Armes reiches Japan wartet auf Reformen


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sir charles:

Armes reiches Japan wartet auf Reformen

 
02.04.02 14:04
Armes reiches Japan wartet auf Reformen
Es gibt erstmals Zeichen einer Stabilisierung der japanischen Wirtschaft, aber noch keinen Aufschwung



  Tokio - In einem etwas beliebteren Restaurant muss man schon einmal auf einen Tisch warten, in den Kaufhäusern drängen sich die Kunden vor Waren, die sich ein Europäer - trotz der lang anhaltenden Deflation in Japan - immer noch kaum leisten kann, auf Baustellen wird fleißig gearbeitet, und U-Bahnen und Züge sind weiter lebensgefährlich voll gestopft mit Pendlern auf dem Weg von und zur Arbeit: Japans Rezession ist für den Außenseiter nicht auf den ersten Blick zu erkennen.

Ohnehin überwiegend ein Produkt der westlichen medialen Fantasie sei sie, Japan sei noch immer das reichste Land der Welt, amerikanische Politiker - wie im Februar US-Präsident George Bush - kämen hierher als Bittsteller, und von einer Arbeitslosenrate von 5,3 Prozent können die meisten Industriegesellschaften nur träumen, sagt der Japan-Korrespondent einer Schweizer Zeitung.


Heftiger Widerspruch

Als ich später einer Japanerin mit dem "reichsten Land der Welt" komme, wird die sonst so Sanftmütige fast heftig: Männer begehen Selbstmord, weil sie ihre Familie nicht mehr ernähren können, Jugendliche können nicht mehr studieren, aber Job fänden sie auch keinen, übrigens auch nicht nach dem Studium, kurz, die Lage sei katastrophal.

Natürlich haben gewissermaßen beide Recht. In den zehn Jahren seit Zerplatzen der Bubble-Economy hat Japan laut Berechnungen fast so viel Volksvermögen verloren wie im Zweiten Weltkrieg, und doch bleibt im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften viel übrig. Am frappierendsten ist der Reichtum, den private Sparer auf ihren - heute beinah unverzinsten - Sparkonten anhäufen, laut einer Berechnung der Bank of Japan 400 Trillionen Yen (3,44 Trillionen Euro). Früher wurden Haushaltsextras aus den Zinsen bestritten, ihre Ersparnisse tasten die Japaner und Japanerinnen jetzt, wo es keine Zinsen gibt, nicht gern an, und schon gar nicht in so unsicheren Zeiten, wo die Einkommen auf das Niveau von 1995 zurückgefallen sind.


Neue Herbstferien

Sie zum Geldausgeben zu bewegen und damit wieder die Wirtschaft anzukurbeln, ist eine der Bemühungen der Regierung Koizumi - mit, neben dem Anwerfen der Gelddruckmaschinen der Bank of Japan, zum Teil von Ökonomen als läppisch bezeichneten Maßnahmen wie Plänen zur Einführung von Herbstferien. Eine Steuerreform gehöre her, meinen viele, und es gebe schlicht zu viele Waren für zu wenige Käufer. Aber die Überproduktion zu drosseln bedeute neue Firmenzusammenbrüche und neue Arbeitslose.

Yukio Noguchi, Direktor des Studienzentrums für Advanced Economic Engineering an der Universität Tokio, macht aus seiner Enttäuschung über den Kurs von Premier Junichiro Koizumi kein Hehl, der die totale Reform versprochen hatte, aber weiterhin erlaubt, dass "Banken und Regierung", nicht aber der Markt die Wirtschaft bestimmen. Japan habe sich an die veränderten Verhältnisse, die zuerst die jungen Industriegesellschaften wie Korea und Taiwan, dann die Asean-Staaten und zuletzt China zu Konkurrenten werden ließen, nicht strukturell angepasst.

Weiter werden aus politischen Gründen für die Pleite bestimmte Unternehmen künstlich am Leben erhalten, wie im Jänner die Supermarktkette Daiei, in die umgerechnet 4,58 Milliarden Euro (vier Milliarden Dollar) gepumpt wurden, gleichzeitig ist das Problem der faulen Kredite ungelöst, die im vergangenen Jahr Dutzende Banken haben krachen lassen. Ab April werden private Einlagen nur mehr bis zehn Millionen Yen (85.000 Euro) vom Staat besichert, das veranlasst wiederum panische Sparer zur Suche nach sicheren Banken - die ihrerseits fragwürdige Bocksprünge vollführen, um ihre Kunden zu halten und neue zu gewinnen.

Zu den schärfsten Koizumi-Kritikern aus der Fachwelt gehört Eisuke Sakakibara, der ehemalige "Mr. Yen", der diesen Titel als Vizefinanzminister Ende der 90er für seine Fähigkeit verliehen bekam, mit dem Yen-Wechselkursen zu spielen. Koizumi bezeichnet er als "Populisten", der über Reform nur rede, aber im Konservativismus stecken bleibe.


Popularitätstief

Aber selbst Koizumi wohlgesonnene Ökonomen, die ihm zugute halten, dass so ein strukturelles Reformvorhaben eben nicht schnell geht, werden nach dem im Februar präsentierten Reformpaket Koizumis für die Wirtschaft langsam nervös. Früher hatte man Zweifel, ob es Koizumi mit den beharrenden Kräften im Lande - und speziell in seiner LDP (Liberaldemokratischen Partei) - aufnehmen kann, heute fragt man sich, ob er es überhaupt will. Seine Umfragewerte sind Anfang der Woche erstmals auf 46 Prozent Zustimmung gefallen.

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