30. März 2007: Bullen und Immobilien
Wie wachsam die Märkte aktuell hinsichtlich der Entwicklung im Immobiliensektor sind, zeigte sich in der nun zu Ende gehenden Woche einmal mehr. Am Montag wurde gemeldet, dass die Zahl der Hausverkäufe in den USA im Februar um 3,9 Prozent auf 848.000 zurückgegangen ist. Erwartet wurden rund eine Million nach ursprünglich gemeldeten 937,000, nun aber auf 882,000 revidierte Hausverkäufe. Aus den Aktienindices entwich bis Mittwoch Luft, erst gestern kamen die Bullen wieder etwas voran. Die Aktie von Fannie Mae, einem der beiden großen Immobilienfinanzierer, verlor 3,5 Prozent.
Die Hypothekenschulden der US-Haushalte haben sich von 1000 Milliarden Dollar im Jahr 1984 im Jahr 2004 auf fast 9.000 Milliarden Dollar nahezu verneunfacht. Im Jahr 2000 waren es 5.000, zwei Jahre später bereits 6.800 Milliarden Dollar. Die letzte offizielle Zahl stammt aus dem dritten Quartal: Die US-Haushalte haben ihr Wohneigentum nun mit mehr als 10.700 Milliarden Dollar Hypothekenschulden belastet - mehr als Faktor zehn gegen 1984. Das fehlt nicht mehr viel und die Summe entspricht dem Bruttosozialprodukt des gesamten Landes.
Noch eine andere Entwicklung ist bemerkenswert: Anfang der 80er Jahre betrug der Eigenkapitalanteil am Immobilieneigentum der Konsumenten noch 70 Prozent, 2005 sank der Wert auf 55 Prozent. Nimmt man noch die kräftig gestiegenen Immobilienpreise hinzu, kann man in etwa ermessen, in welchem Umfang die amerikanischen Konsumenten die Wertsteigerungen ihrer Immobilien nutzten, um sich Liquidität für privaten Verbrauch und Investitionen zu beschaffen. Robert Shiller hat in einem seiner Bücher die inflationsbereinigten amerikanischen Hauspreise über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren zurückverfolgt und festgestellt, dass es nie eine größere Überbewertung in diesem Segment gegeben hat wie im Jahre 2003.
Man kann mit Fug und Recht behaupten, hätte es die Immobilienblase in den USA nicht gegeben und insbesondere ihre Exzesse ab dem Jahr 2000, so wäre die Wirtschaft der USA mit der Rezession des Jahres 2001 nicht so glimpflich davon gekommen. Durchaus möglich, dass sie auch heute noch nicht überwunden wäre. So aber gelang es, die Spuren der größten Aktienblase aller Zeiten, die im Jahr 2000 platzte, vergleichsweise schnell zu verwischen. Aber nur, um mittlerweile eine neue Blase geschaffen zu haben, die insgesamt bei weitem die größte Finanzblase der Menschheitsgeschichte ist.
Angesichts dieser Verhältnisse ist der Einbruch der Aktienmärkte von Ende Februar ein weiteres, hinsichtlich bestimmter Marktinterna sogar ein noch viel deutlicheres Warnzeichen als der Einbruch im Mai 2006. Genauso aber sollte die aktuelle Erholung alle Alarmglocken schrillen lassen. Der Einbruch im Mai 2006 wurde längst nicht so schnell bewältigt wie es beim aktuellen den Anschein hat. Seinerzeit dauerte es im S&P 500 von Anfang Mai bis Mitte August, also insgesamt über drei Monate, bis 80 Prozent der Kurseinbussen wieder korrigiert waren. Diese 80-Prozent-Schwelle hatten die Märkte jetzt schon gut drei Wochen nach dem Einbruch Ende Februar wieder erreicht - zugegeben, bisher nicht nachhaltig.
Aber diese rasche Erholung zeigt die große Risikobereitschaft der Akteure; angesichts der aufziehenden dunkle Wolken (vgl. Artikel vom 16. März 2007 an dieser Stelle) kann der vorsichtige Betrachter nur den Kopf schütteln. Auch die aktuelle Erholung von Euro und Dollar jeweils gegen Yen zeigen die Bereitschaft, neues Risiko einzugehen. Denn es dürfte ziemlich klar sein, dass hinter diesen Bewegung die Aufnahme neuer Yen-Carry-Trades steht.
Ein weiterer Mosaikstein im Risikopuzzle ist das Verhalten der Märkte angesichts des Iran-Konflikts und der stark gestiegenen Ölpreise. Bullisch orientierte Kommentatoren sprechen von erstaunlicher Festigkeit. Dies ist ohne Zweifel isoliert betrachtet richtig. Fraglich ist, wie lange das noch anhält. Richtig ist sicher, dass der um Inflationserwartungen bereinigte Ölpreis noch deutlich vom Niveau aus Juli/August 2006 entfernt ist. Richtig ist aber auch, dass der um Inflationserwartungen bereinigte S&P 500 heute deutlich höher notiert als zwischen Mai und Juli 2006. Das erhöht die Anfälligkeit gegen Störungen jeder Art, so auch gegen etwaige Enttäuschungen im Rahmen der nun beginnenden Saison der Quartalsberichte.
Nach einigen, von mir verfolgten Aktienmarkt-Indikatoren ist bereits wieder eine erhebliche bullische Übertreibung zu verzeichnen. Sie ist mit Sicherheit auch auf das Window-Dressing zum Quartalsende zurückzuführen - die Akteure möchten angesichts des jüngsten scharfen Einbruchs mit möglichst wenig Verlust davonkommen, auch um weitere Mittel anzulocken. Das kostet Kraft und es ist nicht vollständig gelungen - einige Akteure sind da wohl beim Window-Dressing von der Leiter gefallen. Der S&P 500 notierte Ende der vergangenen Woche bei 1435, aktuell werden 1422 ausgewiesen. Man darf gespannt sein, was die Bullen heute, am letzten Tag im Quartal noch hinbekommen.
Wo ist die Grenze zwischen Risikobereitschaft und Ignoranz? Mit scheint, sie angesichts der u.a. aus dem Immobilienmarkt heraufziehenden dunklen Wolken überschritten. Wie heißt es so schön? Hochmut kommt vor dem Fall. Wann kommt nach den Warnschüssen der "richtige" Fall? Im Sommer?
Quelle: www.timepatternanalysis.de/