Sehr informativer Artikel der NZZ welcher deutlich aufzeigt, welchen Risiken sich die Finanzbranche in naher Zukunft gegenübersieht. Happig !
Verunsicherung an den Finanzmärkten
Kurse der Bankaktien als Spiegel des fehlenden Vertrauens
Die Bankaktien haben in den vergangenen Tagen zu den grössten Verlierern an den internationalen Börsen gehört. Die Belastungen aus der Subprime-Krise scheinen noch nicht ausgestanden.
Die vergangenen Tage haben neue Erschütterungen in den Finanzsektor gebracht. Am Donnerstag erregte eine Studie von CIBC World Markets Aufsehen, laut der die Citigroup dringend neuen Kapitals im Umfang von 30 Mrd. $ bedürfe. Und in der Schweiz hat die UBS die Märkte mit der Meldung aufgeschreckt, sie halte gegenwärtig schwer oder überhaupt nicht mehr handelbare Papiere zum Buchwert von 39 Mrd. $ in ihrem Portefeuille – ein Wert, der annähernd ihrem ausgewiesenen Eigenkapital entspricht. Analytiker von Merrill Lynch gehen jetzt davon aus, dass der UBS im vierten Quartal ein erheblicher weiterer Abschreibungsbedarf erwachsen könnte. Am Freitag sodann zirkulierte an den Märkten das Gerücht, die Bank of England müsse bei Barclays als sogenannter «lender of last resort» einspringen.
Die ganze Branche unter Druck
Die schlechten Nachrichten der betroffenen Institute haben auch am Freitag den Börsenkursen von praktisch allen führenden westlichen Banken zugesetzt und ausserdem die Titel einiger auf gewisse Wertpapierkategorien spezialisierter Versicherer in die Tiefe gerissen. So verloren die Aktien von Merrill Lynch bis zu 11,5% an Wert, Barclays-Titel gaben 6% nach, und die Papiere von UBS und Credit Suisse gaben um 4,2% bzw. 3,4% nach.
Offenbar gehen die professionellen Akteure am Markt weiterhin – oder sogar stärker noch als im Sommer – davon aus, es nicht mit Einzelereignissen, sondern einem schweren Branchenproblem zu tun zu haben. Vieles deutet darauf hin, dass der Umfang der Krise vielleicht auch von den Behörden zunächst unterschätzt worden ist. So war die Mitte Woche vom Fed vorgenommene Senkung des Richtsatzes für Federal Funds offenbar die Fortsetzung des Versuchs zur Wiederbelebung des liquiditätsmässig ausgetrockneten Interbankenmarktes und zur Verhinderung einer Kreditklemme.
Spuren an den Devisenmärkten
Der amerikanische Subprime-Sektor – er umfasst Hypotheken im Nominalwert von rund 100 Mrd. $ – hat sich mit abgeleiteten oder angelehnten Instrumenten weit in die internationalen Finanzmärkte belastend ausgedehnt. Dass die Anleger einigen Banken nicht trauen und die Institute sich gegenseitig misstrauen und deshalb der Interbankenmarkt – das Nervenzentrum hochentwickelter Volkswirtschaften – zu seinem Funktionieren hoheitlicher Liquiditätszuschüsse bedurfte, prägt weiterhin das Bild und die Stimmung. Und bereits werden, wie die Gerüchte um Barclays zeigen, auch direkte Hilfestellungen durch die Zentralbanken nicht mehr ausgeschlossen. Deutliche Spuren hinterlässt die hektischere Liquiditätsversorgung denn auch bereits auf den Devisenmärkten und bei den in Dollar denominierten Rohstoffen. Zumindest ein Teil der Erdölpreis-Hausse dürfte nach Ansicht von Beobachtern durch die grosszügige amerikanische Liquiditätsversorgung und die Dollarschwäche verursacht worden sein.
Ausserdem bringen die Bewegungen an den Devisenmärkten wachsenden politischen Druck auf die Zentralbanken, dies nicht nur vonseiten des französischen Staatspräsidenten. Auch in der Schweiz scheinen Anregungen an die Adresse der Notenbank wichtiger zu werden, wie die am Freitag veröffentlichte Mitteilung der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich zeigt: Darin wird die Schweizerische Nationalbank, die sich in letzter Zeit Sorgen um die Verwicklung des Frankens in Carry-Trade-Operationen zu machen schien und verschiedentlich signalisiert hat, einer wechselkursbedingten Inflation nicht tatenlos zuzusehen, ermahnt, aus Rücksicht auf die Interbankenmärkte auf eine restriktivere Geldsteuerung zu verzichten.
