Solche Drecksgeschichten
Während sich die CDU gern auf ihre Gründerväter, auf Adenauer und Erhard, beruft, scheint Stoibers CSU eine Partei ohne Vergangenheit zu sein. Das hat seine Gründe
Josef Müller blickte auf die Flasche. Doch Konrad Adenauer, sein Gastgeber, schenkte nicht nach. Endlich schnappte sich Müller den Wermut selbst und füllte sein Glas, mehrfach. "Herr Müller, wenn Sie die Flasche stört, stellen wir sie auf den Nachbartisch." Der Alte sprach's und tat's.
Die Chemie stimmte einfach nicht zwischen den beiden Gründervätern. Müller, der Vorsitzende der CSU, galt als Sturkopf, als einer, der sich nicht unterordnet. Sie nannten ihn den Ochsensepp, schon in Schülerzeiten, als er auf dem väterlichen Bauernhof mithelfen musste. Geboren 1898 in Steinwiesen bei Kulmbach, machte ihn seine oberfränkische Heimat immun gegen jeden überschäumenden Bayernkult, und trotz seiner ländlich-katholischen Herkunft umgab ihn etwas Weltläufig-Liberales. Freilich galt sein Konzept einer offenen CSU in der Partei als umstritten.
Aber umstritten war so vieles, war eigentlich alles in der CSU der frühen Jahre. Keine andere deutsche Partei hat solch eine chaotische Frühgeschichte. So ist es auch kein Wunder, dass man heute nur zu gern das Mäntelchen des barmherzigen Schweigens darüber deckt und sich bei jeder Gelegenheit als die geschlossenste aller geschlossenen deutschen Parteien (seit dem jähen Ende der SED) präsentiert.
Kryptomarxisten gegen Herrgottswinkelromantiker
Dabei begann das neue, das demokratische Leben auch in Bayern zunächst so, wie überall im Deutschland des Jahres null. In diversen lokalen und regionalen Grüppchen trafen die knorzigen Kämpen der Weimarer Jahre mit Kriegsheimkehrern zusammen, gerade befreite KZ-Häftlinge stießen auf Mitläufer und "innere Emigranten". Die Ersten, die sich in Bayern konstituierten, waren Sozialdemokraten und Kommunisten. Liberale und Konservative taten sich schwer. Auch von ihnen hatte mancher unter dem NS-Regime gelitten, und doch war ein Makel haften geblieben: Theodor Heuss und Reinhold Maier von den Liberalen, Ludwig Kaas und Adam Stegerwald vom Zentrum - sie alle hatten, wenn auch unter Gewissensnöten, im März 1933 für das Ermächtigungsgesetz, für Hitler gestimmt.
Aber Weimar war Geschichte. Just die Konservativen wollten etwas ganz Neues versuchen. Zwar musste es wieder eine christliche Partei werden wie das Zentrum, doch im Gegensatz dazu und zur Bayerischen Volkspartei (BVP) vor 1933 sollte die Neugründung überkonfessionell sein. Ähnliche Ideen kursierten in ganz Deutschland. Immer häufiger fiel der Name "Union" - so nannte sich im 17. Jahrhundert die Vereinigung der protestantischen Reichsstände. Außerdem galt es, das Wort Partei zu vermeiden.
Im Sommer 1945 traf Josef Müller in Rothenburg ob der Tauber auf den damaligen Regierungspräsidenten Adam Stegerwald. Der Würzburger Stegerwald, Franke wie der Ochsensepp, stammte aus der christlichen Gewerkschaftsbewegung. Auch ihm war der enge bayerische Blickwinkel fremd. Er hatte - aus Altbayern alsbald kritisch beäugt - nicht nur eine fränkische, sondern auch eine Berliner Vergangenheit. 1921 war er sogar für kurze Zeit preußischer Ministerpräsident gewesen; später amtierte er als Arbeitsminister im Kabinett Brüning. Die beiden waren sich schnell einig: Christlich-Soziale Union sollte das Kind heißen. Das Wort "demokratisch" im Parteinamen schien Stegerwald zu farblos, "weil sich alle möglichen Gruppierungen, auch die radikalen, demokratisch nennen werden".
