In 2005 wurden „wir“ Papst, danach in 2006 „quasi“ Fußballweltmeister und nun sind „wir“ die Champions unter den Börsenplätzen. Eigentlich sagt man den Deutschen ja ein bescheidenes Naturell nach. Aber es ist schon so, wenn man sich die Geschichte allgemein ebenso wie die des Deutschen Aktienmarkts so ansieht: Wenn man hierzulande die Bescheidenheit einmal sausen lässt, dann aber gleich richtig. Keine halben Sachen! Ikarus lässt grüßen.
Wer in deutschen Aktien investiert ist, kann sich also freuen. Doch nachdem die jüngsten Sentimentdaten (auch, wenn man sie nie als ultima ratio nehmen darf) einen sprunghaften Anstieg der Bullen anzeigen bleibt – wenngleich schon seit Wochen – die Frage: Kann man sich neben der Freude über sprudelnde Gewinne denn auch entspannt auf diesen ausruhen?
Ich bin sicher, dass man genau das vermeiden sollte. Gerade weil es den Anschein hat, dass nämlich genau das gefährlich viele tun. Der Dax gilt scheinbar bei immer mehr Akteuren als unverwundbar. Und nicht zuletzt, weil das überlebende Häuflein an Baissiers immer und immer wieder verbissen dagegenhält und so durch permanentes Eindecken von Verlustpositionen auch noch dazu beiträgt, dass hierzulande eine einsame Rallye weitergeht, wo andere Börsenplätze auf der Stelle treten. Aber es scheint eben, als würden die Bären langsam aufgeben. Und wenngleich das erst einmal bedeuten kann, dass aus „senkrechtem“ Anstieg ein „noch senkrechterer“ Anstieg wird – das „Dicke Ende“ pflegt nie auszubleiben.
Wenn die Geschichte nicht in den kommenden Wochen neu geschrieben wird, pflegen überbordende Stimmung und die zunehmende Distanz zu den Rahmenbedingungen und zu den anderen wichtigen Börsen dazu zu führen, dass der Dax einbrechen wird. In solch einem Umfeld ist es mit einer gemütlichen kleinen Korrektur nicht – und erst recht nicht mit einer Seitwärts-Bewegung – getan. Die Kettenreaktion aus Euphorie und eindeckenden Bären, die jetzt die Hausse aus sich selbst heraus nährt, funktioniert auch anders herum. Nur:
Das Kursziel bleibt offen ... aber die Zeit läuft ab
Weder ich noch sonst jemand kann Ihnen hier und heute sagen, wann und wo das Ende der Fahnenstange erreicht sein wird. Üblich ist, dass es auf der Zeitachse nicht mehr lange zu dauern pflegt – vielleicht ein paar Wochen. Aber wie weit der Dax nun noch steigen könnte – das ist völlig offen. War das Hoch von letzter Woche das Top? Oder sehen wir es in der Nähe der alten Allzeithochs bei 8.150? Oder noch höher?
Das ist einfach nicht zu ergründen. Und es wird voraussichtlich nicht einmal möglich sein, den Tag des Höchstkurses zu erkennen, wenn er gekommen ist. Denn wenn erst mal die Vernunft über Bord ist, sind auch chart- und markttechnische Elemente nur noch die Hälfte wert. Die Schlauberger werden erst im nachhinein wieder ankommen, mit dem Finger auf den Charts deuten und sagen: ‚Na da, wo oben war, da hätte man doch verkaufen müssen!’
Erstaunlich - ausgerechnet am Allzeithoch ausgebremst
Sehr auffällig ist aber das Verhalten der US-Börsen. Da sollten wir jetzt genauer hinsehen. Wenn die US-Aktien in den kommenden Tagen wieder an Fahrt aufnehmen, dürfte man hierzulande komplett aus den Schuhen springen. Schon jetzt weist der Dax – ganz grob – einen Hebel von zwei gegenüber dem marktbreiten US-Index Standard & Poors 500 auf, wenn letzterer steigt. Und einen Hebel von unter 0,5, wenn der S&P 500 fällt. Ich bin gespannt, was der Dax so macht, wenn der S&P in den kommenden Tagen seine bisherigen Allzeithochs nehmen sollte.