feb./ti. Die Paralyse am Markt für Verbriefungen sowie die Kreditkrise dürften einigen amerikanischen und europäischen Banken in den kommenden Monaten weitere Abschreibungen in Milliardenhöhe bescheren. Derzeit überbieten sich die Finanzinstitute geradezu mit Prognosen über den Wertberichtigungsbedarf ihrer Konkurrenten, was für zusätzliche Unsicherheit sorgt. Das jüngste Beispiel war am Freitag ein Bericht der Deutschen Bank , wonach dem US-Wettbewerber Merrill Lynch zusätzliche Abschreibungen in der Höhe von 10 Mrd. $ drohten. Merrill Lynch hatte am Mittwoch vergangener Woche bereits Abschreibungen in Höhe von 8,4 Mrd. $ bekanntgegeben. Am Donnerstag schätzten hingegen die Analytiker ebendieses US-Instituts den zusätzlichen Wertberichtigungsbedarf der Schweizer Grossbank UBS im Zuge der Kreditkrise auf 8 Mrd. $. Das muntere Rätselraten der Banken über das Ausmass der Krise und ihre Betroffenen dürfte noch einige Zeit weitergehen. Erst zu Anfang bzw. Mitte 2008 dürften die grössten Bewertungsverluste der Banken bekannt sein, schätzen Analytiker der Landesbank Baden-Württemberg.
Gefahren am Verbriefungsmarkt
Als Hauptgrund für die möglichen zusätzlichen Abschreibungen gilt am Markt die Gefahr einer Abwärtsspirale am Verbriefungsmarkt. Diese könnte dadurch ausgelöst werden, dass die Rating-Agenturen ihre Bonitätseinstufungen für Verbriefungen wie Asset-backed Securities (ABS), Mortgage-backed Securities (MBS) oder Collateralized Debt Obligations (CDO) weiter nach unten anpassen. In den vergangenen Wochen haben die Bonitäts-Wächter bereits die Bewertungen von Verbriefungen mit einem Milliardenvolumen herabgestuft. In einer Telefonkonferenz am Donnerstag sagte eine Vertreterin der Agentur Standard & Poor's, die Gewinne der Banken dürften vor diesem Hintergrund unter Druck geraten. Gemäss der LBBW sieht die Rating-Agentur Fitch bereits für die kommenden vier Wochen weiteres «Herabstufungs-Potenzial» für Verbriefungen, die Hypotheken minderklassiger Schuldner (Subprime-Hypotheken) enthalten. Dies könne im gesamten Verbriefungssektor einen Abwertungs-Kreislauf mit weiteren Anpassungen auslösen. Auch der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sieht die Gefahr eines solchen Szenarios, wie er in dieser Woche bei der Präsentation der Quartalszahlen bestätigte. Bei der Deutschen Bank seien weitere Korrekturen aber nur nötig, wenn es im Verbriefungsmarkt zu massiven Bewertungsverlusten komme, sagte er.
Weiteres Ungemach könnte den Instituten aus dem Bereich der aus ihren Bilanzen ausgelagerten strukturierten Investmentvehikel (SIV) drohen. Gemäss LBBW-Analytiker Jonas Jung besteht hier die Gefahr, dass SIV liquidiert werden müssen und der Markt mit ihren Vermögenswerten überschwemmt wird. Auch hier könne es zu einer Abwärtsspirale kommen.
Die EBK steht Gewehr bei Fuss
Standard & Poor's erwartet, dass auch die Erträge der Banken aus dem Bereich Investment-Banking deutlich fallen. Die führenden Banken hätten aber die nötige Kapitalausstattung, um diesen «Stress-Test» zu bestehen. Für zusätzliche Unruhe am Markt sorgte am Freitag allerdings eine Studie der US-Bank Goldman Sachs. Die Ertragserwartungen für die Banken spiegelten den schweren Abschwung am US-Immobilienmarkt, seine Auswirkungen auf die Kredit- und Geldmärkte und damit auf die Bilanzen der Banken nicht ausreichend wieder, hiess es darin.
Die hohen Wertberichtigungen im Geschäft mit verbrieften Subprime-Hypothekarforderungen beschäftigen naturgemäss auch die Regulatoren. Die Eidgenössische Bankenkommission (EBK), die sich einer risikoorientierten Aufsicht verschrieben hat, steht seit längerem in regelmässigem Kontakt mit den beiden Schweizer Grossbanken – mit der UBS findet derzeit gar ein nahezu täglicher Austausch statt. Nur diese beiden Schweizer Institute sind über ihre Investment-Banking-Einheiten im amerikanischen Hypothekarmarkt engagiert. Die EBK interessiert sich in erster Linie für die Eigenmittelausstattung der Grossbanken und achtet darauf, dass die gesetzlichen Anforderungen eingehalten werden. Sie lässt sich auch über die Fortschritte bei der Implementierung neuer Risiko-Management-Systeme orientieren, die auf ihre Anregung gegenwärtig bei der UBS in Stellung gebracht werden. Grund zum Einschreiten besteht aus ihrer Sicht erst dann, wenn etwa ein Eigenkapitalverlust den Anlegerschutz gefährden oder die Stabilität des Finanzsystems in Frage stellten würde. Dies ist derzeit nicht der Fall.
www.nzz.ch/nachrichten/kultur/..._finanzmaerkten_1.578839.html