Deja-vu-Erlebnis mit US-Quartalszahlen


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Nassie:

Deja-vu-Erlebnis mit US-Quartalszahlen

 
27.04.03 21:59
Das Kapital: Die US-Statistiker rücken die Quartalszahlen zurecht

So was nennt man ein Déjà-vu. Wie im Juli und im Oktober 2002 sowie im Januar 2003 hat die Börse zum vierten Mal in Folge positiv auf die Quartalszahlen an der Wall Street reagiert - und man weiß nicht so recht warum.


Wie von Geisterhand gesteuert, waren natürlich auch dieses Mal die Ergebnisse besser als erwartet. Sie stiegen bisher um durchschnittlich 11,2 Prozent. Nicht schlecht bei einem nominalen BIP-Wachstum von gerade 3,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und angesichts der Tatsache, dass allein der Hausbau 0,53 Prozentpunkte zum annualisierten Realwachstum von 1,6 Prozent im ersten Quartal beitrug.

Aber angeblich sind die Gewinne im S&P 500 in den beiden vorangegangenen Quartalen ja auch um 27 und 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr explodiert. Laut Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung haben sie im dritten Quartal brutto nur um 12,2 Prozent zugelegt und sind im vierten Quartal um 1,9 Prozent gefallen.


Das Bedenkliche ist, dass sich der Immobilienboom nun langsam dem Ende zuneigt, obwohl die Märzzahlen noch einmal ganz gut waren. Dass die Hauspreise inzwischen langsamer anziehen, ist nichts Neues. Und dass die Hypothekenkreditnachfrage zuletzt etwas geschwächelt hat, muss vielleicht noch nichts heißen. Aber die Hypothekenrefinanzierung, bisher eine große Stütze für den privaten Konsum, ist nun seit fünf Wochen rückläufig. Und nach dem Willen der Analysten soll sich das Gewinnwachstum bis zum vierten Quartal 2003 auf 22 Prozent beschleunigen. Da kann man sich getrost auf ein weiteres Déjà-vu gefasst machen.



Credit Suisse


Es kann der Frömmste nicht in Frieden zur Hauptversammlung laden, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Für die aufgebrachten Aktionäre von Credit Suisse (CS) hat UBS termingerecht einen dicken Report zusammengestellt. Aber wie einst Wilhelm Tell hatte CS mit den vorgezogenen - und überraschend guten - Quartalszahlen ja noch einen letzten Pfeil im Köcher.


Schon 2002 hat sich die neue Doppelspitze von CS mit fast religiösem Eifer ans Reinmachen gemacht. Nun sollte der Quartalsgewinn von 650 Mio. Franken reichen, um CS vor der Zerschlagung zu retten - zumal weitere Wertberichtigungen auf die Anteile an Swiss Life und der Fluglinie Swiss um die 100 Mio. Franken gekostet haben dürften.


Dem Mutigen hilft Gott natürlich - diesmal in Form des starken Anleihengeschäfts, in dem CSFB Marktanteile zurückgewonnen hat. Auch das Private Banking soll sich von der schlechten Presse erholt haben. Und freundlicherweise hat ja der Schweizer Nationalrat die Mindestrenditen auf Lebensversicherungen gesenkt - was dem Sorgenkind Winterthur geholfen haben dürfte.


Doch sollte man sich nicht zu früh freuen über das neue Leben, das da aus den Ruinen sprießt. Bei so niedrigen Margen sind die Gewinne nun mal volatil. Die Emissionen von Ramschanleihen, bei denen CSFB Marktführer ist, schwächeln seit dem März. Und die Aktie ist nach den meisten Kennzahlen auch kein Schnäppchen mehr - zumal auch die Schweizer deftig Optionen vergeben, was im Vorjahr als Gehalt verbucht netto 490 Mio. Franken gekostet hätte. Immerhin soll davon der Gutteil an CSFB-Banker und nicht an die neuen Chefs gehen. Der brave Mann denkt eben doch an sich selbst zuletzt.



Osterhase


Der Osterhase hat wieder zugeschlagen. Sein prominentestes Opfer war dem Vernehmen nach Nestlés "Real Internal Growth" - wobei auch das arme Tier sicher lange suchen musste, bis es darin etwas so prosaisches wie organisches Absatzwachstum erkannt hat.


Inzwischen wissen wir ja längst, dass späte Ostern für niedrige Umsätze bei Kleidung, Luxusgütern und Haushaltszubehör sorgen. Dass dies auch für Schokolade und Eis gelten soll, war dagegen für die Anleger ein neuer Schock - der die Nestlé-Aktie immerhin 3,2 Mrd. Franken gekostet hat. Dabei bemühte sich der Finanzvorstand Wolfgang Reichenberger redlich, auch andere Verdächtige stellig zu machen, wie etwa SARS: "Eiskrem kann man auf der Straße nicht essen, wenn man eine Gesichtsmaske trägt."


Nun lassen sich Epidemien leider kaum planen - Oster-Anomalien dagegen schon. Kluge Anleger sollten bei ihren Strategien den Feiertagskalender im Blick behalten. Denn man kann sicher sein, dass der Osterhase in besseren Zeiten - etwa im laufenden Quartal - in keiner Pressemitteilung mehr auftauchen wird. Nur verspätet sich Ostern leider auch 2004 - auf den 11. April. Angesichts solch gravierender Ungleichgewichte im Mondkalender könnte sich der allseits erwartete Wirtschaftsaufschwung weiter verzögern. Aber immerhin kann man auf 2005 hoffen. Dann fällt Ostern auf den 27. März.



© 2003 Financial Times Deutschland , © Illustration:  FTD
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