In den letzten Jahren eilte die isländische Wirtschaft von einer Rekordnachricht zur nächsten. Explodierende Börsenkurse und eine boomende Wirtschaft katapultierten Island an die Spitze der reichsten Länder Europas. Nun droht dieser wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte ein abruptes Ende. Handelte es sich bei Islands Aufschwung mehr um Schein als Sein?
Am 15. Februar 2006 erreichte der Leitindex der isländischen Börse (ICEX-15) seinen historischen Höchststand von 6925,44 Punkten, nachdem er ein Jahr zuvor bei 3856,84 Punkten und zwei Jahre früher bei 2424,49 Punkten gelegen war. Dies entspricht einer Steigerung von 80% (2005-2006) bzw. 185% (2004-2006). Das Wirtschaftswachstum zählte mit 6,2% sowohl 2004 als auch 2005 zu den höchsten weltweit. Wenn man bedenkt, daß die isländische Wirtschaft 2002 noch um 1,3% schrumpfte, scheint die Erfolgsgeschichte noch eindrucksvoller.
Mit dem Kollaps der Börse, der ICEX-15 verlor in nur zwei Monaten teilweise knapp 25%, ging auch eine scharfe Abwertung der isländischen Krone (ISK) einher. In den 10 Wochen seit dem Höchststand des ICEX-15 verlor die ISK gegenüber dem Euro knapp 25% an Wert (seit dem einjährigen Hoch sogar über 36%), obwohl die isländische Zentralbank die Zinsen auf mittlerweile 10,0% angehoben hat. Vor nicht einmal 2 Jahren, im Mai 2004, lagen die Zinsen bei mickrigen 2,8%. Diese beiden Ziffern geben einen ersten Hinweis auf die Fragilität des isländischen Aufschwungs. Die Indizien deuten darauf hin, daß die Substanz des isländischen Aufschwungs eine geringe ist und daß vielmehr ein kredit-induzierter Boom die vulkanische Insel im Atlantik heimsuchte.
Boom und Rezession – Die Theorie
Der Großteil der Ökonomen betrachtet Konjunkturzyklen und Wirtschaftswachstum als voneinander nicht trennbare Entwicklungen. Ein höherer Wohlstand sei ohne zyklische Schwankungen nicht denkbar. Allerdings könne die Zentralbank, und je nach ideologischer Ausrichtung auch der Staat, die Wellenbewegungen glätten. Diesem – monetaristischen bzw. keynesianischen – Ansatz steht jener der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ gegenüber, der in Konjunkturzyklen und im Wirtschaftswachstum zwei voneinander unabhängige Phänomene sieht. Letzteres wird durch eine Erhöhung des Kapitalstocks verursacht, wozu eine deregulierte Wirtschaft, niedrige Steuern und ein für ausländische Investoren (FDI) freundliches Investitionsklima gehören. Ersteres Phänomen wird hingegen durch Eingriffe der Zentralbank und der Geschäftsbanken in den Marktzins ausgelöst. Die Absenkung der Zinsen versetzt die Wirtschaft in eine nicht-nachhaltige Aufschwungsphase, die früher oder später zu einem Ende kommen muß. In der allgemeinhin als Übel identifizierten Rezession, werden nur jene Verzerrungen geheilt, die die Wirtschaft in der Phase des künstlichen, und von allen anderen Experten als positiv bewerteten, Booms befiel.
Vereinfacht gesagt läuft ein typischer Konjunkturzyklus wie folgt ab: Die Zentralbank senkt die Zinsen, worauf die Boomphase einsetzt. Abhängig von den externen wie internen Rahmenbedingungen kann sich diese Phase über mehrere Jahre, im Extremfall sogar Jahrzehnte, hinziehen. Dieses Absenken der Zinsen verleitet die Unternehmer, kapitalintensive Projekte zu starten, für die es aber nicht genügend Ersparnisse gibt. Schließlich signalisieren die niedrigen Zinsen den Konsumenten, mehr zu konsumieren und weniger zu sparen. Das Fehlen von zusätzlichen Ersparnissen führt damit früher oder später unweigerlich zu weitverbreiteten Konkursen und zwar genau dann, wenn die Unternehmer den Mangel an Kapital zu spüren bekommen. Um diese Lücke zu schließen, muß die Zentralbank die Zinsen wieder anheben. Entscheidet sie sich nicht dafür, kann einerseits die für die Schließung der Kapitallücke notwendige Erhöhung der Sparneigung der heimischen Bevölkerung nicht erreicht werden bzw. die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes für ausländische Investitionen nicht erhöht werden. Andererseits droht bei Fortführung der Niedrigzinspolitik eine Hyperinflation.
