Bürger fragen - Gerhard antwortet


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Bürger fragen - Gerhard antwortet

 
07.01.02 13:34
Nichts gegen die ruhige Hand, Herr Bundeskanzler, aber wie soll’s weitergehen?

Um allen Menschen, die die Wahl im September mit Spannung erwarten, das übliche Wie-wollen-Sie-die-Konjunktur-ankurbeln-Interview zu ersparen, hat MAX seine Leser darum gebeten, Ihre ganz persönlichen Fragen an Gerhard Schröder selbst zu stellen.

Lesen Sie, was der Bundeskanzler Arbeitslosen und Alleinerziehenden, Studenten und Bundeswehrsoldaten zu sagen hat.


Die Alleinerziehende
»Ohne Oma geht es gar nicht«


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Anne Syringen, 38, Zahnärztin in Göttingen, mit Johanna, 5, und Philipp, 3
Bis ich meine Kleinen in der Kita hatte, das war ein Drama. Die Wartelisten sind endlos und der Platz ziemlich teuer: knapp 300 Euro für die zwei. Ein gutes Gewissen hat man dabei auch nicht immer. Auf 25 Kinder passen gerade mal zwei Leute auf, manchmal nur einer. Und im Sommer ist die Kita wochenlang geschlossen. Dann muss Oma herhalten — genauso, wenn die Kids mal Fieber haben. Ohne sie ginge es gar nicht. Alleinerziehende sind auch steuerlich schlecht dran. Ich kann nicht mal die Kosten für Kinderbetreuung durch eine Tagesmutter absetzen. Ist das die neue Familienpolitik?

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Gerhard Schröder
Wer Kinder hat, der weiß nur zu gut, dass es Situationen gibt, da geht es ohne die Oma wirklich nicht. Und dann ist man froh, dass es sie gibt. Aber zur Sache: Um die Familien zu fördern und um das Zusammenleben von Eltern und Kindern zu stärken, dafür geben wir im nächsten Jahr insgesamt 50 Milliarden Euro aus. Niemals zuvor ist mehr für Familien getan worden. Und ich sage Ihnen noch etwas: Ich habe gewollt, dass wir Alleinerziehende schon aus sozialen Gründen steuerlich bevorzugen. Das hat uns das Bundesverfassungsgericht leider verboten. Dieses Urteil ist meilenweit entfernt von der Realität der jungen Frauen. Damit es für Alleinerziehende, die berufstätig sind, wenigstens einen Ausgleich gibt, können Sie vom nächsten Jahr an bis zu 1500 Euro Betreuungskosten steuerlich absetzen. Dass dann bei der Kinderbetreuung trotzdem noch etwas geschehen muss, ist offensichtlich. Aber dafür sind Länder und Gemeinden zuständig, denen ich nicht vorschreiben kann, wie sie ihre Mittel verwenden. Da müssen Sie in Ihrer Stadt auch selbst Druck machen.


Der Eishockeyspieler
»Deutsche Talente haben es schwer«


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Steve Blumentritt, 19, bei den Eisbären Juniors, Berlin
Der deutsche Sportlernachwuchs hat ziemlich schlechte Bedingungen. Durch das so genannte Bosman-Urteil können in jeder Profi-Mannschaft unbegrenzt viele Spieler aus dem Ausland spielen. Und beim Eishockey sind die Amis oder Kanadier nun mal häufig besser, bei uns gibt es dafür noch keine Tradition. Aber wie sollen die deutschen Talente besser werden, wenn sie nur Füllmaterial sind?

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Gerhard Schröder
Ich stimme Ihnen sofort zu, wenn Sie sagen, das Bosman-Urteil hat für den Sport weit reichende und nicht nur gute Folgen. Aber ich widerspreche ganz entschieden, wenn Sie unseren talentierten sportlichen Nachwuchs als „Füllmaterial“ bezeichnen. Wenn man sich die Bilanz deutscher Nationalmannschaften der letzten Jahre ansieht, löst das ja in vielen Sportarten nicht gerade Begeisterung aus. Häufig haben junge Profis wohl nicht genug Spielpraxis. Nur liegt das in erster Linie bei den Vereinen und Verbänden, die bisher zu wenig Wert auf Nachwuchsarbeit und Talentförderung gelegt haben. Jedenfalls ist dem Sport sicher nicht dadurch zu helfen, dass die Politik sich überall einmischt. In der Auseinandersetzung mit den Amerikanern und Kanadiern können Sie auch nicht auf meinen Schlagschuss von der blauen Linie hoffen. Da müssen Sie den Puck schon selbst im Netz unterbringen. Mir erscheint der Vorschlag der Sportministerkonferenz der Länder vernünftig: mindestens einen deutschen Nachwuchsspieler pro Spiel in der jeweiligen Spitzenliga einzusetzen. Von mir aus dürften es auch mehr sein.


