Der Ölpreis belastet weniger als erwartet
Der Rohölpreis ist mittlerweile auf dem besorgniserregenden Niveau von über 35 US-Dollar pro Barrel angelangt. Das ist der höchste Stand seit 1990, als der Golfkrieg den Preis nach oben trieb. Das wirkt sich zum einen auf die gesamte Weltwirtschaft aus, weil letztlich alle Waren mehr oder weniger verteuert werden. Doch insbesondere für energieintensiv produzierende Branchen wie Fahrzeugproduktion oder Fluggesellschaften erhöhen sich die Gesamtausgaben fast zwangläufig.
In der Tat ist der Airline-Index der American Stock Exchange (Amex) seit Juli von 178 Dollar auf 148 Punkte gesunken. Der Transportation-Index des Dow Jones ging im gleichen Zeitraum von 2930 auf 2620 Punkte zurück. Nur der Oil-Index läuft verständlicherweise gegen den Trend: Seit Juli verzeichnet er einen Anstieg von 470 auf 540 Punkte.
Jüngstes Beispiel: Der Aluminiumproduzent Alcoa, der heute eine Gewinnwarnung veröffentlichen musste. Die hohen Energiepreise belasteten die Gewinnbilanz, zudem gehe der Absatz zurück. General Motors gibt von 76 Dollar innerhalb von 2 Wochen auf 68 Dollar nach. Bei dem Konkurrenten Ford läuft es nicht besser: Auch abgesehen von der Rückrufaktion wegen fehlerhafter Reifen, der den Kurs von 47 Dollar auf 30 Dollar abstürzen ließ, geht es nun bis auf 25 Dollar herunter. Auch hier wirkt der Ölpreis belastend.
Einige Wirtschaftsexperten geben jedoch Entwarnung. Die hohen Energiepreise seien zwar in der Tat belastend, doch seien die Auswirkungen bei weitem nicht mehr so kritisch wie bei der großen Ölkrise 1973. Nach einer Computerberechnung des Wirtschaftsinstituts Macroeconomic Advisers würde ein dauerhafter Ölpreis von 35 Dollar pro Barrel das Bruttoinlandsprodukt der USA von Ende 1999 bis Ende 2000 um lediglich 0,1 Prozentpunkte schmälern – bei einem erwarteten Anstieg von 4 bis 5 Prozent ein zu vernachlässigender Anteil.
Vor allem der Vergleich zu der Energiekrise der 70-er Jahre wirkt überzogen. „Wir sind jetzt in einer besseren steuerlichen Situation, die Zinsen sind niedrig, die Inflation ist gering, und die Produktivität ist höher“, sagt Greg Jones, Forschungschef bei Finanznachrichten-Dienstleister Briefing.com.
Das Kostenverhältnis lässt sich bei den Preisen für´s Autofahren verdeutlichen. Nach einer Berechnung der Cambridge Energy Research Associates wenden die Amerikaner dafür heute pro Meile 6 Cents auf – 1980 waren es noch 17 Cent.
Bisher hat die Amerikaner der hohe Ölpreis auch noch nicht besonders mitgenommen. „Ich glaube nicht, dass er unser Konsumverhalten bislang verändert hat“, meint Kay Arndorfer von der Verbraucherorganisation Advocay Institute in Washington. Das könnte sich allerdings noch ändern.
„Das Problem der Ölpreiserhöhung sind die eventuellen Auswirkungen auf das Verbrauchervertrauen und die Konsumausgaben“, gibt Wayne Ayers, Chefökonom bei FleetBoston Financial, zu Bedenken. Doch momentan stehen die entsprechenden Wirtschaftsindizes sehr gut da. Umfragen zeigen, dass die Amis weiter von der hervorragenden Aussichten ihrer wirtschaftlichen Situation überzeugt sind.
Das könnte auch die US-Notenbank wieder besänftigen, die jüngst schon wieder davon gesprochen hatte, dass der Ölpreis auch die Inflation anheizen könnte.
Außerdem: So mancher Fachmann geht davon aus, dass die 35-36 Dollar pro Barrel nicht lange Bestand haben werden. Die von der Opec nun beschlossene Produktionserhöhung um 3 Prozent im Oktober könnte ein Anfang dafür sein, dass „wir innerhalb von 6 Monaten wieder auf 20 Dollar runtergehen“, prophezeit Michael Lynch, Energieexperte bei Wefa Energy Services in Massachusetts.
22:28 19.09 Thorsten Sauter
(WO-Board)