Was aber meines Erachtens das entscheidende Wort hierbei ist, ist „sollte“. Denn in den USA scheint irgendwas zu klemmen. Ursprünglich gingen die Akteure dort davon aus, dass der S&P in der Vorwoche ganz locker über die bisherigen Höchstkurse bei 1.527 hinaus laufen werde und dann ginge die Rallye weiter. Aber genau das ging daneben. Ich muss zugeben: Dass ausgerechnet an dieser Marke solcher Widerstand auftritt, hat mich überrascht, denn:
Ich hatte Ihnen ja in der Vorwoche dargelegt, dass es sich hier um eine fast ausschließlich psychologische Hürde handelt. Warum also ausgerechnet Verkäufe an dieser von so vielen beachteten Marke, obgleich doch die überwiegende Mehrheit der Akteure daran interessiert ist, weitere Kursgewinne zu erzielen? Die Ölpreise waren zumindest beim US-Öl einigermaßen stabil. Die Konjunkturdaten waren kein Grund zum Jubeln, aber auch keine wirkliche Ernüchterung. Das Benzin wurde zwar erneut teurer, aber das wurde auch bislang elegant ignoriert. Und die viel gescholtenen Kommentare des ehemaligen Notenbank-Chefs Alan Greenspan waren nichts weiter als Aussagen zum chinesischen Aktienmarkt, die selbst ein weniger erfahrener Börsianer treffen könnte: ‚Das kann dort nicht gut gehen“. Also, warum diese verdächtige Stagnation der Kurse?
Sind die „Alten“ am Werk?
Es ist letztlich unmöglich, die Spuren so weit zurückzuverfolgen, dass man den Verkaufsschüben der letzten Woche Namen und Adressen zuordnen könnte. Aber dieses Verhalten würde zu den „Wise Men“ passen, den im Pulverdampf vieler Haussen und Baissen ergrauten Entscheidern an der Spitze der großen Fonds und Vermögensverwaltungen. Denn ihre Erfahrung lehrt sie: Wenn man es übertreibt, geht das immer böse aus. Und will man dies verhindern, muss man langsam dagegenhalten, indem man ein paar Positionen abbaut. Wie gesagt:
Wenn die Wall Street jetzt auch noch in die ungezügelte Hausse einschwenkt, besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Kurse bald markant einbrechen. Versucht man nun aber, den Übertreibungen anderer entgegenzuwirken und auf diese Weise so schnell wie möglich eine Konsolidierung zu erzwingen, kann der mittel- bis langfristige Aufwärtstrend gerettet werden.
Gesetzt den Fall, dass meine Überlegungen zutreffen, hätte das natürlich auch einen entsprechend eigennützigen Sinn für diese „Wise Men“. Denn je riesiger die Portfolios, desto problematischer ist es, bei einem Kurseinbruch aus den Positionen auch nur teilweise herauszukommen, ohne dadurch den Markt noch tiefer herunter zu ziehen und damit dem Rest der eigenen Bestände zu schaden. Klar ... dann lieber jetzt auf die sanfte Tour. Aber – kommt diese Konsolidierung auch?
S&P 500 noch oberhalb der entscheidenden Linien
Sehen wir uns dazu mal den S&P 500 an, der wegen seines Kampfes um das Allzeithoch momentan interessanter ist als der Dow Jones und charttechnisch auch mehr hergibt. Sie sehen hier, dass es gleich vier Versuche waren, diese Hürde zu bezwingen, die von Montag bis Donnerstag jeweils abgewiesen wurden. Und beim vierten Mal gab es deutlichere Verkäufe. Doch bis jetzt sehen wir deutliche Parallelen zu dem schwachen Tag am 10. Mai. Damals wie am Freitag wurde der 20 Tage-Durchschnitt blitzsauber verteidigt. Und damals wie am Freitag wurde zwar der ganz kurzfristige Aufwärtstrend verletzt, doch der ist immer noch zu steil, um wirklich entscheidend zu sein. Und auch diesmal hat der MACD wieder auf Verkauf gedreht.

