...etwas Anekdotisches. Viel Spaß beim Lesen!
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Das Geheimnis Marc Rich
Von Daniel Ammann
Vom mittellosen Flüchtlingskind zum einflussreichsten Rohstoffhändler seiner Zeit: Marc Rich revolutionierte den Welthandel. Dann brauchten die Amerikaner einen Sündenbock. Aufstieg und Dämonisierung eines Pioniers. (Teil 1)
Marc Rich schlief tief, als in seiner Villa Rose in Meggen das Telefon klingelte. Es war schon weit nach Mitternacht, Sonntag, 21. Januar 2001. Der späte Anrufer sollte eine Nachricht überbringen, mit der Rich nicht mehr gerechnet hatte. Er sei von Präsident Bill Clinton begnadigt worden, wurde ihm mitgeteilt. Begnadigt – nach 17 Jahren, in denen sein Name auf der Most-Wanted-Liste des FBI gestanden war, neben Bombenlegern und Bankräubern.
«Ich war darüber in höchstem Masse beglückt, natürlich», schreibt mir Marc Rich in einem Brief. Der berühmteste (einige würden sagen: der berüchtigtste) Rohstoffhändler der Welt äussert sich hier zum ersten Mal zu seiner Begnadigung. Auf Journalisten ist er etwa so gut zu sprechen wie auf amerikanische Politiker oder Staatsanwälte; das letzte Interview gab er vor bald 15 Jahren. «Sehr geehrter Herr Rich», hatte ich vor mehreren Monaten in einem Mail geschrieben und ihn um ein Gespräch gebeten. «Mein Ziel ist es, mehr über Ihre Wertvorstellungen und Ihre Motive zu erfahren, um ein faires und ausgewogenes Porträt schreiben zu können.» Nach längerem Hin und Her, das von Anwälten und Kommunikationsberatern bestimmt war, hatte sich Rich schliesslich bereit erklärt, meinen Strauss von Fragen zu beantworten – allerdings nur schriftlich. «Nein, ich feierte nicht, sondern ging zurück ins Bett, um zu schlafen», schreibt er. «Die Begnadigung hat mein Leben nicht verändert. Aber sie gab mir die Freiheit zurück, zu reisen, wohin ich wollte.»
Inbegriff des Bösen
Der Tag, an dem Marc Rich diese Freiheit genommen wurde, lässt sich exakt datieren: Am 19. September 1983, einem Montag, tritt in New York ein junger Staatsanwalt, der ehrgeizige Pläne hegt, vor die Medien. Fiebrig proklamiert Rudolph «Rudy» Giuliani den «grössten Steuerbetrugsfall in der amerikanischen Geschichte» und kann seine Genugtuung nur schlecht verbergen. Laut liest er den verblüfften Journalisten und Kameraleuten aus der Anklage vor, von einer «unüblichen Zurschaustellung» wird die New York Times schreiben. 51 Delikte wirft Giuliani dem damals 48-jährigen Rich vor, der seit zehn Jahren sein Hauptquartier in Zug hat und einige Monate zuvor in die Schweiz gezogen war. Steuerhinterziehung von mindestens 48 Millionen Dollar ist darunter, Betrug, organisierte Kriminalität – vor allem aber: «Handel mit dem Feind». Rich, verkündet der Staatsanwalt, könne dafür zu 325 Jahren Gefängnis verurteilt werden.
Seit jenem Tag, an dem sich Rudolph Giuliani, der spätere Bürgermeister und heutige republikanische Kandidat für die Präsidentschaft, auf den langen Marsch ins Weisse Haus aufmachte, hat Rich die Macht über seinen Namen verloren. «Marc Rich» ist zur abschreckenden Chiffre verkommen. Rechte Amerikaner schmähen ihn als «Landesverräter», weil er mit dem Iran handelte, als bärtige Fundamentalisten in Teheran Botschaftsangehörige der USA als Geiseln hielten. Linke Europäer verdammen ihn als «Boykottbrecher», weil er Südafrika Erdöl verkaufte, als die Apartheid die schwarze Bevölkerung knechtete. Als geradezu archetypischer «Ausbeuter» wird er von Globalisierungsgegnern gebrandmarkt. Ein «kapitalistischer Schandfleck» sei Rich, schimpfte einst der grüne Nationalrat Josef Lang: «An seinen Fingern kleben das Blut, der Schweiss und die Tränen der Dritten Welt.» Jean Ziegler, heute Uno-Sonderberichterstatter, verlangte als sozialdemokratischer Nationalrat in einer Motion, Rich zu verhaften und an die USA auszuliefern. Der Name «Marc Rich» wurde über die Jahre zum Inbegriff des Bösen stilisiert.
