Der Ritt auf dem Bullen gleicht einem Rodeo
Wer einmal die Gelegenheit hatte, einem Rodeowettbewerb in Texas
beizuwohnen, bei dem trotz aller Geschicklichkeit der Reiter oft unsanft auf
dem Boden landet, der fühlt sich an die Börse erinnert. Ende Juli warnte
ich vor einer allgemeinen Aktieneuphorie, die trotz der Nachbeben des
grössten Börsencrashs aller Zeiten immer noch stieg (vergleiche Kolumne
"Die Nachbeben dauern an, und die allgemeine Markteuphorie steigt" vom
27.7.). Nur ein Teilnehmer scheint diese Euphorie zu ignorieren: der
Anleger. Waren es im Juli noch die 2,1 Billionen Dollar (= 2.100 Milliarden
Dollar), die in Amerika in Geldmarktfonds schlummerten, und die den Guru
Tom Galvin von der Investmentbank Crédit Suísse First Boston "bullish"
werden liessen (immerhin repräsentierte dieser Betrag 20% der
Marktkapitalisierung des umfassenden Aktienindex Wilshire 5.000), so sind
es jetzt 55 Milliarden Euro, die sich in den vergangenen Monaten in Europa
nach Schätzungen der Investmentbank Schröder Salomon Smith Barney
angesammelt haben. Ihr Chefstratege Mark Howdle machte in dieser
Woche allen Anlegern Mut und prophezeite einen Kursanstieg der
europäischen Aktien von 20 bis 30% in den nächsten 12 Monaten. Der
Eurostoxx, der jetzt unter 3.800 rumdümpelt, stiege dann auf 5.000 und
damit über das diesjährige Hoch von 4.787! Howdle empfiehlt für die
Depots vor allem Aktien vor Anleihen und Liquidität. Nun das kennen wir
ja alle. Einmal ist die Gesamtheit der Anlageprofis überzeugt, dass sich die
Konjunktur in Amerika und anschliessend in Europa erholt und zweitens
dass die Gelder in Aktien fliessen (vergleiche auch Interview von FTD vom
31.8. mit Gottfried Heller).
Hierzu möchte ich ganz klar feststellen, dass es keineswegs ausgemacht
ist, dass die Steuerrückzahlungen in Amerika in den Konsum fliessen.
Angesichts der hohen Verschuldung der privaten Haushalte kann ich mir
durchaus vorstellen, dass der amerikanische Konsument zumindest einen
Teil der Steuerrückzahlungen dazu benutzt, seine Schulden zurückzuzahlen.
Ein kleiner Teil der Konsumenten wird sogar wieder anfangen zu sparen,
denn all die Anlage-Profis verschweigen, dass die amerikanische Sparquote
zum ersten Mal seit den 30er Jahren negativ geworden ist, und das die
amerikanische Wirtschaft ein Rekord-Leistungsbilanzdefizit von über 4%
des BSP angehäuft hat. Die meisten Profis wollen sich einfach nicht
vorstellen, dass auch der amerikanische Konsument nur ein Mensch ist, der
auch gesunden Menschenverstand entwickeln kann, und der seine privaten
Angelegenheiten in Ordnung sehen will. Konjunkturprognosen auf der
Tatsache aufzubauen, dass eine vorübergehende "nationale
Überschwenglichkeit" des Konsumenten zur Norm wird, ist für mich eine
zynische Betrachtungsweise.
Inzwischen warnt selbst der IWF vor einem Einbruch der Weltkonjunktur.
Er schätzt zum Beispiel in seiner neuesten Ausgabe das Wachstum in
Deutschland auf magerer 1,2% n diesem Jahr. Was schwerwiegender
wirkt: Erstmals seit den 70er Jahren dürfte im zweiten Quartal das
Wirtschaftswachstum der drei grössten Volkswirtschaften der Welt - USA,
Japan, Deutschland - gleichzeitig zum Stillstand gekommen sein. Ein Effekt
der so oft gepriesenen Globalisierung, den eigentlich niemand haben will.
Der zweite Irrtum, vor dem fast alle Anlageprofis ausgehen: Die
vorhandene Liquidität wird in Aktien gehen. Da habe ich meine Zweifel.
Zwar hat sich weltweit der Anteil der Aktien in den Portfeuilles erhöht,
aber viele Neuanleger (man denke an die Aktionäre der Deutschen
Telekom) haben mit Aktien denkbar schlechte Erfahrungen gemacht. Sie
werden, sobald sie wieder über Geld verfügen, auch nach anderen
Anlagebahnen suchen, z.B. Immobilen, die auch langfristig zumindest
genauso gute Ergebnisse erzielt haben wie Aktien, es gibt darüber nur
weniger Statistiken.
