| | Wickie Paulson und die starken Banker
Verehrte Leserinnen und Leser, als ich so ca. acht Jahre alt war, dachte ich, Probleme würden sich blitzschnell lösen, wenn man nur dreimal an der Nase reibt, mit den Fingern schnippt und„ich hab’s!“ ruft. Kein Wunder, schließlich schaffte das der Wikingerjunge Wickie, Zeichentrickheld meiner Kindertage, am Fließband. Hank Paulson, seins Zeichens Finanzminister, hat die Serie scheinbar auch gesehen. Unwillkürlich sehe ich einen Wikingerhelm mit Stummelhörnchen auf seinem gewichtigen Haupt, wenn er nun die ultimative Lösung gegen die Bankenkrise, die Wirtschaftskrise, Haarausfall und andere Zipperlein dieser Welt präsentiert.
Das war ja einfach, sollen wir nun alle im Chor singen und uns freuen. Da sieht man mal wieder: Wenn der ganze Planet monatelang ratlos vor einer auslaufenden Eiterblase steht, braucht es nur einen Wickie Paulson. Mittwoch noch ratlos, Donnerstag die Patentlösung, Freitag alle Shortpositionen platt. Die Lösung klingt ja auch toll, nicht wahr?
RTC: Lösung und Vertrauen
Wir machen einfach die RTC-Lösung: Resolution Trust Corporation. Da sind die Worte Lösung und Vertrauen drin, das kommt immer gut. Und geschickt platzieren muss man das Ganze natürlich auch. Zufällig mal wieder vor einem Verfalltermin für Futures und Optionen. Nein, liebe Leser, es KANN ja nur ein blanker Zufall sein, dass Diskontsenkungen, Milliardenspritzen und andere plötzlich aus dem Hut gezauberte „Lösungen“ unserer Helden immer direkt vor einem Terminbörsen-Verfalltermin bekannt gegeben werden und so nur zufällig versuchen den Anlegern klar zu machen: Short gehen ist böse. Pfui. Das hast du nun davon!
Das erinnert an Verkaufstaktik. Sie müssen nur immer mit dem Kopf nicken und so dem Gegenüber suggerieren, dass das, was sie ihm verhökern wollen, etwas Gutes ist. Funktioniert prima. Paulson und Konsorten benutzen die Börsen als „Kopfnicker“. Da die Akteure Stunden vor dem Futures- und Optionsverfall bei ohnehin unfassbaren Kursschwankungen alles haben ... nur keine Zeit, über solche plötzlichen Veränderungen der Rahmenbedingungen nachzugrübeln ... wird so eine Eindeckungswelle provoziert, die dem unbedarften Zuschauer zeigen soll: Ah, die Börse findet das auch gut.
Nun gut, die bisherigen Lösungen waren alle für die Katz und unterstrichen, wie fähig die US-Regierung im Krisenmanagement ist. Und ja, bislang sind alle Rallyes sofort wieder versickert. Aber jetzt? Meine Güte Ist! Das! Schlau!
Nun gibt es bislang ja nur die Idee. Aber kommen Sie, diese paar kleinen Details, die lösen die Jungs doch geschwind am Wochenende. Grundsätzlich hat man sich folgendes gedacht: Wenn Banken Milliarden an Gewinn scheffeln, dürfen sie diese behalten und die Vorstände sich für ihre Provisionen jährlich eine weitere kleine Insel im Pazifik kaufen. Machen die Banken aber Milliardenverluste, dürfen sie diese dem Staat übergeben und der übernimmt die Verluste dann ... damit die Banken auch morgen wieder kräftig verdienen können. Regeln wird das die Resolution Trust Corporation.
Jetzt aber richtig: Sub-Sub-Prime!
Das ist doch fair und vernünftig. Pleite sind die USA ja sowieso, denn man kann keine Steuergelder aufwenden, wenn keine mehr da sind. Aber macht nichts, denn man hat zufällig die Schlüssel für die Druckerpresse (schon eine feine Sache, Staat zu sein). Man übernimmt ja nur die Schulden und ... na?