Während ihn Kritiker verteufeln, wird er von Freunden geradezu verehrt. Leute, die Marc Rich gut kennen, schildern ihn als liebenswürdigen, scheuen Mann mit feinem Humor. Bei gesellschaftlichen Anlässen sitze er am liebsten still in einer Ecke, eine Zigarre in der Hand, und beobachte die Leute. Wer ihn als Freund gewinne, sagen sie, dem bleibe er ein Leben lang treu verbunden. Sein Cousin René Trau, ein Augenarzt in Antwerpen, streicht den Familiensinn hervor. Fast täglich habe Marc mit seiner betagten Mutter telefoniert, es sei der Höhepunkt ihres Tages gewesen. «Jedes Mal, wenn ein Onkel, eine Tante, ein Cousin oder eine Cousine Rat oder Hilfe braucht», schreibt Trau, «ist Marc zur Stelle – und das, obwohl er so stark beschäftigt ist.» Alec Hackel, Richs langjähriger Geschäftspartner, betont die fürsorgliche Seite und erzählt die Geschichte eines gemeinsamen alten Freundes. Dieser litt an einer schweren Depression, man befürchtete das Schlimmste: «Marc erfand ein Forschungsprojekt aus dem Interessensgebiet des Mannes und fragte ihn, ob er es leiten könnte: Depression und Suizidgedanken waren vergessen.» Und alle Bekannten erinnern daran, dass Rich einer der grössten Philanthropen der Schweiz ist.
Mit etwas Distanz von Freund und Feind betrachtet, lässt sich vor allem eines feststellen: Marc Rich ist ein epochaler Pionier der Globalisierung. Aus eigener Kraft arbeitete er sich vom mittellosen Emigrantenkind zum erfolg- und einflussreichsten Rohstoffhändler seiner Zeit empor. Er gründete, was in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt ist, den umsatzmässig grössten Konzern des Landes, die heutige Glencore. Und er machte die Schweiz, die als einzigen natürlichen Rohstoff Salz industriell abbaut, zu einem der weltführenden Handelszentren für Metalle und Mineralien von Aluminium bis Zink. Vor allem aber: Rich hat den Rohstoffhandel geradezu revolutioniert. Er gilt als Erfinder und Architekt des Spotmarkts, ohne den der heutige Handel mit Erdöl nicht denkbar wäre.
Zu einem Prozess ist es nie gekommen
Auch wenn es immer wieder selbst in seriösen Zeitungen steht: Rich wurde nie zu lebenslanger Haft verurteilt; es kam nicht einmal zu einem Prozess gegen ihn. Obwohl er rechtlich also die ganze Zeit für unschuldig zu gelten hat, ist er für Politiker und Journalisten «the most wanted white-collar criminal» (der meistgesuchte Wirtschaftskriminelle) geblieben, der «flüchtige Milliardär», der «durchtriebenste» Händler der Welt. Und wann immer eine Rohstoff-Firma, in der womöglich ein ehemaliger Mitarbeiter von ihm mittut, irgendwo auf dem Erdball in einen Skandal verwickelt ist, wird sein Name zitiert – ob es nun um Giftmüll in der Elfenbeinküste geht oder um Korruption beim Oil-for-Food-Programm im Irak. Seine Anwälte können oft erst im Nachhinein in Leserbriefen oder Gegendarstellungen betonen, dass Rich nichts damit zu tun habe. Dass er begnadigt wurde, hat daran nichts geändert. Im Gegenteil; die Begnadigung wurde in den USA zum nationalen Skandal hochgestemmt und zum Beweis umgedeutet, dass sich Rich, unterdessen einer der reichsten Männer der Welt, alles kaufen kann – sogar Straffreiheit vom Präsidenten einer Supermacht. Sie wurde für Bill Clinton – und für seine Frau Hillary – zur unwägbaren politischen Belastung.
