Die Mark darf nicht sterben


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Die Mark darf nicht sterben

 
01.01.02 22:01
Die Mark darf nicht sterben

Von Ileana Grabitz, Hamburg

Nichts verschwindet endgültig: Auch für die D-Mark gibt es überall kleinere und größere Reservate, in denen sie zumindest eine Zeit lang überlebt.

Mit jedem Euro, der über den Ladentisch wandert, begibt sich auch eine D-Mark auf ihre letzte Reise: Schätzungsweise 13.000 Lastwagenfuhren werden in den kommenden Wochen und Monaten an die 2,5 Milliarden Banknoten zu ihrer letzten Ruhestätte karren. Und die ist nicht rühmlich: In exakt 800 Teile geschnitten, wird sich ein Großteil der schlecht wiederverwertbaren Scheine auf Mülldeponien wieder finden, fortan zwischen Milchflaschen, Joghurtbechern und sonstigem Abfall verrotten.

Besser geht es den knapp 30 Milliarden Münzen: Runtergekocht auf ihr Wesentliches - Nickel etwa oder Kupfer -, werden die einen, Ironie des Schicksals, als Euro wieder geboren. Andere wieder leben mit etwas Glück in Kochtöpfen, Schmuck oder auch in britischen Pfund oder Schweizer Franken fort, den Währungen der Länder eben, die nicht auf den Euro-Zug aufgesprungen sind.

Einige Scheine und Münzen werden den Anbruch der neuen Zeit überstehen, indem sie sich in Sparstrümpfen, Sofaritzen, in Glücksbrunnen oder unter Automatten verbergen. Mit fünf Prozent Schwund rechnet die Bundesbank. Nur wenige haben das Privileg, weiterhin stolz zur Schau gestellt zu werden: Alle deutschen Münzkabinette und Geldmuseen werden fortan Besuchern je eine Münze und je einen Schein der D-Mark in ihren Glasvitrinen präsentieren.




Riesiges Lager bei der Bundesbank


Noch mehr des vergänglichen Guts hortet indes die Bundesbank. Seit 1848 wächst ihr Lagerbestand Jahr um Jahr um etliche Objekte an. Kein Wunder: Mit jeder neuen Auflage wandert je ein Schein oder Geldstück als Belegexemplar nach Frankfurt - um dort als eines von 350.000 Objekten auch künftige Währungsreformen unbeschadet zu überstehen.

Wer sich im neuen Jahr nun gar nicht von der D-Mark trennen mag, muss in den Balkan reisen. Montenegro und Bosnien-Herzegowina nutzen seit einigen Jahren die deutsche Währung als eigentliches Zahlungsmittel. Ähnlich ist es im Kosovo oder in Mazedonien, wo der alltägliche Handel ohne die deutschen Devisen heute kaum vorstellbar ist.

Zwar arbeiten die Staatsbanken hart, um auch vor Ort die Währungsumstellung dem europäischen Zeitplan gemäß durchzuziehen. Doch bis das so weit ist, kann es dauern. Schließlich ist der Transport der neuen Währung quer durch Europa nicht nur kosten- und zeitaufwändig, sondern auch gefährlich. So lange genießen die deutschen Münzen und Banknoten also auch weiterhin ungetrübt Ansehen - während "die Kollegen" in der Heimat langsam in Vergessenheit geraten werden.




Erinnerung in Schulbüchern und Formularen


Allzu schnell wird das nicht passieren, dafür sorgen schon die deutschen Finanzbeamten und Lehrer: Aus den Formularen der Steuererklärung beispielsweise wird die Mark erst 2003 gänzlich verschwinden. Im Mathematikunterricht können sich Schüler noch fünf bis sechs Jahre mit Textaufgaben herumschlagen, bei denen Dreisatz & Co. noch immer in Mark angegeben werden. Zwar haben die Schulbuchverlage die Lehrbücher "euroisiert". Erst aber müssen die Schulen die alten Mark-loyalen Schulbücher gegen die neuen austauschen - und das wird noch einige Jahre dauern.

Die Schüler müssen bald wahrscheinlich Andenkenläden aufsuchen, um zu verstehen, wovon in ihren Büchern die Rede ist: Dort findet die D-Mark ebenfalls eine Zuflucht. Seien es Plexiglasquader mit einem Haufen geschredderter Zwanzigmarkscheine, der Versand von Glückspfennigen über das Internet oder 75.000 Markstücke, auf Brikettgröße zusammengepresst - Souvenirs, die Mark-Nostalgiker zu Tränen rühren, haben Konjunktur. Im Shop des Frankfurter Geldmuseums sind derlei Sammelobjekte ausverkauft - und das schon seit Wochen.

Das beste Gedächtnis hat jedoch die Sprache, auch wenn bald in den U-Bahn-Schächten ein "Haste mal’n Euro" erklingen wird. Das beweist schon der altehrwürdige Spruch "Wer den Pfennig nicht ehrt, des Talers nicht wert" - denn was, bitte schön, war noch mal ein Taler?

ftd..

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