Der einzige Unterschied: Diesmal entstand der Verkaufsdruck auf „prominenterem“ Kursniveau. Ich meine, die Vorgaben sind recht eindeutig: Wir werden erst dann deutlichere Verkäufe und damit den Start einer Korrektur sehen (dann mit Kursziel in den Bereich 1.460), wenn der S&P einen Tag klar unter dem 20 Tage-Durchschnitt schließt und am nächsten Tag nicht sofort wieder darüber steigen kann. Bis dahin besteht weiterhin das Risiko bzw. die Chance (je nach Anlagehorizont und Sicht der Dinge) dass auch die US-Börsen alle Vernunft fahren lassen, der S&P neue Höchstkurse erzielt und die „Party“ dadurch an Lautstärke noch einmal gewinnt.
Dass diesmal die Wahrscheinlichkeit einen Tick höher ist, deutet der hinter der allgemeinen Rallye ohnehin immer weiter zurück gebliebene Nasdaq 100 an. Dazu mehr im folgenden Abschnitt!
Signale vom schwächsten Glied der Kette
von Ronald Gehrt
Im Nasdaq 100 hatten wir in den letzten Wochen mehrfach versucht, über die Hausse-Begrenzung aus dem Jahr 2004 hinaus auszubrechen und sind bislang immer wieder gescheitert.
Nun gab es hier gleich zwei schwache Tage nacheinander und die Gegenreaktion am Freitag führte bislang nicht über den 20 Tage-Durchschnitt. Zugleich ist der steile März-Aufwärtstrend hier doch relativ deutlich gebrochen worden. Ein interessantes Signal vom schwächsten Glied der Kette der US-Börsen, zumal:

Das vorläufige Hoch entstand mit einem negativen Signal der Candlestick-Charts. Ausgerechnet beim Versuch, ein neues mehrjähriges Hoch zu erzielen, drehte der Nasdaq 100 wieder ab. Dabei lag die Eröffnung über dem Schlusskurs des Vortages. Die Kurse stiegen zunächst weiter, fielen dann aber deutlich zurück und schlossen dann unterhalb des tiefsten Kurses des Vortags. Ein solches „Einhüllen“ des vorherigen Tages durch eine bearishe, rote Kerze nennt man „bearish engulfing pattern“. Besonders nach einer längeren Aufwärtsbewegung ist das ein recht markantes Warnsignal, das aber, wie bei allen Candlestick-Formationen, niemals 100%ige Trefferwahrscheinlichkeit haben kann.

Und doch: Bemerkenswert ist dieses Signal allemal und erweitert die Parameter, auf die wir jetzt blicken müssen: Hält der S&P 500 seinen 20 Tage-Durchschnitt und kann der Nasdaq 100 den seinen doch noch zurück erobern? Wenn ja, geht die Rallye weiter. Wenn nicht, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir Ende letzter Woche das vorläufige Hoch gesehen haben. Ob für zwei Wochen, zwei Monate oder gar länger, das indes muss erst die Zukunft weisen.
Man darf aber doch recht sicher erwarten, dass der deutsche Aktienmarkt, der bislang so unbeeindruckt vom Rest der Welt immer weiter stieg, diese Kehrtwende dann umso gründlicher nachholen wird, wenn es an Wall Street diese Woche weiter nach unten geht!
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
The Daily Observer
PS: Die Übersicht über die dieswöchigen US-Konjunkturdaten folgt morgen. Heute steht dort um 16:00 Uhr unserer Zeit das Verbrauchervertrauen für Mai an. Die Erwartungen liegen bei 104,5 bis 105,0 nach 104,0 im April.