«Die Reaktionen waren völlig ungerechtfertigt», schreibt Rich. Er glaubt an eine gezielte Kampagne: «Fast alle der negativen Stellungnahmen kamen von Leuten, die glaubten, dass es ihrer parteipolitischen Agenda helfen würde, Clintons Entscheid zu skandalisieren. Ich bedaure sehr, dass Bill Clinton in die Schusslinie geriet für etwas, von dem er dachte, es sei das Richtige. Umso mehr, weil ich unabhängig von der Begnadigung glaube, dass er einer der besten Präsidenten war, die die USA in ihrer jüngeren Geschichte hatten.»
Marc Richs schillernde Laufbahn beginnt als amerikanischer Traum. Das jüdische Flüchtlingskind aus Europa, das kein Wort Englisch spricht, schafft es in der Neuen Welt dank Geschick und Tüchtigkeit zum Milliardär: Rich wird am 18. Dezember 1934 als Marc David Reich in Antwerpen geboren. Sein Vater David Reich, ursprünglich aus Deutschland, ist ein Kleinhändler, seine Mutter Paula Reich-Wang Hausfrau. Marc bleibt das einzige Kind der jüdisch-orthodoxen Familie, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ein unspektakuläres Leben führt. 1940 flieht sie vor der Invasion Belgiens durch die Nazis mit dem Auto ins unbesetzte Vichy-Frankreich. Ein Jahr später emigrieren sie mit dem Schiff von Marseille in die USA. In New York kann die Familie die erste Zeit bei Verwandten wohnen. Danach zieht sie zuerst kurz nach Philadelphia, weiter nach Kansas City und schliesslich zurück nach New York in den Stadtteil Queens, wo viele jüdische Immigranten leben. 1945 erhalten die Reichs die amerikanische Staatsbürgerschaft und nennen sich künftig Rich. «Die erzwungene Emigration hat in mir ein starkes Verlangen nach Unabhängigkeit geweckt», schreibt Rich auf die Frage, wie ihn die Flucht und das unstete Umherziehen geprägt haben.
Berufswunsch: «Business»
Als Konsequenz der häufigen Ortswechsel geht der junge Marc auf der Primar- und Sekundarstufe fast jedes Jahr in eine neue Schule. Das macht es ihm schwierig, Freunde zu finden. Ein Pfadikollege und Zeltgenosse, der Schriftsteller Calvin Trillin, wird ihn als «ruhigsten Knaben im Lager» in Erinnerung behalten. Statt mit anderen Kindern zu spielen, hält sich Marc oft im Geschäft seines Vaters auf und arbeitet mit. Dieser handelt mit vielem; mit Schmuck, mit Autoersatzteilen, mit Tabak. Mit Jutesäcken, welche die Armee während des Koreakriegs (1950–1953) dringend für Sandsäcke braucht, bringt er es zu einem gewissen Wohlstand. Für den kleinen Marc ist das eine erste, praktische Lektion in der Ökonomie der Knappheit. «Mein Vater», antwortet Rich, «ist die Person, die mich am meisten beeinflusst hat. Wir flohen in die USA, und er schaffte es, aus dem Nichts ein bedeutendes Geschäft zu kreieren.» David Reich alias Rich wird von Bekannten der Familie als belesen geschildert, als anspruchsvoll, streng mit sich und der Familie, was die Arbeit und die Religion betrifft. Der Sohn übernimmt das Vorbild: «Beharrlichkeit», antwortet Rich auf die Frage nach seiner Stärke, «ich gebe nicht leicht auf.»
