 1993 in Deutschland, mit der auch die Umsetzung der
EU-Freisetzungsrichtlinie in deutsches Recht vollzogen werde. In Frankreich dagegen
seien entsprechende Texte noch nicht in Sicht; zunehmende Widerstände
auf Seiten der Konsumenten liessen die Entscheidungsträger zögern. So
habe der deutsche Gesetzesvorstoss französische Umweltverbände in Unruhe
versetzt. Es werde erhöhter Druck auf den Ministerrat befürchtet.
5. International
5.1. Reise von de Villepin in die Golfregion
De Villepin verfolge mit dieser Reise zwei Absichten, schreibt de
Barochez/LE FIGARO (als einzige Zeitung zu dem Thema): Zum einen wolle er
Frankreichs Ruf in der islamischen Welt retten, wo das geplante
Kopftuchverbot für Mädchen an öffentlichen Schulen heftige antifranzösische
Proteste hervor gerufen habe. Zum anderen liege ihm daran, Frankreichs
Stimme in einer strategisch wichtigen und von dem Einfluss der USA
dominierten Region hörbar zu machen. Dabei habe er die herausragende Rolle der
VN nach Wiederherstellung der irakischen Souveränität betont und eine
internationale Konferenz zur Überwachung des Übergangs gefordert.
5.2. Wahlkampf USA
LIBERATION zu Howard Dean: Bisher sei es Dean gelungen, sich allen
auftretenden Situationen anzupassen. So sei Dean als Gouverneur von Vermont
doch eher konservativ. Als demokratischer Präsidentschaftsbewerber sei
er dann der Herold der eingefleischten Linken geworden. Falls er dazu
bestimmt sein sollte, für die Demokraten gegen Präsident George W. Bush
anzutreten, so könne man mit einem wohl sicherlich rechnen: Dean dürfte
sein Image ein weiteres Mal so leicht wie ein Chamäleon auch darauf
ausrichten.
(Quelle: Pressereferat der Deutschen Botschaft Paris)
1. Aufmacher und Überblick
Die meisten Zeitungen titeln mit innenpolitischen Themen: LE MONDE mit
optimistischen Erwartungen der Arbeitgeber, LE FIGARO mit OECD-Zahlen
zu Steueraufkommen und Wettbewerbsfähigkeit, LES ECHOS mit den ersten
Reformen der Krankenversicherung und LE PARISIEN mit der
Kriminalitätsrate. LA CROIX hebt den Beitrag von Johannes-Paul II zur Laizismus-Debatte
(Neujahrsempfang diplomatischer Corps) hervor. L'HUMANITE macht mit der
"schwarzen Liste der Air-Bush" auf.
Innenpolitik: Raffarins Neujahrsempfang für die Presse veranlasst die
Korrespondenten zu Reflexionen und Spekulationen über seine Rolle und
Stellung in der Regierung. LIBERATION veröffentlicht eine Umfrage mit
steigenden Popularitätswerten für Chirac und Raffarin.
Regionalwahlen: Bayrou tritt mit eigener Liste in der Gironde gegen
Juppé an. Weitere Themen: Laizismus-Debatte (breit in LA CROIX),
Kriminalitätsrate und Widerstände im Senat gegen das Psychotherapeutengesetz.
Europa: LE MONDE stellt in einem Bericht über das Bertelsmann-Forum in
Berlin Unterschiede in deutschen und französischen Postionen zur
Zukunft der Verfassung heraus und beschäftigt sich mit dem Forschungsetat der
EU.
Zu Deutschland: LE FIGARO mit einem Bericht zur Einigung der
Bundesregierung über Gentechnik-Gesetz.
In der internationalen Berichterstattung wird das Veto des iranischen
Wächterrates gegen die Kandidatur von 2000 fortschrittlichen Iranern für
die Parlamentswahlen am 20. Feb. als herber Rückschlag für die
Reformbemühungen dargestellt. Bush auf dem OAS-Gipfel in Monterrey, Syriens
Weigerung, israelische Einladung anzunehmen, Beziehungen zwischen Libyen
und EU ("beginnende Normalisierung") sowie Reise von de Villepin in die
Golfregion sind weitere Themen. Die Häufung von Anti-Bush-Pamphleten
auf dem amerikanischen Sachbuchmarkt bietet LE MONDE Anlass zu einer
Serie von Artikeln über "zweifelnde Amerikaner". LIBERATION zeichnet ein
kritisches Porträt von Demokraten-Kandidat Howard Dean. Meinungsbeiträge
in LES ECHOS zum niedrigen Dollarkurs. LE FIGARO mit einem Vorabbericht
über OECD-Zahlen zu Steuerlasten und Wettbewerbsfähigkeit, in dem eine
weitere Marginalisierung Frankreichs durch zu hohe Steuern für
Unternehmen und Privathaushalte befürchtet wird.
