Jetzt stellen sich für mich nach Abschluss meiner Analyse aber die folgenden Fragen, die ich schon teilweise selbst beantworten möchte. Hier wären aber natürlich auch andere Sichtweisen interessant. 1. Warum erfolgt die Arife Ausgründung erst jetzt und nicht schon früher? 2. Wie wahrscheinlich ist es überhaupt nach Modernas Erfolg, dass Roche diesen Vertrag auslaufen lässt? 3. Selbst im Best Case - Arife legt direkt Anfang 2027 mit der 2. Generation von individualisierten mRNA-Impfstoffen los und Roche kündigt den Vertrag mit BioNtech 2028 auf, hat BioNTech überhaupt noch eine Chance zu Modernas Vorsprung aufzuschließen?
Zunächst zu Punkt 1:
Dass Uğur Şahin und Özlem Türeci diesen Schritt erst im Jahr 2026 vollziehen, liegt schlicht daran, dass die juristischen, technologischen und operativen Voraussetzungen vorher nicht gegeben waren. Der wichtigste rechtliche Faktor ist die zehnjährige Wettbewerbssperre in Abschnitt 9.7 des Genentech-Vertrags. Da das Abkommen nach der behördlichen Freigabe im vierten Quartal 2016 wirksam wurde, endet die dort fixierte Frist von zehn Jahren exakt zum Jahreswechsel 2026/2027.
Während dieser aktiven Laufzeit war BioNTech jede direkte oder indirekte Tätigkeit im Bereich der Neoepitop-RNA – ausdrücklich auch die Zusammenarbeit mit Dritten – strikt untersagt. Eine Ausgründung unter Beteiligung von BioNTech hätte Roche vor Ablauf dieser Frist eine sofortige Handhabe für massive Vertragsstrafen oder Unterlassungsklagen geboten. Hinzu kommt das technologische Timing: Um Arife von Beginn an mit unbelastetem geistigen Eigentum und modernen Plattformtechnologien auszustatten, benötigte man das freie Patent- und Know-how-Paket von CureVac. Diese Übernahme wurde jedoch erst im Laufe des Jahres 2025 verhandelt und formal zum Jahreswechsel 2025/2026 abgeschlossen. Zudem mussten die Gründer die Daten der eigenen Erstgenerationsstudien abwarten. Zwischen 2024 und Sommer 2026 trafen nacheinander die ernüchternden Ergebnisse zu BNT111 beim Melanom, das verfehlte progressionsfreie Überleben bei BNT122 im metastasierten Melanom sowie bei BNT113 im Kopf-Hals-Bereich und schließlich der DSMB-Stopp bei Darmkrebs ein. Eine Ausgründung der mRNA-Sparte mitten in dieser Studienphase hätte am Kapitalmarkt wie eine Kapitulation vor den laufenden Programmen gewirkt. Zudem brauchte BioNTech zuerst ein tragfähiges, neues operatives Fundament, bevor die Gründer die operative Führung abgeben konnten. Dieses Fundament steht erst seit der Biotheus-Übernahme, dem weltweiten Milliardendeal mit Bristol Myers Squibb für Pumitamig und dem planmäßigen Hochfahren von 15 Phase-3-Studien im Bereich der bispezifischen Antikörper und Antikörper-Wirkstoff-Konjugate. Parallel dazu meldete Moderna beim Melanom Phase-3-Erfolge und zeigte auf dem ESMO 2026, dass ein 34-Neoantigen-Design selbst beim Bauchspeicheldrüsenkrebs bei allen Patienten anschlägt. Dies gab den Gründern die wissenschaftliche Gewissheit, dass nicht das Wirkprinzip falsch war, sondern lediglich das Behandlungsstadium und das Korsett des alten Roche-Vertrags.
