Du schreibst, Du bist "nicht optimistisch gestimmt". Am letzten Bärenmarkt-Tief im März 2003 war niemand optimistisch gestimmt. Die Commerzbank stand wie heute unter 6 Euro, Allianz stand wie heute unter 50 Euro, die EK-Quoten deutscher Banken sanken in beängstigender Weise, die Bafin drohte viele Banken wegen Fall unter Tier-1 zu schließen, die Banken verkauften wie wild Assets (auch andere Bankaktien), um sich davor zu schützen.Die Nato drohte auseinanderzufallen. Bush griff im Alleingang den Irak an. Tech- und Internetaktien waren aus der 1000-Dollar-Region in den Penny-Bereich zurückgekommen.
Damals hätte auch niemand geglaubt, dass sich in Anbetracht von "so viel Negativität" ein Boden abzeichnen könnte. Selbst als die Indizes 2003 in der zweiten Jahreshälfte wieder zu steigen begannen, blieben (Klein-)Anleger Aktien fern. Sie waren noch vom Rückgang der Jahre 2000 bis 2003 geschockt und trauten dem Braten nicht, zumal in der langen Baisse jeder Rallye-Versuch von Shorts niedergemacht wurde. Es gab eine negative Konditionierung. Ein Frosch mag eine Wespe für eine leckere Fliege halten. Spätestens wenn er drei verspeist hat und das überlebt, wird er die gelb-schwarzen Streifen als Warnsignal werten. Er wird nie wieder eine Wespe schlucken.
Bemerkenswerterweise drehten die Indizes im März 2003, obwohl es keinerlei Besserung an der News-Front gab. Auch die Wirtschaftsdaten wurden nicht besser. Die "Wende" erfolgt scheinbar ohne Substanz. Wie durch ein Wunder wurden die besseren Daten dann aber ca. 9 Monate später "nachgeliefert". Mag sein, dass das "Housing-ATM" erste Früchte trug. Mag sein, dass steigende Aktien die Konsumlust und das Vertrauen wieder steigerten. Mag sein, dass die Börse wirtschaftliche Erholungen wie üblich 6 bis 9 Monate "vorwegnimmt". Mag sein, dass der Aktienanstieg eine Art self-fulfilling prophesy war, die dann auch eine reale Wende einleitete. Wie auch immer: Es gab am Tief im März 2003 keine "News-Wende", Alles blieb schwarz, und das Misstrauen hoch.
Für Deinen Pessimus spricht, dass die Lage aktuell - fundamental betrachtet - noch weitaus schwärzer ist als 2003. Damals konnte mit den Tiefzinsen in USA noch die Housing-Blase losgetreten werden, was heute nicht mehr möglich ist, da die Häuser bereits bis zum Anschlag beliehen sind. Damals schufen Home Equity Loans eine Liquiditätsblase, in der alle Assets, von Aktien über Rohstoffe bis zum Gold, deutlich stiegen. Dies war aber kein organisches Wachstum, sondern im wahrsten Sinne eins "auf Kredit", weil ein auf Verschuldung basierendes Wachstum stets "auf Kosten der Zukunft" erfolgt. Die Rechnung wird aktuell präsentiert - z. B. den hoch verschuldeten US-Kreditkartenhaltern.
Dein "Stimmungsumschwung" am Donnerstag fiel offenbar mit dem Bruch der Langzeitunterstützung im SP-500 zusammen. Er fiel unter die kritische Marke von 770. Das war im chartverliebten Amerika natürlich ein "klares Verkaufssignal" - und ehe man sich versah, stand der SPX bei 740.
Die Macher in USA - in der Politik wie an der Wall Street - sind sich jedoch der Wichtigkeit dieser Langzeit-Chartunterstützung durchaus bewusst. Auch wenn charttechnisch und fundamental Vieles auf ein "follow-through" nach unten hindeutet (siehe Wawidus Chart), darf man damit rechnen, dass an dieser wichtigen Stelle eine Chartwende künstlich forciert wird. Möglichkeiten dafür gibt es zuhauf. Wir sahen in USA bereits am Freitag in der letzten Handelsstunde einen massiven Shortsqueeze, der womöglich von ersten Gewinnmitnahmen der Shorts oder auch von Buy-Programmen der "Institutionellen" ausgelöst wurde. Die haben nämlich "keinen Bock", den Fondanlegern in den Depotauszügen am Jahressende ein Minus von 40 % zu präsentieren, da dies die Abwärtsspirale aus "Redemptions" und weiterem Verkaufsdruck der Fonds, um diese zu erfüllen, weiter forcieren würde.
Die Politiker in USA inkl. Obama wissen, dass für ein Umschwung im drastisch gefallenen Konsumentenvertrauen eine Wende am Aktienmarkt - und sei sie auch künstlich herbeigeführt - dringend vonnöten ist. Das gilt mE auch für Politiker in Europa und Asien.