Im einzelnen
2.Innenpolitik
2.1. Popularitätswerte Chirac und Raffarin
Umfrage LIBERATION ("Frühlingserwachen für die Regierung"): Nach
monatelang sinkenden Popularitätswerten beginnen Chriac und Raffarin das Jahr
2004 mit größerer Unterstützung. Chirac könne eine um acht Punkte auf
53 Prozent und Raffarin um sechs Punkte auf 39 Prozent gestiegene
Zustimmung verzeichnen. Dieser Popularitätsgewinn habe laut Meinungsforscher
Miquet-Marty folgende Ursachen: Vor allem sozial eher benachteiligte
Menschen und Le Pen Wähler sympathisierten immer mehr mit dem Kurs der
Regierung. Chirac werde für die Rückkehr auf die innenpolitische Bühne
gedankt. 65 Prozent hielten das Laizismusgesetz für den richtigen Weg; 78
Prozent bei den Le Pen-Wählern. Auch die Bekämpfung der Fehlverhalten
im Straßenverkehr und des Rauchens finde bei Le Pen-Wählern große
Zustimmung.
2.2. Rolle und Stellung Raffarins
Raffarins Rede beim Neujahrsempfang der Presse und v.a. seine Äußerung,
"gleichzeitig die Nummer Zwei der Exekutive und die Nummer Eins der
Mehrheit" zu sein, löst ein breites Echo von wohlmeinender Zustimmung bis
zu polemischem Widerspruch aus: LE FIGARO stimmt -erwartungsgemäß- den
Lobgesang auf Premierminister Raffarin an und bescheinigt ihm -mit
Blick auf die Ambitionen von Sarkozy und Juppé- die Autorität der "Nummer
Eins der Regierung und der Mehrheit". Bedenken, ihm sei durch die
Rückkehr Chiracs auf die innenpolitische Bühne der Atem abgeschnitten,
widerlegt die Zeitung mit den Beispielen Reform EDF/GDF,
Steuersenkungsprogramm und Reform der Krankenversicherung. Raffarin verdiene es, nachdem
Ende 2003 der politische Wille oft untergegangen sei, begrüßt zu werden.
LIBERATION spricht ihm genau diese Autorität ab, sieht ihn im Abseits.
Er sei ein Opfer der "Präsidentialisierung des Systems", welche die
französische Besonderheit der Doppelspitze in der Regierung vollends als
unzeitgemäß erscheinen lasse. So könne Raffarin auf mildernde Umstände
plädieren und von der Sympathie der Umfragen profitieren. Wolle er das
Wahlvolk aber überzeugen, dass er noch zu etwas nütze sei, dürften gute
Ergebnisse seiner Regierung nicht auf Innenminister Nicolas Sarkozy
zurückfallen. LES ECHOS urteilt eher positiv, sieht jedoch für die Zukunft
Raffarin in der Pflicht, politischer zu werden und höhere Risiken
einzugehen, um in Wahlzeiten Sarkozy und Juppé in Schach zu halten.
2.3. Regionalwahlen
LIBERATION schreibt: Die Entscheidung von UDF-Chef Bayrou, in der
Gironde mit eigener Liste anzutreten, zeuge einerseits von seinem schlechten
Benehmen Juppé, Bürgermeister von Bordeaux, gegenüber (vgl. LE FIGARO:
"Bayrou attackiert UMP auf dem Boden Juppés"), sei andererseits aber
auch eine Herausforderung für Bayrou selbst, der sich werde messen müssen
mit dem PS-Fraktionschef des Regionalparlamentes, Alain Rousset. So
politisch riskant die Entscheidung sei, so sei sie auch ein Signal der
Ermutigung an die Wankelmütigen in den eigenen Reihen, seiner
Autonomiestrategie zu folgen. Raffarin wolle mit seinen Appellen an Geschlossenheit
v.a.verhindern, dass die Regionalwahlen zu einem Referendum für oder
gegen die Regierungspolitik ausarten. Laut o.g.Umfrage seien diese
Befürchtungen nicht berechtigt: 71 Prozent der Befragten gaben an, sich nach
regionalen Kriterien entscheiden zu wollen. Lediglich für 25 Prozent
sei die nationale Politik ausschlaggebend.
2.4. Optimistische Konjunkturprognosen der Arbeitgeber
Laut einer Umfrage von LE MONDE bei 26 der 40 kapitalstärksten
französischen Unternehmen beginnt 2004 unter besseren Vorzeichen als 2003; es
werde mit Erwerbssteigerungen von bis zu 20 Prozent gerechnet.
Überraschende Ergebnisse seien ferner, dass 1. die Großunternehmer weniger von
den USA als vielmehr von Asien oder Europa angezogen seien und 2. der
erwartete Aufschwung keine neuen Arbeitsplätze mit sich bringen werde, ja
sogar Arbeitsplatzabbau möglich sei. Im Leitartikel wird vor Illusionen
gewarnt: Arbeitsplätze werden nicht von Großunternehmen, sondern in
kleineren und mittleren Betrieben geschaffen. Ein weiterer Aspekt ist die
Parallele mit Deutschland: Die Tatsache, dass es in Deutschland -beim
wichtigsten Partner Frankreichs- wieder bergauf gehe, sei die beste
Voraussetzung für den französischen Aufschwung. Wie berechtigt der
Optimismus allerdings sei, hänge vom Dollarkurs ab.
