Ich hatte in Posting
#4723 (p189) die in
#4722 zitierte Auffassung von DIW-Steinherr ("Wenn die Anleger zunehmend von Aktien auf sichere Zinspapiere umschichten, dann sinken die Zinsen von Anleihen - und das verringert die Finanzierungskosten für solvente Kreditnehmer") etwas platt runtergeputzt und dabei den kurzfristigen Horizont unterstellt. Daß ein ähnlicher Effekt mittel- bis längerfristig doch erwartet werden könnte, dazu folgender Artikel aus der gestrigen ftd.de, quasi als 'Kontrapunkt' zur kritischen Überprüfung der eigenen Meinungen in diesem Bären-Thread:
FTD: Thomas Fricke: Aufschwung, Crash, Boom
Alle Welt spekuliert darüber, wie stark die Konjunktur wegen der Finanzturbulenzen abstürzen wird. Dabei könnte gut das Gegenteil eintreten und der richtige Schub noch kommen - so wie in früheren Aufschwüngen.
Die Kurse purzeln, Notenbanken eilen polternd zur Hilfe, und erste Stimmungsindikatoren stürzen ab. Schon werden die ersten Konjunkturprognosen revidiert und Katastrophenszenarien aufgestellt. Selbst der Internationale Währungsfonds scheint seine Erwartungen anzupassen.
Kann sein, dass die Finanzkrise der vergangenen Wochen irgendwann auf die Realwirtschaft durchschlägt. Könnte aber auch sein, dass die Wachstumsprognosen in ein paar Monaten wundersam nach oben statt nach unten revidiert werden. Im Ernst. Dass auf Finanzkrisenpanik ein Boom folgt, hat es auch mitten in den Aufschwüngen der 80er- und 90er-Jahre gegeben. Unter ähnlichen Umständen.
Was derzeit passiert, ähnele den Turbulenzen von 1987 und 1998, sagt Philippe Sigogne, Volkswirt bei der Pariser BFT-Bank und renommierter europäischer Konjunkturexperte. Wie jetzt kam es 1987 nach drei, vier Jahren Aufschwung zum Finanzdebakel, das im Herbst zum Aktiencrash führte. Wie jetzt stürzten daraufhin konjunkturelle Stimmungswerte ab, worauf Notenbanken eilig reagierten und ihre Zinsen senkten. Wie jetzt kursierte die Angst vor der Konsumrezession, weil, so hieß es, Anleger durch den Crash so viel Vermögenswerte verloren.
Auch 1997/98 feierten die Finanzmärkte mitten im Aufschwung plötzlich Chaosmonate. Anleger zogen Geld aus Asien zurück, Aktienkurse purzelten, und die Amerikaner mussten in Panik den Hedge-Fonds LTCM retten. Das zappelige ZEW-Konjunkturbarometer stürzte Ende 1998 in wenigen Wochen auf minus 25 Punkte (die jüngsten Turbulenzen ließen es bereits auf minus 7 sacken). Selbst die solideren Ifo-Geschäftsklimawerte fielen rasant; ähnlich wie ihre US-Pendants.
Des Aufschwungs zweiter Teil
Was folgte, war in beiden Jahrzehnten des Aufschwungs zweiter Teil: ein Boom. Der Ifo-Index startete Anfang 1999 zum Höhenflug, und die deutsche Wirtschaft expandierte 2000 um 3,5 Prozent. Ende der 80er fiel die Arbeitslosenquote nach den Crashs am Ende sogar unter US-Niveau. Vielleicht kein Zufall.
Sigogne vermutet dahinter "ähnliche konjunkturzyklische Muster", die auch heute wirken könnten. In der ersten Aufschwungzeit seien die Zinsen stets so niedrig, dass Finanzinvestoren ihr Geld immer abenteuerlicher anlegten. Wenn dann mit der Wirtschaft auch die Zinsen steigen, kommt es nach ein paar Jahren Aufschwung auf den Finanzmärkten irgendwann zum Bruch - und zur Auslese. Dann zeige sich, welche Anlagen in normalen (Zins-)Umständen zu riskant sind. 1987, 1998 und jetzt.
Realwirtschaftlich muss das kein Drama sein, solange die Notenbanken das Schlimmste verhindern. Im Gegenteil, so Sigogne: Wenn Investoren aufhören, ihr Geld überriskant anzulegen, bedeute dies, dass sie sich anschließend wieder mehr auf wirklich vielversprechende reale Investitionen konzentrieren - was es für Unternehmen, die gute Projekte haben, sogar einfacher macht, Geld zu bekommen. Anders als es die akute Angst vor steigenden Zinsen und vermeintlich negativen Folgen für die Investitionslust vermuten lässt.
Vor diesem Hintergrund leuchtet ein, dass im zweiten Teil früherer Aufschwünge die (realen) Investitionen so stark anzogen. Zumal die Notenbanken zwischenzeitlich aus lauter Krisenangst die Zinsen noch mal senkten. Was manche Experten auch jetzt erwarten.
Der Mix aus geläutertem Investorentum und sinkenden Zinsen könnte zu einem nennenswerten Teil erklären, warum die Wirtschaft sowohl ab 1988 als auch 1999 plötzlich boomte, statt zu kriseln. Zumal einiges dafür spricht, dass die Folgen von Finanzkrisen ohnehin überschätzt werden, weil sich Prognostiker vom täglichen Geschrei der Märkte beeindrucken lassen - und sich wie 1987 erst nachher herausstellt, dass das Gros der Konsumenten unbeeindruckt von Börsenkursverlusten blieb.
Die Sache könnte auch diesmal unverhofft gut ausgehen. Nach Analyse der Société Générale (SG) kam es seit Mitte der 80er zu acht Finanzdebakeln, die glimpflich endeten, wenn zu der Zeit die Gewinnlage der Firmen solide war: wie 1987, 1998 -
und heute. Der Befund passt zur Annahme, dass es damals wie jetzt um heilsame Zwischencrashs in der Mitte eines soliden realwirtschaftlichen Aufschwungs ging.
Kritisch wurde es 2000. Damals sei der Konjunkturzyklus ohnehin eher am Ende gewesen, so die SG. Die Gewinne waren seit Monaten auf Talfahrt, und es gab -
anders als heute - Anzeichen, dass vor lauter Boom (in der New Economy) absurde Überkapazitäten entstanden waren, die es dringend zu korrigieren galt.
Mit Arbeitslosenschwund ist zu rechnen
Heute kommen die Firmen mit dem Investieren in Deutschland kaum nach. Für einen zweiten Schwung spricht, dass Jobs und höhere Einkommen einen Konsumschub bringen werden.
Klar, eine Garantie ist das nicht. Die Geschichte muss sich nicht wiederholen, zumal Ende der 80er wie 90er zum Glück noch sinkende Ölpreise dazukamen (was noch kommen kann). Die Parallelen sprechen allerdings stark dafür, den Aufschwung nicht gleich abzuschreiben. Achtung, Boomgefahr. Nicht dass es nachher wieder heißt, mit so viel Wachstum, Arbeitslosenschwund und Fachkräftebedarf habe ja kein Mensch rechnen können.
Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD. Er schreibt freitags an dieser Stelle. Mehr unter: www.ftd.de/wirtschaftswunder.
Autor/Autoren: Thomas Fricke
(c) FTD 23.8.07