Wir dürften daher nun global in eine Phase "ungeahnter großer Würfe" eintreten - die ich nicht zuletzt Obama selbst zutraue. Als Neuer hat er die Chance und den Vertrauensvorschuss, große Weichenstellungen vorzunehmen. Seine Initiative zum globalen Freihandelsabkommens zielt etwa in dies Richtung. Als Demokrat werden ihm die Ex-Kommunisten in China mehr Vertrauen schenken als Hardliner Bush und Halsabschneider Paulson. Timothy Geithner als neuer Wirtschaftsminister dürfte ebenfalls weit mehr Vertrauen entgegengebracht werden. China könnte seine enormen brachliegenden Geldreserven zur Stützung der US-Konjunktur einbringen. Politische Hürden, die dem früher Einhalt geboten, dürften in Zukunft unter dem Druck der globalen Krise zunehmend aus dem Weg geräumt werden. Chinas "Kapitalreserven" sind der große Joker im kommenden globalen Finanzpoker.
Wer Alles nur auf Charttechnik gründet, macht vermutlich Fehler. Die gleichen Stimmen, die vor einem Jahr bei DAX 8000 durch Strichverlängerung irrational hohe Kursziele von DAX 10.000 "ermittelten", dürften jetzt durch Stirchverlängerung nach unten auf irrational tiefe Kursziele von DAX 1800 oder SPX 400 kommen.
Wall Street hat jedoch einen "eingebauten Bias" nach oben. Übertreibungen nach oben finden sehr viel mehr Akzeptanz als solche nach unten. Das ist für Blasen-Systeme ein zwingendes Überlebensprinzip. Man darf daher damit rechnen, dass dieses "System" aus Politik und Wall-Street-Strategen Alles in seiner Macht stehende tun wird, um die Übertreibung nach unten - so gut es geht - zu verhindern. Die Chance, dass es klappt, halte ich für größer, als dass es misslingt. Selbst wenn die "Heilung" ein für kritische Augen klar erkennbarer Fake sein wird, so wird sie doch "geglaubt" -und sei es einfach aus Überlebens-Instinkt.
Hier noch zum Abschluss die beachtenswerte Chartanalyse eine Analysten der Kreissparkasse Uelzen, der darin für den DAX ein Kursziel von Null nicht ausschließen kann.
Vergleicht man einmal die Kurse der DAX - Unternehmen (ggf. ehemalig) per heute mit den Tiefsständen vom 12. März 2003, so ist erstaunlich, dass es nur 5 Verlierer gibt. Alle anderen DAX - Aktien sind noch im Plus, teilweise gewaltig.
Der DAX bietet als der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftkrise noch viel Luft nach unten.
Verlierer
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Finanzinstituts Commerzbank 4,09 Prozent ihres damaligen Wertes verloren.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Automobilkonzerns BMW 12,29 Prozent ihres damaligen Wertes verloren.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Automobilkonzerns Daimler 14,42 Prozent ihres damaligen Wertes verloren.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Finanzinstituts Deutsche Bank 42,18 Prozent ihres damaligen Wertes verloren.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Halbleiterherstellers Infineon 69,78 Prozent ihres damaligen Wertes verloren. Infineon liegt damit auf dem letzten Platz aller Dax-Werte.
Gewinner
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Automobilkonzerns Volkswagen sage und schreibe 1121 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Düngemitelherstellers K+S 562 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen. Im Dax ist K+S allerdings erst seit wenigen Wochen vertreten.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Energieversorgers RWE 243,80 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Börsenbetreibers Deutsche Börse 211,72 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Pharmaunternehmens Merck 211,15 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Autozulieferers Continental 193,80 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Konzerns für Medizintechnik FMC 160,15 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Maschinenbauers Linde 149,91 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Fahrzeugherstellers MAN 137,96 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Postzustellers und Logistik-Unternehmens Deutsche Post 1,18 Prozent ihresdamaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Energiekonzerns EON 125,24 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Versicherungskonzerns Alllianz 3,07 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Chemiekonzerns Henkel 15,05 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Telekommunikationsanbieters Dt. Telekom 17,80 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Sportartikelherstellers Adidas 21,51 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Technologie- und Industriekonzerns Siemens 23,63 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Touristikkonzerns TUI 125 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie der Fluggesellschaft Lufthansa 25,85 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2007 hat die Aktie des Handelskonzerns Metro 25,93 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Software-Herstellers SAP 45,27 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Chemiekonzerns BASF 58,11 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Mischkonzerns ThyssenKrup 73,57 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
Seit dem 12. März 2003 hat die Aktie des Versicherungskonzerns Münchner Rück 59,55 Prozent ihres damaligen Wertes gewonnen.
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