Der Ochsensepp dachte an eine Partei mit offenen Türen. Zentrumswähler, Liberale, Deutschnationale, alte Sozialdemokraten - alle sollten willkommen sein. Und auch der reuige Nazi durfte sich Hoffnung machen, Einlass zu finden. Das Konzept war nicht ohne Risiko, schon schmähten es die Gegner als profillos, als "Einheitsbrei". Sie wollten es bayerischer und katholischer, spielten mit Ressentiments gegen Preußen und die Vertriebenen, gegen Überfremdung, sie suchten den Kern der Partei auf dem Land und in den kleinen Städten und wollten an die traditionsreichen Bauernverbände anknüpfen. Mancher mochte sich da schon an das Wort von der "Ordnungszelle Bayern" aus Weimarer Tagen erinnert fühlen, an den damals von rechts außen und der Bayerischen Volkspartei gepflegten Mythos, dass in der Heimat eine heile Welt zu hüten sei, fern der Wirren im Reich, fern des Elends und der Straßenkämpfe, der roten Rabauken und braunen Proleten, ein Almen- und Flurenidyll mit kernigen Bauern und gestreng-gütigen Pfarrern - und einer kraftvollen Staatsmacht. Nun, irgendwann arrangierte sich auch der altbayerische Flügel mit dem Namen CSU. Doch ihm wäre eine zweite Bayerische Volkspartei lieber gewesen.
Es war diese Fraktion innerhalb der neuen Union, die bald schon das Dauerfeuer eröffnete. Vor allem der 1945 von den Amerikanern eingesetzte Ministerpräsident Fritz Schäffer bekämpfte Müller. Doch Müllers schärfster Rivale sollte Alois Hundhammer werden.
Hundhammer, Jahrgang 1900, stammte aus dem oberbayerischen Forstinning östlich von München. Bereits mit 25 Jahren hatte sich der strebsame Jüngling zwei Doktortitel erschrieben. Erzkonservativ, tiefgläubig und bayerisch-partikular gestimmt, engagierte er sich in der katholischen Bauernbewegung und kam 1932 für die BVP in den Landtag. Zwar besaß auch Müller das Parteibuch der BVP - er zählte zum linken Flügel -, aber nach 1933 hatten sich ihre Wege getrennt.
Während Hundhammer, ein entschiedener Nazigegner, gleich verhaftet worden war und sich nach einigen Wochen qualvoller KZ-Haft in eine Schuhmacherwerkstatt auf der Sendlinger Staße in München zurückgezogen hatte, war Müller, als Rechtsanwalt Berater kirchlicher Kreise, erst später mit dem Regime in massiven Konflikt geraten. 1939 einberufen, hatte der Oberleutnant über den Kreis um den Abwehrchef Wilhelm Canaris zum Widerstand gefunden; 1943 war er verhaftet und dann von den Nazis von KZ zu KZ verschleppt worden.
Sosehr die NS-Jahre also beide gezeichnet hatten - in der CSU konnten sie zusammen nicht finden. Während sich die BVP einst zum Hort der Stabilität stilisiert hatte, war die CSU schon seit ihrer landesweiten Konstituierung im Januar 1946 ein verzankter, abenteuerlicher Haufen. Hundhammer avancierte zum Heros aller Preußenfresser. Mit seinem Prinzregent-Luitpold-Bart sah er aus, als hätte ihn ein wunderkräftiger Wurzelgeist unmittelbar aus königlich-bayerischer Zeit in die Nachkriegsära gezaubert. Immer wieder entzündete sich der Streit mit Müller an derselben Frage: Sollte Bayern neben seinem Regierungschef ein eigenes Staatsoberhaupt haben? Ein Staatspräsident, argumentierten die Befürworter, würde die Eigenstaatlichkeit Bayerns betonen. Allerdings wussten alle, welche Frage sich hinter diesem Streit wirklich verbarg: die Königsfrage, die Rückkehr zur Monarchie in Bayern.
Müller sah in der Staatspräsidenten-Idee nur antiquierte Kleinstaaterei. Er gefiel sich in seiner Rolle als Weltdiplomat, ließ seine Beziehungen zum Vatikan spielen, traf sich mit dem Repräsentanten der CDU-Linken Jakob Kaiser zu deutschlandpolitischem Austausch, hielt Kontakt zur sowjetischen Militäradministration und war auch beim Amerikaner gern gesehen: "May I say Oxenjoe?" Er wollte wenn schon kein Global so doch ein National Player sein und spottete über die "Herrgottswinkelromantik" seiner Gegner. Die wiederum entlarvten ihn als "Kryptomarxisten".
