JK - Der Dax-Faktor
oder: Das Futures-Spiel Teil II
Verehrte Leserinnen und Leser,
Manchmal stehe ich doch gerne auf diversen Leitungen ... denn mich musste erst ein Leser mental wecken und mich darauf hinweisen, dass nun scheinbar der „Würger der Bären“ im nachbörslichen Dax Future-Trading erlegt wurde, nach dem ich im Herbst gefahndet hatte.
Sie erinnern sich vielleicht an meine Kolumne mit dem Titel „Das Futures-Spiel“ aus dem Oktober letzten Jahres. Damals hatte ich Ihnen quasi eine Bastelanleitung für „Wie manipuliere ich den Dax nachbörslich“ gereicht, die jeder spielend leicht umsetzen kann ... wenn er dafür mal eben ein paar zig Millionen pro Abend Spielgeld bereithält. Gerne auch aus der Portokasse.
Die locker unter den Kurs geschobenen Kauforders im Future, jeweils mal runde 100-200 Stück pro halben Punkt direkt untereinander gestaffelt, hatten den Dax damals nach unten blockiert, weil das Größenordnungen waren, die weit über den sonst üblichen Umsätzen im Future um diese Zeit lagen. Und selbst wenn mal genug Druck aufkam: Es wurden sofort immer mehr und mehr Kauforders in diesen „runden“ 100er-Packerl nachgeschoben. Und wenn man diese Orderblocks dann einfach Stück für Stück und lückenlos nach oben schob – unten 100 raus und oben draufgepackt - und so flockig weiter bis 22 Uhr ... da stieg der Dax-Future nachbörslich zackig, selbst, wenn es an Wall Street nach unten ging.
Genau diese Manipulationen waren übrigens der Grund, weshalb ich damals entschied, den Dax aus meinem SYSTEM22-Depots hochkant rauszuwerfen und durch den Euro Stoxx 50 zu ersetzen. Muss ich jetzt erwägen, ihn wieder aufzunehmen. Ich weiß noch nicht recht , denn ich fürchte, das Spielchen spielen mehrere.
Mehrere Auguren gingen im Herbst davon aus, dass das dieser Anstieg von Geisterhand die Milliarden seinen, die angeblich aus Asien und Nahost herbeiströmen und dem Dax zu ewigem Anstieg und Kursen entspannt über 10.000 verhelfen würden. Ich hatte damals eingewendet, dass deren Anlagenotstand ja wohl nicht ausgerechnet in tonnenweise Futures-Kontrakte fließen würden sondern wenn, dann in Aktien. Meine Vermutung war, es seien Hedge-Fonds, die nach irgendeinem Schlauberger-Programm stur nach Plan und auf Kredit immer weiter kaufen.
Spielte Monsieur Kerviel wirklich „Solitaire“?
Nun ja. Das mit dem Kredit stimmt ... nur hat sich der Würger des Dax-Future diesen offenbar unerlaubt gegönnt. Dabei ist die scheinbar gewählte Vorgehensweise, sich über Gegenpositionen abzuhedgen (um die Nettoposition niedrig zu halten und so nicht von der Aufsicht erwischt zu werden) durchaus das, was ich damals auch beobachtet hatte. Denn im Gegensatz zu anderen Kommentatoren, die so den Himmel für den Dax nach oben frei sahen, hatte ich ja geunkt, dass genau dieses Vorgehen dem Dax nicht nur nach unten, sondern auch nach oben einen Deckel aufsetzt, weil nach entsprechend angestiegenen Kursen diese Riesenpakete auch wieder gegeben oder aber über andere Derivate abgesichert werden. Nun, der Deckel lag offenbar knapp über 8.100.
Es scheint nun also, als wäre es also Monsieur Kervier (JK) von der Société Générale und nicht mehrere Hedge-Fonds gewesen, der das Futures-Spiel spielte. Und es kippte schlagartig, als der Korridor zwischen „unten kaufen, oben geben“ deutlich und schnell verlassen wurde. Nun mag man darüber streiten, ob er das Spiel alleine gespielt hat. In der n.tv-Telebörse warf letzte Woche ein Analyst die treffliche Frage auf: Und was, wäre er erfolgreich gewesen? Man sollte doch nicht meinen, dass die Bank ihn dann belobigt statt gefeuert hätte. Und das muss ihm klar gewesen sein. Ins eigene Kässchen konnte nichts fließen ... also warum?