Die Ursachen der Verzerrungen in der Boomphase sind demnach monetärer Natur, d.h. durch die Ausweitung der Geldmenge der Zentral- und Geschäftbanken verursacht, während die heilende Rezession, die strukturellen Verwerfungen kuriert, so sie denn durch Zinssenkungen nicht an ihrer Arbeit gehindert wird. Eine wiederholte Niedrigzinspolitik ist ein hoffnungsloser Versuch, diese Verzerrungen per fiat aus der Welt zu schaffen, die kontraproduktiver nicht sein kann. Diese Politik verschlimmert nur die Situation, genauso wie man einen Kater nicht durch Genuß eines weiteren Biers erfolgreich bekämpfen kann. Im Gegenteil, die Kopfschmerzen werden nur umso schlimmer.
Achterbahnfahrt auf isländisch - Theorie anwenden
Phase 1: Der Auslöser
Im März 2002 begann der jüngste isländische Konjunkturzyklus mit der Absenkung des Leitzinses um 0,5% von 6,7% auf 6,2%. Binnen eines Jahres sank der Zinssatz auf den Tiefstwert von 2,80% und verblieb auf diesem Niveau bis zum 11. Mai 2004 als die Zentralbank eine Erhöhung um 20 Basispunkte auf 3,0% vornahm.
Phase 2: Der Boom
Wie bereits erwähnt, erlebte Island daraufhin eine Phase rasanten Wachstums. Innerhalb von 2 Jahren explodierte das Wirtschaftswachstum förmlich von -1,3% (2002) bis auf 6,2% (2004, 2005). Im selben Zeitraum schoß der ICEX-15 von 1307,04 auf fast 4000 Punkte. Bei dieser Verdreifachung sollte es nicht bleiben und die Börsenhausse setzte sich bis in den Februar 2006 bis zum historischen Höchststand von 6925,44 Punkten fort. Eine Verfünffachung in 4 Jahren. Die Immobilienpreise stiegen verdoppelten sich in diesem Zeitraum und stiegen im vergangen Jahr um knapp 20%. In ungefähr derselben Höhe bewegte sich der jährliche Zuwachs der Geldmenge M3 als Folge der niedrigen Zinsen, wobei der Anstieg vor allem vom exorbitant hohen Kreditwachstum durch die Geschäftsbanken von über 30% getragen wurde.
Phase 3: Der Beginn der Rezession – Island heute
Fallende Börsen- und Wechselkurse, die hohe kurzfristige Verschuldung, ein Leistungsbilanzdefizit von 20% (!) des BIP und die mittlerweile im zweistelligen Bereich befindlichen Zinsen läuten die baldige und deutliche Verlangsamung des Wirtschaftswachstums ein.
Phase 4: Die Rezession – Quo vadis Island?
In der Rezession sinkt die Geldmenge und führt so zu einer Liquidierung von unproduktiven Unternehmungen. Die künstlich aufgeblasene Geldmenge implodiert und offenbart derart die strukturellen Verzerrungen der isländischen Wirtschaft. Wenn die Zentralbank nicht durch Zinssenkungen versucht, die heilende Rezession aufzuhalten, könnte sich Island innerhalb relativ kurzer Zeit der Verzerrungen entledigen und, sofern keine wachstumsfeindlichen Politikmaßnahmen beschlossen werden, wieder Fahrt aufnehmen. Die niedrigen Unternehmens- und Einkommenssteuern bilden hiefür eine gute Voraussetzung.
Allerdings werden davor weitverbreitete Konkurse, auch der einen oder anderen Bank, unvermeidbar sein. Reagiert die Zentralbank darauf mit Zinssenkungen, so würde diese Verschleppung nichts Gutes bedeuten. Ein kurzfristiges Strohfeuer könnte dann die trügerische Hoffnung auf einen nachhaltigen Aufschwung nähren, der sich jedoch schon bald als Illusion entpuppen wird. Eine längere Rezession mit langfristig sinkendem Wohlstand ist dann ebenso möglich, die ziemlich sicher mit einer Fortsetzung der inneren und äußeren Geldentwertung begleitet wäre.
Resümee - Dies Island ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält
Der bisherige, nahezu idealtypische Verlauf eines Konjunkturzyklus illustriert in seiner Reinheit Ursache und Wirkung des Konjunkturzyklus wie in kaum einem anderen Land. Trotz erheblicher Unterschiede auf der mikro-ökonomischen Ebene und in der quantitativen Bedeutung für die Weltwirtschaft, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß der Fall Island einen Vorgeschmack auf die in den USA mit Riesenschritten nahende Rezession bietet. Schließlich leiden beide Länder an massiven Leistungsbilanzdefiziten und erhöhten nach einer Phase der extremen Niedrigzinspolitik deutlich die Zinsen, während der Euroraum Leistungsbilanzüberschüsse verzeichnet und mit einer deutlich lockeren Zinspolitik operiert. Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, ob die USA denselben Pfad wie Island einschlägt, ob langfristige Vernunft oder kurzfristiger Populismus die Oberhand gewinnt.