In seinem "Ochsenclub", der sich jeden Mittwoch in seiner Wohnung traf, sammelten sich die Jungen (und die Frauen). Hier tauchte bald auch ein Mann auf, der sich binnen anderthalb Jahrzehnten über alle Flügel hinweg nach oben boxen sollte: ein junger Landrat aus Schongau namens Franz Josef Strauß.
Der Stil wurde rauer, das Klima giftiger. Zwar hatte die Partei bei der ersten Landtagswahl im Dezember 1946 mit 52,3 Prozent der Stimmen und 104 von 180 Mandaten ein fabelhaftes Ergebnis erzielt, doch gingen die Intrigen und Kabalen jetzt erst richtig los. Die Flügelkämpfer versuchten sich gegenseitig wegzubeißen. Als Vorsitzender der CSU schien Müller der prädestinierte Regierungschef zu sein. Doch die Sitzung im Landtag am 21. Dezember 1946 erbrachte ein überraschendes Ergebnis.
Frierend saßen die Parlamentarier in ihren Mänteln in der notdürftig geflickten Aula der Münchner Universität; durchs Notdach schneite es herein. Müller wurde für das Amt des Ministerpräsidenten vorgeschlagen - freilich nicht, wie es nahe gelegen hätte, vom Fraktionsvorsitzenden. Denn der hieß Alois Hundhammer und erklärte in die Eisluft des Saales hinein, er könne das nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Hundhammers Stellvertreter musste die Aufgabe übernehmen. Trotz der absoluten CSU-Mehrheit erhielt Müller schließlich nur eine knappe einfache Mehrheit - der Eklat war da.
Hundhammer und seine Freunde hatten indessen ein Komplott geschmiedet. Da es der katholisch-klerikale Flügel kurioserweise recht gut mit den bayerischen SPD-Strategen um Wilhelm Hoegner konnte - denn dieser ließ sich in seinem Bayernchauvinismus von keinem Konservativen übertreffen -, bastelte Hundhammer mit der SPD und der diffus-populistischen Wirtschaftlichen Aufbauvereinigung an einer Koalition. Und so wurde statt Müller der bisher eher unauffällige Hans Ehard, der zwischen den Flügeln stand, zum Ministerpräsidenten gemacht.
Josef Müller, bist du nun zufrieden?
Etliche CSU-Anhänger waren außer sich. Die Partei hatte die absolute Mehrheit erreicht und sollte nun aus internen flügelstrategischen Erwägungen eine Koalitionsregierung bilden! Auch in der SPD gab es Kopfschütteln über das bizarre Bündnis. Aus seiner Zentrale in Hannover wetterte der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher gegen den bayerischen Sonderweg; 1947 drängte er Hoegner zum Austritt aus der Koalition. Ehard bildete eine reine CSU-Regierung. Justizminister wurde Josef Müller, Kultusminister Alois Hundhammer. Immerhin: der Hundhammer-Flügel hatte verhindert, dass der Ochsensepp an die Spitze Bayerns kam.
Und schon ging der Zank weiter - jetzt im Kabinett. Während Hundhammer, wohl nach wie vor beseelt von der alten Idee einer "Ordnungszelle Bayern" für die harte Linie plädierte, versuchte Justizminister Müller, wo immer er konnte, die Todesstrafe abzuwenden (das Grundgesetz war noch nicht in Kraft). Auch in seinem eigenen Ressort, der Schulpolitik, zeigte sich der katholische Ultra unerbittlich und gab den schwarzen Pädagogen. Er führte die Prügelstrafe wieder ein und hielt an der Bekenntnisschule fest. In seinen Erinnerungen schildert Müller, wie sich US-Militärgouverneur Lucius D. Clay einmal bei ihm über Hundhammer beklagte. Er schüre die Stimmung gegen die Amerikaner, da diese sein Engagement für die Bekenntnisschule hintertrieben. "Wenn der so weitermacht", habe Clay gestöhnt, "tausche ich Bayern mit den Russen."
