Dotcom-"Friedhof" hat noch viele freie Plätze...


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Dotcom-"Friedhof" hat noch viele freie Plätze...

 
12.10.00 20:11

Weihnachtsgeschäft ist Stunde der Wahrheit für E-Commerce-Firmen

Auf dem Dotcom-"Friedhof" sind noch viele Plätze frei. 43 virtuelle "Gräber" gescheiterter Internet-Firmen hat die Website dotcomfailures.com mittlerweile angelegt. Bald könnten es sehr viel mehr werden. Intersssant ist in diesem Zusammenhang auch die Seite von fucked-company.com. Das bevorstehende Weihnachtsgeschäft wird nach Einschätzung von Experten zur Stunde der Wahrheit für viele E-Commerce-Ideen werden. Vor allem kleine Firmen könnten auf der Strecke bleiben, nachdem sich zunehmend die großen, traditionellen Handelsketten im Geschäft mit dem Online-Verkauf breit machen.

Unter dem Motto "Tritt sie, wenn sie schon am Boden liegen" werden bei dotcomfailures.com Gerüchte, Halbwahrheiten oder frei Erfundenes über das Schicksal von Internet-Firmen verbreitet. In den vergangenen Monaten waren unter anderem die US-Shoppingsite Productopia.com und der Online-Schmuckhändler Miadora.com Gegenstand wilder Spekulationen. Für ihre Namen ist dotcomfailures.com mittlerweile zur letzten Ruhestätte geworden. Auch die E-Commerce-Träume von Netscape-Gründer Jim Clark liegen hier begraben: Die Website Kibu.com, für die Clark shoppingsüchtige Teenagerinnen als Zielgruppe ausgemacht hatte, erwies sich als Flop.
     
"Für die meisten E-Händler wird das Weihnachtsgeschäft die Entscheidung bringen", glaubt Scot Melland, Chef des US-Software-Hauses Vcommerce, das E-Commerce-Anwendungen für die Branche liefert. Im Verkauf über das Internet bringe das letzte Quartal des Jahres "bis zu 50 Prozent der Einnahmen". Wer jetzt nicht beweise, dass seine Idee funktioniere, werde von seinen Kapitalgebern kaum neues Geld zugeschossen bekommen.
     

"Die Konsolidierung der Industrie hat begonnen, und schwächere Akteure werden straucheln", sagt Melland. Schwierig sei für kleinere Anbieter vor allem der Vorstoß traditioneller Handelsketten wie Wal-Mart oder JCPenney ins Internet. Jürgen Kurz von der Frankfurter Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz beobachtet eine ähnliche Entwicklung in Deutschland. "Für das Geschäft insgesamt ist es positiv, dass Schwergewichte aus der Old Economy wie Karstadt da reingehen", sagt er. "Wer jetzt aber klein ist, für den wird das eine ganz harte Zeit."
     
Wer es indes über den Jahreswechsel schaffe, habe gute Chancen, auch weiter im Geschäft zu bleiben, meint Melland. Tatsächlich sagen Marktkenner immense Wachstumsraten im E-Commerce voraus. Forrester Research glaubt, dass im US-Weihnachtsgeschäft allein zehn Milliarden Dollar (22,4 Milliarden Mark) zu holen sind. Jupiter Communications ist noch optimistischer und rechnet mit zwölf Milliarden Dollar. Der Branchenspezialist Gartner Group sieht weltweit einen Umsatz von 19,5 Milliarden Dollar für die kommenden Monate.
     
Gartner Group-Expertin Geri Spieler glaubt, dass die Kunden auf dem US-Markt im dritten Jahr der E-Commerce-Revolution Lieferschwierigkeiten und fehlerbehaftete Webangebote kaum mehr verzeihen werden. Zudem hätten nach der Pleitewelle in der ersten Jahreshälfte viele Finanzgeber kalte Füße bekommen und wollten Profite sehen. "Wem im vergangenen Jahr noch vergeben wurde, der kann kaum mehr auf Nachsicht zählen. Eine zweite Chance gibt es nicht mehr."
     
Merrill-Lynch-Analyst Henry Blodget sagt sogar ein regelrechtes "Blutbad" unter den derzeit schätzungsweise 400 öffentlich gehandelten E-Commerce-Firmen in den USA voraus. Drei Viertel der Unternehmen haben seiner Ansicht nach keine Aussicht, jemals aus den roten Zahlen zu kommen, und würden innerhalb der nächsten fünf Jahre vom Markt verschwinden.

