Der Rentenmarkt spekuliert auf eine lange Rezession
Rendite nahe dem Rekordtief / Zinswende würde die Wertentwicklung verhageln
ruh. FRANKFURT, 1. November. Finanzminister Hans Eichel wird sich freuen. So preiswert hat sich der Bund schon lange nicht mehr auf dem Kapitalmarkt mit Mitteln eindecken können, um die Staatsausgaben zu finanzieren. Derzeit geben sich Anleger bei Titeln mit einer Laufzeit von zehn Jahren mit einer Rendite von knapp 4,3 Prozent zufrieden. Das ist gut ein halber Prozentpunkt weniger als noch zu Beginn dieses Jahres.
Fallende Aktienkurse und vor allem die Erwartung einer Rezession in Amerika und Europa haben die Kurse auf dem Rentenmarkt in den vergangenen Wochen kräftig steigen lassen. Anleger, die zu Jahresbeginn deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit gekauft haben, freuen sich jetzt über einen Ertrag von rund zehn Prozent. Zum Vergleich: Der Deutsche Aktienindex Dax ist in diesem Zeitraum um fast 30 Prozent gefallen.
Die Nominal-Renditen sind zwar noch etwas vom absoluten Tiefpunkt entfernt, der im Februar 1999 erreicht worden war, als die Rendite zehnjähriger deutscher Renten zutiefst auf gut 3,60 Prozent fiel. Viele Marktteilnehmer hoffen aber, daß dieses Niveau wieder erreicht wird. Zumindest die Marke von 4 Prozent sei noch drin, meinen einige Händler. Es gebe bei den Investoren derzeit kaum noch die Bereitschaft, auf fallende Kurse zu setzen und Short-Positionen einzugehen. Wer spekuliere, setze auf steigende Kurse der Anleihen. In dieses Bild paßt, daß der Bund-Future, der Terminkontrakt auf länger laufende deutsche Staatsanleihen, in den vergangenen drei Wochen nur zwei schwache Handelstage verzeichnet hat. Er legte in dieser Zeit fast drei Prozent an Wert zu. Zusätzlichen Auftrieb erhalten die europäischen Renten nun von der Absicht der amerikanischen Regierung, keine 30 Jahre laufenden Anleihen mehr zu begeben.
Die Aussicht auf weniger Angebot auf dem amerikanischen Markt hat auch den Optimismus der Investoren auf dem europäischen Anleihemarkt gestärkt. Doch das Risiko ist erheblich. Ein Blick zurück: Zur Zeit des Rekordtiefs im Februar 1999 waren den Anlegern die Krisen in Asien und Rußland und der Zusammenbruch des Hedge-Fonds LTCM noch in frischer Erinnerung. Sie rechneten fest mit einem langen Abschwung der Wirtschaft. Zudem spekulierten sie auf eine Deflation, also auf ein fallendes Preisniveau. Um so mehr wurden sie von der folgenden scharfen Zinswende überrascht.
Die Wirtschaft erholte sich in den meisten Ländern viel schneller als erhofft. Dies galt vor allem für die Vereinigten Staaten. Deshalb begann die amerikanische Notenbank Fed schon im Sommer 1999 damit, die Leitzinsen wieder anzuheben, nur sechs Monate nach der letzten Zinssenkung. Dadurch wurden am Rentenmarkt viele Haussiers auf dem falschen Fuß erwischt. Während die Aktienmärkte tatsächlich zu einer Hausse ansetzten, mußten die Rentenmärkte 1999 ein dickes Minus hinnehmen.
Anleger, die jetzt ihr Risiko verringern wollen und aus Aktien in Renten umschichten, sollten die Möglichkeit einer ähnlichen Entwicklung zumindest in ihr Kalkül einbeziehen. "Der Anleihemarkt spekuliert derzeit auf eine lang anhaltende Rezession. Kommt es nicht dazu, droht eine böse Überraschung", warnt Peter Müller, Analyst bei der Commerzbank. Die Möglichkeit einer Zinswende werde zwar von Analysten diskutiert. Der Markt werde aber nicht von diesem Szenario bestimmt.