Der Mediziner
»Soll ich in den USA forschen?«


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MATHIAS STOWSKI, 34, Arzt an der Berliner Uniklinik Charité
Ich bin Mediziner, aber statt Erkenntnisse über die Bekämpfung von Krankheiten zu gewinnen, fülle ich seit neun Monaten Anträge aus, um mit genetisch veränderten Tieren zu arbeiten. Der bürokratische Aufwand ist unglaublich – ganz abgesehen von finanziellen und politischen Problemen und dem Gezänk der deutschen Forscher. In den USA unterschreibt man einen Zettel und bekommt, was man braucht. Wie wollen Sie verhindern, dass noch mehr deutsche Forscher abwandern?

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Gerhard Schröder
Jeder versteht Ihren Ärger über bürokratische Barrieren. Aber sind Sie wirklich sicher, dass jeder, der etwas erforschen will, einfach einen Zettel unterschreiben sollte? An der Diskussion um die Bio- und Gentechnik sehen wir doch, dass vielen Menschen die Vorstellung von einer unkontrollierten Forschung unheimlich ist. Ich denke, man muss diese Sorgen ernst nehmen. Ein transparentes Kontrollverfahren, auch bei Tierversuchen, muss also sein. In einem anderen Punkt haben Sie Recht: Es sind in der Tat zu viele For-scher abgewandert. Wir haben deshalb das Programm „Brain Gain statt Brain Drain“ aufgelegt, um Spitzenforschern hier gute Startbedingungen zu schaffen. Allein dafür stellen wir mehr als 100 Millionen Euro bereit, für Bildung und Forschung mehr als acht Milliarden.


Der Gründer
»Diese Krise quält«


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JENS MÖLLER, 35, Animations-Designer aus Hamburg
Unserem Start-up geht es gelinde gesagt bescheiden: Zurzeit zahlen wir uns keine Gehälter, um irgendwie die Rezession zu überstehen. Wir kämpfen. Die Politik tut ja nichts für uns. Sind wir Holzmann? Sind wir Bayer? Sind wir VW? Nach der Ablösung von Kohl sah alles noch gut aus. Nicht zu fassen: Fischer als Außenminister! Selbst die Sparpläne vom Eisenhans gingen in Ordnung – endlich ein vernünftiger Mensch an der Kasse. Reformen standen an. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, der Staat könnte auf meiner Seite stehen. Gegen diesen innovationsfeindlichen Lobbyismus. Und ich war die neue Mitte: nie Staatsknete kassiert, eigene Firma, Familie – das neue Deutschland. Und jetzt? Alles ist wie immer. In meinem Beruf werden hochqualifizierte Leute mit staatlichen Geldern ausgebildet, und zwar für den US-Markt: Die Absolventen werden uns sofort von der amerikanischen Filmindustrie weggeschnappt. Für kleine Studios wie unseres bleiben keine Fachleute übrig. Wir bilden selbst aus. Und kriegen vom Staat keinen Pfennig dafür. Was die Familie betrifft, da fühlt man sich auch ständig in den Hintern getreten. Die Keimzelle der Gesellschaft? Haha. Kinderlose Paare sind in jeder Beziehung im Vorteil. Womit darf ich denn in Zukunft rechnen?

