Deshalb weitere Kneipenergüsse:
Finanzmärkte
Keine Angst vor BlasenVon Chris Farrell

13. Juni 2008 Möchten Sie Ihren Kollegen am Arbeitsplatz oder ihren Freunden beim Abendessen die Sprache verschlagen? Dann singen Sie ein Loblied auf Spekulanten - und die Marktblasen, an deren Entstehung sie beteiligt sind.
Ja, Sie haben richtig gelesen. Blasen mögen für Otto Normalanleger und viele Finanzkommentatoren ein Reizthema sein, doch Entscheidungsträger wie Währungshüter sollten den Spekulanten Beifall zollen und wirtschaftliche Boomphasen mit offenen Armen empfangen. Und wenn sich die Dinge abwärts entwickeln, sollten sich ihre Maßnahmen auf die Begrenzung der durch die Krise verursachten Schäden konzentrieren.
Nach dem Boom kommt die Krise ...
Entsprechend dieser Sichtweise ist die Kritik am ehemaligen Fed-Präsidenten Alan Greenspan, er hätte nichts unternommen, um die während seiner Amtszeit entstandenen Blasen auf dem Aktien- und dem Häusermarkt zu verhindern, größtenteils nicht nur deplatziert, sondern falsch.

Angesichts in den Himmel steigender Rohstoffpreise sorgen Blasen gegenwärtig für erhitzte Gemüter. Kein Wunder, stieg doch der Rohölpreis in der vergangenen Woche in nur zwei Tagen um 13 Prozent auf 138,54 Dollar. Gewiss, der Ölpreis hat zwischenzeitlich etwas nachgegeben, befindet sich aber noch immer über 130 Dollar - und damit erheblich höher als noch im Januar, als der Barrelpreis bei 100 Dollar notierte, ganz zu schweigen von den 26 Dollar, die ein Fass Öl noch vor fünf Jahren kostete. Bei den Preisen für Metalle und Lebensmittel zeigt sich ein ähnliches Bild.
Wir haben diese Art des anhaltenden horrenden Preisanstiegs und der Spekulationsmanie bereits früher erlebt und wissen, wie die Geschichte ausgeht. Der atemberaubende und Vermögen aufbauende Boom wird in einer furchteinflößenden und Vermögen vernichtenden Krise enden.

So geschehen auf dem Häusermarkt. Die Eigenheimpreise stiegen zwischen 1995 und 2005 inflationsbereinigt um durchschnittlich vier Prozent pro Jahr, was dem Vierfachen der jährlichen Zuwachsraten der vorangegangenen 10 Jahre entsprach. Wall Street und Hypothekenbanken zogen an einem Strang, um den Hauskäufern enorme Geldmengen zur Verfügung zu stellen, nachdem ihnen suggeriert wurde, dass ein Eigenheim ein „risikoloses“ Investment sei. Das anschließende Platzen der Häusermarktblase hat die Wirtschaft ins Taumeln gebracht und die Fed gezwungen, mit außerordentlichen Maßnahmen einen Finanzkollaps abzuwenden.
Betrachtet man das finanzielle und wirtschaftliche Blutbad nach dem Platzen einer Blase aus der Retrospektive, dann stellt man sich jedes Mal die Frage, wie so viele kluge Menschen so töricht mit ihrem Geld umgehen konnten. Charles Mackay, Autor des erstmals 1841 veröffentlichten Klassikers „Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds“ fing den Wesenskern dieser Dynamik ein. „Menschen, so heißt es sehr bezeichnend, denken in Herden; es wird sich zeigen, dass sie in Herden dem Wahn verfallen, während sie nur langsam wieder zu Verstand kommen, und zwar einer nach dem anderen.“
Blasen-Hasser versteifen sich auf das Negative und ignorieren das Positive, das mit spekulationsgetriebenen Kursanstiegen einhergehen kann. Spekulationsfieber setzen oftmals in Zeiten großer Innovationen und technologischer Veränderungen ein. Die Folgen von Innovationen lassen sich natürlich nicht vorhersagen. Der Kapitalismus bedient sich einer Blase als Vehikel zur raschen Transformation einer Volkswirtschaft. Alan Greenspan war sich dessen sehr wohl bewusst.
.... aber in der Realwirtschaft bleibt am Schluss immer etwas übrig
Zudem haben sich einige Nutznießer von Blasen letzten Endes am Markt bewährt. Während des Dot.Com-Booms und -Crashs ging der Online-Supermarkt Webvan Pleite, während der Internet-Buchhändler Amazon überlebte und schließlich den Weg in die solide Profitabilität fand. Der Internetbrowser-Pionier Netscape verschwand von der Bildfläche, während Google zum Triumphmarsch ansetzte.
Blasen-Moralprediger unterschätzen die entscheidende Rolle von Spekulanten und spekulativen Märkten bei der Allokation von Ressourcen weg von stagnierenden und hin zu schnell wachsenden Sektoren einer Wirtschaft. „Die Dinge, die im Verlauf von Infrastrukturblasen entstehen, beispielsweise der Telegraf, die Eisenbahn und das Glasfaserkabel, verschwinden nicht, wenn ihre Vermarkter bankrott gehen“, schreibt Daniel Gross in seinem Buch „Pop! Why Bubbles Are Great for the Economy“.
Zurück in die Gegenwart. Der Preisanstieg bei Öl (und Agrarrohstoffen) spiegelt größtenteils das Wachstum in Indien und China wider. Man denke an all die Warnungen vor dem Eifer der Industrienationen, in China, Indien, Vietnam und anderen Schwellenländern des globalen Kapitalismus' zu investieren. Die Warner, die hierin alle Merkmale einer Blase feststellen, werden am Ende Recht behalten; in die Schwellenländer fließt zu viel Geld.
Doch während das „heiße Geld“ in diese Länder strömt, knüpfen die Investitionen immer engere und stärkere wirtschaftliche Verbindungen zwischen den Industrie- und Schwellenländern, wodurch in beispiellosem Tempo der Wohlstand gefördert wird, um Brücken zu bauen, die in den kommenden Jahrzehnten immer tragfähiger werden. Und es ist die zunehmende ökonomische Vitalität einer erheblich robusteren Weltwirtschaft, die zum Anstieg der Rohstoffpreise führt. Diese höheren Preise begünstigen eine enorme Ausweitung der Investitionen in alternative Energien und eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion.
In der Zwischenzeit sollten die Fed und andere Zentralbanken ihre Expertise und Befugnisse bei der Eindämmung der durch abrupte Kursstürze am Finanzsystem und an der Realwirtschaft entstehenden Schäden ausbauen und weiterentwickeln. Ben Bernanke spielt hierbei eine Vorreiterrolle
Wird der Boom in einer Krise enden? Mit Sicherheit. Vermögen werden gewonnen und verloren. Investments zahlen sich entweder in barer Münze aus oder sie verschwinden. Doch vieles von dem, was bleibt, wird real und von dauerhaftem Wert sein. Den Spekulanten sei Dank!
Chris Farrell ist Redakteur der Business Week.
Text: Business Week Online
Bildmaterial: FAZ.NET