Er sei «ein zielbewusster, aktiver und kreativer Junge mit einem entschlossenen Willen voranzukommen», heisst es in seiner Schulakte. Die private Rhodes School in Manhattan (die später auch Robert De Niro besuchte) schliesst er mit der sehr durchschnittlichen Note B minus ab. Ins Jahrbuch lässt er, keine 18 Jahre alt, seinen Berufswunsch notieren: «Business». Im Herbst 1952 schreibt er sich an der New York University ein, um Marketing zu studieren. Nach zwei Semestern ist Schluss. Im Frühling 1954, eben 19-jährig geworden, heuert er bei Philipp Brothers an, dem damals weltgrössten Rohstoffhändler, bei dem viele jüdische Emigranten aus Deutschland arbeiten. Beim Job-Interview wird geprüft, ob er komplizierte Berechnungen im Kopf anstellen kann. Er schlägt sich so gut, dass er auf der Stelle angestellt wird. Für 40 Dollar die Woche beginnt er im «Mailroom», in der internen Postabteilung. Was eigentlich als Sommerjob gedacht ist, wird zur lebenslangen Passion. «Ich war vom Rohstoffhandel sofort fasziniert», schreibt Rich, «vor allem von der Grösse der Märkte. Nehmen Sie zum Beispiel Aluminium oder Öl. Diese Substanzen finden Sie in praktisch jedem Produkt, das Sie anfassen. Die ganze Welt braucht sie, vom Osten in den Westen, vom Norden in den Süden.»
Im «Mailroom», wo via Telex Informationen aus der ganzen Welt eintreffen, kann ein ehrgeiziger, cleverer Lehrling viel vom Handelsgeschäft mitbekommen. Wer kauft? Wo? Wer verkauft? Wohin? Zu welchen Preisen? Mit welchen Margen? «Rich lernte verblüffend schnell», erzählt ein Metallhändler von damals, «was einmal gesagt wurde, behielt er in Erinnerung.» Schnell steigt der junge Rich vom «Mailroom» in die «Traffic»-Abteilung auf und darf dort die Aufträge der Händler abwickeln, also Zollpapiere abfertigen, Schiffe anmieten, den Transport organisieren. Er lernt das Handwerk von der Pike auf und beginnt mit Kupfer und anderen Metallen zu handeln. Bald schon macht das Wort vom «Wunderkind» die Runde, und es heisst, er sei der «rising star» der Firma.
Architekt des modernen Rohstoffhandels
«Ehrgeiz», schreibt Marc Rich in seinem Brief, «mich treibt, wie die meisten anderen Menschen, Ehrgeiz an. Die Menschheit kam durch Ehrgeiz voran. Einige wollten höher klettern oder schneller rennen, andere wollten fliegen oder tauchen. Ich wollte Erfolg im Geschäft haben.» Auf meine Frage, wieso ausgerechnet ihm das so durchschlagend gelungen sei, antwortet er mit dem bewährten Händlerwitz: «Buy low, sell high», kaufe billig, verkaufe teuer. Ernsthaft schiebt er nach: «Die wichtigsten Bestandteile sind: harte Arbeit, harte Arbeit, harte Arbeit. Und gute Mitarbeiter. Natürlich hilft auch ein wenig Glück.»
Richs Name ist untrennbar mit einer wirtschaftlichen Revolution verbunden. Er gilt als eigentlicher Erfinder des Spotmarkts und damit als Architekt des modernen Rohstoffhandels. Wer sein Auto an einer Tankstelle füllt, macht eine Art Handel «on the spot», an Ort und Stelle: Er braucht Benzin, ist mit dem angebotenen Preis zufrieden, kann es ohne weitere Verpflichtungen tanken, sofort bezahlen und weiterfahren. Bis Anfang der siebziger Jahre war das im Ölgeschäft die grosse Ausnahme. Nur etwa fünf Prozent des Rohöls wurden frei nach Angebot und Nachfrage gehandelt, 95 Prozent der Ölproduktion wechselten auf der Basis von langfristigen Verträgen und zu fixen Preisen den Besitzer. Der Markt wurde seit dem Zweiten Weltkrieg von den «Sieben Schwestern» dominiert, wie die führenden Konzerne genannt wurden: BP, Chevron, Esso, Gulf, Mobil, Shell und Texaco kontrollierten den Handel mit Erdöl – von der Förderung an der Quelle über die Raffinerien und den Transport bis zum Verkauf an der Tankstelle. Ein klassisches Oligopol, das den Förderländern und Konsumenten den Preis praktisch diktieren konnte.