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Gerhard Schröder
Sie machen einem die Antwort nicht leicht. Denn eigentlich haben Sie ja alles richtig gemacht: ein Unternehmen aufgebaut, Verantwortung übernommen, eine Familie gegründet, Nachwuchs ausgebildet… Natürlich sind die Zeiten für Start-ups schwierig geworden, weil in diesem Bereich durch überzogene Gewinnerwartungen und viel „heiße Luft“ sehr viel Geld „verbrannt“ worden ist. Das lag nun wirklich nicht an der Politik. Bei Ihnen habe ich den Eindruck, dass Sie es packen wollen. Darum bin ich ziemlich sicher, wenn Ihr Produkt in Ordnung ist, dann werden Sie die Schwierigkeiten überstehen. Was die
Innovationsförderung betrifft, da haben wir eine ganze Menge gemacht und gerade steuerlich dafür gesorgt, dass die Bedingungen für Unternehmen wie das Ihre besser werden. Damit sind wir noch nicht am Ende, aber wir machen weiter, darauf können Sie sich verlassen. Noch ein Wort zur Familie: Da hatten wir den Scherbenhaufen einer verfassungswidrigen Familienpolitik zu beseitigen. Vieles ist schon besser geworden, aber wenn ich an Krippen- und Hortplätze denke, da müssen Länder und Gemeinden nachlegen – wenngleich Geld hier auch nicht alles ist. Ein kinderfreundliches Klima muss die Gesellschaft insgesamt schaffen.


Die Studentin
»Ich will endlich mein Examen machen«


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Christina Bergmann, 22, Studentin an der Uni Frankfurt
Ich habe nach fleißigen vier Semestern alle Scheine, kann aber erst in einem Jahr Examen machen. Der Grund: Ich muss noch ein Praktikum machen. Die Stelle habe ich schon, meine Uni erkennt aber nur betreute Praktika an, für die sie allerdings zu wenig Betreuer hat. Also muss ich warten. Manche warten zwei Jahre auf ihre Prüfungstermine. In den Bibliotheken muss man Bücher einen Monat im Voraus reservieren, und an Räumen fehlt es auch. Geht das so weiter?

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Gerhard Schröder
Sie erwarten zu Recht, dass Sie ihr Studium in überschaubarer Zeit und mit guter Betreuung absolvieren können. Ginge es nach mir, wären die Unis, die ja, wie Sie wissen, weitgehend autonom sind, noch eigenständiger und flexibler. Das Gesetz ermöglicht es Ihnen aber, einen früheren Prüfungstermin zu beantragen. Und noch ein Tipp zum Thema Buchausleihe: Im Notfall können Sie Bücher auch über Internet-Dienste bestellen. Subito liefert Bücher zum Beispiel binnen fünf Tagen ins Haus – das kostet allerdings etwa 6,70 Euro und für Selbstabholer aus einer Bibliothek in der Region etwa 3,60 Euro. Das ist sicherlich auch für Studierende schon mal machbar.


Der Polizist
»Mehr Sicherheit - auch für uns«


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Roland Krichel, 32, Landesjugendleiter der Polizeigewerkschaft Berlin
Am 12. September schenkte uns das Land mit großem Trara 13 Millionen Mark. Aber keiner redet davon, dass sie uns kurz vorher gerade 12,9 Millionen aus der Kasse genommen haben. Überstunden fallen nicht erst seit dem 11. September an. Und um unsere Sicherheit steht’s auch nicht zum Besten. Die Arbeit wird mehr, die Kollegen immer weniger. In den vergangenen Jahren ist die Berliner Polizei um 6000 Stellen reduziert worden. Von schuss- und stichfesten Westen träumen die meisten hier nur – und der Sparkurs geht weiter. Dazu kommt: Wer jetzt in Rente geht, bekommt 75 Prozent seines letzten Gehalts. Uns werden 71,5 Prozent bleiben – wenn überhaupt. Geht das so weiter?

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Gerhard Schröder
Dass Polizeibeamtinnen und -beamte keinen leichten Job haben, ist leider nichts Neues. Die Belastungen sind seit dem 11. September noch größer geworden, und das gilt besonders für die Hauptstadt Berlin. Wir versuchen, dieser Situation im Hauptstadtvertrag so gut es geht Rechnung zu tragen; aber die für die Polizei zuständigen Länder können ihre Finanzen eben nicht von heute auf morgen verbessern, auch wenn der Bund im nächsten Jahr nochmals etwa 14 Millionen Euro dazulegt. In einem stimme ich allerdings voll mit Ihnen überein: An der Sicherheit der Kollegen darf nicht gespart werden. Was die Rente angeht, haben wir die Rentenreform auch auf den Öffentlichen Dienst übertragen. Es ist im Interesse der Jüngeren, dass die Rente zukunftssicher ist. Das heißt, es wird auch für Beamte in Zukunft die Möglichkeit einer staatlich geförderten Privatvorsorge geben. Über die Altersversorgung müssen Sie und Ihre Kollegen sich also keine Sorgen machen.


