Handelsblatt zu diesem Thema mit einigen Aspekten
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EXPRO
Deutsche Werte nach Ansicht von Analysten im Vergleich zur US-Branche überbewertet
Baisse macht auch vor Biotech-Titeln nicht halt
Bisher konnten sie sich der Baisse noch einigermaßen entziehen. Doch in den letzten Tagen gerieten auch die Aktien der deutschen Biotechnologie-Unternehmen stärker unter Druck. Manche Experten sehen darin auch eine Reaktion auf die relative Überbewertung im Vergleich zur US-Branche.
SIEGFRIED HOFMANN
HANDELSBLATT, 23.11.2000
FRANKFURT/M. Mit Kursrückgängen zwischen einem Prozent bei Rhein Biotech und 17 Prozent bei der November AG gehörten deutsche Biotech-Unternehmen gestern zu den Vorreitern für den Kursverfall am Neuen Markt. Die Branche kann sich der allgemeinen Unsicherheit damit nicht mehr entziehen. In der längerfristigen Betrachtung schneidet sie indes immer noch deutlich besser ab als der Gesamtmarkt. So hat der Neue Markt-Biotech-Index gegenüber seinem Spitzenwert von Mitte März inzwischen zwar die Hälfte eingebüßt, er liegt gegenüber Jahresbeginn aber immer noch mit knapp 50 % im Plus. Und auf Jahresbasis können sich Biotech-Investoren am Neuen Markt noch über fast 80 % Kursgewinn freuen.
Vor diesem Hintergrund bleibt es schwierig zu beurteilen, ob die jüngsten Kursverluste den allgemeinen Turbulenzen anzulasten sind, oder einer branchenspezifischen Neubewertung. Für eine Sonderbewegung bei Biotech spricht vor allem die Tatsache, dass der Sektor am Neuen Markt aus Sicht vieler Experten relativ höher bewertet ist als vergleichbare Biotechwerte in Großbritannien und den USA. „Es besteht bei einigen Unternehmen eine Bewertungsdiskrepanz zum Ausland“, räumt zum Beispiel Christiane Dienhart von der Hypovereinsbank ein.
Als Kapitalmarkt- und Finanz-Experten auf der Tagung Bio Europe 2000 in Berlin vor wenigen Tagen die deutsche Biotechnologie-Branche diskutierten, war vor allem aus den Stimmen von Fondsmanagern und Vertretern der Venture-Capital-Firmen Unbehagen über eine vergleichsweise hohe Bewertung deutscher Biotech-Werte herauszuhören. „Wir könnten kanadische Unternehmen für 100 Mill. $ kaufen, die am Neuen Markt eine Milliarde wert sind“, beschrieb Asset-Manager Kevin Devine von Value Management Research die Situation.
Indiz für das bisher ausgesprochen attraktive Preisniveau ist nicht zuletzt der verstärkte Drang ausländischer Biotech- und Pharmaunternehmen an den Neuen Markt (NM), darunter die Firmen Macropore, Genmab und Eurofins. Tatsächlich hat sich der NM-Biotech-Index seit Ende 1999 spürbar besser entwickelt und gehalten als das Biotech-Barometer der Nasdaq (siehe Grafik). Erst mit der Baisse in den vergangenen drei Wochen begann dieser Vorsprung zu schrumpfen. Dass damit auch hierzulande das Klima für Bio- und Medizintechnik -Emission rauer geworden ist, zeigen unter anderem der misslungene Börsenauftritt des Laser-Spezialisten Biolitec und die gestern bekannt gegeben Absage für den Börsengang von Royalty Pharma.
Ob sich die deutschen Biotechwerte damit endgültig in den globalen Branchentrend einordnen, bleibt indessen abzuwarten. Zu den Sonderfaktoren, die dem Markt künftig wieder überproportionalen Auftrieb geben könnten, gehört die allgemeine Biotech-Begeisterung und ein hoher Mittelzufluss in entsprechende Fonds. Relativ dazu besteht aus Analystensicht weiterhin eine gewisse Knappheit an Biotech-Titeln.
Als indirekten Vorteil der deutschen Biotech-Werte betrachten Branchenexperten paradoxerweise auch die Tatsache, dass sich die Unternehmen überwiegend noch in einem relativ frühen Entwicklungsstadium befinden. Sie konnten damit bisher noch gar nicht in die Verlegenheit geraten, große Enttäuschungen zu produzieren, wie sie etwa bei gescheiterten klinischen Versuchen auftreten. „Der Markt wurde noch gar nicht richtig getestet“, warnt Ansbert Gaedicke von der Venture-Capital-Gruppe MPM. Allerdings räumen selbst Skeptiker ein, dass der Feuertest für die Branche - die erfolgreiche Entwicklung neuer Medikamente - mittelfristig auch positive Überraschungen hervorbringen kann.