Thieme in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
11.02.2002
Das Börsenlexikon wurde um ein Wort erweitert. Allerdings ist es damit keinesfalls bereichert, sondern das Gegenteil trifft zu. Der größte Unternehmenskonkurs der Geschichte zieht weite Kreise. Die 65-Milliarden-Dollar-Pleite des Energiehändlers Enron hat inzwischen auch Wall Street erfaßt. Wirtschaft, Politik und Börse sind in unterschiedlichem Maße betroffen. Aktionäre und hier besonders Angestellte der Firma haben teilweise ihr gesamtes Sparvermögen verloren. Fast alle Kongreßmitglieder haben in irgendeiner Form in den vergangenen Jahren Gelder von Enron erhalten. Selbst etliche Kabinettmitglieder sind aufgrund früherer Tätigkeiten zumindest indirekt betroffen. Allerdings blieb das Weiße Haus bisher verschont. Nach dem Kursverfall von 90 Dollar im September 2000 auf jetzt unter einem Dollar hat die Enron-Affäre auch etliche Unternehmen, die komplexe Buchhaltungsmethoden angewandt haben, in den Abwärtssog mitgezogen. Selbst General Electric, das von der Marktkapitalisierung größte Unternehmen der Welt, ist unter Verkaufsdruck geraten. Tyco International hat in wenigen Tagen aufgrund von Buchhaltungsfragen Kursverluste von über 50 Prozent hinnehmen müssen. Ebensoviel verlor der irische Pharmakonzern Elan allein in der vergangenen Woche. Der Telekommunikationskonzern Global Crossing, der wie Enron Konkurs anmelden mußte, wird inzwischen wegen Verdachts auf übertriebene Umsatzzahlen von der Börsenaufsichtsbehörde (SEC) und sogar dem FBI untersucht. Vielleicht wird demnächst neben Enronitis auch Globalitis zu einem neuen Begriff im Börsenlexikon.
Politiker fordern neue Richtlinien, die eine klare Trennung zwischen Wirtschaftsprüfung und Unternehmensberatung vorschreiben. Auch Bonuszahlungen an führende Manager stehen im Mittelpunkt der Kritik. Die Freie Marktwirtschaft läuft Gefahr, sich durch selbst zu verantwortende Exzesse zu disqualifizieren. Der Satz von Lenin, daß der Kapitalismus den Strick selbst dreht, an dem er aufgehängt wird, sollte als Warnung gelten, daß Enronitis die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen kann. Auch Europa könnte hiervon betroffen werden.
Vergangene Woche stand Wall Street voll unter dem Druck der Enron-Affäre und erzielte bis Donnerstag keinen positiven Tagesabschluß. Allein am Montag fiel die Marktkapitalisierung aller Werte um fast 300 Milliarden Dollar. Dies ist mehr als der vierfache Wert von Enron während seiner Spitzenzeiten. Die in Presse und Fernsehen stark im Vordergrund stehenden Untersuchungen der einzelnen Kongreßausschüsse beeinflußten selbst das Tagesgeschäft an Wall Street. Dies ist der peinlichste Konkurs überhaupt. Nur am Freitag, als keine Verhöre vor dem Untersuchungsausschuß stattfanden, legte die Börse ein positives Tagesergebnis vor. Allerdings konnte damit der Wochenverlust nicht mehr wettgemacht werden. Den größten Verlust gab es im Freiverkehrsmarkt mit einem Wochenminus von fast fünf Prozent. Klarer Wochensieger waren Goldaktien. Goldfonds stiegen im Wochenverlauf über zehn Prozent und weisen teilweise seit Jahresbeginn ein Plus von 30 Prozent auf. Der Goldpreis stieg erstmals seit zwei Jahren über die 300-Dollar-Marke pro Feinunze. Das Timing hätte hier in Anbetracht der beginnenden Olympiade in Salt Lake City kaum besser sein können. Die Frage ist nur, ob der Glanz auch über die Zeit der Winterspiele anhält.
Der Februar hat seinen Ruf als zweitschlechtester Börsenmonat bisher bestätigt. Der zweite und neunte Jahresmonat sind die einzigen, die seit 1950 im Durchschnitt Minuszahlen einfuhren. Wer sich von den negativen Schlagzeilen einschüchtern läßt, handelt jedoch falsch. Gerade schwache Börsenmonate offerieren die besten Kaufgelegenheiten. Hier ist es ähnlich wie bei Kaufhäusern, wo Schlußverkäufe immer die günstigsten Angebote aufweisen. Wer Mut hatte und Tyco International unter 25 Dollar kaufte, konnte bereits am Wochenschluß Kursgewinne von über 20 Prozent erzielen. Entscheidend ist, daß Anleger sich auf Qualität konzentrieren und emotionelle Kursschwächen ausnutzen. Der Altmeister der Börse, André Kostolany, der am 9. Februar 96 Jahre alt geworden wäre, sagte, wenn die zittrigen Hände Aktien verkaufen, dann greifen die starken Hände zu. Die Frage ist, wessen Hände zittern und wer jetzt Mut zum Zugreifen hat.