Renten schlagen Aktien
Zum heutigen Zeitpunkt erschien am Dienstag, dem 28. August in der
Financial Times Deutschland ein kurzer Artikel mit Grafik, der beweist, das
Renten seit Januar 1970 (also seit über 30 Jahren) Aktien um fast 4%
schlagen. Würde diese Statistik Mitte der 50er Jahre beginnen, wäre das
Ergebnis zu Gunsten der Renten erheblich höher. Da anscheinend einige
Leser den Artikel nicht bemerkt haben, wurde heute am 31.8. in der
Wochenendausgabe der FTD unter Best at "Das Kapital" der Artikel noch
einmal abgedruckt (unbedingt lesen!)
Schon in den letzten Jahren wurde meine Empfehlung, 30 bis 40% eines
Portfeuilles in Aktien zu investieren und den Rest in Triple A Anleihen und
Cash, vor allem von Anlageprofis scharf kritisiert. Ich bin aber nicht von
meiner Linie abgewichen, und ich kann heute nur wiederholen, Aktien nur
mit 30% zu gewichten. Wenn eintritt, was ich schon vor einiger Zeit
befürchtet habe, und zwar dass ein "Trio Infernale" winkt: Der Dow Jones,
der Nikkei 225 und der Hang Seng fallen alle drei unter 10.000 (vergleiche
Börse Online Nr. 36 "Eine Schwalbe im Frühherbst oder der Club der
gefallenen Gurus"), dann wird es weltweit von Kaufgelegenheiten bei
Aktien nur so wimmeln, und dann - und nur dann - sollten Sie Ihren Cash
abbauen und den Anteil der Aktien auf bis zu 40% des Gesamtportfeuilles
hochfahren.
Wie lange die augenblickliche Baisse anhält, kann keiner voraussagen. Sie
sollten aber nach Erfahrungen aus der unglaublichen Hausse seit 1996 die
Worte des Wirtschaftsnobelpreisträgers Paul Samuelson nicht vergessen:
"Eine Blase à la hausse nährt sich psychologisch aus sich selbst im Laufe
der Hausse. Sobald aber diese Blase geplatzt ist, formiert sich eine Blase à
la baisse, die sich ebenfalls psychologisch aus sich selbst ernährt."
Roland Leuschel
04.09.2001 10:38
Wer einmal die Gelegenheit hatte, einem Rodeowettbewerb in Texas
beizuwohnen, bei dem trotz aller Geschicklichkeit der Reiter oft unsanft auf
dem Boden landet, der fühlt sich an die Börse erinnert. Ende Juli warnte
ich vor einer allgemeinen Aktieneuphorie, die trotz der Nachbeben des
grössten Börsencrashs aller Zeiten immer noch stieg (vergleiche Kolumne
"Die Nachbeben dauern an, und die allgemeine Markteuphorie steigt" vom
27.7.). Nur ein Teilnehmer scheint diese Euphorie zu ignorieren: der
Anleger. Waren es im Juli noch die 2,1 Billionen Dollar (= 2.100 Milliarden
Dollar), die in Amerika in Geldmarktfonds schlummerten, und die den Guru
Tom Galvin von der Investmentbank Crédit Suísse First Boston "bullish"
werden liessen (immerhin repräsentierte dieser Betrag 20% der
Marktkapitalisierung des umfassenden Aktienindex Wilshire 5.000), so sind
es jetzt 55 Milliarden Euro, die sich in den vergangenen Monaten in Europa
nach Schätzungen der Investmentbank Schröder Salomon Smith Barney
angesammelt haben. Ihr Chefstratege Mark Howdle machte in dieser
Woche allen Anlegern Mut und prophezeite einen Kursanstieg der
europäischen Aktien von 20 bis 30% in den nächsten 12 Monaten. Der
Eurostoxx, der jetzt unter 3.800 rumdümpelt, stiege dann auf 5.000 und
damit über das diesjährige Hoch von 4.787! Howdle empfiehlt für die
Depots vor allem Aktien vor Anleihen und Liquidität. Nun das kennen wir
ja alle. Einmal ist die Gesamtheit der Anlageprofis überzeugt, dass sich die
Konjunktur in Amerika und anschliessend in Europa erholt und zweitens
dass die Gelder in Aktien fliessen (vergleiche auch Interview von FTD vom
31.8. mit Gottfried Heller).
Hierzu möchte ich ganz klar feststellen, dass es keineswegs ausgemacht
ist, dass die Steuerrückzahlungen in Amerika in den Konsum fliessen.