Gute Beziehungen zum Iran und Irak
Die Macht der Sieben Schwestern beginnt ab Ende der 1960er Jahre zu bröckeln. Die Staaten mit den grössten Ölreserven – vor allem Saudi-Arabien, Irak, Iran und Kuwait – machen sich daran, ihre Industrie zu verstaatlichen. Der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), erst 1960 gegründet, gelingt es langsam, ein Gegengewicht zu den Konzernen zu bilden, Förderquoten durchzusetzen und damit die Preise zu erhöhen. Im Jom-Kippur-Krieg, im Oktober 1973, setzen die arabischen Staaten ihre Ressource als Druckmittel ein und verhängen einen Lieferboykott gegen die westlichen Länder, die Israel unterstützen, allen voran gegen die USA. Der Preis für ein Barrel Rohöl vervierfacht sich von 3 auf 12 Dollar, was die Industrieländer in eine schwere Wirtschaftskrise stürzt.
Wollen sie die Dominanz der Konzerne nachhaltig brechen, brauchen die Förderländer unabhängige Händler. Es wird die Stunde von Marc Rich, der für seinen Arbeitgeber auf der halben Welt unterwegs gewesen ist, von Bolivien bis nach Indien, und die letzten zehn Jahre die Madrider Filiale von Philipp Brothers geleitet hat. Ihm eilt der Ruf voraus, Trends schneller zu erkennen, grössere Risiken einzugehen und auf den Märkten aggressiver aufzutreten als die meisten anderen Händler. So hatte er das Ende des alten Systems kommen sehen und bei Philipp Brothers, die bis anhin vor allem im Metallgeschäft stark war, schon Ende der sechziger Jahre eine Ölhandelsabteilung gegründet und kleinere Mengen an iranischem Rohöl gehandelt. Nun gelingt es ihm, an den Seven Sisters vorbei, ein unabhängiges Vertriebssystem mit eigenen Tankern zu entwickeln. Dank seinen guten Beziehungen zum Iran und Irak, die er schon zu Zeiten seiner Kupfer-Geschäfte knüpfte, kommt er an Öllieferverträge. Während die anderen Händler in den USA auf dem Trockenen sitzen, hat Philipp Brothers alles – dank Marc Rich. Er kann im Iran und Irak Öl kaufen und den grossen amerikanischen Raffinerien liefern – zum Doppelten des Weltmarktpreises. Der arabische Boykott wird für ihn zum Segen.
Auch das sollte zu einem seiner Erfolgsgeheimnisse werden: Marc Rich schafft es seine ganze Karriere lang, Regierungen und Handelspartner zusammenzubringen, die offiziell nichts miteinander zu tun haben wollen – oder denen es von einer Regierung verboten ist, etwas miteinander zu tun zu haben. Araber mit Israelis; Kapitalisten mit Kommunisten; Diktatoren mit Demokraten. Ein unschätzbares Talent, das ihm neben vielen Geschäften grössten Ärger einbringen wird.
«Ich arbeitete im Rohstoffhandel, als das Oligopol der sieben Ölfirmen zusammenbrach», schreibt mir Rich auf die Frage, wie er zum Wegbereiter des revolutionären Spotmarkts geworden ist. «Die Welt brauchte ein neues System, um Erdöl von den produzierenden zu den konsumierenden Ländern zu bringen. Genau dies tat ich. Ich war die richtige Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort.»