Ein besonders heikles Thema war der Umgang mit alten Nazis. Müller zeigte sich nachgiebig gegen Mitläufer, sofern sie für die Demokratie eintraten. Hundhammer blieb auch in diesem Punkt unerbittlich. "Alle Nazis waren Verbrecher", schleuderte er dem CSU-Chef entgegen, als dieser seine Auffassung zu erläutern versuchte.
Vielleicht ahnte Müller selbst hin und wieder, dass seine Tage gezählt waren. Noch stand er an der Spitze der Partei. Doch schon 1947 hatte die Parole kursiert, der Ochsensepp werde nun bald "geschlachtet". Auch von Rhöndorf her dräuten dunkle Wolken. Adenauer glaubte nicht mehr, mit Müller als Parteivorsitzendem den Dauerstreit in der CSU in den Griff zu bekommen. Auf dem Straubinger CSU-Parteitag 1949 erschien Heinrich von Brentano als Sendbote des CDU-Chefs. Die Zusammenarbeit sei nicht mehr nach Adenauers Wünschen. Bei den Wahlen zum Parteivorsitz erhielt Müller 151 Stimmen, Ehard 396.
Müller sah rückblickend Adenauer als den eigentlichen Drahtzieher seines Sturzes. Der damalige Müller-Intimus August Haußleiter glaubt dagegen beobachtet zu haben, dass der immer wichtiger werdende Strauß gegen seinen eigenen Ziehvater intrigierte. Jedenfalls blieb Strauß auch unter dem neuen Parteivorsitzenden Generalsekretär.
Zwei Jahre später, 1951, geriet Müller, noch immer Justizminister, in die nächste Affäre. In der Hoffnung, damit in der Öffentlichkeit zu punkten, griff er Philipp Auerbach an, den kommissarischen Leiter des bayerischen Landesentschädigungsamtes. In seiner Funktion half Auerbach, der als Jude selbst verfolgt worden war, Naziopfern auf unbürokratische Weise. Er wurde verhaftet und wegen Unterschlagung angeklagt. Von den ursprünglichen Vorwürfen entlastet, verurteilte ihn Bayerns Justiz gleichwohl wegen Bestechung und Untreue zu zweieinhalb Jahren Haft. Auerbach nahm sich das Leben. Seine Beerdigung wurde zu einer Demonstration. "Josef Müller, bist du nun zufrieden?" war auf einem Transparent zu lesen. Schließlich wurde ruchbar, dass Müller selbst vom bayerischen Landesrabbiner Aaron Ohrenstein eine Spende in Höhe von 20 000 Mark erhalten hatte. Ein gefundenes Fressen für Hundhammer. Erneut lief er zu Hochform auf. Müller verlor sein Ministeramt - und verschwand in der Versenkung.
Doch die beiden größten Hoffnungen der Altbayern in der CSU wurden bitterlich enttäuscht: dass nämlich in die Partei, nach dem unrühmlichen politischen Ende ihres Gründers, Ruhe einkehren und dass der Hundhammer-Flügel endlich, endlich die Zügel in die Hand bekommen werde. Denn unglückseligerweise hatten die Amerikaner noch 1948, nach langem Zögern, die Bayernpartei auf Landesebene zugelassen. Die BP vertrat, beim Monarchismus angefangen, alles, was der Hundhammer-Flügel auch wollte - nur noch radikaler (bis auf eine Ausnahme: Die Partei gab sich antiklerikal; das entsprach der Tradition der Bauernverbände).
In der CSU hatte dies helles Entsetzen ausgelöst. Und tatsächlich: Nach dem glänzenden Ergebnis der ersten Wahlen war es schon bei den Kreistagswahlen im April 1948 heftig bergab gegangen; bei der ersten Wahl zum Bundestag 1949 erhielt die CSU bayernweit nur noch 29,2 Prozent, im Jahr darauf bei der zweiten Landtagswahl klägliche 27,4 Prozent. Die Bayernpartei eroberte 17,9 Prozent.
Und während die konservative Konkurrenz immer stärker in den internen Dauerstreit hineinzuwirken begann, sollte es noch schlimmer kommen: 1954 sah sich die CSU unversehens auf den Oppositionsbänken. Eine bis dahin für undenkbar gehaltene Koalition von SPD, BP, FDP und der Vertriebenenpartei BHE übernahm die Macht im Freistaat. Unter der Führung des sozialdemokratischen Erzbajuwaren Hoegner regierte der skurrile Viererbund bis 1957 - zusammengehalten vor allem durch die Gegnerschaft zur (noch immer) stärksten Partei. Die Stimmung in der CSU war auf dem Tiefpunkt.
