Technologieunternehmen haben den Höhepunkt des Wachstums schon wieder überschritten. Pessimisten schließen daraus auf eine allgemeine Umkehr des Konjunkturtrends
Frankfurt - Erst enttäuschte Yahoo, dann folgten Siebel, Intel und AMD. Nokia schließlich löste am Donnerstag mit seinen Zahlen fast schon Panik aus. Innerhalb von wenigen Minuten rauschte der Kurs um rund 15 Prozent in die Tiefe.
Die High-Tech-Unternehmen sind die eindeutigen Verlierer der aktuellen Bilanzsaison. Nach ihrem spektakulären Wiederaufstieg im vergangenen Jahr werden sie jetzt wieder zurechtgestutzt. Doch mancher Analyst glaubt, dass ihre aktuelle Schwäche der Vorbote für eine allgemeine Umkehr des konjunkturellen Trends sein könnte.
Auf den ersten Blick ist nur schwer verständlich, warum die Technologie-Konzerne von den Börsianern überhaupt so abgestraft wurden. Sowohl der Internetdienstleister Yahoo als auch der weltgrößte Chip-Produzent Intel verdoppelten ihren Gewinn im Vergleich zum Vorjahr. Intel-Konkurrent AMD hatte nach einem Verlust von 140 Millionen Dollar im Vorjahresquartal diesmal sogar über 32 Millionen Dollar verdient.
Nur bei Nokia brach der Gewinn ein. Doch dafür waren Sonderfaktoren verantwortlich. Die Finnen hatten schlicht die Entwicklung am Handymarkt verschlafen und mussten Marktanteile an die Konkurrenz abgeben. Nun versuchen sie mit Preissenkungen ihre Vormachtstellung zurückzuerobern. Das drückt auf die Gewinnmargen.
Auch die Konjunktur scheint weiter intakt. Nach Berechnungen der Deutschen Bank dürfte die Weltwirtschaft in diesem Jahr so stark wachsen wie seit 1976 nicht mehr. Um 4,9 Prozent soll sie expandieren. Ein Großteil des Wachstums kommt zwar aus China und Japan, aber auch für die USA erwarten die Experten eine Steigerungsrate von 4,7 Prozent. Nur Europa hinkt mit zwei Prozent hinterher.
Doch die Börse bewertet nicht die momentane Lage, sondern wettet auf die Zukunft. Üblicherweise blicken die Investoren sechs Monate nach vorn. Auf die jetzt verkündeten Rekordgewinne haben sie also schon Ende letzten Jahres gesetzt. Damals legten die Aktienkurse tatsächlich stark zu, insbesondere die Papiere der High-Tech-Unternehmen. Der MSCI World Technology Index stieg bis Januar dieses Jahres deutlich stärker als der MSCI World, der alle Branchen und Länder abdeckt.
Nun schauen die Investoren auf das, was 2005 zu erwarten ist. Und hier haben Yahoo & Co. wenig Erfreuliches zu berichten. So sind bei Intel die Lagerbestände stark gestiegen. Das erinnert viele Anleger an das Jahr 2000, als erst auf Halde produziert wurde und danach die High-Tech-Blase platzte. Auch Konkurrent AMD prognostizierte am Mittwoch für die kommenden Quartale nur einen "moderaten Umsatzanstieg".
"Der Halbleitersektor insgesamt ist in der letzten Phase vor dem Höhepunkt in seinem Zyklus", sagt Pia Hellbach, Aktienfondsmanagerin bei der Fondsgesellschaft Union Investment. Daher dürfte es im ersten Halbjahr 2005 ihrer Meinung nach in dieser Branche bereits wieder abwärts gehen.
Ganz ähnlich sieht es bei Hardware-Herstellern wie IBM oder Dell aus. Sie haben zwar am Freitag noch gute Zahlen für das laufende Quartal verkündet. Doch auch diese Unternehmen müssen in den nächsten Quartalen mit nachlassendem Wachstum rechnen.
Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die übrige Wirtschaft. Chip-Industrie und Hardware-Hersteller gelten als Frühzykliker. Der Markt schließt daher aus den verschlechterten Aussichten in diesen Sektoren, dass auch die gesamte Wirtschaft im nächsten Jahr langsamer wachsen wird."2005 könnte der internationale Aufschwung an Dynamik verlieren", prognostiziert Katie Pybus von der britischen Fondsgesellschaft Henderson Global Investors.
Die Anlagemanager von Schroders rechnen für das kommende Jahr nur noch mit einem Gewinnwachstum von fünf Prozent bei den US-Unternehmen 2005 und erwarten zum Jahresende sogar den Übergang zu einer Stagnation.
Fünf Prozent wäre aber immer noch ein deutliches Plus und somit kein Grund für den derzeitigen Pessimismus an den Börsen. "Viele Anleger und Analysten fürchten aber, dass die gegenwärtige Verlangsamung des Wachstums in der amerikanischen Wirtschaft der Anfang von etwas Größerem sein könnte", sagt Richard Berner, Volkswirt bei Morgan Stanley.
Vor allem der hohe Ölpreis drückt derzeit die Stimmung. "Preise von über 40 Dollar je Barrel, wie wir sie gegenwärtig sehen, verbinden viele mit einer Rezession", sagt Frank Bulthaupt, Volkswirt bei der Dresdner Bank. Hinzu kommen die steigenden Zinsen, das riesige Außenhandelsdefizit der USA und Befürchtungen, dass nach der Präsidentschaftswahl die neue Regierung Schluss macht mit den Steuergeschenken, die in den vergangenen Monaten den Konsum stützten.
"Von einer Rezession zu reden ist dennoch Schwarzmalerei", sagt Christoph Hott, Aktienmarktexperte bei Sal. Oppenheim. Zwar würden Ölpreis, Defizit und Fiskalpolitik die Wirtschaft belasten. Er glaubt jedoch nicht, dass "die Konjunktur jetzt wieder wegbricht". Vielmehr geht er davon aus, dass die amerikanische Wirtschaft auch 2005 noch um drei bis 3,5 Prozent wachsen wird. "Das ist nicht berauschend, entspricht aber dem langfristigen Trendwachstum", so Hott.
Auch Pia Hellbach glaubt, dass 2005 das Wachstum zwar nachlassen werde, aber dennoch keine Rezession zu erwarten sei. Die Gewinne dürften moderat steigen. "Dafür sind die Bewertungen der High-Tech-Unternehmen allerdings recht hoch", warnt sie. Denn für diesen Sektor wurden bis vor kurzem die riesigen Gewinnsprünge der vergangenen Quartale einfach in die Zukunft fortgeschrieben. Die gegenwärtigen Kursabschläge sind daher eine notwendige Korrektur, um die Kurse wieder den realistischeren Schätzungen anzupassen, die mittlerweile gelten.
Für Hellbach ist die Branche dennoch derzeit nicht attraktiv. Sie setzt lieber auf defensive Werte, also Aktien von Nahrungs- und Getränkeherstellern, Versorgern oder Pharmaunternehmen. "Damit kann man gut überwintern", sagt sie. fhs