Ein grandioses Understatement. Rohöl kann ab Mitte der siebziger Jahre freier, besser und zu transparenteren Preisen gehandelt werden als je zuvor. Tanker und Raffinerien – also die Fixkosten – werden effizienter eingesetzt als bis anhin von den Ölkonzernen und Regierungen. Unabhängige Vermittler wie Marc Rich können tun, was die Seven Sisters aus Konkurrenz- und Kostengründen nicht tun: Sie verkaufen die halbe Ladung eines Tankers zum Beispiel an einen Abnehmer in Italien und die andere Hälfte an dessen Konkurrenten in Spanien. Allfällige Überschüsse finden schneller einen Käufer, Versorgungslücken werden schneller gestopft. Der Spotmarkt bringt einen Produktivitätsschub, der die ganze Branche umkrempelt – und nicht zuletzt den Konsumenten zugute kommt.
Das Handelshaus Philipp Brothers macht 1973 dank Rich immense Profite. Das hätte ihm, wäre es nach den internen Richtlinien gegangen, einen Bonus von 1,5 Millionen Dollar eingebracht. Er wird ihm verweigert. «Keine einzelne Person verdient einen siebenstelligen Bonus», bescheidet ihm das Management. Brüskiert und beleidigt, kündigt Rich – obwohl er bereits als künftiger Chef von Philipp Brothers gehandelt wird. Zusammen mit Pincus Green, seinem engsten Geschäftspartner, der als das «logistische Hirn» der Firma gilt, macht er sich selbständig. Am 23. April 1974 gründen sie die Marc Rich & Company AG. Als Hauptquartier wählen sie Zug. Neben den tiefen Steuern zieht es die beiden wegen der zentralen Lage in die Schweiz und wegen der Neutralität, die ihre internationalen Geschäfte begünstigt. Wenn es stimmt, was Rich-Leute von damals erzählen, kommt es zu einer eigentlichen Fehde mit dem früheren Arbeitgeber, angefangen damit, dass ein halbes Dutzend der besten Händler mit nach Zug kommt. Lieber, so heisst es seinerzeit, mache Marc Rich mit einem Geschäft Verlust, als es Philipp Brothers zu überlassen.
Die neue Firma beginnt klein, in einer Vierzimmerwohnung im wenig glamourösen Riedmatt-Quartier in Zug. Der Telex, erzählen Veteranen, steht aus Platzgründen in der Toilette. Rich, damals gut vierzig Jahre alt, pflegt eine ausgeprägte Meritokratie. Er legt wenig Gewicht auf eine akademische Ausbildung und vertraut seinen Angestellten so viel Verantwortung an, wie sie tragen können. Lehrlinge, wie er einst einer war, können zu Stars werden und mehr Geld als ein Investmentbanker verdienen. Rich gilt als ausgesprochen grosszügiger Arbeitgeber, der seine Angestellten an der langen Leine lässt. Die Firma, heisst es stolz, habe wohl mehr Millionäre hervorgebracht als jedes andere Unternehmen in der Schweiz. «Die Person muss ein inneres Feuer haben, eine Leidenschaft fürs Business», antwortet Rich auf die Frage nach seinem wichtigsten Anstellungskriterium, «sie muss unabhängig arbeiten können und ausdauernd sein.»
So fordernd, wie er ist, wissen es die Angestellten zu schätzen, dass er sich Zeit für sie nimmt. Ganz Patron, erkundigt er sich regelmässig nach ihren Familien und kümmert sich sogar um Angehörige, denen es schlechtgeht. Er besucht Mitarbeiter auf der ganzen Welt, um ihre Ansichten zu hören. «He is a listener», sagt ein ehemaliger Rich-Händler, «er ist ein guter Zuhörer.» Einer seiner Topmanager sagt: «Die flache Hierarchie und die Politik der offenen Tür geben den Ton an. Marcs Verhalten gegenüber seinen Mitarbeitern schafft ein Familiengefühl. Man ist stolz, für ihn zu arbeiten.» Gerne wird auch die Geschichte erzählt, wie er auf Besuch im New Yorker Büro einer Sekretärin, die ihn nicht erkannte, im Vorbeigehen half, die Schreibmaschine zu flicken. Zugleich ist seine Ungeduld gefürchtet, seine leisen, schneidenden Kommentare, wenn ihm etwas nicht passt – und seine Anrufe zu jeder Tages-, Nacht- und Ferienzeit.