Ein zweiter Arbeitsloser
»Machen sie wahr, was Sie versprochen haben!«


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Thomas Maschen, 35, Netzwerktechniker
Ich habe 60 Bewerbungen aus eigener Initiative losgeschickt, ich spreche regelmäßig mit dem Arbeitsamt und suche im Internet über alle wichtigen Jobbörsen. Sogar bei Zeitarbeitsfirmen habe ich mich beworben. Ergebnis: entweder null Resonanz oder Absagen. Ich habe sogar eine Umschulung zum Systembetreuer und Netzwerktechniker gemacht. Zu Beginn hieß es: Job finden? Kein Problem. Als alleinerziehender Vater war ich heilfroh über diese Perspektive. Und jetzt? Von den 23 Kursteilnehmern hat jetzt einer einen 4-Wochen-Vertrag, ein zweiter ist Schreibkraft bei Osram, die anderen 22 sind arbeitslos. Wann setzen Sie um, was Sie versprochen haben?

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Gerhard Schröder
Schicksale wie das Ihre machen mich regelrecht wütend. Denn offenbar tun Sie ja wirklich alles, um sich zu qualifizieren und einen Job zu bekommen. Und wie Sie aus Ihrem Kurs berichten, sind Sie ja kein Einzelfall; es liegt also nicht an Ihrer persönlichen Bereitschaft oder Befähigung. Es war die Wirtschaft, die immer wieder geklagt hat, dass ihre freien Stellen nicht mit Fachkräften besetzt werden können. Daraufhin haben wir veranlasst, dass die Arbeitsämter ihre Umschulungsmaßnahmen besser am Bedarf der Wirtschaft ausrichten, insbesondere bei den Qualifikationsmaßnahmen für IT-Berufe. Jetzt wäre es an der Wirtschaft, auf unsere inländischen Arbeitskräfte, die wir qualifiziert haben, zurückzugreifen. Nur: Die Regierung kann keinen Betrieb zu Einstellungen zwingen. Sie kann allenfalls die Rahmenbedingungen verbessern. Das haben wir versprochen und das haben wir auch gehalten. Und jetzt werden zusätzlich 3000 neue Arbeitsvermittler tätig, damit die Chancen für qualifizierte Arbeitskräfte - wie auch in Ihrem Fall - deutlich verbessert werden.


Der Freiberufler
»Kein Mensch versteht meine Steuererklärung.«


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Peter Kleffmann, 31, freier Fernsehjournalist in Hamburg
Zum Preis meiner Steuererklärung könnte ich zwei Wochen nach Kuba fliegen. Dieses Jahr wird sie etwa 3000 Mark kosten. Nicht einmal mein Arbeitgeber begreift, was er mir als Gehalt auszahlen und was er dem Finanzamt geben soll. Sollte das nicht alles viel einfacher werden?

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Gerhard Schröder
Die Kosten setzen Sie ja als Betriebsausgaben wieder ab; eine so intensiv erarbeitete Steuererklärung wird Ihnen auch manche Mark sparen helfen, und schließlich müssen Steuerberater auch leben… Nein, ganz im Ernst - mit der Vereinfachung des Steuer-rechts ist das wie mit so vielen Dingen in der Politik: Alle sind im Prinzip dafür, aber wenn es den einzelnen trifft, geht das Geschrei los. Denn einfachere Regeln heißen immer auch mehr Typisierung, mehr Pauschalurteile und damit weniger Einzelfallentscheidungen. Das Steuerrecht folgt nun einmal den immer komplizierter werdenden wirtschaftlichen Lebenssituationen und Arbeitsverhältnissen; europäischer Binnenmarkt und globalisierte Wirtschaft machen die Sache auch nicht gerade leichter.
Die Bundesregierung hat aber seit ihrem Amtsantritt bereits rund 70 konkrete Einzelmaßnahmen zur Bereinigung des Steuerrechts und zur Beseitigung überflüssiger Steuersubventionen beschlossen und umgesetzt. Im Übrigen haben wir die Steuersätze massiv gesenkt. Bei niedrigeren Steuersätzen hat der Einzelne nicht nur mehr Geld in der Tasche, sondern komplizierte Formen der so genannten Steuergestaltungen werden auch wesentlich unattraktiver. Ich bin durchaus dafür, dass die Gesellschaft weiter über Vereinfachungen diskutiert. Allerdings denke ich, wir sollten uns dann zunächst darüber verständigen, wie viel Geld die Bürger für ihren Staat überhaupt aufwenden wollen. Und welche Aufgaben sie notfalls privat finanzieren würden - und zwar so, dass es dabei sozial gerecht zugeht.