3. Europa
3.1. Verfassung
In seinem Bericht über das Berliner Bertelsmannforum zur Zukunft
Europas erwähnt Vernet/LE MONDE ein dort "diskret" verteiltes Papier von
Bundeskanzler Schröder, in dem Deutschland Ende 2004 als Datum fixiere, bis
zu dem die Verfassung angenommen sein sollte, ansonsten werde das
Europa der zwei Geschwindigkeiten beginnen, das Deutschland -wie ergänzend
aus der Rede von Bundesaußenminister Fischer festgehalten wird- ablehne.
Der Bundesaußenminister habe bewußt vermieden, von einem "harten Kern"
oder gar von einer "Pioniergruppe" zu sprechen. Damit seien
Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich offensichtlich. Paris plädiere
für Entscheidungen der 25, wenn sie denn möglich seien, und für
Entscheidungen innerhalb von Pioniergruppen, wenn eine Einigung der 25 nicht
zustande komme. Vernet urteilt abschließend: Für jeden sei klar, dass die
Alternative zwischen einem erweiterten "verwässerten" Europa und der
Schaffung einer echten Avantgarde liege. Doch wolle niemand die
Verantwortung für eine neue Teilung übernehmen, zumindest nicht, bevor das
Unmögliche nicht in die Tat umgesetzt sein werde.
3.2. EU-Forschungsbudget
LE MONDE berichtet über ein Gespräch mit EU-Forschungskommissar
Busquin. Danach die Kommission plane, die Mitgliedsstaaten Ende Januar zur
Verdoppelung des gemeinsamen Forschungsetats aufzufordern. So sollten im
nächsten Jahrzehnt die Kredite von 5 Mrd auf 10 Mrd steigen, womit 10
Prozent des öffentlichen Forschungsetats in der EU abgedeckt wären.
Europa habe Mühe, einen gemeinsamen Raum zu schaffen; die Forschung leide
unter Zersplitterung und sei kaum sichtbar. Die Europäer könnten sich
nicht organisieren, keine "kritische Masse" schaffen (Beispiele: Gen- und
Nuklearforschung). Darüber dürften auch Erfolge wie Galileo nicht
hinweg täuschen. Mit Blick auf die französische Situation kommentiert LES
ECHOS: Der Mangel an Geldern sei nicht das einzige Übel. Es komme auch
auf eine bessere Verteilung der Gelder an, von denen bislang 60 Prozent
für drei Bereiche -Luftfahrt, Nuklearprogramm, Raumfahrt- reserviert
seien. In Zukunft müßten die Bereiche Informations- und Biotechnologie
privilegiert werden. Die Unternehmen sollten mehr in die Forschung
investieren und die Politik durch Steuerreformen Wissenschaftskarrieren
fördern sowie den Technologietransfer zwischen privatem und öffentlichem
Sektor erleichtern.
4. Zu Deutschland
4.1. Gentechnik-Gesetz
LE FIGARO berichtet ausführlich über die Nouvelle des
Gentechnik-Gesetzes von 1993 in Deutschland, mit der auch die Umsetzung der
EU-Freisetzungsrichtlinie in deutsches Recht vollzogen werde. In Frankreich dagegen
seien entsprechende Texte noch nicht in Sicht; zunehmende Widerstände
auf Seiten der Konsumenten liessen die Entscheidungsträger zögern. So
habe der deutsche Gesetzesvorstoss französische Umweltverbände in Unruhe
versetzt. Es werde erhöhter Druck auf den Ministerrat befürchtet.
5. International
5.1. Reise von de Villepin in die Golfregion
De Villepin verfolge mit dieser Reise zwei Absichten, schreibt de
Barochez/LE FIGARO (als einzige Zeitung zu dem Thema): Zum einen wolle er
Frankreichs Ruf in der islamischen Welt retten, wo das geplante
Kopftuchverbot für Mädchen an öffentlichen Schulen heftige antifranzösische
Proteste hervor gerufen habe. Zum anderen liege ihm daran, Frankreichs
Stimme in einer strategisch wichtigen und von dem Einfluss der USA
dominierten Region hörbar zu machen. Dabei habe er die herausragende Rolle der
VN nach Wiederherstellung der irakischen Souveränität betont und eine
internationale Konferenz zur Überwachung des Übergangs gefordert.
5.2. Wahlkampf USA
LIBERATION zu Howard Dean: Bisher sei es Dean gelungen, sich allen
auftretenden Situationen anzupassen. So sei Dean als Gouverneur von Vermont
doch eher konservativ. Als demokratischer Präsidentschaftsbewerber sei
er dann der Herold der eingefleischten Linken geworden. Falls er dazu
bestimmt sein sollte, für die Demokraten gegen Präsident George W. Bush
anzutreten, so könne man mit einem wohl sicherlich rechnen: Dean dürfte
sein Image ein weiteres Mal so leicht wie ein Chamäleon auch darauf
ausrichten.
(Quelle: Pressereferat der Deutschen Botschaft Paris)
Gruss,
Parocorp
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