Bessere Rendite dank Hirnschaden


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Bessere Rendite dank Hirnschaden

 
29.07.05 09:09
gefunden heute bei Spiegel-Online:

Bessere Rendite dank Hirnschaden

Von Marc Pitzke, New York

Eine US-Studie zeigt: Gefühlskalte, emotionsgestörte Menschen sind vom Naturell her bessere Börsianer. Bei ihren Investments lassen sie sich nicht von Angst und Zweifel beeinflussen.


New York - Henry Blodget hält nicht viel vom normalen Börsianer. "Menschen sind dazu programmiert, dumme Investment-Fehler zu machen", glaubt der einstige Wall-Street-Star, der selbst beim Crash von 2001 abstürzte, von der Bildfläche verschwand und jetzt als Gelegenheitskolumnist wieder aufgetaucht ist.

"Wir sind programmiert, nicht von Fehlern zu lernen, sondern sie dauernd zu wiederholen. Wir sind die geborenen Idioten", verkündet Blodget und leistet damit seinerseits einen Beitrag zum Verstehen des Börsengeschehens. Schon viele Experten haben sich wie er den Kopf zerbrochen, um den mysteriösesten Akteur am Markt zu verstehen: den Anleger. Viele haben versucht herauszufinden, warum und wie dieser seine Investment-Entscheidungen trifft - oder auch nicht. Eine ganze Wissenschaft widmet sich dieser Frage: Behavioral Finance, eine Art verhaltenspsychologischer Ansatz zu den Unberechenbarkeiten des Börsenlebens.

Ein Forscherteam der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, der Stanford Graduate School of Business und der University of Iowa hat diese Disziplin jetzt um eine weitere Theorie bereichert. Die Wissenschaftler wollen in einer Studie ein weiteres Teilchen des Psycho-Puzzles identifiziert haben: Verhaltensgestörte, gefühlskalte Leute seien bessere Investoren.

Simuliertes Börsenroulette

Die fünf Wissenschaftler - ein Marketingprofessor, ein Wirtschaftspsychologe und drei Neurologen - knöpften sich 15 klinisch gehirngeschädigte Freiwillige vor. Die Testpersonen hatten zwar normale Intelligenzquotienten, litten aber an spezifischen Hirnverletzungen im für Gefühle zuständigen Teil des Gehirns, meist als Folge eines Schlaganfalls. Sie hatten einen niedrigen EQ (emotionalen Intelligenzquotienten). Sprich: Sie kannten keine Gefühle wie Angst oder Reue. Oder, so die Studie: "Ihre emotionalen Schaltkreise waren fehlerhaft."

Um das Börsenroulette zu simulieren, dachten sich die Forscher nun ein simples Investment-Spiel aus. Die "emotionslosen" Testanleger sowie eine Kontrollgruppe aus "normalen" Investoren bekamen je 20 Dollar Spielgeld. In jeder Runde standen sie dann vor der Wahl, einen Dollar zu setzen oder ihn zu behalten. Ein einfacher Münzwurf entschied über das Schicksal der Investition: Kopf verlor, Zahl gewann. Wer verlor, musste den Dollar abtreten. Wer gewann, durfte ihn behalten und bekam zusätzlich 2,50 Dollar ausgezahlt.

Blanke, gefühlslose Logik legt dabei nahe, bei jeder Runde blind einen Dollar einzusetzen. Schließlich ist der potentielle Gewinn rein rechnerisch zweieinhalb mal so hoch wie der Verlust: "Die Wahrscheinlichkeit, einen niedrigeren Umsatz zu erzielen, ist rund 13 Prozent niedriger, als wenn man die 20 Dollar ganz einfach behält", heißt es in der Untersuchung, die in der US-Fachzeitschrift "Psychological Science" veröffentlicht wurde.

Das Ergebnis des Wettanlegens bestätigte diese Einschätzung. Nach 20 Runden zogen die Forscher Bilanz. Das Ergebnis: Die Zielgruppe der emotional beeinträchtigten "Investoren" riskierte bei 84 Prozent aller Runden einen Einsatz und gewann damit am Ende im Schnitt 25,70 Dollar. Die "normale" Kontrollgruppe dagegen investierte nur in rund jeder zweiten Runde - und musste sich mit 22,80 Dollar zufrieden geben, weniger also als ihre Gegner, die nicht von stiller Angst oder Zweifeln geplagt waren. Auch im Detail zeigte sich eine höhere Risikobereitschaft der "Gefühlskalten": Verloren sie eine Runde, investierten sie zu 85 Prozent gleich wieder. Die anderen wagten das nur zu 41 Prozent.

Mit anderen Worten: Wer naturgemäß keine Angst hat - oder, in diesem Falle, haben kann - ist ein besserer Investor. Wenn "normale", mit regulären Gefühlen lebende Anleger Geld verlieren oder auch gewinnen, so schreibt das Team, nähmen sie automatische "eine konservative Strategie an und werden zurückhaltend". Die der Fähigkeit zum Fühlen, Fürchten und Zweifeln Beraubten hätten derlei Hemmschwellen nicht. Man könne das "die dunkle Seite" der Entschlussfähigkeit nennen.

Emotionale Defizite

Der Neurologe Antoine Bechara, einer der an der Studie beteiligten Professoren, zieht noch einen weiteren, gewagteren Rückschluss: Auf Dauer erfolgreiche Investoren - wie der US-Milliardär Warren Buffet - hätten sich das besagte emotionale Defizit womöglich nachträglich antrainiert. Sie wüssten, wie sie die lästigen Gefühlsschwellen einfach ignorierten. "Es ist gut möglich, dass Menschen, die hohe Risiken eingehen, eine Art funktionelle Persönlichkeitsstörung besitzen", sagte er dem "Wall Street Journal". "Gute Investoren können lernen, ihre Emotionen zu kontrollieren." Kurzum: Sie schalten einfach die dafür zuständige Ecke ihres Gehirns ab.

Das alles ist natürlich Theorie. Angst und Gier sind bekanntlich immer schon treibende Kräfte der Börse gewesen. Und "vernüftige Angst" agiert auch im Leben jenseits der Wall Street oft als Schutzfaktor vor Gefahren und Risiken - ein uraltes "Überlebenskonzept", wie die Autoren einräumen.

Das Fehlen jeder Angst sei deshalb kein durchweg positiver Faktor, auch bei Finanzfragen nicht. So hätten die meisten der gefühlslosen, angstfreien Versuchspersonen trotz besserer Wett-Chancen im Privatleben finanzielle Schwierigkeiten: Drei Viertel seien mindestens schon einmal Pleite gegangen.

Nachbemerkung, A. L.:
Hatte nicht auch Altmeister Kostolany geschrieben, dass eine guter Spekulant mindestens einmal Pleite gegangen sein muss? Er selber hatte ja mit Aktien nicht so großen Erfolg (sein bester Deal war der Kauf russischer Anleihen aus der Zaren-Zeit). Vielleicht war der Gute zu emotional, wie seine "gefühlvollen" Bücher ja auch letztlich zeigen.
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