Der Mittelständler
»Nicht-Arbeiten wird zu gut bezahlt.«


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Werner Küsters, 60, Chef eines Gartenbaubetriebs in Neuss
Ich suche regelmäßig Landschaftsgärtner - auch übers Arbeitsamt. Wenn die hören, dass wir im Sommer um 6 Uhr 30 anfangen, ist der Job sofort völlig uninteressant. Einer sagte mir auf den Kopf zu, das mache ihm überhaupt keinen Spaß, sich das Leben mit so was zu versauen. Er habe so gute Nebeneinkünfte, dass er mit Arbeitslosengeld prima über die Runden käme. Meine Beschwerde wies das Arbeitsamt zurück. Da stehe ja Aussage gegen Aussage, das werde unheimlich langwierig und schwierig. Ich möge doch meine Beschwerde bitte zurückziehen. Meine Angestellten müssen sich am Stammtisch verhöhnen lassen, weil sie arbeiten. Ich kann nicht erkennen, dass irgendjemand in diesem Land das Problem wirklich bekämpfen will. Die Arbeitslosigkeit wird nur verwaltet. Wir hatten mal ein Bündnis für Arbeit. Wann bekommen wir davon mal was mit?

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Gerhard Schröder
Erst mal zur Klarstellung: Im Schnitt bleiben einem Arbeitslosen etwas mehr als 1400 Mark Arbeitslosengeld im Monat. Arbeitslosenhilfe liegt noch darunter. Wir reden hier also nicht über großartige Einkommen. Aber mich ärgert es natürlich auch, wenn sich Leute vor Arbeit drücken. Das ist bei weitem nicht die Mehrzahl der Arbeitslosen, aber schwarze Schafe gibt es eben überall. Und genauso inakzeptabel ist es, wenn Leute "schwarz" dazuverdienen, ohne dass das Folgen hat. Wir haben jetzt im Gesetz klargestellt, dass Arbeitslosen die Leistung gesperrt wird, wenn sie beispielsweise durch ihr Verhalten im Vorstellungs-gespräch die Arbeitsaufnahme verhindern. Und mit Eingliederungsvereinbarungen zwischen dem Arbeitsuchenden und dem Arbeitsamt wird künftig genau festgelegt, was jeder für Schritte zu unternehmen hat, um in ein Arbeitsverhältnis zu kommen. Es geht uns immer um beides: fördern, aber auch fordern. Genau darüber haben wir uns im Bündnis für Arbeit verständigt. Und weil wir die Schwarzarbeit besser bekämpfen wollen, haben wir einen Gesetzentwurf zur Erleichterung der Bekämpfung von illegaler Beschäftigung und Schwarzarbeit auf den Weg gebracht.


Der Filmemacher
»Lassen Sie Autoren und Regisseure entscheiden!«


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Marco Kreuzpaintner, 24, erfolgreicher Selfmade-Filmemacher aus München
Deutsche Filme und ihre Autoren oder Regisseure sind auf internationalen Festivals nicht mehr vertreten - ganz im Gegensatz zum Gewicht der deutschen Filmwirtschaft am internationalen Markt. Fördermittel fließen in Deutschland immer an Produzenten, die von Fernsehanstalten und Förderungen abhängen. Wenn der Nachwuchs über die Grenzen hinaus Erfolg haben soll, braucht er andere Gesetze. Warum werden Fördermittel nicht wie in Frankreich an die Autoren und Regisseure vergeben, damit die sich mit dem Geld einen Produzenten ihres Vertrauens suchen können? Berufen Sie eine europäische Konferenz der Regisseure und Autoren und ihrer Förderer ein, um die Grundlagen für eine nationale Filmkultur zu schaffen.