Nach Ansicht von Helmut Kaiser, Bond-Stratege im Bereich Anlagestrategie Privatkunden der Deutschen Bank, wird die Wahrscheinlichkeit einer Rezession auf den Rentenmärkten derzeit sehr viel höher eingeschätzt als auf den Aktienmärkten. Er erwartet deshalb, daß die Rendite deutscher Staatsanleihen zunächst weiter fallen wird. Werte unter 4,25 Prozent seien dabei im Bereich des Möglichen. Danach rechnet Kaiser zwar mit einem Zinsanstieg. Dieser werde aber im nächsten Jahr moderat ausfallen. Dafür sprächen die günstigen Inflationsaussichten, denn es drohe kein Anstieg der Lohnstückkosten.
Die jüngsten Konjunkturdaten aus Amerika haben zwar verdeutlicht, daß der Abschwung bereits begonnen hat. So verzeichnete die amerikanische Wirtschaft im dritten Quartal den ersten Rückgang seit fast zehn Jahren. Auch die Stimmung der amerikanischen Verbraucher läßt nichts Gutes erwarten. Aber es ist fraglich, ob das allein schon die niedrigen Renditen auf den Anleihemärkten rechtfertigt.
Deutlicher noch als die Nominal-Rendite zeigt die inflationsbereinigte Rendite, daß sich der Rentenmarkt in dünner Luft bewegt. Nimmt man mangels verläßlicher Daten zu den Inflationserwartungen an, daß die Anleger die jeweils aktuelle Inflationsrate auch für die Zukunft erwarten, ergibt sich die Größe, die in der Grafik als inflationsbereinigte Rendite bezeichnet ist. Sie liegt derzeit bei rund 2,3 Prozent. Im Februar 1999 betrug die inflationsbereinigte Rendite bei deutschen Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit noch rund 3 Prozent. Man muß schon bis 1993 zurückschauen, als sich Deutschland in einer Rezession befand, um auf eine so niedrige inflationsbereinigte Rendite zu stoßen, wie sie vom Markt derzeit gehandelt wird.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.2001, Nr. 255 / Seite 31
Rendite nahe dem Rekordtief / Zinswende würde die Wertentwicklung verhageln
ruh. FRANKFURT, 1. November. Finanzminister Hans Eichel wird sich freuen. So preiswert hat sich der Bund schon lange nicht mehr auf dem Kapitalmarkt mit Mitteln eindecken können, um die Staatsausgaben zu finanzieren. Derzeit geben sich Anleger bei Titeln mit einer Laufzeit von zehn Jahren mit einer Rendite von knapp 4,3 Prozent zufrieden. Das ist gut ein halber Prozentpunkt weniger als noch zu Beginn dieses Jahres.
Fallende Aktienkurse und vor allem die Erwartung einer Rezession in Amerika und Europa haben die Kurse auf dem Rentenmarkt in den vergangenen Wochen kräftig steigen lassen. Anleger, die zu Jahresbeginn deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit gekauft haben, freuen sich jetzt über einen Ertrag von rund zehn Prozent. Zum Vergleich: Der Deutsche Aktienindex Dax ist in diesem Zeitraum um fast 30 Prozent gefallen.
Die Nominal-Renditen sind zwar noch etwas vom absoluten Tiefpunkt entfernt, der im Februar 1999 erreicht worden war, als die Rendite zehnjähriger deutscher Renten zutiefst auf gut 3,60 Prozent fiel. Viele Marktteilnehmer hoffen aber, daß dieses Niveau wieder erreicht wird. Zumindest die Marke von 4 Prozent sei noch drin, meinen einige Händler. Es gebe bei den Investoren derzeit kaum noch die Bereitschaft, auf fallende Kurse zu setzen und Short-Positionen einzugehen. Wer spekuliere, setze auf steigende Kurse der Anleihen. In dieses Bild paßt, daß der Bund-Future, der Terminkontrakt auf länger laufende deutsche Staatsanleihen, in den vergangenen drei Wochen nur zwei schwache Handelstage verzeichnet hat. Er legte in dieser Zeit fast drei Prozent an Wert zu. Zusätzlichen Auftrieb erhalten die europäischen Renten nun von der Absicht der amerikanischen Regierung, keine 30 Jahre laufenden Anleihen mehr zu begeben.