Und man tut genau das, was man sich vorher bei den Banken abgeguckt hat. Man nimmt faule Kredite, verpackt sie mit rosa Schleifchen in neue Anleihen und gibt sie aus. Argument: Diese faulen Kredite, jetzt als Verluste bei den Banken in den Büchern, sind nicht sooo schlecht, wie sie momentan in dieser hysterischen Phase bewertet werden. Also übernimmt sie der Staat für ein Äpfelchen und ein Eichen, drückt schnell aufs Knöpfchen, sagt die Zauberformel „es werde“ und schon haben die Banken ihre Milliarden wieder.
Der Staat geht dann hin und macht „Staatsanleihen“ aus dem Schrott und verdient auch noch daran, weil die Anleger (und natürlich auch die Banken) ihm diese wunderbaren Anleihen förmlich aus den Händen reißen werden. Okay, vom Inhalt her wären die in Anleihen verpackten Subprime-Kredite, die diese Blase erst zum Platzen brachten, glatt edelste Ware. Aber der Staat kann ja nicht pleite gehen wie die Banken, die hinter den Subprime-Bonds standen. Weil er schon pleite ist ... aber trotzdem einfach das Geld entstehen lassen kann, das die Anleihen bedient. Siehe Schlüssel zur Notenpresse. Verblüffend in dem Zusammenhang, dass heute der Dollar massiv zulegt. Offenbar ist der Wunsch, Altpapier zu besitzen, heute besonders hoch. Alle rein in Sub-Sub-Prime!
Fassen wir zusammen. Nun ist also wieder alles gut ... weil das Vertrauen in die Banken wieder hergestellt ist. Es ist so, als würden Sie einem Finanzhai die Vorstrafen einfach erlassen, ihm also für die bösen Taten der Vergangenheit eine Amnestie gewähren. Wenn Sie einem solchen Menschen begegnen, würden Sie doch aus sagen: Oh, wenn man ihm die Verbrechen der Vergangenheit erlässt, muss das ein guter Mensch sein, dem vertraue ich nun blind. Oder etwa nicht? Wie ... nein? Meine Güte, sind Sie nachtragend.
Und die USA als Finanzplatz kommt ja nun bärenstark daher. Krisenmanager Nummer 1. Wie immer in den letzten Jahren. Zumal: Am Schuldenberg ändert sich ja nichts. Vorher waren es Rekordschulden ... jetzt sind es erst recht Rekordschulden. Gewitzt, fürwahr. Da die Privathaushalte überschuldet sind, kommt es dann sowieso nicht mehr darauf an, wenn da noch für die nächsten 150 Jahre neue Staatsschulden hinzukommen. Müssen eh die Urenkel mit leben, also nach uns die Sintflut.
Die zweifelhafte Lebensdauer von Non-Think-Rallyes
Ist das nicht fein? Hätte man doch glatt früher drauf kommen können, nicht wahr. Aber dann wäre es ja für Lehman Bros. nicht zu spät gewesen ... und das ist sicherlich kein Zufall. Auch Bear Stearns würde es heute noch geben, hätte die Regierung damals schneller gehandelt. Aber so freuen sich Goldman Sachs und Merrill Lynch erneut über einen Konkurrenten weniger. Der Finanzminister und ehemalige Goldman Sachs-Chef Paulson würde Ihnen aber sicherlich versichern: reiner Zufall.
Man muss sich allerdings fragen, ob Wickie Paulsons Lösung noch so grandios ist, wenn die Akteure an den Börsen nach diesem Hexenkessel des Verfalltermins übers Wochenende Zeit hatten, über die Genialität der Krise-Wegzauberer NACHZUDENKEN. Davon abgesehen, dass es ein Skandal ist, die Banken die Gewinne einstreichen zu lassen und deren Verluste dem Steuerzahler aufzuhalsen, wird dadurch das Vertrauen in die USA als Finanzplatz gestärkt? Vertraut man den Fähigkeiten der US-Regierung, nachdem diese „geniale“ Lösung die KfW-Überweisung an Lehman wie eine Randnotiz aussehen lässt? Vertraut man auf einmal Banken, die ihre Unfähigkeit und teilweise Niederträchtigkeit über Jahre bewiesen haben, weil man ihnen die Schulden abkauft? Wird der Dollar nun dauerhaft in neuem Glanz erstrahlen, weil sein faktischer Wert dadurch weiter wie ein Stein fällt? Meinen Sie? Ich nicht.
Herzliche Grüße Ihr Ronald Gehrt |