Bezüglich der zweiten Frage, wie wahrscheinlich eine Vertragsbeendigung durch Roche nach den Erfolgen von Moderna ist, muss man die Zeitachse vor und nach Anfang 2028 trennen. Bis zum Vorliegen der Phase-2-Daten der Bauchspeicheldrüsenkrebs-Studie IMcode003 Anfang 2028 wird Roche den Vertrag mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht kündigen. Die Rekrutierung und die aufwendige Herstellung der patientenindividuellen Dosen sind bereits abgeschlossen und bezahlt. Da Modernas jüngste ESMO-Daten belegen, dass eine adjuvante mRNA-Therapie beim operierten Pankreaskarzinom nach 17 Monaten mehr als die Hälfte der Patienten rückfallfrei hält, wird Roche dieses bereits bezahlte Entwicklungsticket nicht kurz vor der Auswertung entwerten. Ab 2028 sieht die Lage jedoch völlig anders aus: Dass Roche den Vertrag danach verlängert oder gar neue gemeinsame Studien aufsetzt, ist äußerst unwahrscheinlich. Zwischen 2028 und 2030 verliert Roches eigener Antikörper Tecentriq seinen Patentschutz. Eine neu aufgesetzte Phase-3-Zulassungsstudie würde frühestens in den 2030er-Jahren ausgewertet – zu einem Zeitpunkt, an dem Tecentriq längst durch billige Biosimilars verdrängt worden ist. Für das Einzelmedikament BNT122, dessen Gewinne hälftig an BioNTech fließen müssten, rechnet sich dieser Aufwand für die Basler nicht mehr. Zudem hat Roche unter Konzernchef Thomas Schinecker sein Portfolio spürbar bereinigt und Ressourcen in andere Wachstumsfelder umgeleitet. Bezeichnend ist hierbei, dass Roche die Co-Finanzierung der Darmkrebs-Studie von vornherein verweigerte und die adjuvante Blasenkrebs-Studie IMcode004 im März 2026 eingestellt wurde. Erbringt IMcode003 Anfang 2028 keinen statistisch überragenden Durchbruch, wird Roche von seinem freien Kündigungsrecht gemäß Section 14.3.2 Gebrauch machen. Damit fallen alle Lizenzen und Rechte an der Plattform gemäß Section 14.5.1 sofort und vollständig an BioNTech zurück.
Was die dritte Frage nach BioNTechs verbleibenden Marktchancen angeht, lässt sich nicht bestreiten, dass Moderna im klassischen chirurgisch-adjuvanten Nischenmarkt der ersten Generation – namentlich beim Melanom sowie bei Nieren- und Blasenkrebs – vier bis fünf Jahre vorne liegt. Wer daraus jedoch schließt, das gesamte Feld sei für BioNTech verloren, übersieht die Struktur der Onkologiemärkte sowie Modernas erhebliche Abhängigkeiten. Modernas Onkologie-Pipeline konzentriert sich fast ausschließlich auf vier Indikationen und lässt riesige Milliardenmärkte wie Brustkrebs, Magenkrebs, Darmkrebs, Leberkrebs oder das kleinzellige Lungenkarzinom in späten Studienphasen völlig unberührt. Genau in diesen Indikationen baut BioNTech mit Pumitamig und seiner ADC-Flotte derzeit ein dichtes Netz an Phase-2- und Phase-3-Programmen auf. Hinzu kommt die strukturelle Verwundbarkeit von Moderna: Alle Phase-3-Programme des US-amerikanischen Unternehmens hängen von Mercks Blockbuster Keytruda ab, der ab 2028 seinen Patentschutz verliert. Sollte BioNTech in den kommenden zwei Jahren in den laufenden Phase-3-Studien mit BMS nachweisen können, dass Pumitamig durch die zweifache Blockade von PD-L1 und VEGF dem bisherigen Monopolisten Keytruda überlegen ist, würde BioNTech die Kontrolle über den künftigen Standard-Rückgratwirkstoff der Immuntherapie übernehmen. Dies würde ab 2028 den Weg für ein Dreifach-Konzept eröffnen, das Moderna aus eigener Kraft nicht abbilden kann. Während reine mRNA-Impfstoffe im metastasierten Stadium – auf das rund siebzig Prozent des Onkologie-Umsatzes entfallen – regelmäßig an der bestehenden Tumormasse scheitern, können BioNTechs ADCs diese Tumormassen gezielt abräumen. Pumitamig kann die immunologische Barriere aufbrechen und die von Arife entwickelte zweite mRNA-Generation kann schließlich als Erhaltungstherapie gegen Mikrometastasen verabreicht werden. Ergänzt um den FixVac-Kandidaten BNT116 beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom, der als Standardpräparat ohnehin frei von Roche-Bindungen ist und bereits in frühen Stadien klinisch erprobt wird, verliert BioNTech zwar das erste Rennen bei den adjuvanten Frühstadien an Moderna. Für die weitaus größere zweite Welle in den volumenstarken Krebsarten ab 2028 verschafft sich das Unternehmen jedoch die deutlich stärkere strategische Ausgangsposition.