Es schlug die Stunde der Jungen: Franz Josef Strauß, Friedrich Zimmermann und andere wollten jetzt einen neuen Anfang machen. Sie gaben sich als Pragmatiker, ignorierten die Vergangenheit und alle internen Kämpfe. Während der Auerbach-Affäre fiel der berühmt-berüchtigte Satz von Franz Josef Strauß: "Wir wollen einmal Ruhe haben von diesem Dreck in unserer Partei, dass man entweder im Sog von Hundhammer und Müller oder von Juden in solche Drecksgeschichten gezogen wird."
Dem Aplomb der Jungen hatten die Altvorderen beider Flügel nichts entgegenzusetzen. Müller, dem noch der Münchner CSU-Vorsitz geblieben war, unterlag 1959 bei den OB-Wahlen dem 34-jährigen SPD-Mann Hans-Jochen Vogel. Es war Müllers letzter Kampf für die CSU. 1979 ist er gestorben. Sein alter Widersacher Hundhammer durfte noch bis 1969 im Kabinett von Alfons Goppel als Landwirtschaftsminister amtieren; er starb 1974.
Dubiose Quittungen und falsche Eide
Die Jungen hatten ihre Konsequenzen längst gezogen. Von nun an (1961 übernahm Strauß mit dem Vorsitz endgültig die Macht in der Partei) inszenierte sich die CSU bei jeder Gelegenheit in zuckriger Harmonie und öliger Eintracht. Bayernstolz, aber bundestreu wuchs man vollends in die Rolle der weißblauen Staatspartei. Die Aggressionen wurden jetzt von innen nach außen geleitet: So verfolgte man die Bayernpartei auch dann noch, als diese längst am Boden lag.
Der Jurist Friedrich Zimmermann, seit 1956 Generalsekretär der CSU, trieb es besonders weit. Er wollte der Bayernpartei 1958 unbedingt einen Skandal anhängen: BP-Minister hätten gegen Schmiergeld Konzessionen für Spielbanken erteilt. Als "V-Mann" diente der Kaufmann Karl Freisehner, der Zimmermann belastendes Material anbot, dafür im Gegenzug allerdings nun seinerseits auf Spielbankkonzessionen im Freistaat hoffte. Freisehner zauberte Schmiergeldquittungen ans Tageslicht, die möglicherweise gefälscht waren, letztlich aber zur Verurteilung von zwei ehemaligen Ministern der Bayernpartei wegen Meineids führten.
Kurz darauf leistete Zimmermann einen ebensolchen: Auf den Geschmack gekommen, hatte er bei einem weiteren Spielbankkonzessionär belastendes Material gesucht. Vor Gericht bestritt er aber den Kontakt. Freilich zog er sich weit eleganter als die Bayernparteiler aus der Affäre. Er präsentierte ein ärztliches Attest, das ihm wegen Blutunterzuckerung eine verminderte geistige Leistungsfähigkeit bescheinigte. 1982 wurde er trotz dieser bemerkenswerten Behinderung Bundesinnenminister.
Mit der Spielbankenaffäre endet die wirre Frühgeschichte der CSU. In der Ära Strauß entstand eine Partei mit barocken Machtstrukturen, einer Mischung aus Vor- und Postmodernem, Vor- und Postdemokratischem, präsent nicht nur in Schweinfurt, Lindau, Passau und Sonthofen, sondern auch in Bonn, Berlin und Brüssel, fordernd, selbstbewusst, auf heimischem Platz ungeschlagen und mit einer fröhlich-frommen Neigung, das eigene Interesse mit dem des Staates gleichzusetzen.
Eine Partei, die gerne lautstark bei allen Themen dabei ist und nun, nach Franz Josef Strauß' vergeblichem Anlauf von 1980, zum zweiten Mal versucht, den Kanzler zu stellen. Nur in einem Punkt herrscht eine gewisse Verlegenheit unter den christsozialen Bayern: immer dann, wenn es um die Vergangenheit der eigenen Partei geht, vor allem um die Zeit vor Strauß. Dabei hatten doch auch jene Jahre ihren - zuweilen allerdings etwas herben - Charme.
Die Zeit