Angesichts der hohen Verschuldung der privaten Haushalte kann ich mir
durchaus vorstellen, dass der amerikanische Konsument zumindest einen
Teil der Steuerrückzahlungen dazu benutzt, seine Schulden zurückzuzahlen.
Ein kleiner Teil der Konsumenten wird sogar wieder anfangen zu sparen,
denn all die Anlage-Profis verschweigen, dass die amerikanische Sparquote
zum ersten Mal seit den 30er Jahren negativ geworden ist, und das die
amerikanische Wirtschaft ein Rekord-Leistungsbilanzdefizit von über 4%
des BSP angehäuft hat. Die meisten Profis wollen sich einfach nicht
vorstellen, dass auch der amerikanische Konsument nur ein Mensch ist, der
auch gesunden Menschenverstand entwickeln kann, und der seine privaten
Angelegenheiten in Ordnung sehen will. Konjunkturprognosen auf der
Tatsache aufzubauen, dass eine vorübergehende "nationale
Überschwenglichkeit" des Konsumenten zur Norm wird, ist für mich eine
zynische Betrachtungsweise.
Inzwischen warnt selbst der IWF vor einem Einbruch der Weltkonjunktur.
Er schätzt zum Beispiel in seiner neuesten Ausgabe das Wachstum in
Deutschland auf magerer 1,2% n diesem Jahr. Was schwerwiegender
wirkt: Erstmals seit den 70er Jahren dürfte im zweiten Quartal das
Wirtschaftswachstum der drei grössten Volkswirtschaften der Welt - USA,
Japan, Deutschland - gleichzeitig zum Stillstand gekommen sein. Ein Effekt
der so oft gepriesenen Globalisierung, den eigentlich niemand haben will.
Der zweite Irrtum, vor dem fast alle Anlageprofis ausgehen: Die
vorhandene Liquidität wird in Aktien gehen. Da habe ich meine Zweifel.
Zwar hat sich weltweit der Anteil der Aktien in den Portfeuilles erhöht,
aber viele Neuanleger (man denke an die Aktionäre der Deutschen
Telekom) haben mit Aktien denkbar schlechte Erfahrungen gemacht. Sie
werden, sobald sie wieder über Geld verfügen, auch nach anderen
Anlagebahnen suchen, z.B. Immobilen, die auch langfristig zumindest
genauso gute Ergebnisse erzielt haben wie Aktien, es gibt darüber nur
weniger Statistiken.
Renten schlagen Aktien
Zum heutigen Zeitpunkt erschien am Dienstag, dem 28. August in der
Financial Times Deutschland ein kurzer Artikel mit Grafik, der beweist, das
Renten seit Januar 1970 (also seit über 30 Jahren) Aktien um fast 4%
schlagen. Würde diese Statistik Mitte der 50er Jahre beginnen, wäre das
Ergebnis zu Gunsten der Renten erheblich höher. Da anscheinend einige
Leser den Artikel nicht bemerkt haben, wurde heute am 31.8. in der
Wochenendausgabe der FTD unter Best at "Das Kapital" der Artikel noch
einmal abgedruckt (unbedingt lesen!)
Schon in den letzten Jahren wurde meine Empfehlung, 30 bis 40% eines
Portfeuilles in Aktien zu investieren und den Rest in Triple A Anleihen und
Cash, vor allem von Anlageprofis scharf kritisiert. Ich bin aber nicht von
meiner Linie abgewichen, und ich kann heute nur wiederholen, Aktien nur
mit 30% zu gewichten. Wenn eintritt, was ich schon vor einiger Zeit
befürchtet habe, und zwar dass ein "Trio Infernale" winkt: Der Dow Jones,
der Nikkei 225 und der Hang Seng fallen alle drei unter 10.000 (vergleiche
Börse Online Nr. 36 "Eine Schwalbe im Frühherbst oder der Club der
gefallenen Gurus"), dann wird es weltweit von Kaufgelegenheiten bei
Aktien nur so wimmeln, und dann - und nur dann - sollten Sie Ihren Cash
abbauen und den Anteil der Aktien auf bis zu 40% des Gesamtportfeuilles
hochfahren.
Wie lange die augenblickliche Baisse anhält, kann keiner voraussagen. Sie
sollten aber nach Erfahrungen aus der unglaublichen Hausse seit 1996 die
Worte des Wirtschaftsnobelpreisträgers Paul Samuelson nicht vergessen:
"Eine Blase à la hausse nährt sich psychologisch aus sich selbst im Laufe
der Hausse. Sobald aber diese Blase geplatzt ist, formiert sich eine Blase à
la baisse, die sich ebenfalls psychologisch aus sich selbst ernährt."
Roland Leuschel
04.09.2001 10:38
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