"......Doch die Behörde hat der Verwendung von Stevia klare Grenzen gesetzt und eine bestimmte Aufnahmemenge festgelegt. Die liegt bei täglich vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Bei einer 60 Kilogramm schweren Frau entspricht das einer Süßstoffmenge von 240 Milligramm, ungefähr soviel wie ein HALBER(!) Schokoriegel. Wird die Verzehrmenge nicht überschritten, sind gesundheitliche Risiken nach derzeitigem Wissensstand nicht zu befürchten.
Zuckerersatz mit Haken
Wer jetzt hofft, zukünftig ohne Reue schlemmen zu können, irrt: "Der Süßstoff Stevia wird herkömmlichen Zucker zumindest in nächster Zeit nicht vollständig ersetzen können", sagt Anne Brockhoff, Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung. Der Grund: Der konzentrierte Süßstoff hat häufig einen leicht bitteren Nachgeschmack. Er entsteht, wenn die Süßstoffe aus der Pflanze extrahiert werden. "Wie Stevia schließlich in den fertigen Lebensmitteln schmeckt, bleib abzuwarten", so die Ernährungsforscherin. Neben Limonade soll Stevia auch in Marmeladen, Joghurts, Schokolade oder Kaugummis verwendet werden.
Doch es ist nicht nur der ungewöhnliche Geschmack, der Lebensmittelchemiker vor Herausforderungen stellt. Auch die erlaubte Höchstmenge setzt enge Grenzen: "Vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht reichen nicht aus, um eine Limonade ausschließlich mit Stevia zu süßen", meint Udo Kienle, Agrarwissenschaftler der Universität Hohenheim, der seit fast 30 Jahren an Stevia forscht. Um einen Liter handelsüblicher Limonade ausreichend zu süßen, müssten Lebensmittelhersteller die erlaubte Dosis verdreifachen. Somit bleibt den Firmen nichts weiter übrig, als den Rest mit Zucker aufzufüllen. Dennoch kann ein Drittel der üblichen Menge und die damit verbundenen Kalorien eingespart werden. "Von der Süßkraft ist Stevia damit nicht besser oder schlechter als andere Süßstoffe auch", meint Kienle.
Nur ein Marketingtrick?
Sieger der vermeintlichen Zuckerrevolution ist die Lebensmittelindustrie: Der neue Süßstoff hat den Ruf, gesund zu sein, da er von einer Pflanze stammt. „Mit der Natürlichkeit der Pflanze hat der Stoff, der am Ende im Produkt landet, aber nichts mehr zu tun, weil er durch ein chemisches Verfahren gewonnen wurde“, sagt Kienle. Er hält den plötzlichen Hype für geschicktes Marketing. "Für eine Zuckerrevolution müsste es überall vollständig einsetzbar sein. So bleibt es eine Revolution mit angezogener Handbremse."
Auch die Ernährungsforscherin Brockhoff glaubt, dass sich für die Verbraucher nicht viel ändern wird: „Die Kunden werden davon nicht viel mitbekommen. Höchstens, dass einigen der Süßstoff nicht schmecken wird."
Revolution sieht anders aus."
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