ftd - Das Kapital
Der Kapitalhunger der Banken ist nicht beruhigend
Während einige darin schon den Wendepunkt der Krise sehen wollen, sind Kapitalerhöhungen bei Banken wie Crédit Agricole, die einen Quartalsgewinn ausweisen und die Basel II Anforderungen erfüllen, eher alarmierend.
Das Optimistenbarometer - halb volles versus halb leeres Glas - kann man leicht modifiziert derzeit auch an der Börse anwenden: Die Optimisten sehen die nicht abreißen wollenden Kapitalerhöhungen der Banken als Wendepunkt, während die Pessimisten eine solche zeitliche Koinzidenz bezweifeln. Für beide Sichtweisen gibt es in der jüngeren Historie passende Beispiele. So fielen die Kapitalerhöhungen der großen deutschen Versicherer fast genau in die Tiefphase der Börsen, im Frühjahr 2003. Andererseits markierten die ersten staatsfonds-gesponsorten Kapitalerhöhungen der US-Banken im Herbst 2007 noch nicht den Tiefpunkt der aktuellen Finanzkrise.
Die Gefahr, dass man seinem Naturell entsprechend einem der beiden Lager angehört und somit unter einer selektiven Wahrnehmung leidet, ist in der Finanzkrise höher denn je. So stellte eine Studie der CIA fest, dass die Meinungsbildung in Krisensituationen vor allem über das Bauchgefühl und Vorurteile stattfindet, die dann mit der bewussten Filterung der Informationen bestätigt wird.
Das unterdurchschnittliche Abschneiden der Banken, die eine Kapitalerhöhung angekündigt oder durchgeführt haben, zeugt von keiner Dominanz der Optimisten. Auch Crédit Agricole verlor am Dienstag fast sechs Prozent.
Eine Erklärung dafür könnte sein, dass es schwer nachvollziehbar ist, warum eine Bank, die 0,9 Mrd. Euro Quartalsgewinn einfährt, frisches Kapital braucht. Und die sich zudem - trotz Abschreibungen - im Rahmen der Basel-II-Eigenkapitalanforderungen bewegt, die sie dann nach der Kapitalerhöhung deutlich übererfüllt - ein derzeit oft gesehenes Phänomen. Zweifeln die Banker etwa selber an der Aussagekraft dieses einen Risikomaßes? Dienen die Kapitalspritzen etwa nicht nur der Deckung von Subprime-Löchern, sondern einer umfassenderen Stärkung des Eigenkapitals? Welches scheinbar über die letzten Jahre für die Realität des Bankenwesens zu dünn geworden war, auch wenn Basel II erfüllt wurde?
So weist auch die Citigroup darauf hin, dass Crédit Agricole, misst man das Kernkapital am (um Firmenwerte bereinigten) Gesamtkapital und nicht am risikogewichteten Vermögen, innerhalb der europäischen Banken am drittschlechtesten kapitalisiert ist, damit immerhin noch besser als die Deutsche Bank. Der Kapitalhunger der Banken ist alles andere als beruhigend, sondern zeigt, dass die Bankenchefs mit weiterem Ungemach rechnen.
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