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Gerhard Schröder
Die Verbesserung der künstlerischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den deutschen Film ist uns ein ernstes Anliegen. Denn die Ergebnisse, die Sie beklagen, können ja niemanden froh stimmen: Trotz großer Summen, die aus Deutschland in die Filmwirtschaft fließen, sind deutsche Filme nicht einmal im Inland besonders erfolgreich - löbliche Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich selbst habe allein in diesem Jahr bereits zweimal lange und intensive Gespräche mit Produzenten und Regisseuren geführt, um mich aus erster Hand über die Situation zu informieren und mögliche Maßnahmen zu erörtern.

Bereits 1999 haben wir das "Bündnis für den Film" ins Leben gerufen, in dem sich Repräsentanten der gesamten Filmbranche gemeinsam mit der Bundesregierung um die Zukunft des deutschen Films bemühen. Im Bündnis ist auch die von Ihnen angesprochene Frage, ob künftig verstärkt Fördermittel nicht nur an Produzenten, sondern auch an Autoren ausgereicht werden sollen, erörtert worden.

Sie können sich allerdings vorstellen, dass dazu durchaus unterschiedliche Auffassungen vertreten werden. Erste Voraussetzung für eine wirkliche Besserung ist also, dass sich alle am und für den Film Engagierten in den wichtigsten Fragen einig sind.

Aber Sie wissen natürlich genauso gut wie ich, dass man Erfolge im Kino nicht am runden Tisch - und auch nicht mit noch so viel Geld - planen kann. Es kommt eben schon darauf an, dass begabte Autoren und Regisseure interessante Stoffe mit guten Schauspielern so verfilmen, dass das Publikum angeregt und unterhalten wird.


Die Soldatin
»Wir riskieren unser Leben für immer weniger Rente.«


Oberleutnant Katja Röder, 35, aus Bonn
Ich bin gerne Soldat, aber manchmal frage ich mich, ob ich in der Privatwirtschaft nicht besser aufgehoben wäre. Da gehen Soldaten monatelang in Krisengebiete, riskieren weitab von der Familie rund um die Uhr ihr Leben und gleichzeitig kürzt der Dienstherr die Rente. Da stimmt doch etwas nicht. Nehmen wir einen jungen Zeitsoldaten, verheiratet mit zwei Kindern. Wenn dem im Auslandseinsatz etwas passiert, sitzt seine Witwe plötzlich mit weniger als dem Sozialhilfesatz da. Das geht so nicht. Auch von der Ausrüstung her können wir Soldaten die vielen Auslands- und Kriegseinsätze kaum noch erfüllen. Ein Großteil der Fahrzeuge ist älter als die meisten Kameraden. Unsere Piloten können nicht einmal die von der Nato geforderten 180 jährlichen Trainingsflugstunden leisten. Wie denn auch, ohne funktionierende Flugzeuge? Ich habe meinem Dienstherrn die Treue versprochen. Aber wann erfüllt der seinen Teil der Abmachung?

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Gerhard Schröder
Ich nehme an, Ihre Frage, ob Sie in einem anderen Beruf "nicht besser aufgehoben" wären, ist wirklich rhetorisch gemeint. Niemand sollte gegen seinen oder ihren Willen Soldat oder Soldatin sein - und selbstverständlich wird auch niemand etwa in Krisengebiete entsandt, der dazu nicht freiwillig bereit ist. Aber es stimmt schon: Die Veränderungen der Weltlage und die gestiegene Verantwortung Deutschlands erfordert auch den verstärkten Einsatz deutscher Soldaten für friedenschaffende oder friedenserhaltende Maßnahmen. Diese Einsätze sind nie ohne Risiko - und wir sind den Soldaten nicht nur zu besonderem Dank verpflichtet, sondern auch zu besonderer Fürsorge.

Was die Ausstattung der Bundeswehr angeht, so sind wir im Rahmen der Bundeswehr-Reform dabei, unsere Verteidigungskräfte umfassend den neuen Anforderungen anzupassen. In diesem Zusammenhang wollen wir übrigens auch den Umfang der jährlichen Flugstunden für Einsatz-Crews auf 180 erhöhen.