Eines, meine ich, ist sicher: Die Wahrheit werden wir bestimmt nie erfahren. Aber irgendwie macht das auch nichts, denn das Problem liegt nicht darin zu wissen, wer was wann wusste und warum er wem nicht wann etwas darüber sagte. Das Problem ist:
Die Wahrheit liegt da draußen
Die Wahrheit liegt da draußen (bitte stellen Sie sich vor, ich würde „Akte X“-konform dabei gen Nachhimmel blicken). Er war nicht alleine ... dort, hinter seinem Rechner. Und das wird momentan einfach nicht thematisiert. Gefährlich!
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Sehen Sie sich dazu mal den Chart des Dax Future bis vergangenen Freitag an – und dazu die Umsätze. Nur am Dienstag der Vorwoche überstieg das Umsatzvolumen das Spitzenniveau vom Abwärtsschub im August. Und nur an den drei Tagen Montag bis Mittwoch lag das Volumen deutlich über dem sonstigen Schnitt von 200.000 Kontrakten pro Tag. War das also ein wirklich so wahnwitzig außergewöhnliches Ereignis? Etwas, das wirklich „alles erklärt“? Ich fürchte, dass ein solcher Fall sich nicht nur wiederholen wird. Nein, in kleineren Dimensionen, dafür aber öfter, haben wir das schon oft genug erlebt und werden es wieder erleben. Nur, dass es dann normalerweise nicht an die Öffentlichkeit kommt, denn:
Mit Blick auf die angebliche Gesamtsumme der Positionen und den erzielten Verlust meine ich, dass dieser Trader nach dem selben Prinzip vorging wie viele Hedge-Fonds. Und wenn die vielleicht auch nicht jeder 50 Milliarden zum Zocken haben ... alle zusammen haben weit, weit mehr! Und das, was Monsieur Kerviel (sagt die Bank) nicht durfte, dürfen die sehr wohl. Stupides Programmtrading mit Derivaten und Kapital, das zum größten Teil auch noch auf Kredit läuft, ist ein monströses Pulverfass, vor dem ich seit einem Jahr regelmäßig warne. Nun liegt einer auf der Nase. Aber, wie gesagt: Er ist nicht alleine da draußen. Und da die Hedge Fonds fast alle eine „Black Box“ sind, sprich ihre Strategie und Tradingvolumina nicht offen legen, kann es sehr wohl sein, dass so manche Lunte der Pulverfässer, auf denen wir stehen, bereits glimmt.
Das ist ein immenses Risiko – aber statt dessen wird nun doch glatt mancherorts „Entwarnung“ gegeben ... und die Aktie der Société Générale stieg heute um fast zehn Prozent, weil sie nun ja ein prima Übernahmekandidat sei. Das alleine unterstreicht in meinen Augen, wie sehr diese Warnung, die da für uns alle auf dem Tisch liegt, verfangen hat: Gar nicht!
Sehen Sie, nicht wenige stellen sich jetzt hin und erklären: Siehste, wenn dieser eine Trader da nicht gewesen wäre, hätte es Montag keinen Kurssturz gegeben ... also sind die Kurse da viel zu tief gestanden und ich kaufe jetzt. Mit dieser prächtigen Logik klammert ein sonniges Gemüt einfach die grundsätzlichen Gründe für die Abwärtstrends an den Aktienmärkten aus, reduziert sich auf Jérome Kerviel (einer muss es ja gewesen sein ...) und ruft zur Schnäppchenjagd. Ich hingegen meine:
Die Kurse wären durchaus dort angekommen, wo sie standen – nur sicherlich weit weniger schnell. Aber selbst wenn nicht, ist es doch keineswegs logisch und klug zum Kauf aufzurufen, denn trotz alledem setzt die momentane Lage den Kursen doch einen Deckel auf, besonders jetzt nach der schon zurückgelegten Distanz der Gegenreaktion nach oben.
Herzliche Grüße
Ihr
Ronald Gehrt