Schon im ersten Geschäftsjahr 1974/75 macht die Marc Rich & Company einen Reingewinn von 28 Millionen Franken bei einem Umsatz von über einer Milliarde Franken. 1980 verdient sie bereits 406 Millionen Franken, hat einen Umsatz von 25 Milliarden – und bezahlt 25 Millionen Steuern. Innert weniger Jahre steigt die Firma zu einem der erfolgreichsten und grössten Handelshäuser der Welt auf. Während später in Artikeln und Büchern von Kokain-Exzessen und sexuellen Eskapaden zu lesen sein wird, die zu dieser Zeit angeblich stattfinden sollen, beschreiben Mitarbeiter und Freunde Marc Rich als bescheiden. «Es ist nichts Prahlerisches an ihm», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter, der sich daran erinnert, dass sein Chef noch als Multimillionär eine billige Seiko-Quarzuhr trug. «Mein Vater lehrte mich, den Wert des Geldes zu schätzen», schreibt Danielle Rich, die jüngste von drei Töchtern, in einem «Liber Amicorum», das Freunde zu seinem 70. Geburtstag zusammenstellten. «Er gab mir nicht einfach Geld oder kaufte mir alles, was ich wollte. Stattdessen bekam ich ein Taschengeld und musste hart dafür arbeiten. Er machte uns immer klar, dass wir glücklich sein müssen mit dem, was wir haben. Dass wir das nicht einfach für selbstverständlich nehmen dürfen, weil wir es, wie im Zweiten Weltkrieg, auch wieder verlieren könnten.»
Tod der eigenen Tochter
Auf 1500 Millionen Dollar schätzt das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes sein aktuelles Vermögen. «Reichtum bedeutet natürlich immer Unabhängigkeit und Komfort», schreibt Marc Rich auf die Frage, was ihm Geld bedeutet, «das heisst aber auch, dass ich Benachteiligten mit meinen Stiftungen helfen kann.» Drei wohltätige Stiftungen hat er eingerichtet und über 135 Millionen Dollar gespendet. 4000 Projekte aus Bildung, Kultur, Wohlfahrt und Gesundheitswesen haben in den letzten zwei Jahrzehnten davon profitiert, vor allem in der Schweiz, in Israel und in Spanien. Es sei, schreibt Rich, «berührend und zutiefst befriedigend» zu sehen, welche Wirkung eine Schule oder ein Spital in einer benachteiligten Gegend habe. Seine grosszügigen philanthropischen Aktivitäten sind ein wichtiger Grund, dass sich neben internationalen Persönlichkeiten wie dem damaligen israelischen Premierminister Ehud Barak auch verschiedene Schweizer Notabeln bei Bill Clinton für seine Begnadigung einsetzten, der Basler Galerist Ernst Beyeler etwa, Sozialdemokrat Josef Estermann, der seinerzeitige Zürcher Stadtpräsident, oder UBS-Banker Pierre de Weck.
Eine der Stiftungen, die Gabrielle Rich Leukemia Research Foundation, hat er nach seiner mittleren Tochter benannt. Gabrielle erkrankt 1992, als sie 23 Jahre alt ist, an Leukämie. Um ihr die besten Ärzte zu ermöglichen, willigt Marc Rich ein, sie in den USA behandeln zu lassen. Vier Jahre später liegt sie in einem Spital in New York im Sterben. Rich bittet die amerikanischen Behörden um freies Geleit, weil er seine Tochter noch einmal lebend sehen wollte. Sie lehnen ab.
«Auch nach all diesen Jahren sind der Schmerz und der Kummer noch da», schreibt er auf meine Frage, ob man nach dem Tod der eigenen Tochter je wieder glücklich sein könne, «ich bin wieder glücklich, aber weniger, als ich es war, als sie noch bei uns war»….
Quelle: Weltwoche