Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.03.2008, Nr. 10 / Seite 62
Exoten mit Heilsversprechen
Sie heißen Goji, Reishi oder Granadilla und sind angeblich enorm gesund: Fremdartige Früchte und Gemüsesorten werden immer beliebter. Aber was bewirken sie tatsächlich?
Von Anna v. Münchhausen
Wer Aleksandros einen Grünkrämer nennt, liegt völlig daneben. Sein Ladengeschäft an der Frankfurter Fressgass', eine Art globalisierte Vitamin-Börse, ist der Beweis dafür, dass Obst, Gemüse und Südfrüchte durchaus den Charakter von Exponaten haben können. Säuberlich aufgeschichtet, poliert und angestrahlt, locken Kumquats, Physalis, Kiwis und Granatäpfel im Rohzustand, regen Bamberger Hörnle, italienische Mini-Artischocken und Okra-Schoten die Phantasie der Passanten an. In weißen Porzellanschalen aufgetürmt, warten frische Obstsalate in leuchtendem Rot und Sonnengelb. Und wenn Aleksandros mit seinem blütenweißen Kittel beinahe so aussieht wie ein Heilberufler, so ist das gewiss nicht unerwünscht.
Denn schließlich wird seine Ware von der Medizin nachdrücklich als das A und O zeitgemäßer Ernährung gerühmt: reich an Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen, ein Verbündeter sowohl bei der Zellerneuerung wie im Dauerkampf gegen den erhöhten Cholesterinspiegel, die Seuche der Zivilisation. Dass die gutverdienende, gesundheitsbewusste Fressgass'Klientel Abwechslung und deshalb auch weniger bekannte Obst- und Gemüsesorten schätzt, denen teilweise fast magische Wirkung für den Stoffwechsel zugeschrieben wird, liegt nahe.
Die Frage nach der neuesten Entdeckung der Vitaminapostel bringt Aleksandros nicht in geringste Verlegenheit. "Goji-Beeren? Haben wir", sagt der Händler und zeigt auf das Regal mit reihenweise getrockneter Ware. Voilà: ein Beutel Goji-Beeren enthält 250 Gramm, kostet 5,95 Euro und ist haltbar bis zum 15. Dezember 2008. Inhalt: getrocknete, braunrötliche Beeren, etwa so groß wie Rosinen, aber fester, leicht kristallin in der Konsistenz. Der Geschmack: eher herb als süß, mit schwacher Stärkenote, intensiv und eigen, vor allem, wenn man gleich eine halbe Handvoll nimmt. Als Tagesration werden auf einschlägigen Websites siebzig Stück empfohlen, und zwar nebenbei genascht, ins Müsli gemischt oder auf den Salat gestreut.
Die kleinen roten Früchte des gemeinen Bocksdorns, auch Wolfsbeere (Lycium barbarum L.) genannt, werden in der chinesischen Provinz Ningxia geerntet und sollen enorm viele Vitamine, Aminosäuren und Spurenelemente enthalten. Als "tibetischer Faltenkiller" mit beinahe sofortiger Anti-Aging-Wirkung werden sie derzeit von einigen Magazinen gepriesen. Prominente Anwender gibt es inzwischen auch schon, Kate Moss etwa oder Mick Jagger - wobei Letzterer die Tagesration womöglich verdoppeln sollte. Goji-Beeren beschleunigen angeblich die Hautverjüngung, regen das Zellwachstum auch im höheren Alter an, regulieren den Blutdruck und stärken das Immunsystem. Ein Darmstädter Importeur behauptet sogar, nie mehr unter Erkältungen zu leiden, seit er die Beeren regelmäßig konsumiere.
Die Fachwelt sieht solchen Enthusiasmus eher skeptisch: "Wenn man bedenkt, dass sich der Markt für verschiedene Obstarten in den vergangenen Jahren ständig erweitert hat, ist es kein Wunder, dass jetzt ständig neue Früchte hinzukommen, vor allem exotische Beeren mit hohem antioxidativen Anteil", stellt Michael Hamm fest, Ernährungsexperte und Professor für "Life Sciences" an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Wissenschaftler jedenfalls haben für die ständig neu "entdeckten" Früchte keineswegs immer auch gleich entsprechende Analysen und Studien über die mögliche Wirkung parat; in kaum einer Zeitschrift finden sich präzise Angaben über Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe oder sogar über mögliche Gifte wie etwa bei der Vogelbeere. Außerdem, gibt Michael Hamm zu bedenken, sei es für die Wirkung nicht unerheblich, ob man die rohe, ganze Frucht isst oder ob sie in verarbeiteter Form aufgenommen wird.
Sein Kollege Bernhard Tauscher vom Max-Rubner-Institut für Ernährungsforschung in Karlsruhe führt die der schrumpeligen roten Goji-Beere zugeschriebenen phantastischen Werte auf ihren getrockneten Zustand zurück: "Wenn Früchten Wasser entzogen wird, stellen wir eine Vervielfachung der Inhaltsstoffe fest. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Rosine. Rosinen haben noch 15,7 Prozent Wasser, während Weintrauben 87,2 Prozent Wasser enthalten."