Ihr Heiko Thieme
11.02.2002
Das Börsenlexikon wurde um ein Wort erweitert. Allerdings ist es damit keinesfalls bereichert, sondern das Gegenteil trifft zu. Der größte Unternehmenskonkurs der Geschichte zieht weite Kreise. Die 65-Milliarden-Dollar-Pleite des Energiehändlers Enron hat inzwischen auch Wall Street erfaßt. Wirtschaft, Politik und Börse sind in unterschiedlichem Maße betroffen. Aktionäre und hier besonders Angestellte der Firma haben teilweise ihr gesamtes Sparvermögen verloren. Fast alle Kongreßmitglieder haben in irgendeiner Form in den vergangenen Jahren Gelder von Enron erhalten. Selbst etliche Kabinettmitglieder sind aufgrund früherer Tätigkeiten zumindest indirekt betroffen. Allerdings blieb das Weiße Haus bisher verschont. Nach dem Kursverfall von 90 Dollar im September 2000 auf jetzt unter einem Dollar hat die Enron-Affäre auch etliche Unternehmen, die komplexe Buchhaltungsmethoden angewandt haben, in den Abwärtssog mitgezogen. Selbst General Electric, das von der Marktkapitalisierung größte Unternehmen der Welt, ist unter Verkaufsdruck geraten. Tyco International hat in wenigen Tagen aufgrund von Buchhaltungsfragen Kursverluste von über 50 Prozent hinnehmen müssen. Ebensoviel verlor der irische Pharmakonzern Elan allein in der vergangenen Woche. Der Telekommunikationskonzern Global Crossing, der wie Enron Konkurs anmelden mußte, wird inzwischen wegen Verdachts auf übertriebene Umsatzzahlen von der Börsenaufsichtsbehörde (SEC) und sogar dem FBI untersucht. Vielleicht wird demnächst neben Enronitis auch Globalitis zu einem neuen Begriff im Börsenlexikon.
Politiker fordern neue Richtlinien, die eine klare Trennung zwischen Wirtschaftsprüfung und Unternehmensberatung vorschreiben. Auch Bonuszahlungen an führende Manager stehen im Mittelpunkt der Kritik. Die Freie Marktwirtschaft läuft Gefahr, sich durch selbst zu verantwortende Exzesse zu disqualifizieren. Der Satz von Lenin, daß der Kapitalismus den Strick selbst dreht, an dem er aufgehängt wird, sollte als Warnung gelten, daß Enronitis die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen kann. Auch Europa könnte hiervon betroffen werden.
Vergangene Woche stand Wall Street voll unter dem Druck der Enron-Affäre und erzielte bis Donnerstag keinen positiven Tagesabschluß. Allein am Montag fiel die Marktkapitalisierung aller Werte um fast 300 Milliarden Dollar. Dies ist mehr als der vierfache Wert von Enron während seiner Spitzenzeiten. Die in Presse und Fernsehen stark im Vordergrund stehenden Untersuchungen der einzelnen Kongreßausschüsse beeinflußten selbst das Tagesgeschäft an Wall Street. Dies ist der peinlichste Konkurs überhaupt. Nur am Freitag, als keine Verhöre vor dem Untersuchungsausschuß stattfanden, legte die Börse ein positives Tagesergebnis vor. Allerdings konnte damit der Wochenverlust nicht mehr wettgemacht werden. Den größten Verlust gab es im Freiverkehrsmarkt mit einem Wochenminus von fast fünf Prozent. Klarer Wochensieger waren Goldaktien. Goldfonds stiegen im Wochenverlauf über zehn Prozent und weisen teilweise seit Jahresbeginn ein Plus von 30 Prozent auf. Der Goldpreis stieg erstmals seit zwei Jahren über die 300-Dollar-Marke pro Feinunze. Das Timing hätte hier in Anbetracht der beginnenden Olympiade in Salt Lake City kaum besser sein können. Die Frage ist nur, ob der Glanz auch über die Zeit der Winterspiele anhält.
Der Februar hat seinen Ruf als zweitschlechtester Börsenmonat bisher bestätigt. Der zweite und neunte Jahresmonat sind die einzigen, die seit 1950 im Durchschnitt Minuszahlen einfuhren. Wer sich von den negativen Schlagzeilen einschüchtern läßt, handelt jedoch falsch. Gerade schwache Börsenmonate offerieren die besten Kaufgelegenheiten. Hier ist es ähnlich wie bei Kaufhäusern, wo Schlußverkäufe immer die günstigsten Angebote aufweisen. Wer Mut hatte und Tyco International unter 25 Dollar kaufte, konnte bereits am Wochenschluß Kursgewinne von über 20 Prozent erzielen. Entscheidend ist, daß Anleger sich auf Qualität konzentrieren und emotionelle Kursschwächen ausnutzen. Der Altmeister der Börse, André Kostolany, der am 9. Februar 96 Jahre alt geworden wäre, sagte, wenn die zittrigen Hände Aktien verkaufen, dann greifen die starken Hände zu. Die Frage ist, wessen Hände zittern und wer jetzt Mut zum Zugreifen hat.
Ihr Heiko Thieme