Die Aussicht auf weniger Angebot auf dem amerikanischen Markt hat auch den Optimismus der Investoren auf dem europäischen Anleihemarkt gestärkt. Doch das Risiko ist erheblich. Ein Blick zurück: Zur Zeit des Rekordtiefs im Februar 1999 waren den Anlegern die Krisen in Asien und Rußland und der Zusammenbruch des Hedge-Fonds LTCM noch in frischer Erinnerung. Sie rechneten fest mit einem langen Abschwung der Wirtschaft. Zudem spekulierten sie auf eine Deflation, also auf ein fallendes Preisniveau. Um so mehr wurden sie von der folgenden scharfen Zinswende überrascht.
Die Wirtschaft erholte sich in den meisten Ländern viel schneller als erhofft. Dies galt vor allem für die Vereinigten Staaten. Deshalb begann die amerikanische Notenbank Fed schon im Sommer 1999 damit, die Leitzinsen wieder anzuheben, nur sechs Monate nach der letzten Zinssenkung. Dadurch wurden am Rentenmarkt viele Haussiers auf dem falschen Fuß erwischt. Während die Aktienmärkte tatsächlich zu einer Hausse ansetzten, mußten die Rentenmärkte 1999 ein dickes Minus hinnehmen.
Anleger, die jetzt ihr Risiko verringern wollen und aus Aktien in Renten umschichten, sollten die Möglichkeit einer ähnlichen Entwicklung zumindest in ihr Kalkül einbeziehen. "Der Anleihemarkt spekuliert derzeit auf eine lang anhaltende Rezession. Kommt es nicht dazu, droht eine böse Überraschung", warnt Peter Müller, Analyst bei der Commerzbank. Die Möglichkeit einer Zinswende werde zwar von Analysten diskutiert. Der Markt werde aber nicht von diesem Szenario bestimmt.
Nach Ansicht von Helmut Kaiser, Bond-Stratege im Bereich Anlagestrategie Privatkunden der Deutschen Bank, wird die Wahrscheinlichkeit einer Rezession auf den Rentenmärkten derzeit sehr viel höher eingeschätzt als auf den Aktienmärkten. Er erwartet deshalb, daß die Rendite deutscher Staatsanleihen zunächst weiter fallen wird. Werte unter 4,25 Prozent seien dabei im Bereich des Möglichen. Danach rechnet Kaiser zwar mit einem Zinsanstieg. Dieser werde aber im nächsten Jahr moderat ausfallen. Dafür sprächen die günstigen Inflationsaussichten, denn es drohe kein Anstieg der Lohnstückkosten.
Die jüngsten Konjunkturdaten aus Amerika haben zwar verdeutlicht, daß der Abschwung bereits begonnen hat. So verzeichnete die amerikanische Wirtschaft im dritten Quartal den ersten Rückgang seit fast zehn Jahren. Auch die Stimmung der amerikanischen Verbraucher läßt nichts Gutes erwarten. Aber es ist fraglich, ob das allein schon die niedrigen Renditen auf den Anleihemärkten rechtfertigt.
Deutlicher noch als die Nominal-Rendite zeigt die inflationsbereinigte Rendite, daß sich der Rentenmarkt in dünner Luft bewegt. Nimmt man mangels verläßlicher Daten zu den Inflationserwartungen an, daß die Anleger die jeweils aktuelle Inflationsrate auch für die Zukunft erwarten, ergibt sich die Größe, die in der Grafik als inflationsbereinigte Rendite bezeichnet ist. Sie liegt derzeit bei rund 2,3 Prozent. Im Februar 1999 betrug die inflationsbereinigte Rendite bei deutschen Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit noch rund 3 Prozent. Man muß schon bis 1993 zurückschauen, als sich Deutschland in einer Rezession befand, um auf eine so niedrige inflationsbereinigte Rendite zu stoßen, wie sie vom Markt derzeit gehandelt wird.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.2001, Nr. 255 / Seite 31