Das zweite Börsenhalbjahr sieht freundlicher aus
Der Anlass ist natürlich völlig lächerlich. Aber es sieht danach aus, als sollte sich die freundliche Marktverfassung von ausgangs letzter Woche fortsetzen können.
Cisco meint, dass es erste Zeichen gibt, wonach sich die Auftragseingänge stabilisieren. Schön. Aber selbst wenn der Umsatz im laufenden Quartal um zehn Prozent zulegen könnte, statt um bis zu fünf Prozent zu fallen, ergibt sich gegenüber dem Vorjahr ein Rückgang von 27,5 Prozent. Von nennenswerten Gewinnen gibt es ohnehin keine Spur. Und wir reden über ein so genanntes Wachstumsunternehmen, das nach wie vor das gut Sechsfache des geschätzten laufenden Umsatzes kostet. Also: Schwamm drüber.
Dennoch ist die neue Zuversicht nicht ganz unberechtigt. Die Frühindikatoren fangen in einem Land nach dem anderen an zu drehen. Und es wird Geld geschöpft - viel Geld. In Amerika steigt die Geldmenge M2 seit Ende vergangenen Jahres aufs Jahr hochgerechnet um zehn Prozent. In Deutschland liegt die entsprechende Wachstumsrate von M1 bei 15 Prozent. Und mit demselben Tempo wächst M1 sogar in Japan.
Es ist nichts Neues, dass die Börse der realen Entwicklung vorausläuft. Die Chance auf eine gute Börse im zweiten Halbjahr ist also da. Hält sich die Stimmung, wird sie vermutlich heftige Wellen schlagen. Immerhin dürften eine Reihe von Leerverkäufen einzudecken sein. Und wie immer kann schnell die Angst umgehen, den Zug zu verpassen.
Aber die Börse bleibt ein Vabanquespiel. Ungemach droht schon in dieser Woche. Viel wird davon abhängen, wie sich das Verbrauchervertrauen in den USA entwickeln wird. Die kleinste Enttäuschung, und schon würde sich jegliche Euphorie wie nichts in Luft auflösen. Überhaupt kann es nicht oft genug gesagt werden, dass die von hohen Zinslasten geplagten und von Entlassung bedrohten amerikanischen Verbraucher durchaus noch einknicken können - und das trotz der Steuergeschenke und Zinssenkungen. Das bleibt das Hauptrisiko für die Börse.
Auch bleiben die Gewinnschätzungen für das kommende Jahr viel zu hoch. Im S&P 500 sollen sie nach dem Schnitt der Analystenschätzungen um 28 Prozent zulegen. Das kann man ganz einfach vergessen, besonders die illusorischen Schätzungen für den Hochtechnologiesektor. Im besten Fall wird die US-Wirtschaft über die nächsten Jahre verhalten wachsen. Für große Margensteigerungen ist da kein Platz. In Europa sieht die Kluft zwischen geschätzten und realistischen Gewinnsteigerungen nicht viel besser aus als in den USA.
Und nicht zuletzt: Man zahlt jetzt schon das 24fache des geschätzten laufenden Gewinns. Deshalb sollte sich jeder gut anschnallen, der den Ritt auf dem Bullen wagt.
Medion
Wenn sich die Massen morgens um acht bei Aldi um einen von 200.000 PC prügeln, dann ist Medion dran schuld. Medion liefert in jeder Beziehung - auch gute Zahlen. Plus 37 Prozent beim Umsatz, plus 55 Prozent beim operativen Gewinn, dank der Steuerreform plus 72 Prozent beim Nettogewinn.
Ein Ende des Wachstums ist noch nicht in Sicht. Medion hält an seiner - konservativen - Prognose von 25 bis 30 Prozent Umsatzanstieg für 2001 fest. Früher waren es PC; künftig werden es Digitalkameras, Flachbildschirme und UMTS-Handys sein, mit denen Medion die Regale der Händler in preislich unschlagbaren Aktionen füllen wird. Die große Fantasie kommt aus dem Ausland. Bislang scheint es gut zu laufen. Der Auslandsanteil ist um 1,3 Prozentpunkte auf knapp ein Fünftel gestiegen. Der mit Abstand größte Kunde Aldi hat rund 600 Läden in den USA. Medion hat dort bislang ein paar Toaster verkauft; größere Aktionen dürften folgen. Carrefour könnte in fernerer Zukunft den Weg nach Asien und Lateinamerika öffnen. Und selbst im Inland sind die Möglichkeiten noch nicht ganz ausgeschöpft. Früher haben die Fachmärkte gegen Medion-Aktionen im Aldi angekämpft - und verloren. Jetzt beginnen sie, die Essener zu engagieren. Konkurrenten, die mit Medions Präzision solch große Räder drehen können, sind kaum in Sicht. Die österreichische Gericom kommt noch am nächsten ran, hat sich aber auf Notebooks spezialisiert.
Zum Schnäppchenpreis ist dieses Wachstum nicht zu haben. Wenn wir den Analysten folgen und bis 2002 einen Umsatzanstieg von jährlich knapp 29 Prozent unterstellen, muss Medion bei der jetzt erreichten Nettomarge von drei Prozent bis 2007 überdurchschnittlich mit 20 Prozent wachsen. Und dann ist auch noch angenommen, dass die Essener die Hälfte an die Aktionäre ausschütten - und nicht 40 Prozent wie zuletzt. Schaffen es jedoch die Essener, ihre Marge auf 3,5 Prozent zu erhöhen, wäre ein Kursplus von 15 Prozent drin. Das ist ambitioniert, da der Markteintritt im Ausland Geld kostet. Aber es ist auch nicht ganz ausgeschlossen. Im Ausland verdienen die Einzelhändler höhere Margen. Und mit steigendem Volumen sinken die Stückkosten für Medion.