Kaum besser erforscht sind die Nüsse der sibirischen Zeder (Pinus sibirica), die in den Zapfen der Zirbelkiefernart heranwachsen. In der sibirischen Taiga seien Zedernüsse wegen ihres hohen Anteils an Antioxidantien immer schon vor allem während der Wintermonate gegen Nährstoffmangel eingesetzt worden, heißt es. Die ungesättigten Fettsäuren sollen den Cholesterinspiegel positiv beeinflussen und - kleiner Nebeneffekt - bei jungen Müttern die Milchbildung fördern. Mittlerweile sind Zedernüsse in jedem Reformhaus zu haben, hundert Gramm kosten um die vier Euro. Geschmacklich erinnern die glatten kleinen Samen mit ihrer sanften Nussigkeit deutlich an Pinienkerne. Ohne Fett in der Pfanne geröstet, gewinnen sie zusätzliches Aroma.
Etwas mehr Aufwand in der Verarbeitung erfordert Topinambur (Helianthus tuberosus) - eine jener gerade wiederentdeckten Gemüsesorten, die schon einmal eine große Zeit in Mitteleuropa erlebt haben: Um 1900 wurde die ebenso anspruchslose wie ergiebige "Erdartischocke" auf 80 000 Hektar angepflanzt. Auf den ersten Blick könnte man die faustgroße, rötlich-violette Knolle allerdings eher für eine Kartoffel halten. Ähnlich wie jene lässt sich Topinambur dünsten, braten oder überbacken. Klassisch wird das Gemüse püriert mit Lauch oder Kürbis als Suppe aufgetischt und mit einem Hauch Muskat versetzt. Kenner loben es aber auch als Salat - dann erinnert sein Geschmack leicht an den der Wasserkastanie.
Was ist so gesund an diesem Wurzelgemüse, das jetzt im Winter hauptsächlich aus deutschen Landen angeboten wird? Wiederum der unbestritten hohe Gehalt an Vitaminen, Kalium und Magnesium. Außerdem enthält Topinambur eine besondere Form von Stärke, die angeblich den Hunger auf Süßwaren dämpft, nämlich Inulin, ein überwiegend aus Fructose aufgebautes Polysaccharid. Dass er deshalb hier und da "Delikatess-Kartoffel für Diabetiker" genannt wird, hält Ernährungsexperte Hamm allerdings für übertrieben.
In Frankreich als "pourpier" populär, bei uns noch misstrauisch beäugt wird Portulak (Portulaca oleraceae), eine Wildgemüsepflanze, die sandigen Boden liebt. Die leicht dickfleischigen, runden Blätter schmecken schwach säuerlich, wenn auch längst nicht so intensiv wie Sauerampfer. Mit Tomaten, Schalotten und Basilikum wird ein sommerlicher Salat daraus, aber auch in Butter gedünstet als Beilage passt Portulak sich an. Magnesium, Kalium, Eisen und eine Extra-Portion Vitamin C machen "Burzelkraut" zur regelrechten Heilpflanze: "Das Kraut strotzt nur so vor Lebenskraft", behauptet Wolf-Dieter Storl, Autor eines Gemüse-Ratgebers. Und auch Bernhard Tauscher bestätigt: "Portulak enthält viel Vitamin K, das Koagulationsvitamin, das an der Blutgerinnung beteiligt ist." In der anthroposophischen Medizin gilt Portulak als harntreibend und soll dem Herzen guttun. Was davon bei uns in den Sommermonaten auf den Markt kommt, stammt meist aus den Niederlanden, Belgien oder Frankreich. Deutsche Anbauer trauen sich noch nicht so recht, obwohl die Pflanze von der Aussaat bis zur Ernte nur drei bis vier Wochen benötigt, etwa so lange wie Feldsalat, der schließlich auch erst seit ein paar Jahren richtig populär geworden ist.
Noch vor kurzem wurden in der nationalen Verzehrstudie abermals Zucker und Fett als Übeltäter entlarvt, Obst und Gemüse hingegen als Musterknaben benannt. Fettleibigkeit bleibt auch weiterhin ein Problem, gleichzeitig berichtet der Handel von einem deutlich gesteigerten Bedürfnis der Kundschaft, sich nicht nur gesund zu ernähren, sondern dabei noch mehr Abwechslung zu genießen.
"Gastronomen müssen heute ihren Gästen ja immer wieder einen neuen Kick vorsetzen. Auch auf diese Nachfrage ist es zurückzuführen, dass wir immer wieder von neuen Früchten hören", stellt Bernhard Tauscher fest. Was also wird die Goji-Beere demnächst ablösen: die Pitahaya, eine Kakteenfrucht? Oder Rambutan, eine rotschalige Variante der Litschi? Noch haben diese beiden Exoten es aber nicht einmal bis zu Aleksandros an die Fressgass' geschafft.