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Online-Händler Boxman.com vor dem Aus

 
12.10.00 20:23
Investoren drehen dem 1997 gegründeten schwedischen Unternehmen den Geldhahn zu - Käufer gesucht

Von Reiner Gatermann

Stockholm - Am Montagabend stand fest: Die Investoren waren nicht bereit, dem schwedischen Internet-Händler Boxman.com eine weitere Finanzspritze zu geben. Am Dienstag wurden bereits die Webbseiten sowie das Kundentelefon abgeschaltet und gestern kam der befürchtete Bescheid für die 140 Beschäftigten: Das Mitte 1997 gegründete Unternehmen ist nicht mehr zu retten.
Dem Aufsichtsrat bleiben noch zwölf Tage, um einen Käufer zu finden. In der Branche wird dies jedoch für höchst unwahrscheinlich gehalten. Anfang nächster Woche werden Aufsichtsrat und Gläubiger satzungsgemäß über die Liquidation abstimmen.

Der CD-, Video- und Spielehändler mit Niederlassungen in Nordeuropa, Deutschland, Großbritannien, Holland und Frankreich benötigte über 400 Mio. Schwedenkronen (rund 91 Mio. DM), um sich über die nächste Runde zu retten. Diese sollten über eine Aktienemission beschafft werden. Aber nur 70 Mio. gingen ein. Im ersten Halbjahr hatte Boxman bei einem Umsatz von 83 Mio. Kronen, gegenüber der entsprechenden Vorjahresperiode minus 16 Prozent, einen Verlust von 340 Mio. eingefahren. Im März hatten die Aktionäre bereits 178 Mio. zugeschossen, zum inoffiziellen Kurs von 24,50 Kronen. Jetzt wurde das Papier für 1,40 Kronen angeboten. Im April war der Plan, das Unternehmen an die Börse zu bringen, bereits wegen unzureichendem Interesse aufgegeben worden.

Boxman war Mitte 1997 gegründet worden, zählte einst Mitglieder der Rockbands Roxette und Ace of Base zu seinen Aktionären. "Falsche Kalkulationen" nennt Albin Tiusanen vom Maklerhaus Matteus als Grund des Zusammenbruchs. Die Kosten für ein europäisches Zentrallager sowie für mehrere Datenbasen seien außer Kontrolle geraten, während gleichzeitig die Umsätze hinter den Erwartungen zurückblieben. Er will Boxman nicht auf die gleiche Ebene wie Boo.com stellen, das "einfach schlecht geführt worden ist". Andere Analysten verweisen jedoch auf ein anderes Beispiel, das eine Warnung hätte sein müssen. Im Juni war bereits das größte US-Unternehmen dieser Branche, CDnow, gescheitert und war von Bertelsmann aufgekauft worden.

Etliche schwedische Analysten halten den Boxman-Kollaps sogar aus Gründen der Branchensanierung "für nützlich". "Boxman zählte zu den Unternehmen, mit deren Zusammenbruch gerechnet werden musste", stellt Patrick Svensk vom Risikokapitalunternehmen Sky Venture fest. Sein Kollege Staffan Helgesson von Startupfactory erklärt, bisher sei es zu leicht gewesen, Risikokapital zu bekommen und neue E-Handelsunternehmen zu gründen. Nach den jüngsten Verlusten überdächten nun die Risikokapitalgeber ihre Strategie.Daraus könnte jedoch nach Ansicht von Marktbeobachtern eine große Gefahr erwachsen: Dass die Investoren den Geldhahn völlig zudrehen. Davor warnt Anders Halvarsson, Geschäftsführer des schwedischen E-Handelsverbandes: "Mit dem E-Handel ist eigentlich nichts verkehrt, er wird weiter wachsen. Nur einige Unternehmen sind aus dem Rahmen gefallen." Er sieht sogar eine gewisse Logik in dem Umstand, dass "Boo.com, Dressmart und Boxman zu den ersten gehören, die untergegangen sind. Sie sind enorm hart eingestiegen und ein großes Risiko eingegangen."
Gil + Band und andere prominente Musikgruppen kurbelten den Start des schwedischen Internet-Händlers Boxman.com an. Jetzt lange Gesichter: Das Unternehmen steht vor der Pleite.



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