Konjunkturprognosen noch schlechter als ihr Ruf
Wie aussagekräftig sind Wachstums- und Inflationsprognosen? Zwei Wirtschaftsforscher haben diese Frage akribisch untersucht und kommen zu einem vernichtendem Ergebnis: In den vergangenen 20 Jahren haben die Vorhersagen deutlich an Informationsgehalt verloren. Besonders dramatisch ist der Qualitätsverlust bei den Prognosen von Zentralbanken.
Am Beispiel der Vereinigten Staaten haben die Forscher untersucht, wie sich die Treffsicherheit von Wachstums- und Inflationsprognosen der Federal Reserve Bank und privater Finanzhäuser in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat.
Die Studie, die Whelan in der vergangenen Woche auf der Jahrestagung der European Economic Association in Budapest vorstellte, kommt zu einem pikanten Ergebnis: Ausgerechnet die Prognosen der Federal Reserve Bank, die in das Prognosegeschäft deutlich mehr Ressourcen steckt als private Banken, haben deutlich nachgelassen.
In den siebziger und achtziger Jahren waren die Fed-Prognosen noch deutlich besser als die aus der Privatwirtschaft. Seit den frühen neunziger Jahren aber ist es mit dieser Überlegenheit vorbei. Selbst im Vergleich zu einer sogenannten „naiven“ Prognose, bei der einfach die Entwicklung der Vergangenheit in die Zukunft fortgeschrieben wird, sind die Notenbankprognosen nicht mehr treffsicherer.
Besonders bitter: Ausgerechnet Fed-Prognosen, die mehr als zwei Quartale in die Zukunft gehen und die für die Geldpolitik eine große Bedeutung haben, sind besonders unzuverlässig. Oft geht die wirkliche Entwicklung sogar in die genau andere Richtung als von der Notenbank vorhergesagt. Ähnlich schlecht sind die Vorhersagen von privaten Bankvolkswirten. „Für längere Prognosezeiträume ist es möglicherweise besser, das Gegenteil von dem anzunehmen, was die Fed einem erzählt“, so Whelan.
Etwas besser sieht es dagegen für Vorhersagen aus, die sich auf das laufende und das kommende Quartal beziehen. Solche Prognosen sind ein bisschen aussagekräftiger, wenn sie von der Notenbank kommen.
Bedeutet all dies, dass die Konjunkturforscher heute schlechter arbeiten als früher? Nein, meinen die Forscher. Grund für die höhere Fehlerquote sei, dass sich das gesamtwirtschaftliche Umfeld seit Mitte der achtziger Jahre grundlegend geändert habe.
Mehrere Faktoren kommen dabei zusammen. Zum einen arbeite die Fed deutlich transparenter und berechenbarer als früher. Dadurch habe das Insider-Wissen, das Fed-Volkswirte einst einen Informationsvorsprung bescherte, an Bedeutung verloren. Dies dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass die Fed-Prognosen heute nicht mehr besser seien als die des privaten Sektors.
Dass diese Vorhersagen, die mit aufwendigen Modellen erstellt werden, nicht mehr systematisch besser sind als solche, bei denen Trends der Vergangenheit fortgeschrieben werden, habe einen anderen Grund: Insgesamt sei die makroökonomische Entwicklung heute schwerer prognostizierbar als früher.
„Die großen Schwankungen bei Wachstum und Inflation, die bis vor rund zwanzig Jahren an der Tagesordnung waren, sind weitgehend verschwunden“, erklärt Whelan.
Die meisten Makroökonomen sind sich einig: In den Industrieländern hat Mitte der achtziger Jahre ein neues wirtschaftliches Zeitalter begonnen, das Experten die Zeit der „great moderation“ nennen. Konjunkturzyklen fallen weniger extrem aus als vor zwei oder drei Jahrzehnten – und daher sind sie deutlich schwerer zu prognostizieren. Whelan: „Konjunkturprognostiker arbeiten dadurch heute in einer ganz anderen Welt.“
Damit lässt sich auch ein auf den ersten Blick widersprüchliches Ergebnis der Studie erklären. Die Forscher stellten nämlich fest: Obwohl der Informationsgehalt der Prognosen spürbar gesunken ist, fallen die absoluten Prognosefehler gleichzeitig geringer aus.
Weil sich die Gesamtwirtschaft heute stetiger entwickelt als früher, ist die Wahrscheinlichkeit, mit einer Vorhersage völlig danebenzuliegen, geringer geworden. Andererseits aber ist durch die geringeren Ausschläge nach oben und unten gleichzeitig die Prognostizierbarkeit gesunken. Die Situation der Konjunktur-Auguren gleicht der eines Schützen, der ein bewegliches Ziel treffen will. Es wechselt heute zwar nicht mehr so oft die Richtung wie früher, ist aber gleichzeitig deutlich kleiner geworden.
Eine Ironie der Geschichte ist: Die Notenbanken selbst dürften für diese Entwicklung mitverantwortlich sein. Seit Anfang der achtziger Jahre bekämpfen sie Inflationsgefahren deutlich früher und aggressiver. Damit sorgen sie dafür, dass einmalige Schocks nicht mehr so stark auf die Gesamtwirtschaft durchschlagen. „Die stetigere und vorhersagbarere Geldpolitik der Fed hat dazu beigetragen, die Volatilität bei Wachstum und Inflation zu verringern“, so Whelan. In Sachen Konjunkturprognosen sind die Notenbanker Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden.
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