Die Frage der sozialen Absicherung der Soldaten und ihrer Angehörigen ist natürlich ein besonders sensibles Thema. Man sollte da tunlichst nicht mit hypothetischen Konstellationen argumentieren. Natürlich muss in Deutschland niemand von "weniger als dem Sozialhilfesatz" leben. Dabei können Sie sich auf die "Treue" des Dienstherren durchaus verlassen. Im Übrigen steht der Staat natürlich auch für Soldaten bereit, die notwendigen Leistungen zur Eigenvorsorge zu bezuschussen.


Die Lehrerin
»Wir schmoren seit zehn Jahren in unserem eigenen Saft.«


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Renate Lauzemis, 52, Leiterin der Sonnen-Grundschule Neukölln
Unsere Schüler kommen fast ausnahmslos aus einem bildungsfeindlichen Milieu, die sind kaum motivierbar und erfahren nicht die geringste Unterstützung aus dem Elternhaus. Wir wären froh über unterschiedliche Voraussetzungen, denn dann könnten die Stärkeren die Schwachen mitziehen. Der Ausländeranteil liegt hier bei 85 Prozent, in einigen Klassen sitzen nur ein bis zwei deutsche Schüler. Der Unterricht ist zäh und kräftezehrend, eine Aufgabe, für die man auch mal seine Freizeit einsetzen muss. Da haben wir aber dann ein Problem mit unseren Überhang-Lehrern aus dem Osten. Eigentlich dürften Lehrer keine Beamte sein. Wir bräuchten eine ganz andere personelle Ausstattung, um das alles aufzufangen. Und bei eigenen Initiativen werden uns dann neue bürokratische Hürden in den Weg gelegt. Generell kommt die frühkindliche Förderung viel zu kurz, das hätte man den Einwanderern schon vor Jahren klar machen müssen. Früher hatte jedes Kind den Anspruch auf einen Kitaplatz, und der kostete 45 Mark im Monat. Heute haben den nur noch berufstätige Eltern. Unsere türkischen Mütter arbeiten aber nicht... Im Übrigen leite ich diese Schule seit zwei Jahren "kommissarisch", das heißt, ohne einen Pfennig dafür zu bekommen. Wie sollen wir so zur Integration dieser Kinder beitragen?

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Gerhard Schröder
Zunächst einmal: Ich weiß, was viele Lehrerinnen und Lehrer, ob nun als Beamte oder Angestellte, tagtäglich an deutschen Schulen leisten, und ich habe große Hochachtung vor ihrer Arbeit. Wie berechtigt Ihre Kritik ist, zeigen auch die Ergebnisse der jüngsten "PISA-Untersuchung" der OECD. Auch mich haben die dort zutage getretenen schulischen Defizite unserer Kinder, gelinde gesagt, erschreckt.

Allerdings wird durch "PISA" auch deutlich, dass Abhilfe auf ganz verschiedenen Ebenen ansetzen muss - von der Integration der Zuwanderer bis zu einer besseren Ausstattung der Schulen. Vor allem müssen wir gesamtgesellschaftlich wieder ein Klima der Neugier erzeugen, das den jungen Menschen Lust auf Wissen und Bildung macht. So etwas lässt sich nicht verordnen, schon gar nicht vom Staat - aber Anreize lassen sich durchaus schaffen.

Ich bin sicher, dass die für das Schulwesen zuständigen Länder jetzt handeln. Ich selbst werde in meiner Partei darauf drängen, dass schnell etwas passiert. Wir brauchen eine bessere Sprach- und allgemeine Integrationsförderung, insbesondere von Kindern ausländischer Herkunft. Wir brauchen pädagogische Ganztagsangebote, um besonders den Kindern zu helfen, die bisher wegen ihrer sozialen Herkunft im deutschen Schulsystem besonders große Probleme hatten. Natürlich werden Erfolge dieser und anderer Maßnahmen nicht von heute auf morgen sichtbar werden, aber wir müssen die Probleme, wie Sie von Ihnen angesprochen werden, in den Griff bekommen. Die gute Ausbildung der Menschen ist der einzige Weg in eine auch wirtschaftlich viel versprechende Zukunft. Mittelmaß können wir uns nicht leisten. Übrigens: In Deutschland hat jedes Kind ab drei Jahren einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz - unabhängig davon, ob die Mutter erwerbstätig ist oder nicht.

Gruß
Happy End
max.de
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Fragen oder Antworten? ;-)

 
08.01.02 17:55
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