Um die aktuelle Pandemie zu verstehen, sind wir auf Kennzahlen angewiesen. Dabei spielen Durchseuchungsgrad und Fallsterblichkeit derzeit eine ganz entscheidende Rolle. Diese beiden Kennzahlen sind aber in keiner Weise ausreichend, um die Dynamik der Seuche zu verstehen. Dazu kommt, dass wir keine verlässlichen Zahlen haben. Wir wissen schlicht nicht, wie hoch der Durchseuchungsgrad ist, und deswegen sind auch keine validen Aussagen zur Fallsterblichkeit möglich.
Es gibt aber eine Kennzahl, die jederzeit verfügbar ist, und das ist die allgemeine Mortalität, also die Todeszahl insgesamt. Diese Zahl wird über die Standesämter zeitnah erfasst und kann leicht für einzelne Kommunen, Regionen und Staaten ausgewiesen werden.
Bei normalem Geschehen ist davon auszugehen, dass auf 100.000 Einwohner täglich ca. 3 Todesfälle im Durchschnitt eintreffen. Diese Zahl korrespondiert unmittelbar mit der Lebenserwartung und der Altersstruktur der jeweiligen Gesellschaft.
Dabei sind die Unterschiede zwischen den westlichen Industrienationen eher gering. Wenn jetzt in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern plötzlich statt 3 nun 30 Todesfälle am Tag eintreten, dann ist davon auszugehen, dass die Differenz mittelbar und unmittelbar mit der Pandemie zu erklären ist. Mittelbare Todesursache kann zum Beispiel die Anzahl der Todesfälle sein, die durch den Zusammenbruch der medizinischen Infrastruktur hervorgerufen wird und nicht durch das Virus direkt.
Eine solche kleine und überschaubare Stadt ist zum Beispiel Bergamo in der Lombardei. Auf dem Höhepunkt der Epidemie wurde berichtet, dass die Zahl der Todesanzeigen in der Lokalzeitung von 2 auf 10 Zeitungsseiten angeschwollen ist. Das ist ein klassisches Beispiel für Excess-Mortality oder überschießende Todeszahlen.
Eine weitere wichtige Kennzahl ist das Durchschnittsalter der Verstorbenen. Solange das im Bereich der allgemeinen Lebenserwartung liegt, ist davon auszugehen, dass eine vorübergehend erhöhte Sterblichkeit während der Epidemie in eine vorübergehend geringere Sterblichkeit nach Abflauen der Epidemie übergehen wird.
Es wäre also sehr sinnvoll, fortgeschrittene Pandemiecluster besonders genau zu untersuchen, um die Dynamik zu verstehen. In diesem Zusammenhang würde ich dazu raten, in diese Untersuchungen nicht nur Epidemologen und Virologen einzubeziehen, sondern auch Versicherungsmathematiker und speziell Aktuare mit der Sache zu befassen.
Es geht mir in keiner Weise darum, diese Seuche zu verharmlosen. Ich glaube aber, dass eine nüchterne Betrachtung der Zahlen und Dynamiken helfen kann, zur Beruhigung der Lage beizutragen. Ich finde, man sollte die Ergebnisse dieser Untersuchungen offen publizieren. Die traurige Wahrheit ist allemal leichter zu ertragen als die bedrohliche Ungewissheit.
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